Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0805/60065.html    Veröffentlicht: 30.05.2008 11:10    Kurz-URL: https://glm.io/60065

LinuxTag: Warum Firmen wichtig für Open Source sind

Intels Open-Source-Cheftechniker hält Keynote auf dem LinuxTag 2008

Dirk Hohndel, Intels Linux-Chef, widmete sich auf dem LinuxTag in Berlin dem Verhältnis zwischen Firmen und Open-Source-Projekten. Er räumte mit dem Mythos auf, freie Software werde hauptsächlich von unabhängigen Programmierern in ihrer Freizeit geschrieben und sparte nicht mit Kritik.

Dirk Hohndel
Dirk Hohndel
Dirk Hohndel ist in der Open-Source-Community nicht nur aufgrund seiner Rolle beim Chiphersteller Intel bekannt, die er seit 2001 innehat. Viele kennen ihn noch als Chief Technology Officer (CTO) bei der Suse Linux AG. Zudem war er leitend im XFree86-Projekt tätig.

Beim diesjährigen LinuxTag musste Hohndel seine Grundsatzrede vor einem mäßig gefüllten Raum halten, denn zur selben Zeit sprach Kernel-Entwickler Dave Miller, der das technisch interessierte Publikum anzog. "Wer auch immer das geplant hat, muss mich hassen. Aber ich versuche, es nicht persönlich zu nehmen", kommentierte Hohndel die Situation augenzwinkernd. Er hielt seinen Vortrag ohne Präsentation mit der Begründung, PowerPoint mache dumm und "OpenOffice.org nicht viel schlauer".

Er begann mit einem Rückblick auf das Verhältnis zwischen freien Projekten und Unternehmen. Auf dem ersten Linux-Kongress 1994 in Heidelberg - der Linux-Kernel entstand 1991 - seien noch ausschließlich Programmierer anwesend gewesen. Dies sei eine Zeit gewesen, zu der auch Linux-Schöpfer Linus Torvalds noch freiwillig Vorträge gehalten habe, so Hohndel.

Zwei Jahre später fand der erste LinuxTag an der Universität Kaiserslautern statt. Ebenfalls eine kleine Veranstaltung, die die Community ansprach. Sie stand damit im Kontrast zur LinuxWorld Expo, die erstmals 1999 in den USA veranstaltet wurde und sich klar an Firmen richtete. Auf dem LinuxTag habe man im Anzug deplatziert gewirkt, auf der LinuxWorld war Anzug das Standard-Outfit. Anschließend sei diese Art Messe immer wichtiger geworden, in der Linux-Welt habe es viel Geld gegeben. Linuxcare, die heute nicht mehr existieren, habe beispielsweise auf der LinuxWorld einmal ein Auto verlost. Heute könne man beim LinuxTag maximal einen iPod gewinnen könne, erzählte Hohndel. Für Firmen sei es heute interessanter, auf Messen wie der CeBIT auszustellen, wo sich ein breiteres Publikum ansprechen lässt. Aus diesem Grund schrumpfe die LinuxWorld Expo, es gebe bei weitem nicht mehr so viele Ausgaben der Ausstellung. Doch immer noch unterstützten Unternehmen auch heute Veranstaltungen wie den LinuxTag.

Nach diesem Exkurs kam Hohndel auf die Realität der Open-Source-Gemeinschaft zu sprechen. Viele glaubten immer noch, ein Großteil freier Software werde von 17-jährigen Schülern in der Freizeit geschrieben. Tatsächlich existiere eine solche Bewegung aber nicht mehr. Die meisten Programmierer seien bei Firmen angestellt. Gut 86 Prozent des Linux-Kernel-Quellcodes kommen beispielsweise von hauptberuflichen Programmierern, wie eine Untersuchung der Linux Foundation ergab.

Für Unternehmen sei es sehr attraktiv, Open-Source-Entwickler einzustellen, denn es gebe keinen besseren Leistungsnachweis, als sich anzuschauen, was diese innerhalb eines freien Projektes geschaffen haben. Diesen Hackern, wie sich viele Programmierer aus diesem Bereich selbst bezeichnen, werde dann erlaubt, weiter an Open-Source-Software zu arbeiten. Firmen wie Hohndels Arbeitgeber Intel oder der Linux-Distributor Red Hat stellten darüber hinaus Menschen explizit als Open-Source-Entwickler an.

