Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0806/60482.html    Veröffentlicht: 18.06.2008 14:20    Kurz-URL: https://glm.io/60482

Spieletest: Metal Gear Solid 4 - schleichender Senior

Packende Story und spannende Missionen sorgen für Spielspaß der Extraklasse

Elitesoldat Solid Snake zieht in Metal Gear Solid 4 wieder in den Krieg und schleicht durch packende Einsätze. Außerdem steht er im Mittelpunkt einer teils irrwitzigen Handlung, die sich um Genetik, Kriegsindustrie, doppelte Identität, Magen-Darm-Erkrankungen, Liebe, Hass, Familienbande, Politik im Nahen Osten, Moral, Hightech und Alterungserscheinungen dreht.

Metal Gear Solid 4 (Playstation 3)
Metal Gear Solid 4 (Playstation 3)
Der strahlende Held - jetzt ist er ein graubärtiger Senior. In den ersten Ausgaben der legendären Reihe Metal Gear Solid trat er noch als muskelbepackter Recke namens Solid Snake an. Im jüngsten Teil "Metal Gear Solid 4: Guns of the Patriots" heißt er schlicht Old Snake und trägt Schnauzer zu grauer Vokuhila-Frisur, gelegentlich stöhnt er über Muskel- und Gelenkschmerzen. Schuld daran ist eine mysteriöse Krankheit, die Snake vorzeitig altern lässt und der er auf absehbare Zeit zum Opfer fallen wird.

Deswegen spielt es auch keine größere Rolle, dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit Zigaretten qualmt, was die Kämpferlunge hergibt - mit dem aktuellen Teil 4 soll die Reihe ihren Abschluss finden. Darin kämpft sich der Spieler in Stealth-Manier durch packend aufgebaute Missionen, weicht in Herzklopfeinsätzen ganzen Hundertschaften von Gegnern aus, erledigt feindliche Wachen auf möglichst leise Art und plant mit Hilfe von High- wie Lowtech-Gadgets das Erreichen der Missionsziele. Wer es krachen lassen will, kann das allerdings auch: Metal Gear Solid 4 lässt sich theoretisch wie ein Actionspiel spielen, in dem Solid die Feinde einfach umlegt. Allerdings wird das Ganze dann mörderisch schwierig und macht keinen Spaß.

Auf den ersten Blick wirkt die Handlung von Metal Gear Solid 4 wie das, was wir aus Hollywood-Actionfilmen kennen. Auf den zweiten entpuppt sich die Story als typisch japanischer Mix aus unfassbar vielen Einzelteilen. Anfangs scheint es um Liquid Snake zu gehen, den bösen Bruder von Old beziehungsweise Solid, der die Welt unterjochen möchte. Gleichzeitig spielen die Gene der Snake-Familie eine mysteriöse Rolle, ebenso wie die Nanoteilchen im Blut quasi aller Beteiligten. Plus diverse Beziehungen und Frauengeschichten aus früheren Teilen der Serie, wobei man die nicht kennen muss, um der Geschichte folgen zu können.

Ein Großteil der Story wird auf mystisch-epische Weise erzählt, verfügt über doppelte Böden und allerlei Brechungen. Und dann gibt es, ebenfalls typisch für den japanischen Stil, auch mal ganz ordinäre Running Gags über einen jungen Soldaten, der sich vor Angst immer wieder in die Hose macht. Immerhin: Die Haupthandlung wird in teils sehr langen, aufwendig animierten und spannenden Zwischensequenzen mit Stil und Anspruch erzählt, die tatsächlich motivieren, sich durch die Missionen zu kämpfen.

Metal Gear Solid 4
Metal Gear Solid 4
Im eigentlichen Einsatz liegt Snake meist im Dreck - je dunkler die Ecke, je staubiger der Untergrund, desto sicherer kann er sein, dass kein Feind über ihn stolpert. Bei den meisten Missionen muss er möglichst unerkannt vom einen Ende des Einsatzgebietes zum anderen gelangen, Umwege für abgesperrte Straßen finden, Scharfschützen oder Schützenpanzern ausweichen, sich durch enge Gassen oder die Kanalisation schleichen. Dabei ist er im Nahen Osten, in Südamerika und an anderen Orte der Welt unterwegs.

