Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0804/59183.html    Veröffentlicht: 22.04.2008 12:15    Kurz-URL: https://glm.io/59183

Trendanalyse: Der Markt für PC-Spiele

Einerseits Casual-Games, andererseits MMORPGs - Vielfalt oder Zwickmühle?

Schwerpunkt-Report Teil 1: Ist der PC als Spieleplattform tot oder startet der gute, alte Rechenknecht gerade erst richtig durch? In der öffentlichen Wahrnehmung scheint die Konkurrenz durch Xbox 360 und PlayStation 3 zwar übermächtig - aber nach Recherchen von Golem.de steht der PC besser im Spielemarkt da als vielfach vermutet.

Tim Sweeney, Epic Games
Tim Sweeney, Epic Games
Kabel abziehen, Tastatur und Maus in den Hausmüll, und dann ab mit dem PC in die Tonne - wer in den letzten Wochen auf News-Seiten die Berichterstattung zum Thema "Spieleplattform der Zukunft" verfolgt hat, der erwartet vom guten, alten Rechenknecht wohl nicht mehr viel. Klar, zum Surfen im Internet taugt er wohl auch künftig noch, und Überweisungen lassen sich damit ebenso erledigen wie der Brief an Oma. Aber zum Spielen? Pustekuchen! "Der PC ist für alles gut, aber nicht für Spiele", behauptete erst Mitte März 2008 Tim Sweeney, Chef-Programmierer von Epic Games - obwohl der Mann einen guten Teil seines Vermögens den begeisterten PC-Spielern der Unreal-Tournament-Reihe verdankt. Sein Gegenpart bei id Software, Ferrari-Sammler John Carmack, folgt ihm mit der Einschätzung: "Aus Entwicklersicht ist es eine unbequeme Wahrheit, dass die Fähigkeiten der Konsolen heutzutage die Entscheidungen von Entwicklern bestimmen."

Auf den ersten Blick unterstützen die offiziellen Zahlen (PDF-Download) die These vom Niedergang des PCs als Spieleplattform - auch im deutschsprachigen Markt, der lange als PC-Hochburg galt. Kürzlich gab der Bundesverband Interaktive Unterhaltung (BIU e.V.) bekannt, dass 2007 der Umsatz mit Konsolenspielen um 38 Prozent auf 904 Millionen Euro gestiegen ist, der Umsatz mit PC-Titeln dagegen um 3 Prozent auf 458 Millionen Euro sank. Wichtigster Posten im Zuwachs bei den Konsolen sind allerdings Handhelds wie Nintendo DS oder PlayStation Portable - im Wettstreit der Plattformen laufen diese Geräte weitgehend außerhalb jeder Konkurrenz. Bereinigt bleibt bei den stationären Konsolen ein Umsatz von 544 Millionen Euro und ein Umsatzanstieg um - immer noch beeindruckende - 25 Prozent.

Ein weiterer Faktor bringt das Bild vom PC als Verlierersystem dann aber doch ins Wanken: "Erlöse aus Onlinegeschäft oder aus Abo-Gebühren sind nicht enthalten", bestätigt der BIU auf Anfrage von Golem.de. Sprich: Die Abo-Gebühren der Spieler von "World of Warcraft" oder "Der Herr der Ringe Online" sind nicht in den offiziellen Zahlen enthalten. Und auch die Verkäufe von digitalen Distributoren wie Gamesload, Metaboli oder Steam fallen vollständig unter den Tisch, ebenso die boomenden Webbrowser-Spiele wie Seafight. Grund für die unvollständigen Daten, so der BIU, sind die Erhebungsmethoden des beauftragten Marktforschungsunternehmens GfK Panel Service. Das fragt lediglich "Commercial Downloads" ab, unterscheidet aber nicht zwischen Film, Musik oder Spielen - also bleiben diese Umsätze vollständig außen vor. Erst im Sommer 2008 möchte der BIU im Rahmen einer Sondererhebung auch Daten über den Onlinemarkt bekanntgeben.

World of Warcraft
World of Warcraft
Derzeit ist es extrem schwierig, an verlässliches Zahlenmaterial über Umsätze im Onlinespielemarkt zu gelangen. Allein "World of Warcraft" verfügt in Deutschland über - vorsichtig kalkuliert - 600.000 Abonnenten. Das beschert Blizzard rund 6 Millionen Euro Umsatz im Monat, über das Jahr gerechnet wären es gut 72 Millionen Euro. Noch schwieriger ist die Einschätzung der restlichen Umsätze, denn kaum ein Unternehmen veröffentlicht Zahlen. Golem.de schätzt, dass mit den weiteren Massive Multiplayer Online Games, mit den als Download verkauften PC-Spielen und dem vielfältigen Angebot etwa von Item-Selling-Systemen in Browser-Games weitere 50 Millionen Euro auf das Konto des PCs gehören. Deutlich weniger dürften Microsoft und Sony Computer Entertainment mit ihrem Download-Angebot auf Konsole erlösen. Wer alle Zahlen addiert, kommt auf einen Gesamtumsatz mit PC-Spielen in Deutschland von rund 580 Millionen Euro - damit ist der PC zumindest hierzulande weiterhin Marktführer.

