Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0805/59377.html    Veröffentlicht: 01.05.2008 09:58    Kurz-URL: https://glm.io/59377

15 Jahre WWW: Die Browserkriege

Der erste Browserkrieg zwingt Netscape in die Knie

Schwerpunkt-Report Teil 2: 15 Jahre World Wide Web. Der erste Browserkrieg begann, als Microsoft Mitte der 90er Jahre eigentlich viel zu spät erkannte, dass das World Wide Web ein wichtiger Markt werden wird und als Reaktion darauf den Internet Explorer veröffentlichte. Damit wollte Microsoft Netscape Marktanteile abnehmen, die zu diesem Zeitpunkt mit dem Netscape Navigator einen Marktanteil von um die 90 Prozent im Browsermarkt besaßen.

In den 90er Jahren dominierte Netscape mit dem kostenpflichtigen Netscape Navigator den Browsermarkt. Die Basis des Navigator war der Browser NCSA Mosaic, der als erster Browser auch grafische Elemente in Webseiten darstellen konnte. Weitere Funktionen kamen mit dem Netscape Navigator und später dem Netscape Communicator dazu, so dass diese nun auch Frames, Scriptfunktionen und weitere Multimedia-Elemente innerhalb von Webseiten unterstützten. 1995 erreichte der Netscape-Browser einen Anteil von 80 Prozent im Browsermarkt; Netscape wollte damit die Nachfrage entsprechender Serverprodukte ankurbeln.

Als Microsoft Mitte der 90er Jahre gewahr wurde, welche Bedeutung das World Wide Web einnehmen wird, versuchte der Softwaregigant verlorenes Terrain wettzumachen. Bis dahin spielte das WWW für Microsoft kaum eine Rolle, aber nun befürchtete der Konzern, dass Netscape eine immer stärkere Konkurrenz werden könnte. Microsoft setzte ebenfalls als Basis auf Mosaic und brachte im August 1995 den ersten Internet Explorer auf den Markt, der es funktional allerdings nicht mit dem Netscape-Konkurrenten aufnehmen konnte.

Mit dem Markteintritt des Internet Explorer entflammte der Browserkrieg, in dem vor allem Microsoft versuchte, Netscape Marktanteile abzuluchsen. Während der Netscape-Browser bis Anfang 1998 kostenpflichtig war, verteilte Microsoft den Internet Explorer von Anfang an gratis. Nur Schüler und Studenten durften das Netscape-Produkt ohne Bezahlung verwenden.

Beide Hersteller integrierten zudem Browserstandards in ihren Produkten vor allem anders als beim Konkurrenten, um so Marktanteile zu halten bzw. zu gewinnen. Netscape reagierte zunächst nur zaghaft auf den Angriff von Microsoft und nahm offenbar an, die gegenwärtige Marktmacht von rund 80 Prozent sei nicht angreifbar. Um Netscape möglichst schnell besiegen zu können, koppelte Microsoft den Internet Explorer mit Windows. Seitdem werden Windows-Installationen üblicherweise vorinstalliert mit dem Internet Explorer ausgeliefert.

Das Kalkül von Microsoft ging auf, der Marktanteil vom Internet Explorer nahm rasant zu und Ende der 90er Jahre dominierte Microsofts Browser den Markt, während der Netscape-Browser nur noch auf einen Marktanteil von unter 20 Prozent kam. 2002 lag der Marktanteil vom Internet Explorer sogar bei über 90 Prozent und überflügelte die damalige Marktmacht von Netscape nochmals. Zum Netscape-Todessturz wurde auch, dass der damals sehr dominante Internet-Provider AOL mit Microsoft paktierte und der AOL-Browser die Rendering Engine von Microsoft verwendete. Pikanterweise war es dann ausgerechnet AOL, die Jahre später Netscape aufkauften und die Marke erst kürzlich ganz beerdigten, nachdem die Bedeutung des Browsers immer weiter schwand.

