Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0001/5857.html    Veröffentlicht: 18.01.2000 12:10    Kurz-URL: https://glm.io/5857

Die Rolle von Bertelsmann im Dritten Reich

Ihre erste Pressekonferenz hielt in der Universität München die Unabhängige Historische Kommission zur Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich (UHK) ab, die 1999 von der Bertelsmann AG eingesetzt worden war, nachdem in der Presse Vorwürfe gegen das Unternehmen wegen seiner ungeklärten Rolle in der NS-Zeit aufgetaucht waren.

Die UHK, unter Vorsitz von Saul Friedländer, teilte erste Ergebnisse ihrer Untersuchungen mit. Dabei ging es insbesondere um die Schließung der beiden Firmen Der Rufer und C. Bertelsmann im Besitz des damaligen Verlegers Heinrich Mohn. Beide sind, wie nun feststeht, von der Reichsschrifttumskammer 1943 bzw. 1944 geschlossen worden.

Offiziell erfolgten die Schließungen im Zusammenhang mit der totalen Kriegsmobilmachung, nicht wegen oppositioneller Haltung. Es gibt jedoch Hinweise auf einen Zusammenhang der Schließung von C. Bertelsmann mit einem Prozeß wegen unrechtmäßiger Papierkäufe, derer Bertelsmann (wie andere Verlage) vor einem Heergericht angeklagt war. Dieses Verfahren endete 1945 mit einem weitgehenden Freispruch (und einem Ordnungsstrafbescheid).

Bis zur Schließung war C. Bertelsmann der größte Produzent von Wehrmachtsausgaben, wie die Recherchen der UHK ergaben. Insgesamt stellten damals ca. 130 Verlage etwa 75 Millionen an unterhaltenden Büchern und Broschüren für die Truppe, meist in Form schmaler Feldposthefte, her. Davon entfielen auf C. Bertelsmann vor allen anderen Verlagen etwa 20 Millionen, also über ein Viertel.

Des weiteren berichtete die UHK über den Stand der inhaltlichen Auswertung der ca. 1000 Titel des theologischen Verlagsprogramms, in dem nach 1933 sowohl Texte vertreten sind, die sich vom Regime distanzierten, als auch solche, die den Schulterschluß mit dem Nationalsozialismus suchten, wobei Verbote und Zensurmaßnahmen Texte beider Richtungen betrafen.

Ähnlich widersprüchlich erscheint das Verhalten des Verlegers Heinrich Mohn, der innerhalb der Bekennenden Kirche wirkte und zugleich Beiträge als förderndes Mitglied der SS leistete. Bei dieser Präsentation erster Ergebnisse betonte die UHK, dass ihre Arbeit über das Haus Bertelsmann auch einen Beitrag zur Geschichte des politischen Verhaltens deutscher Unternehmer in der NS-Zeit leisten soll.

Das von der Kommission neu geordnete Hausarchiv von Bertelsmann soll, laut Saul Friedländer, Ende des Jahres, spätestens aber im Jahre 2001, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.  (ji)


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