Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0806/60248.html    Veröffentlicht: 09.06.2008 12:29    Kurz-URL: https://glm.io/60248

Interview: OpenSolaris kommt unter die GPL

Golem.de im Gespräch mit Ian Murdock von Sun

Einst gründete Ian Murdock das Debian-Projekt - eine Community, die eine komplette Linux-Distribution erstellt. Seit Anfang 2007 ist er bei Sun und brachte dort die erste OpenSolaris-Binärdistribution auf den Weg. Golem.de sprach mit ihm über das Betriebssystem und Lizenzfragen.

Ian Murdock
Ian Murdock
Golem.de: Warum gab es vor Projekt Indiana keine OpenSolaris-Binärdistribution?

Ian Murdock: Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Ein Betriebssystem muss heute Open Source sein, um zu bestehen. Diese Erkenntnis stand zu Beginn hinter OpenSolaris. Wer aus dem Linux-Bereich kommt, erwartet hinter diesem Namen ein Betriebssystem, das er sich herunterladen und einfach installieren kann. OpenSolaris bot das nicht. Um das System in der Open-Source-Community zu verbreiten, musste also eine Binärdistribution her. Und das war meine Aufgabe in meinem ersten Jahr bei Sun.

Golem.de: Warum sollte sich ein Linux-Nutzer OpenSolaris installieren?

Murdock: OpenSolaris basiert auf Solaris. Einer Plattform, die seit Jahrzehnten in Rechenzentren läuft und sehr zuverlässig ist. Darüber hinaus gibt es neue Techniken, die in keinem anderen Betriebssystem enthalten sind. Beispielsweise das Dateisystem ZFS. Dies ist eine Kombination aus einem klassischen Dateisystem und Volume-Management und bietet Funktionen, die es zuvor nur im Storage-Bereich gab. Das Tracing-Framework DTrace ist eine weitere Funktion, die für Entwickler sehr interessant ist.

Es gibt einige Gründe, warum sich Entwickler für OpenSolaris interessieren könnten. Bisher war es nur schwierig, OpenSolaris auszuprobieren. Außerdem war das System für Linux-Anwender ungewohnt. Jetzt haben wir diese Kerntechniken in einem zugänglichen Paket zusammengepackt.

Golem.de: OpenSolaris hat allerdings weniger Treiber als Linux.

Murdock: Das ist wahr. Es gibt weniger Treiber und weniger Pakete als in Linux. Solaris hat eine stabile Treiberschnittstelle. Daher können wir mit Hardwarefirmen zusammenarbeiten. Die können ihre Treiber schreiben und pflegen und sie arbeiten auch in Zukunft mit Solaris. Unter Linux wird versucht, die Treiber in den Kernel zu bekommen. Aufgrund dieses Modells funktioniert neue Hardware in der Regel noch nicht. Wir unterstützen zwar weniger Geräte, die aber qualitativ besser.

Die Paketverwaltung, die wir unter OpenSolaris nutzen, ist noch sehr jung. An dem vergleichbaren Punkt im Debian-Projekt hatten wir noch weniger Pakete als heute in OpenSolaris. Wir sind auf dem richtigen Weg und was bisher funktioniert, läuft sehr gut. Aber es ist definitiv noch einiges zu tun.

Golem.de: Gibt es schon Zusammenarbeit mit Hardwareherstellern?

Murdock: Wir arbeiten sehr eng mit Intel zusammen. Aber auch mit AMD und Nvidia. Im Grunde trifft dies auf alle Hersteller zu, mit denen wir in der Vergangenheit schon in Bezug auf Solaris kooperiert haben. OpenSolaris nutzt dieselben Schnittstellen, was dies sehr einfach macht. Mit wachsender Nutzerzahl wird sich auch einiges an OpenSolaris verbessern.

Golem.de: Sie haben schon von Entwicklern gesprochen. OpenSolaris erinnert teilweise stark an Ubuntu. Welche Nutzergruppe wollen Sie ansprechen?

Murdock: Wir wollen nicht direkt die Desktop-Anwender erreichen, sind aber am Entwickler-Desktop interessiert. Es ist egal, in welcher Sprache jemand programmiert: Letztlich sitzt er vor einem Computer und nutzt ein Betriebssystem. Anwender installieren Solaris, weil es Software für Solaris gibt. Und häufig ist das Entwicklungssystem auch das Zielsystem. Das macht Programmierer interessant.

