Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0804/59034.html    Veröffentlicht: 16.04.2008 12:21    Kurz-URL: https://glm.io/59034

Auflagenschwund Spielemagazine - Petra Fröhlich im Interview

Petra Fröhlich, Chefredakteurin von PC Games, über den Markt für Spielemedien

Die Auflagen der gedruckten Spielezeitschriften gehen rasant zurück und sind weit entfernt von früheren Rekordständen. Golem.de hat mit Petra Fröhlich, Chefredakteurin der traditionsreichen Fachzeitschrift PC Games, über den Markt der Gaming-Medien gesprochen.

Verlagsmanager von gedruckten Spielezeitschriften dürften derzeit schlecht schlafen - die Auflagen entwickeln sich rasant nach unten. Die Computer Bild Spiele, Marktführer im Bereich "Multi Format", konnte sich im Jahr 2003 noch über knapp 650.000 verkaufte Hefte (laut IVW) freuen. Die letzte Meldung über das erste Quartal 2008 lag bei 334.391 Exemplaren - nur wenig mehr als die Hälfte. Ähnlich erging es dem traditionsreichen einstigen Spitzentitel im Segment "PC-Spiele": 1999 lag die verkaufte Auflage der Zeitschrift PC Games noch bei 363.608 Heften, die jüngste Meldung lag bei 140.364 Exemplaren. Golem.de sprach mit Petra Fröhlich, Chefredakteurin von PC Games und vom Internetableger pcgames.de des Fürther Computec Media Verlags, über den Strukturwandel im Bereich der Print- und Onlinespielemedien.



Petra Fröhlich, Chefredakteurin PC Games
Petra Fröhlich, Chefredakteurin PC Games
Golem.de: Computerspiele erobern derzeit immer mehr den Massenmarkt, gleichzeitig gehen die Auflagen der Spielemagazine zurück. Welche Gründe sehen Sie?

Petra Fröhlich: Hier muss man nach Spielsystemen unterscheiden: Im PC-Bereich ist die Situation eine andere als bei Xbox 360, DS oder Wii. Der PC-Spieler sitzt ja ohnehin am Rechner und verfügt in der Regel über eine schnelle DSL-Verbindung. Demos, Updates, Trailer - früher zusätzliche Verkaufsargumente für die Datenträger der Hefte - sind auf diese Weise jederzeit, überall und sofort verfügbar. Trotzdem sind die Hefte mit Datenträgern weiterhin der Kern unseres Geschäfts. Wir erleben interessanterweise eine Verschiebung innerhalb unserer Gesamtauflage hin zur Magazinversion ohne DVD und zur "Deluxe-Variante" mit zwei DVDs. Im PC-Bereich ist zudem der Erfolg von World of Warcraft und Co. Fluch und Segen zugleich. Wer WoW oder Guild Wars oder Counter-Strike spielt - wir sprechen hier von vielen Millionen Menschen in Deutschland -, hat häufig auf Monate und Jahre hinaus weder Zeit noch Interesse für andere Titel. Segen deshalb, weil Computec im vergangenen Jahr unter anderem mit buffed [Printableger des Portals Buffed.de; Anm. d. Red.] bewiesen hat, dass im Printsegment nach wie vor Platz ist für innovative neue Konzepte - und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen der riesigen Community.

Golem.de: Können Sie einem Spieler erklären, warum er auch künftig jenseits des "Kann ich mit in Zug nehmen"-Arguments eine gedruckte Spielezeitschrift braucht?

Petra Fröhlich: Das Mit-in-den-Zug-nehmen-Argument würde ich nicht unterschätzen - der Bahnhofsbuchhandel ist einer unserer wichtigsten Handelskanäle. Im Ernst: Mit reinen Text-plus-zwei-Bilder-Artikeln ist in der Tat kein Blumentopf mehr zu gewinnen - viele Inhalte sind auf einer Website oder in einer Datenbank viel besser aufgehoben. Im Heft haben wir hingegen wunderbare Möglichkeiten, Zusammenhänge und Spielabläufe anschaulich und übersichtlich zu erklären. Die optische Wucht eines doppelseitigen Aufmachers oder von sorgfältig ausgewählten, groß aufgezogenen Screenshots ist deutlich beeindruckender als eine Onlinebildergalerie. Nach wie vor ist es so, dass alle wichtigen Enthüllungen und First-Looks vornehmlich auf den Titelseiten der großen Magazine stattfinden - die Wirkung ist auch aus Sicht der Hersteller eine ganz andere, als wenn sie in einem Newsticker stattfinden würde. Prinzipiell sind es welt- oder deutschlandexklusive Vorort-Reports, Spieleeindrücke und Interviews, die Hunderttausende zu Special-Interest-Magazinen greifen lassen. Und natürlich geht es sicher nicht nur mir so, dass sich längere Texte in gedruckter Form angenehmer konsumieren lassen. Kurz: Print wirkt.

Golem.de: Sind Sie mit der derzeitigen Positionierung und Reichweite von pcgames.de zufrieden? Welche weiteren Onlinepläne haben Sie, speziell im Hinblick auf Prioritätengewichtung gegenüber dem Printmagazin?

Petra Fröhlich: Speziell bei den Fachzeitschriften beobachten wir seit Jahren, dass sich Interessen und Zielgruppen immer weiter aufsplitten und diversifizieren - genauso, wie sich Automagazine mit eigenen Objekten auf Cabrio-Fahrer, Oldtimer-Fans und Tuner konzentrieren, so decken wir auch bei uns Spezialinteressen wie Hardware, Tipps oder Onlinerollenspiele mit separaten und sehr erfolgreichen Titeln ab. Online fahren wir eine ähnliche Strategie: Im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern verfolgen wir nicht das Warenhaus-Prinzip - alles unter einem Dach - und eröffnen stattdessen spezialisierte Fachgeschäfte, die wir natürlich eng mit Portalen wie pcgames.de und Co. vernetzen. Noch in diesem Frühjahr werden wir zwei komplett neue Angebote im Markt einführen.

Golem.de: Tut Ihnen als gestandene Printjournalistin die Verlagerung von Print hin zu Online manchmal weh?

Petra Fröhlich: Nein, überhaupt nicht. Natürlich trifft uns die Marktentwicklung aufgrund unserer Thematik und Zielgruppe deutlich stärker und früher als etwa Nachrichtenmagazine, Tageszeitungen, Börsenhefte oder Gartenzeitschriften. Andererseits belegen IVW und AGOF, dass wir mit zunehmendem Erfolg die Onlinebühne bespielen. Erst vor wenigen Tagen haben wir bekanntgegeben, dass wir stärker wachsen als der Gesamtmarkt - die gesamte Reichweite unserer Internetportale beträgt mittlerweile 6,8 Millionen Unique User, alleine unsere AGOF-gelisteten Angebote weisen 1,68 Millionen Besucher aus. Wir erreichen bereits jetzt deutlich mehr Menschen, als wir sie im Printbereich jemals erreichen konnten. Natürlich durchlaufen wir wie alle anderen Medienhäuser und Redaktionen einen tiefgreifenden Wandel. Die Herausforderung für uns besteht eben darin, Inhalte für jede Plattform optimal aufzubereiten - für die Hefte, für die Communities, für redaktionelle Websites.  (ps)


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Links zum Artikel:
Computec Media: http://www.computec.de/
PC Games.de: http://www.pcgames.de

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