Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0804/59376.html    Veröffentlicht: 30.04.2008 12:22    Kurz-URL: https://glm.io/59376

15 Jahre WWW: Internetdienste im Wandel der Zeit

Gopher, Archie & Co: Das Internet besteht nicht nur aus dem WWW

Schwerpunkt-Report Teil 1: 15 Jahre World Wide Web. Internet wird heute oft fälschlicherweise mit dem World Wide Web gleichgesetzt. Dabei ist das WWW weder der erste noch der einzige Internetdienst. Allerdings sind World Wide Web und E-Mail zweifellos die beiden Dienste, die dem Internet zum Durchbruch verholfen haben. Eine Art nachträglichen Startschuss für das WWW gab es am 30. April 1993, denn an diesem Tag gab das europäische Kernforschungszentrum CERN die libwww für alle frei.

Ein Grund für den Erfolg des World Wide Web (WWW) war die Einfachheit des Systems: Ein einfach zu bedienendes Programm reichte aus, um es zu nutzen. Die Idee des Hypertext, die dabei umgesetzt wurde, bot die Möglichkeit, auf andere Inhalte zu verweisen. Ein großer Vorteil des WWW gegenüber früheren Hypertext-Systemen ist, dass auf Dokumente verwiesen werden kann, ohne dass die Gegenseite etwas dafür tun musste. Verlinken oder in die Webseiten einbinden konnte man nicht nur Texte, sondern auch Software, Grafiken, Töne sowie stehende oder bewegte Bilder.

Entwickelt hat die Oberfläche der britische Informatiker Tim Berners-Lee. Ab 1989 arbeitete er am Genfer Kernforschungszentrum CERN zusammen mit seinem belgischen Kollegen Robert Cailliau daran. Ziel war es, wie er später schrieb, "viele akademische Informationen frei für jeden zugänglich" zu machen. Weihnachten 1990 stand das Grundgerüst: das Hypertext Transfer Protocol (HTTP), die Seitenbeschreibungssprache HTML und die Software für den Server und den Nutzer, der Browser. Am 6. August 1991 stellte Berners-Lee eine Kurzdarstellung über das WWW in der Newsgroup "alt.hypertext" zur Diskussion und am 30. April 1993 erklärte das CERN, dass die WWW-Technologie allen kostenlos zur Verfügung stehe: "Das CERN verzichtet auf alle geistigen Eigentumsrechte an diesem Code, sowohl als Quellcode als auch in binärer Form, und jedermann erhält die Erlaubnis, ihn zu nutzen, zu kopieren, zu verändern und weiterzuverteilen." Der offizielle Startschuss für eine Erfolgsgeschichte.

Die Ankündigung des CERN drängte andere Internetdienste in den Hintergrund. Dazu zählte auch Gopher, ein Dienst, der 1991 an der Universität von Minnesota eingeführt wurde. Entwickelt wurde Gopher vom Gopher Development Team um den Programmierer Mark McCahill. Der Name Gopher, deutsch Taschenratte, soll sich dabei auf den Spitzennamen von Minnesota als "Gopher State" beziehen.

Die Gopher-Entwickler waren es leid, Daten umständlich per File Transfer Protocol (FTP) auszutauschen. McCahill wird übrigens auch zugeschrieben, die Redewendung "im Internet surfen" geprägt zu haben.

Wie das WWW auch, sollte Gopher den Zugang zu digitalen Dokumenten erleichtern. Gopher erstellt dabei automatisch ein Menü eines aufgerufenen Verzeichnisses. Dabei werden Dateien und Unterverzeichnisse unterschiedlich dargestellt.

Ein Jahr nach der Einführung von Gopher wurde an der Universität von Nevada in Reno eine sehr nützliche Anwendung entwickelt: die Suchmaschine Veronica, eine Abkürzung für "Very Easy Rodent-Oriented Net-wide Index to Computer Archives". Veronica durchsuchte Gopher-Server auf der ganzen Welt, allerdings nur nach Schlüsselwörtern im Titel, nicht im Dokument.

