Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0804/59239.html    Veröffentlicht: 24.04.2008 13:13    Kurz-URL: https://glm.io/59239

Test: Ubuntu 8.04 mit Langzeitunterstützung

Distributionsfamilie ist um zwei Mitglieder reicher

Als die wichtigste Version bisher bezeichnet Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth die nun verfügbare Linux-Distribution Ubuntu 8.04 alias "Hardy Heron". Wichtig, da es sich wieder um eine Version mit "Long Term Support" (LTS) handelt, die also länger als normale Versionen unterstützt wird und so auch für Unternehmen attraktiv werden soll. Neue Funktionen gibt es dennoch, wenngleich diese im Vergleich mit der letzten Ubuntu-Version gemäßigter ausfallen.

Ubuntu 8.04
Ubuntu 8.04
Ubuntu setzt standardmäßig auf den Gnome-Desktop - daran hat sich auch mit der Version 8.04 nichts geändert. Durch die nun integrierte Gnome-Version 2.22 sind auch neue Funktionen in die Distribution eingezogen. Wichtig ist dabei unter anderem eine Änderung unter der Haube: Gnome nutzt anstatt GnomeVFS nun das virtuelle Dateisystem GVFS. Das neue virtuelle Dateisystem besteht zum einen aus der Bibliothek GIO und GVFS selbst, das Schnittstellen zu Dateisystemen und Protokollen anbietet. So können Partitionen über FUSE (Filesystem in Userspace) eingebunden werden und der Zugriff auf Protokolle wie FTP, SFTP, DAV und SMB ist möglich. Zudem soll durch den neuen Unterbau der Dateimanager Nautilus schneller arbeiten.

Darüber hinaus enthält Gnome 2.22 neue Anwendungen wie den VNC-Client Vinagre, mit dem sich Rechner mit Desktop-Freigaben im Netzwerk automatisch finden lassen und der den alten Xvnc4viewer ersetzt. Ebenfalls Teil der neuen Gnome-Version ist der Videoplayer Totem mit einem Plug-in für YouTube und der Möglichkeit, Fernsehen über DVB zu schauen.

Firefox
Firefox
Als Standardbrowser liefert Ubuntu nun den Firefox 3 Beta 5. Damit bekommen Anwender schon eine Vorschau auf Verbesserungen wie den Lesezeichen- und Verlaufsmanager Places. Durch die neue Rendering- und JavaScript-Engine soll zudem die Darstellung von Webseiten zügiger vonstatten gehen. Allerdings zickte Firefox im Test noch - insbesondere beim Versuch, verschlüsselte Verbindungen mit selbst ausgestellten Zertifikaten aufzurufen. Diese als vertrauenswürdig einzustufen, ist in Firefox 3 nämlich etwas umständlicher als in alten Versionen. Durch einen Fehler in Firefox war dieser Schritt dann aber gar nicht möglich. Epiphany mit demselben Gecko-Unterbau ermöglichte hingegen, das Zertifikat dauerhaft zu akzeptieren. Die Final von Firefox 3 soll jedoch noch im Juni 2008 erscheinen und es ist davon auszugehen, dass das Ubuntu-Team diese Version dann schnellstmöglich nachreicht. Firefox 2 ist aber ebenfalls noch in der Distribution vorhanden und lässt sich nachinstallieren.

Brasero
Brasero
CDs und DVDs lassen sich unter Gnome direkt aus dem Dateimanager Nautilus heraus brennen. Für aufwendigere Projekte gibt es in Ubuntu nun Brasero, womit die Serpentine-Anwendung ersetzt wird. Brasero ist ein Gnome-Projekt und bemerkt neben den üblichen Brennfunktionen auch geänderte Dateien und Drag-and-Drop zwischen der eigenen Oberfläche und Nautilus. Den Gnome-BitTorrent-Client haben die Ubuntu-Entwickler durch eine GTK-Version von Transmission ersetzt. Der soll einerseits sehr einfach gehalten sein und gleichzeitig durch Leistungsfähigkeit überzeugen. So können Torrents in eine Warteschlange gestellt oder eine zeitlich beschränkte Geschwindigkeitslimitierung festgelegt werden.

Neu aufgenommen wurde auch die "Uncomplicated Firewall" (UFW), ein Kommandozeilen-Frontend für Iptables, um eine auf Netfilter basierte Firewall einzurichten, die sowohl mit IPv4 als auch mit IPv6 umgehen kann. Ubuntu installiert die Software standardmäßig, aktiviert sie jedoch nicht. Wenngleich die UFW extra für Endnutzer entwickelt wurde und einfacher sein soll als Iptables selbst, sollte man sich die Dokumentation anschauen, da eine Fehlkonfiguration - egal über UFW oder über Iptables - zu Problemen führen kann, insbesondere da unter Linux einige Programme über Netzwerkschnittstellen intern kommunizieren.