Ein Traum sei beispielsweise Linus Torvalds' Vertrag mit dessen Arbeitgeber, der Linux Foundation, berichtete Hohndel, der diesen Vertrag mit entworfen hatte. Darin sei festgehalten, wieviel Torvalds verdiene, nicht aber definiert, was er dafür leisten müsse. Intel hingegen setze auf Zeiteinteilung. Ein Programmierer müsse einen gewissen Anteil seiner Arbeitszeit einer vorgeschriebenen Aufgabe widmen und dürfe sich die verbleibende Zeit mit einem freien Projekt seiner Wahl beschäftigen. Die vorgegebene Arbeit liege meist in einem ähnlichen Bereich. Intel hat beispielsweise den X-Window-Programmierer Keith Packard eingestellt, um Linux-Treiber für Intels Grafikchips zu schreiben.

Eine weitere Möglichkeit für Firmen, mit Open-Source-Projekten zusammenarbeiten, sei, sie zu unterstützen. Früher sei dies vor allem geschehen, um sich einen Namen in der Community zu machen. Heute stünde oft ein direktes kommerzielles Interesse hinter einer solchen Aktion. Allerdings unterstütze Google viele Projekte, die nichts mit dem Marktsegment des Suchmaschinenriesen zu tun haben - vor allem im Rahmen des Summer-of-Code-Stipendiums.

Unternehmen könnten aber auch selbst Projekte ins Leben rufen, wie es IBM mit der Entwicklungsplattform Eclipse getan hat. Eclipse ist bei IBM entstanden und wurde dann in eine eigene Stiftung überführt. Heute sei die Plattform komplett unabhängig von ihrem Erfinder. Der Grund, selbst Projekte zu schaffen, liege vor allem darin, die Innovation in einem Softwarebereich voranzutreiben.

Ein Auslöser, sich Open Source zu widmen, könne auch die Absicht sein, Konkurrenten zu ärgern. Es sei offensichtlich, dass SAP sein Datenbanksystem im Jahre 2000 unter der GPL veröffentlicht habe, um dem Konkurrenten Oracle eins auszuwischen. Das heute als MaxDB bekannte Produkt ist seit Anfang 2008 übrigens wieder proprietär.

Einen neuen Markt schaffen, das könne ebenso eine Motivation für freie Software sein. Dabei wandte sich Hohndel dem eigenen Unternehmen und dessen Mobile Internet Devices (MID) zu. Intel hat eine Initiative gestartet, um Linux auf diese mobilen Geräte zu bringen. Da Linux frei ist und so erweitert werden kann, könne Intel potenzielle Kunden fragen, welche Funktionen sie sich von den MIDs wünschten. Ein ähnlicher Ansatz sei Carrier Grade Linux gewesen, um die eigenen Produkte auch im Telekommunikationsmarkt zu verkaufen und durch das freie Betriebssystem die von den Kunden gewünschten Funktionen einfach implementieren zu können.

Google entwickle die freie Handyplattform Android, um eine freie Lösung zu haben, die sich verbreiten wird, und sich dann von Google wiederum für eigene Zwecke einsetzen lasse. Solche Investitionen machten Open Source erst stark, so Hohndel.

Es gebe aber auch Unternehmen, die freie Software als Bedrohung empfinden. Microsoft-Chef Steve Ballmer bezeichnete Linux etwa als Krebs, auch der Kommunismusvorwurf wurde in der Vergangenheit oft laut. "Für alle Nichtamerikaner hier im Raum: Kommunismus ist böse", fügte Hohndel an.

Proprietäre Software stachle dazu an, bessere Programme zu schreiben. Eric S. Raymond habe etwa einst gesagt, er wolle "software that sucks less" schreiben. Hohndel bezeichnete das als wunderbarer Ausspruch, kritisierte diesen Ansatz aber gleich. Denn egal ob man sich OpenOffice.org als Alternative zu Microsoft Office oder Gimp als Alternative zu Photoshop anschaue, es ginge viel zu oft darum, eine freie Variante einer bestehenden Anwendung zu erstellen. Wo bleibe da die Innovation? Wer ständig damit beschäftigt sei, zu kopieren und aufzuholen, werde nie führen.

Mittlerweile sei auch der Ansatz proprietärer Software im Open-Source-Umfeld verbreitet, nämlich so viele Funktionen wie möglich zu integrieren. Doch die Formel: je mehr Funktionen, desto besser, sei falsch. Vielmehr sollten lieber wenige Funktionen aufgenommen werden, die aber gut funktionieren. Er verwies auf den alten Unix-Ansatz, dass es für jede Aufgabe ein Programm gibt, die diese aber richtig erledigt. Als Negativbeispiel führte Hohndel den Firefox-Browser an, der einst als schlanke Alternative zum Mozilla-Browser entstanden sei, sich nun aber immer weiter aufblähe.