Microsofts Koppelgeschäft führte letztendlich zum US-Kartellprozess gegen das Unternehmen, der weitere Zivilklagen nach sich zog. Microsoft wurde vorgeworfen, die eigene monopolartige Marktmacht im Betriebssystemmarkt zu missbrauchen und auf den Browsermarkt zu übertragen. Microsoft musste zum Teil hohe Strafen zahlen, zahlreiche Auflagen erfüllen und steht seitdem unter gerichtlicher Beobachtung. Auf den Browserkrieg hatten diese Entscheidungen aber keinen Einfluss mehr.

Der erste Browserkrieg war beendet und Microsoft sah die Schlacht als gewonnen an. Nachdem der Internet Explorer 6 im Herbst 2001 erschienen ist, hat sich das Entwickler-Team für den Internet Explorer aufgelöst und trat erst wieder knapp vier Jahre später zusammen, um als Reaktion auf den Erfolg von Firefox wieder eine neue Internet-Explorer-Version auf den Markt zu bringen.

Nachdem der Netscape Communicator nahezu bedeutungslos geworden war, wurde im März 1998 der Quellcode der in Entwicklung befindlichen 5er Version freigegeben. Daraus entstand das Mozilla-Projekt, damit eine Open-Source-Gemeinde einen Browser entwickelt, um dem Internet Explorer Marktanteile abzunehmen. Der Netscape Communicator 5.0 erschien dann aber niemals. Die Software wurde von Grund auf neu entwickelt und daraus entstand der Mozilla-Browser. Dieser konnte dem Internet Explorer aber dann kaum Marktanteile abtrotzen.

Später wurde die Mozilla-Entwicklung aufgeteilt, was unter anderem die Geburtsstunde von Firefox war. Mit dem Erscheinen von Firefox 1.0 im November 2004 begann der zweite Browserkrieg, denn nun kam Bewegung in den Markt. In einem zweiten Anlauf versuchte Mozilla-Projekt, das Web zurückzuerobern.

Der zweite Browserkrieg wurde dann aber weniger aggressiv geführt als dies bei der vorherigen Auseinandersetzung der Fall war. Durch den Erfolg von Firefox büßte Microsoft seine dominante Position im Browsermarkt ein. Schritt für Schritt konnte Firefox den eigenen Marktanteil steigern, der derzeit je nach Region stabil bei ungefähr 30 bis 40 Prozent liegt. Je nach Land ist die Internet-Explorer-Alternative unterschiedlich beliebt.

Pikantes Detail am Rande: Während Netscape den ersten Browserkrieg unter anderem verlor, weil sich das Unternehmen auf dem erzielten Erfolg ausruhte, büßte Microsoft im zweiten Browserkrieg massiv Marktanteile ein, weil auch Redmond so verfuhr und dem Internet Explorer kaum mehr Beachtung schenkte, nachdem Netscape ausgeschaltet war. Erst der stetig steigende Erfolg von Firefox brachte Microsoft dazu, dem Internet Explorer wieder Neuerungen angedeihen zu lassen.

Fortan will Microsoft alle paar Jahre eine neue Hauptversion des Internet Explorer auf den Markt bringen. Allerdings nun nur noch für die Windows-Plattform. Die Mac-Variante des Internet Explorer wurde bereits im Sommer 2003 eingestellt. Andere alternative Browser wie Opera oder Safari hatten seit jeher nur geringen Einfluss auf die Verteilung der Marktanteile im Browsermarkt.

Fortsetzung folgt: Am Freitag, dem 2. Mai 2008, folgt der dritte Teil zu 15 Jahren WWW. Der dritte Teil thematisiert die befördernden sowie bremsenden Faktoren der Browserentwicklung und gibt einen Ausblick auf die Browserzukunft. Der erste Teil vom 30. April 2008 behandelt das WWW selbst sowie die verschiedenen Internetdienste daneben.  (ip)


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