Metal Gear Solid 4
Metal Gear Solid 4
Wie sichtbar er jeweils ist, zeigt eine Prozentzahl im oberen rechten Bildschirmecke. Liegt die Zahl nahe bei 100 Prozent, muss ein Wachmann schon auf Snake treten, um ihn zu entdecken, bei niedrigeren Werten riechen die Feinde den Braten schon aus größeren Entfernungen. In den allermeisten Einsätzen ist Schleichen angesagt und Snake als Einzelkämpfer unterwegs, aber zwischendurch ist er auch mal im Team unterwegs und muss sich ohne Versteck etwa den Weg aus einem Haus freikämpfen. Gelegentlich agiert er gemeinsam mit locker verbundenen Milizen, die Feuerschutz bieten oder einen Weg frei räumen, aber sonst wenig mit dem Protagonisten zu tun haben. Nett: Wenn man längere Zeit den Ausgang aus einem etwas verschachtelteren Gebiet nicht findet, hilft der alte Kumpel Octagon mit Sprachausgabe auf die Sprünge.

Metal Gear Solid 4
Metal Gear Solid 4
Ein wichtiges Hilfsmittel ist das neue "Solid Eye", eine Hightech-Augenklappe. Die zeigt im Standardmodus auf einer stets sichtbaren Mini-Übersichtskarte alle Lebewesen in Reichweite an. Snake muss dann nur noch herausfinden, ob es sich dabei um ein Meerschweinchen (die gibt's tatsächlich im Spiel) oder eben um einen Gegner handelt, um den er sich dann entsprechend kümmern kann. Alternativ lässt sich das Gerät in einen Nachtsichtmodus schalten oder als eine Art Fernglas verwenden.

Sein zweites neues Hilfsmittel ist der neue Anzug: Der passt sich wie ein Chamäleon dem Untergrund an, auf dem Snake liegt. Das sorgt zwar bei entsprechenden Texturen auch mal dafür, dass der Held wie ein Designer-Handtäschchen aussieht, tarnt aber zuverlässig. Es gibt nach kurzer Spielzeit kaum ein angenehmeres Geräusch als das leise Pfeifen, mit dem sich die Hightech-Garderobe in brenzligen Situationen an den Boden anpasst und Snake unsichtbarer macht.

Metal Gear Solid 4
Metal Gear Solid 4
Ein weiteres neues Hilfsmittel ist ein kleiner fahrbarer Mini-Roboter. Den kann Snake per Fernsteuerung in Richtung unerkanntes Terrain vorausschicken, um Stellungen von Gegnern auszuspionieren oder eine Wache per Stromschlag schlafen zu legen. Allerdings zieht der putzig animierte Mini-Kompagnon die feindliche Aufmerksamkeit sehr schnell auf sich und löst Alarm aus.

Deutlich wertvoller sind neue Fähigkeiten, die Snake erlernt hat. Mit einem Druck auf die Dreieckstaste kann er sich beispielsweise tot stellen. Darauf fällt nicht jeder misstrauische Wachmann rein, aber gelegentlich rettet es dem Spieler das virtuelle Leben. Außerdem kann sich Snake, wenn er auf dem Boden liegend entdeckt wird, auf den Rücken drehen und Angreifer sofort ins Visier nehmen. Was Snake immer noch nicht kann: etwas höhere Hindernisse selbstständig überwinden. Das geht nur, wenn es in den Levelaufbau passt, an speziellen Stellen mit Hilfe eines eigenen Gamepad-Knopfs, der dann eingeblendet wird.

Metal Gear Solid 4
Metal Gear Solid 4
Die meisten Gegner in Metal Gear Solid 4 sind einfache Soldaten oder Wachmänner, die selbst für einen gealterten Herrn wie Snake kein großes Problem darstellen. Deutlich kniffliger sind einige der späteren Feinde, die teils in klassischen Zwischengegner-Kämpfen antreten. Zu viel möchten wir nicht verraten, aber: Das Spiel bewegt sich teils deutlich weg vom anfangs fast realistischen Szenario hin zu einem Mix aus Fantasy-, Science-Fiction und Superhelden.