Pulse Audio
Pulse Audio
Schon Fedora 8 brachte PolicyKit mit. Nun ist das Werkzeug, um Nutzern die notwendigen Rechte für einzelne Aktionen zuzuweisen, auch in verschiedenen Ubuntu-Tools enthalten. Ein Knopf dient dazu, die gesperrten Funktionen zu aktivieren. Ebenfalls zuvor schon in Fedora enthalten war der auch als "Compiz für Audio" bezeichnete Soundserver Pulse Audio. Er ähnelt zwar dem Enlightened Sound Daemon (ESD) von Gnome, ist aber als leistungsfähigerer Ersatz für diesen gedacht. Eine Plug-in-Architektur ermöglicht zum Beispiel, Erweiterungen dynamisch zu laden. Zudem lässt sich die Lautstärke für verschiedene Anwendungen einzeln regeln, was auch automatisch erfolgen kann. Damit wird etwa die Musiklautstärke beim Eingang eines VoIP-Telefonates gedrosselt.

Pulse Audio kann ferner andere Soundserver im Netzwerk aufspüren und laufende Audiostreams auf andere Rechner umlenken. Die meisten Anwendungen funktionieren auf Anhieb mit Pulse Audio, da dieser den ESD transparent ersetzen kann. Hilfe für einige Anwendungen gibt es im Wiki des Projektes. Ubuntu installiert allerdings die diversen Pulse-Audio-Werkzeuge nicht standardmäßig mit, so dass diese über die Paketverwaltung hinzugefügt werden müssen, möchte man sie nutzen.

Eclipse
Eclipse
Als X-Server kommt nun X.org 7.3 zum Einsatz, das weiter in Richtung automatische Konfiguration geht. Ein neues Programm zum Einstellen der Auflösung soll zudem erlauben, ein zweites Display dynamisch einzurichten und richtet sich damit vor allem an Notebook-Nutzer. Als Kernel kommt die Version 2.6.24 zum Einsatz. Damit ist Ubuntu hier zwar nicht ganz auf dem aktuellen Stand, verwendet jedoch eine Kernel-Version, in der bereits einige Fehler korrigiert wurden. Mit dem Kernel 2.6.24 gibt es etwa auch auf 64-Bit-Systemen die dynamischen Ticks, um den Prozessor öfter in den Ruhestand gehen zu lassen.

Das mit Ubuntu 7.10 eingeführte Sicherheits-Framework AppArmor regelt weiter die Befugnisse einzelner Applikationen, um das System vor externen und internen Angriffen zu schützen. Zusätzlich steht nun auch SELinux zur Verfügung, muss jedoch extra installiert werden. Dieses ist es nur im Universe-Repository zu finden, für das es keinen Support vom Ubuntu-Team gibt.

Das Server-Team hat darüber hinaus KVM als unterstützte Virtualisierungslösung ausgewählt. Der Kernel enthält außerdem Optimierungen, die zu einer besseren Leistung führen sollen, wenn Ubuntu als Gastsystem zum Einsatz kommt. Zudem werden Red Hats Virt-Manager und die Libvirt verwendet, um die Gastsysteme zu verwalten. Über das Universe-Repository gibt es ferner Likewise Open für die Integration in ein Active-Directory-Netzwerk und auch iSCSI-Targets können nun in das Dateisystem eingebunden werden. Dafür muss zu Beginn der Installation "iscsi=true" an den Kernel übergeben werden.

OpenOffice.org
OpenOffice.org
Für zusätzliche Sicherheit soll auch eine Speicherabschirmung sorgen, die Rootkits und andere Schadsoftware vom Zugriff auf den Speicher abhalten soll. Der untere Adressbereich (64 KByte) ist zudem standardmäßig gesperrt. Dies soll gegen Schädlinge helfen, die versuchen, Kernel-Fehler in Sicherheitslücken umzuwandeln.

Um Windows-Anwendern einen Ubuntu-Test zu erleichtern, gibt es nun Wubi. Damit lässt sich Ubuntu unter Windows wie ein normales Programm installieren, das heißt, die Festplatte muss weder partitioniert noch formatiert werden und braucht auch keinen Bootloader.