Allerdings: Der Fokus der Entwickler ändert sich. Bis vor ein, zwei Jahren galten PC-Spieler als Hardcore-Zocker, die am liebsten den ganzen Tag Ego-Shooter oder andere "harte" Kost spielen. Die Zeiten sind vorbei: "Ich bezweifle, dass wir jemals zurückkehren zu den Hardcore-Shootern", sagt etwa Phil Therien von Ubisoft. "Der Markt ist zu klein". Sein Problem und das der ganzen Branche ist, dass viele der besonders begeisterten PC-Spieler einen Großteil ihres Freizeit-Budgets seit einigen Jahren mit nur noch zwei Programmen füllen: World of Warcraft und Counter-Strike.

Markus Windelen, dtp Entertainment
Markus Windelen, dtp Entertainment
Die deutsche Entwicklerszene, die jahrelang mit Fußballmanagern und ähnlichen Produkten auf dem lokalen Markt gut leben konnte, leidet unter der neuen Marktsituation - oder nimmt die Herausforderung an und neue, internationale Märkte ins Visier. Der Hamburger Publisher dtp Entertainment etwa hat kürzlich eine Lizenz als Xbox-360-Entwickler erhalten und verfügt schon länger über eine Zertifizierung als PlayStation-3-Produzent: "Wir haben auf der letztjährigen Games Convention angekündigt, dass dtp sich künftig zum internationalen Multiplattform-Publisher entwickelt", erklärt COO Markus Windelen gegenüber Golem.de. "Das ist unerlässlich, wenn dtp sich auch auf internationalen Märkten etablieren möchte. Dementsprechend setzen wir dies konsequent in die Tat um - mit Summer Athletics etwa erfolgt unser erster Multiplattform-Release für PC, Xbox 360, Wii und PlayStation 2."

Dark Orbit
Dark Orbit
Während auf dem PC die Bedeutung von Hardcore-Spielen insgesamt sinkt, wird das System immer wichtiger für niedrigschwellige Angebote aus dem Internet: den Browser-Games. Inhaltlich wenden sich Titel wie Seafight oder Dark Orbit zwar an halbwegs erfahrene Spieler - aber eben auch an solche, die nicht mehr viel Zeit für ihr Hobby aufbringen oder nur nebenher bei der Arbeit ein wenig Unterhaltung suchen. Wenn bezahlt wird und die Spieler nicht nur den kostenlosen Modus verwenden, dann entweder über das Abo-System oder über Mikro-Payment-Verfahren, indem beispielsweise ein paar Cent für ein neues Schiff oder einen schnelleren Anstieg des Levels fällig werden.

Randy Stude, PC Gaming Alliance
Randy Stude, PC Gaming Alliance
In der öffentlichen Wahrnehmung der Bedeutung hinkt der PC den Konsolen spürbar hinterher - kein Wunder, arbeiten doch bei Nintendo, Sony und Microsoft riesige Teams daran, das jeweilige System möglichst weit nach vorne zu bringen - während für PCs keine Firma so richtig zuständig ist. Das soll sich allerdings ändern: Seit einigen Monaten kümmert sich die PC Gaming Alliance um das Image von PC-Spielen. Der amerikanische Verband wird von Firmen wie Intel, Microsoft, AMD und Dell unterstützt. Dort sieht man die Lage entspannt: "Der PC hinkt in Sachen Beliebtheit überhaupt nicht hinterher", so Randy Stude, Chef der Organisation, gegenüber Golem.de. "Es gibt über 263 Millionen onlinefähige Spiele-PCs weltweit. Laut mehrerer Voraussagen wird diese Zahl auf über 300 Millionen in den nächsten beiden Jahren steigen." Allein auf Onlinespiele möchte Stude den Personal Computer allerdings nicht beschränkt wissen: "Die PC Gaming Alliance wird den PC als generelle Spieleplattform fördern. Das schließt Onlinespiele, Browser-Spiele, High-End-Titel, Casual- und Mainstream-Spiele mit ein."

Vielleicht gehört der PC doch noch nicht ins Spielemuseum - im Wettstreit der Systeme behauptet er seinen Platz als vielfältiger Alleskönner, der international im Gebiet der Hardcore-Solospiele schwächelt, aber in Sachen Online die Nase vorne hat. Aber trotz aller Browser-Games und Casual-Spiele: Blizzard als wichtigster Entwickler weltweit veröffentlicht seit eh und je ausschließlich PC-Spiele - geschadet hat es dem Erfolg des Unternehmens nicht.

Fortsetzung: Teil 2 der Trendanalyse mit einem Streitgespräch zwischen einem PC- und einem Konsolenentwickler.  (ps)


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Links zum Artikel:
BIU - Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V. : http://www.biu-online.de/
dtp entertainment AG: http://www.dtp-ag.com/
PC Gaming Alliance (.org): http://www.pcgamingalliance.org/

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