Metal Gear Solid 4
Metal Gear Solid 4
Die einfachen Einheiten agieren innerhalb eines überzeugenden KI-Rahmens, gehen bei Kämpfen meist sinnvoll in Deckung und schaffen es, Snake einigermaßen flott zu finden und dann auszuschalten. Interessanter ist es, die Gegner beim Schleichen zu beobachten, wenn sie misstrauisch werden und das Gelände absuchen, oder wenn Alarm ausgelöst wird und größere Trupps ausschwärmen.

Ärgerlich: In den meisten Levels schickt das Programm unbegrenzt Truppennachschub an die Front, die sich zudem an logisch unmöglichen Orten materialisieren. Es kann sogar passieren, dass Snake mit dem Rücken zu einer Sackgasse vermeintlich in Sicherheit liegt, und dann plötzlich ein Feind hinter ihm steht und Alarm auslöst.

Metal Gear Solid 4
Metal Gear Solid 4
Im Spielverlauf füllt sich die Waffenkammer von Snake mit Dutzenden von Schießprügeln, von der AK47 über das M-4 und Scharfschützenwaffen bis hin zur Panzerfaust. Am effektivsten arbeitet er allerdings mit seiner Betäubungspistole, weil er damit seine Gegner still und heimlich ausschaltet - ohne zu töten.

Metal Gear Solid 4
Metal Gear Solid 4
Offiziell unterstützt Metal Gear Solid 4 den 720p-Modus der Playstation 3, in Wahrheit scheint es allerdings intern mit 1.024 mal 768 Pixeln zu laufen. Wie auch immer: Grafisch macht das Programm eine erstklassige Figur. Zwar wirken die Gebiete teils etwas farbarm, aber das passt zum Szenario. Dafür sind viele Details zu sehen, insbesondere an den Figuren, aber auch die Boden- und anderen Texturen wirken aufwendig und sehr abwechslungsreich. Ungewöhnlich: Bei erstmaligem Einlegen der Blu-ray-Disc installiert das Programm gut acht Minuten lang Dateien auf der PS3-Festplatte, beim Wechsel zwischen den Einsatzorten muss der Spieler dennoch zwischen drei und vier Minuten warten, bis es weitergeht.

Metal Gear Solid 4 erscheint exklusiv auf der Playstation 3 und kostet rund 60 Euro. Das Programm erscheint hierzulande mit englischer Sprachausgabe und Untertiteln sowie deutschen Bildschirmtexten, etwa in Menüs. Während die Sprachausgabe erstklassig ist, hat Konami bei den Untertiteln geschlampt. Es gibt immer wieder grammatikalisch holprige Sätze, die den Sinn des Gesprochenen nur unzureichend wiedergeben. Die Multiplayer-Eigenschaften der PS3 unterstützt das Spiel mit einem Onlinemodus, in dem bis zu 16 Spieler in Deathmatch oder Team-Deathmatch antreten dürfen. Das Programm hat von der USK keine Jugendfreigabe erhalten und ist nur für Erwachsene geeignet.

Fazit:
Was für ein Finale! Metal Gear Solid 4 liefert genau das, was diese grandiose, richtungweisende Serie verdient hat. Eine packende Handlung, die viele lose Enden früherer Spiele auflöst und trotzdem auch für Einsteiger jederzeit verständlich ist. Und Missionen, die sich dank neuer Ideen frisch spielen, aber trotzdem die nervenzerfetzende Spannung alter Tage wieder aufleben lassen. Es gibt wenig bessere Spielmomenten als die, wenn Snake durch schwer bewachtes Gebiet endlich dem Missionsziel entgegenkrabbelt. Ein Highlight ist die Grafik: Die PS3 hat schon spektakulärere Effekte gesehen, aber alles ist stimmig und wirkt glaubwürdig.

Wirkliche Schwachpunkte hat das Programm kaum. Die Respawn-Gegner gehören ganz oben auf die Negativliste - keine Ahnung, was sich die Entwickler dabei gedacht haben. Ebenso nervt gelegentlich, dass Speicherpunkte knapp gesät sind. Zwischendurch eine flotte Runde MGS 4 geht nicht, auch wegen der langen Zwischensequenzen ist das Spiel ein abendfüllendes Vergnügen. Abgesehen davon schleicht Snake durch den bislang spannendsten Stealth-Shooter der Konsolenspielegeschichte.

 (ps)


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Links zum Artikel:
Konami (.com): http://www.konami-europe.com
Metal Gear Solid (.com): http://www.metalgearsolid.com

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