Etwa bis Mitte der 90er Jahre etablierte sich Gopher als Standarddienst, um Dokumente im Internet bereitzustellen oder danach zu suchen. Viele Organisationen, Universitäten oder Regierungsstellen unterhielten Gopher-Server. Allerdings hatte Gopher gegenüber dem WWW einige entscheidende Nachteile. So bot Gopher beispielsweise weniger Gestaltungsmöglichkeiten auf den Seiten als HTML. Dazu kam, dass zwei Jahre nach der Einführung, am 19. März 1993, das Gopher Development Team verkündete, für die kommerzielle Nutzung des Dienstes Lizenzgebühren zu verlangen. Die Ankündigung des CERN, auf die Rechte am WWW zu verzichten, war dann auch eine Reaktion auf Sorgen, die WWW-Entwickler könnten dem Gopher-Vorbild folgen.

Immerhin vereinfachte Gopher den Austausch von Dateien schon deutlich gegenüber dem Vorgänger, dem File Transfer Protocol (FTP). Das 1985 spezifizierte Protokoll ermöglicht es, Dateien von einem Server herunter- oder auf ihn hochzuladen. Dazu musste sich der Nutzer zunächst auf dem anderen Rechner einloggen. Dann konnte er dort die Verzeichnisse nach der gewünschten Datei durchstöbern. Navigiert wurde mit Befehlen, die in die Kommandozeile eingegeben wurden.

1990 programmierten Peter Deutsch, Alan Emtage und Bill Heelan, alle drei Studenten an der McGill University in Montreal, Archie, ein Programm, das FTP-Archive, die einen anonymen Zugang gewährten, indizierte und so ermöglichte, nach Dateien zu suchen. Gesucht werden konnte jedoch nur nach dem Namen einer Datei oder eines Verzeichnisses, der damals auf acht Zeichen beschränkt war. Das bedeutete, der Nutzer musste schon eine rechte genaue Vorstellung davon haben, wonach er suchte. Eine Suche aufs Geratewohl, wie sie moderne Internetsuchmaschinen anbieten, ermöglichte Archie nicht.

Ein weiterer bekannter und auch heute noch genutzter Dienst ist das Usenet, ein Netz aus Diskussionsforen, in denen Nutzer sich über die unterschiedlichsten Themen austauschen - von Verschwörungstheorien über Kochfragen bis hin zu deftigen politischen Diskussionen. Auch Binärdateien werden über das Usenet verteilt. Das größte Archiv an Usenet-Inhalten findet sich heute bei Google Groups, erreichbar auch per WWW. 2001 kaufte Google mit Deja.com das damals größte Usenet-Archiv.

In einer aufwendigen Suchaktion über das Internet gelang es den Initiatoren von Google Groups, das Usenet bis ins Jahr 1981 zu rekonstruieren. Das älteste Posting stammt vom 11. Mai 1981, ist aber eine Antwort auf ein noch älteres Posting.

Das Usenet war und ist ein Netz für öffentliche Diskussionen. Der einfache Austausch von Nachrichten zwischen zwei Nutzern ist noch deutlich älter: Bereits in den 60er Jahren gab es die Möglichkeit, E-Mails über das ARPAnet, dem Vorgänger des Internets, zu verschicken. Im Jahr 1971 schrieb der Programmierer Ray Tomlinson das E-Mail-Programm SNDMSG, indem er die Programme SNDMSG, mit dem man einem Nutzer auf dem gleichen Computer eine Nachricht hinterlassen konnte, und CPYNET, das Dateien verschickte und empfing, miteinander verband. Nun hatte er ein Programm, das es erlaubte, Nachrichten zwischen verschiedenen Hosts zu verschicken. Diese mussten sich jedoch in der Adressierung von der lokalen Nachricht unterscheiden. Tomlinson kam deshalb auf die Idee, den Namen des Nutzers und den seines Rechners durch ein normalerweise nicht genutztes Zeichen zu verbinden: das @. Die Geburtsstunde des bis heute geltenden Systems für Mailadressen.

Bis heute ist die E-Mail eine der wichtigsten Applikationen des Internets. Jeden Tag flitzen unzählige Nachrichten durch die ganze Welt. Selbst die steigende Zahl an Mails mit Virenanhang und Spam hat der Beliebtheit des Dienstes nicht geschadet.

Fortsetzung folgt: Am Donnerstag, dem 1. Mai 2008, erscheint der zweite von insgesamt drei Teilen zu 15 Jahren WWW. Im zweiten Teil werden die Browserkriege zwischen Netscape und Microsoft sowie zwischen Microsoft und Mozilla behandelt. Der dritte Teil folgt am Freitag, dem 2. Mai 2008, und beschreibt die befördernden sowie bremsenden Faktoren der Browserentwicklung und gibt einen Ausblick auf die Browserzukunft.  (wp)


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