Hohndel zeigte auf sein Apple-Notebook: "MacOS X ist ein schreckliches Unix-Betriebssystem. Der Funktionsumfang wurde um 95 Prozent eines normalen Unix reduziert.". Alles was Apple für unnötig erachte, ginge mit MacOS X gar nicht oder nur sehr umständlich - und das sei gut. Denn was Apple vorsehe, funktioniere dafür umso besser, stellte Hohndel fest.

Firmen könnten aber noch eine andere Rolle in der Open-Source-Welt spielen, zum Beispiel, indem sie frei Software verleumdeten. Die beste Werbung für Linux in Deutschland sei Microsofts Anti-Linux-Anzeige mit mutierten Pinguinen gewesen. Diese 2005 geschaltete Anzeige trug die Bildunterschrift "Ein offenes Betriebssystem hat nicht nur Vorteile" und hat nach Hohndels Ansicht bei vielen erst das Interesse an diesem System geweckt, das Microsoft so offensiv angriff.

Microsofts Vorwürfe, Linux verletze Patente der Redmonder, ist nach Hohndels Ansicht außerdem eine große Motivation. Schließlich habe die Community Microsoft daraufhin aufgefordert, Beweise vorzulegen - die aber nicht kamen. Nicht alles sei aber Spaß. FUD ("Fear, Uncertainty and Doubt") sei tatsächlich gefährlich. Dies sehe man daran, wie "diese Unternehmen" Lobby-Arbeit betrieben und dann ihre Entwicklungen bei "sogenannten Standardisierungsorganisationen" durchdrückten, verwies Hohndel ganz offensichtlich auf Microsofts Dateiformat OOXML, ohne den Namen auszusprechen.

In der Regel, so Hohndels Fazit, könnten Unternehmen Open Source also in vieler Hinsicht helfen. Die freie Datenbank MySQL sei zum Beispiel zu mehr als 99 Prozent von bezahlten Entwicklern geschrieben. Ohne Firmen könnte freie Software nur schwer existieren. Richtig sei aber auch, dass nicht jedes Unternehmen mit guten Absichten auf die Community zugehe.

Nach Hohndels Ansicht sollten Open-Source-Programmierer ihr Projekt mehr aus Business-Sicht betrachten und überlegen, welchem Unternehmen sie nutzen könnten. Es gebe viele Projekte, die nur zum Spaß existierten, aber keinen Erfolg hätten. Diese seien eine "technische Form der Masturbation", provozierte Hohndel. Er habe beispielsweise ein Linux-Handy von Motorola, dessen Betriebssystem recht eingeschränkt sei, da Motorola offensichtlich nicht alle Prinzipien freier Software verinnerlicht habe. Das OpenEZX-Projekt, das ein komplett freies System für diese Telefone schaffen will, sei jedoch sinnlos. OpenEZX arbeitet seit 2005 und könne nun zwar einen aktuellen Linux-Kernel auf dem Gerät starten - jedoch die Telefonfunktionen noch immer nicht nutzen.

Projekte bräuchten konkrete Ziele, an denen sie arbeiteten. Denn erfolgreiche Projekte mit Zielen zögen auch mehr Entwickler an, und könnten so die Ziele besser verwirklichen. Projekte ohne Erfolg bezeichnete Hohndel hingegen als "Energieverschwendung".

Allerdings müsse man nicht immer die endgültigen, großen Ziele erreichen. Oft reiche es, sich Gedanken zu machen, wie eine bestimmte Version der eigenen Software einem Unternehmen nützen könne und wie eine Firma dazu gebracht werden könnte, das Projekt zu unterstützen. Oft reiche es schon, die Wirtschaftsnachrichten zu lesen, denn viele Unternehmen schrieben Geld aus - wie Intel bei den MIDs, aber auch Google mit seinem Summer of Code.

Hohndel bezog sich zum Schluss auf das traditionelle Motto des LinuxTags "where .com meets .org" und folgerte: Firmen spielen nicht nur eine wichtige Rolle in der Open-Source-Community, sondern sie sind auch wichtig für deren Erfolg. Die Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien könne allerdings noch verbessert werden.  (js)


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