Ubuntu 8.04
Ubuntu 8.04
Von den Brauntönen hat sich der Ubuntu-Desktop übrigens nicht verabschiedet, obwohl die Entwickler eigentlich auf Schwarz und Orange setzen wollten. Dafür kann neben der Clearlooks-Theme-Engine auch Murrine ausgewählt werden. Diese bietet mehr Funktionen als Clearlooks und soll schneller sein als Pixmap-Engines.

Das Besondere an Ubuntu 8.04: Die Version wird länger als die normalen 18 Monate unterstützt. Drei Jahre gibt es Updates für den Desktop und sogar fünf Jahre für den Server. Dabei wird auch ein Update von der letzten LTS-Version 6.06 unterstützt. Was es zu beachten gibt, steht in der Dokumentation. Der LTS-Zusatz gilt allerdings nur für Ubuntu.

Doch wie üblich ist die Distributionsfamilie größer. Kubuntu wird nur die normalen 18 Monate unterstützt, da es bereits mit KDE 4.0.3 erhältlich ist, das durchaus noch eher Entwickler als Endnutzer im Blick hat - erst mit KDE 4.1 soll die erste Version für den produktiven Einsatz verfügbar sein. Dennoch ist Kubuntu auch mit KDE 3.5.9 erhältlich, für Anwender, die kommerziellen Support benötigen. Darüber hinaus gibt es Xubuntu mit Xfce als Oberfläche, JeOS als Grundlage für virtuelle Appliances und Ubuntu Studio für Multimedia-Arbeiten sowie Mythbuntu, das mit MythTV als digitaler Videorekorder eingesetzt werden kann. Dafür ist Edubuntu für den Einsatz in Schulen nun keine extra Version mehr, sondern ein Erweiterungspaket für Ubuntu. Die Basis ist bei allen Distributionen dieselbe.

Fazit:
Ubuntu 8.04 LTS ist eine solide Neuauflage der Linux-Distribution geworden. Keine großen neuen Funktionen wie die Einführung von Compiz für 3D-Desktops in der letzten Version. Dafür getestete Neuerungen, die die Entwickler auch auf Unternehmens-Desktops und -Server loslassen wollen. Denn vor allem an diese Zielgruppe, die nicht spätestens alle 18 Monate ein Update durchführen möchte, richtet sich die LTS-Variante. Als gar wichtigste Version bisher bezeichnete Ubuntu-Mäzen Mark Shuttleworth die neue Ausgabe gegenüber der BBC. Durch den langen Unterstützungszeitraum sei Ubuntu 8.04 attraktiver für große Installationen, hofft Shuttleworth.

Da mutet es dann aber doch etwas komisch an, dass sich im Bugtracking-System durchaus noch ein paar Fehler finden, etwa in Bezug auf Pulse Audio und den Network-Manager. Auch nach der letzten LTS-Ausgabe gab es etliche Berichte, in denen sich Nutzer über Fehler beschwerten, die ihrer Meinung nach nicht in einer LTS-Version auftauchen sollten. Wie sich Ubuntu 8.04 LTS nun im langfristigen Betrieb verhält, muss sich erst noch zeigen.

Wer jedenfalls Wert auf den Support-Zeitraum legt, für den ist nun die Zeit zur Installation oder zum Update gekommen. Wer mehr Wert auf "Bleeding-Edge-Technik" legt, wird wohl erst mit der nächsten Ubuntu-Version im Oktober 2008 wieder etwas nach dem eigenen Geschmack erhalten.

Die neue Ubuntu-Version 8.04 steht ab sofort in verschiedenen Editionen zum Download bereit. Ubuntu gibt es dabei in einer Desktop- und einer Server-Variante. Die Desktop-CD ist eine Live-CD, mit der das System also auch ohne Installation ausprobiert werden kann. Ferner steht hier und bei Kubuntu die sogenannte Alternate-CD zur Verfügung, die für automatisierte Installationen, für LVM- und RAID-Partitionierung sowie zum Erstellen von OEM-Systemen gedacht ist. Auch LTSP-Terminal-Server lassen sich hiermit schnell einrichten.  (js)


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Links zum Artikel:
Canonical (.com): http://www.canonical.com/
Edubuntu (.org): http://www.edubuntu.org/
Kubuntu (.org): http://www.kubuntu.org/
Mythbuntu (.org): http://www.mythbuntu.org/
Ubuntu (.com): http://www.ubuntu.com/
Ubuntu Studio (.org): http://www.ubuntustudio.org
Xubuntu (.org): http://www.xubuntu.org/

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