Golem.de: Erhofft sich Sun auf diesem Gebiet auch Chancen, da neben dem Betriebssystem gleich noch Komponenten wie NetBeans und MySQL aus einer Hand geboten werden?

Murdock: Ja, wir haben ein komplettes Angebot für Entwickler: Für C++-Programmierer gibt es das Sun Studio, wir haben nun MySQL und es gibt Glassfish für serverseitiges Java. Unser gesamter LAMP-Stack unterstützt DTrace. Wir haben viel in NetBeans investiert, das jetzt auch dynamische Skriptsprachen unterstützt. Das Ziel ist, eine Komplettlösung für Programmierer anzubieten. Aber nicht nur mit OpenSolaris als Basis. Schließlich laufen beispielsweise MySQL und NetBeans auch unter Linux und Windows. Das Ziel ist aber natürlich, dass Entwickler auch unser Betriebssystem verwenden.

Golem.de: Wann erscheint eine GPL-Version von OpenSolaris?

Murdock: Angesichts von Solaris' Geschichte ist es nicht so einfach, die Lizenz zu ändern. Wir müssen dafür mehr tun, als nur einen Hebel umzulegen. In Solaris gibt es viele Techniken, die von Dritten lizenziert wurden. Wir haben die CDDL verwendet, da wir somit fast alles von Solaris als Open Source freigeben konnten. Es gibt Teile, die wir nicht geöffnet haben. Und das liegt daran, dass diese nicht unser geistiges Eigentum sind. Durch die CDDL konnten sie aber in Solaris bleiben.

Mit OpenSolaris versuchen wir derzeit, die Linux-Community anzusprechen. Daher beschäftigen wir uns natürlich auch ernsthaft damit, Techniken wie ZFS und DTrace unter einer anderen Lizenz freizugeben, um sie so auf Linux zu bringen. Für Sun wäre das gut. ZFS und DTrace sind jetzt in MacOS X und auch das war eine gute Nachricht für Sun. Denn dadurch werden die Leute vertraut mit unseren Techniken und das wiederum führt zu einer Nachfrage nach unseren Produkten.

Golem.de: Es gibt in der Linux-Gemeinschaft viele, die auf ZFS warten. Das ist eine Sun-Entwicklung. Da müsste es doch einfacher sein, das System auch unter der GPL zu lizenzieren. Bei NetBeans haben Sie das ja schon vorgemacht.

Murdock: Wir beraten noch immer darüber, wie ZFS unter die GPL gestellt werden kann. Unser Softwarechef Rich Green hat kürzlich gesagt, eine GPL-Version von ZFS sei unumgänglich. Es ist also nur eine Frage der Zeit. Eine Frage dabei ist auch, ob wir die GPLv2 oder die GPLv3 nehmen. Aus juristischer Sicht ist die Version 3 eine wesentlich bessere Lizenz. Das würde aber nicht dabei helfen, die Technik in Linux zu bringen, solange der Linux-Kernel seine Lizenz nicht ändert. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass es nicht zu einer Fragmentierung kommt.

Golem.de: Das war auch immer das Argument gegen eine Open-Source-Version von Java. Letztlich ist die dann doch erschienen.

Murdock: Bei Java war es eine andere Situation. Da haben wir den Markennamen und können sagen: Was nicht kompatibel zu unserer Version ist, darf sich nicht Java nennen. Bei ZFS sprechen wir von einem Dateisystem. Da sind Änderungen kritischer. Was, wenn eine Implementierung das On-Disk-Format ändert? Diese Fragen müssen geklärt werden.

Golem.de: Wie sehen Sie Suns Rolle in der Open-Source-Gemeinschaft?

Murdock: Sun spielt eine zentrale Rolle in der Open-Source-Community. Sun hat mehr Code beigesteuert als jede andere Firma in der Open-Source-Gemeinschaft. Projekte wie OpenOffice.org und NetBeans sind Beispiele dafür. Ich bezeichne uns als führenden Open-Source-Anbieter, da wir mehr Geld mit freier Software verdienen als jeder andere Anbieter. Open Source ist der Kern unserer Geschäftsmodells. Jede Software von Sun ist oder wird eines Tages Open Source sein.  (js)


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Links zum Artikel:
Ian Murdock (.com): http://ianmurdock.com/
OpenSolaris.org: http://www.opensolaris.org
Sun: http://www.sun.de
Sun (.com): http://www.sun.com

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