Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0804/58806.html    Veröffentlicht: 04.04.2008 12:28    Kurz-URL: https://glm.io/58806

Pirate-Bay-Gründer: Wir sollten eher nicht in die USA fahren

Golem.de im Gespräch mit Peter Sunde, einem der Gründer von The Pirate Bay

Spätestens seit der von den USA initiierten Razzia gegen The Pirate Bay ist der Torrent-Tracker weltweit bekannt. Golem.de traf Peter Sunde, einen der drei Gründer der Pirate Bay, auf der re:publica 2008. Im Interview erläutert Sunde, warum der Dienst aus seiner Sicht in Schweden legal ist, gibt Auskunft über den aktuellen Stand im Verfahren gegen Pirate Bay und weshalb er derzeit besser nicht in die USA reisen sollte.

Golem.de: Herr Sunde, wie ist denn im Moment der Stand im Verfahren gegen The Pirate Bay?

Peter Sunde: Bisher ist nichts passiert. Es gibt noch nicht einmal einen Termin für die Verhandlung.

Golem.de: Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Peter Sunde: Wir werden zu 99,999 Prozent gewinnen. Der letzte Rest ist für den Fall, dass das schwedische Rechtssystem komplett inkompetent ist.

Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde
Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde
Golem.de: Gibt es denn einen Unterschied zwischen dem deutschen oder amerikanischen Rechtssystem und dem in Schweden?

Peter Sunde: Unsere Rolle im Filesharing, also das was wir tun, ist in Schweden legal. Menschen zusammenzubringen, damit sie miteinander kommunizieren, ist legal. Inhalte hoch- oder runterladen ist nicht legal.
Filesharing sollte zwar auch legal sein, ist es aber nicht. Das wollen wir ändern. Oder zumindest wollen wir die Leute dazu bringen, zu ignorieren, dass es nicht legal ist.

Golem.de: Wie kann es sein, dass Filesharing selbst illegal ist, das, was Sie tun, aber nicht?

Peter Sunde: Es gibt verschiedene Gründe, um zu erklären, warum das, was wir tun, legal ist. Es gibt das Gesetz über elektronische Foren- und Board-Systeme, das besagt, ein System sei nicht dafür verantwortlich, was die Nutzer damit machen. Solange wir also kein urheberrechtlich geschütztes Material vorhalten, können wir auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Wir halten aber kein urheberrechtlich geschütztes Material vor, sondern Torrent-Dateien, also Verweise, und die sind in Schweden legal.

Golem.de: Wie verbreitet ist denn Filesharing in Schweden?

Peter Sunde: Praktisch jeder, der einen Internetanschluss hat, tauscht Dateien. Unsere Dienste nutzen jeden Tag 800.000 bis 1 Million Schweden. Das sind etwa 10 Prozent der Einwohner des Landes.

Golem.de: The Pirate Bay läuft also weiter?

Peter Sunde: Ja, und ich hoffe, für immer.

Golem.de: Sie hatten ja mal überlegt, die künstliche Insel Sealand zu kaufen, um Ihre Server dorthin auszulagern. Was ist daraus geworden?

Peter Sunde: Sie wollten sich nicht kaufen lassen. Wir dachten, wir könnten Sealand für 200.000 US-Dollar kaufen und haben angefangen, Spenden zu sammeln. Sie forderten aber aberwitzige 6 Milliarden US-Dollar. Deshalb suchen wir jetzt nach einer anderen Insel. Ich hingegen würde das Spendengeld lieber für einen guten Zweck ausgeben - etwa ein Stück Regenwald kaufen oder etwas anderes für die Umwelt tun.

Golem.de: Die amerikanische Musik- und Filmindustrie ist nicht gut auf Sie zu sprechen. Denn anders als andere Betreiber von Torrent-Trackern haben Sie, als Sie Post aus den USA bekamen, Ihre Seite nicht gleich geschlossen, sondern sich über die Briefe lustig gemacht.

Peter Sunde: Sie haben uns mit Gesetzen aus dem US-Bundesstaat Illinois bedroht. Die gelten aber bei uns nicht. Warum also sollten wir diese Anschuldigungen ernst nehmen? Wir halten uns an schwedisches Recht. Alles, was wir tun, ist im Einklang mit schwedischen Gesetzen. Also haben wir ihnen geantwortet, wir sähen keinen Grund, ihren Aufforderungen Folge zu leisten und sie sollten uns damit in Ruhe lassen.

Golem.de: Der Verband der Filmbranche hatte Sie zwischenzeitlich sogar durch Privatdeketive beschatten lassen. Ist es denn für Sie jetzt riskant, in die USA zu reisen?

Peter Sunde: Offiziell hat mir niemand gesagt, dass ich nicht hinfahren könnte. Aber die amerikanische Botschaft hat Leute, die wir kennen, angesprochen und sie darum gebeten, die Botschaft darüber zu informieren, wenn wir planen, in die USA zu fahren und auch darüber, wo man uns dort finden könnte. Wir sollten also wohl besser nicht hinfahren.

Golem.de: Die amerikanische Botschaft in Stockholm...

Peter Sunde: ... hat vor allem Journalisten dazu aufgefordert, sie zu informieren, wenn wir uns in den USA aufhalten.

Golem.de: Wie fühlt sich das an - drei junge Männer, die einen Torrent-Dienst aufbauen und dann plötzlich zum Anlass in einer internationalen Affäre werden?

Peter Sunde: Das ist schon bizarr. Inzwischen habe ich mich schon daran gewöhnt. Es ist alltäglich geworden - wir machen das ja auch schon ein paar Jahre. Aber wenn ich manchmal zurückschaue, zum Beispiel wenn ich einen Vortrag halte, dann wird mir klar, was für eine große Sache daraus geworden ist. Es ist schwierig, darüber nachzudenken. Aber in erster Linie macht es Spaß und ist interessant.  (wp)


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