Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0803/58269.html    Veröffentlicht: 11.03.2008 12:33    Kurz-URL: https://glm.io/58269

Interview: Roboter-Dino Pleo kommt nach Deutschland

Golem.de im Gespräch mit Ugobe-Vertriebschef Martin Hitch über Pleo

Pleo, der Kuschelroboter im Dinosaurier-Look, war auf der CeBIT 2008 eine der großen Attraktionen. In Hannover hat der US-Hersteller Ugobe auch für Deutschland den Verkaufsstart für den Roboter bekanntgegeben, der hierzulande für 299,- Euro erhältlich sein wird.

Auf der CeBIT hatte Golem.de die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ugobe-Vertriebschef Martin Hitch, der erklärt, warum Pleo einem Camarasaurus nachempfunden ist, einem Langhalssaurier, der im Erdzeitalter des Jura gelebt hat, worin die Herausforderungen bei seiner Entwicklung lagen und wie sein Nachfolger aussehen wird.

Golem.de: Herr Hitch, wie kamen Sie bei Ugobe auf die Idee, einem Roboter die Gestalt eines Dinosauriers zu geben?

Hitch: Niemand weiß wirklich, wie ein Dinosaurier aussah, wie er sich bewegte, welche Geräusche er von sich gab. Das hat uns große künstlerische Freiheit gegeben. Wir konnten bestimmen, wie die Haut aussieht, wie er sich anhört und wie er sich bewegt.

Pleo: Jeder mag Dinsosaurier
Pleo: Jeder mag Dinsosaurier

Bei einem Hund oder eine Katze hat man gewisse Erwartungen. Sie sollen sich schnell bewegen, einem auf den Schoß springen oder an der Tür begrüßen. Es ist schwierig, wenn ein Roboter das tun soll.

Für einen Dinosaurier gibt es aber eine solche Erwartungshaltung nicht, deshalb ist er die perfekte Gestalt.

Golem.de: Dinosaurier erfreuen sich zudem - spätestens seit Jurassic Park - großer Beliebtheit.

Hitch: Das stimmt - und das ist natürlich sehr nützlich. Jeder, ob jung oder alt, Mann oder Frau, mag Dinosaurier.

Golem.de: Wie lange haben Sie an Pleo entwickelt?

Hitch: Das hat dreieinhalb Jahre gedauert.

Golem.de: Was mussten Sie alles entwickeln: nur die Software oder auch die Mechanik?

Hitch: Das war eine Kombination aus drei Elementen: die Mechanik, die Software und die Haut.

Pleo: Rund 2000 Teile
Pleo: Rund 2000 Teile
Die Mechanik allein ist schon sehr kompliziert: Insgesamt besteht Pleo aus rund 2.000 Teilen, darunter 14 Motoren, 106 Zahnräder und 38 Sensoren. Die Software ist das Live Operating System (Life OS), der Pleo zum Leben erweckt, was ebenfalls sehr komplex ist. Die Haut schließlich lässt ihn lebendig aussehen und verleiht ihm Persönlichkeit - das war also das dritte wichtige Element.

Golem.de: Sie haben den Roboter entwickelt. Stellen Sie ihn auch selbst her?

Hitch: Nein, produziert wird er von Partnerunternehmen in China. Unsere Ingenieure überwachen die Produktion sehr genau.

Golem.de: Was passiert, wenn ich einen Pleo gekauft habe?

Hitch: Wenn man ihn aus der Schachtel holt und zum ersten Mal einschaltet, ist er wie ein neugeborenes Kind: Er entwickelt sich dann weiter zum Kind und dann zum Jugendlichen.

Als Kind fängt er an, seine Umwelt etwas zu erkunden, er läuft ein wenig herum, aber ist immer noch ein bisschen wackelig auf den Beinen. Er hat ja gerade erst laufen gelernt. Als Jugendlicher funktionieren dann alle seine Sinne und er fängt an, mit seiner Umwelt und den Menschen zu interagieren.

Golem.de: Wie sieht diese Interaktion aus?

Pleos Kopf: Was wie Klebeband aussieht, ist ein Berührungssensor
Pleos Kopf: Was wie Klebeband aussieht, ist ein Berührungssensor
Hitch: Pleo kann sehen, hören, und er kann fühlen. Wenn man ihn anfasst, reagiert er darauf. Wenn er etwas in seinem Gesichtsfeld wahrnimmt, interagiert er damit, entweder indem er es vermeidet - so läuft er zum Beispiel nicht weiter, wenn er die Tischkante sieht - oder indem er es erforscht. Wenn er ein lautes Geräusch hört, dann dreht er sich um und schaut, woher es kommt - so, wie man es von einem Tier erwartet.

Golem.de: Wie lange dauert es, bis er das Jugendlichenstadium erreicht?

Hitch: Das hängt davon ab, wie lange und intensiv man mit ihm interagiert. Es dauert mindestens eine bis anderthalb Stunden. Dann ist er so weit, dass er richtig laufen kann, dass er seine Umwelt erkundet. Es ist also eine physische Entwicklung. Aber das ist auf keinen Fall das Ende seiner Entwicklung. An diesem Punkt fängt er erst an, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Das ist ja eine mentale Sache, die mit der Software zu tun hat.

Golem.de: Wird er auf einen Namen hören, den man ihm gibt?

Hitch: Nein. Pleo verfügt über keine Software zur Spracherkennung. Er erkennt also keine Wörter. Im Moment reagiert er deshalb nur auf die Lautstärke eines Geräusches. Spracherkennung wäre eine wichtige Erweiterung. Vielleicht kommt sie im Jahr 2009 - wer weiß?

Pleos Bein
Pleos Bein
Golem.de: Kann er denn sprechen?

Hitch: Von uns aus nicht. Wir werden ihm auch keine Stimme verleihen, weil wir glauben, dass das nicht zu seiner Dinosaurier-Persönlichkeit passt. Aber es gibt Leute, die ihn so umprogrammiert haben, dass er spricht, und das auch auf YouTube dokumentiert haben.

Golem.de: Was meinen Sie mit umprogrammieren?

Hitch: Wir bieten auf der Website Pleoworld das PDK, das Pleo Development Kit an, über das Nutzer seiner Hardware und Sensoren andere Funktionen geben können. So lässt sich etwa die Kamera in eine Webcam umfunktionieren. Oder man kann ihn umprogrammieren, beispielsweise, dass er sich hinsetzt, wenn man einen der Sensoren berührt.

Golem.de: Mit Hilfe des PDK können die Nutzer also die Persönlichkeit weiterentwickeln?

Hitch: Ohne Eingriffe in die Software entwickelt Pleo seine eigene Persönlichkeit. Mit der Software kann man diese aber umprogrammieren, so dass er zum Beispiel wie Elvis klingt und sich so benimmt.

Pleo - einmal mit und einmal ohne Haut
Pleo - einmal mit und einmal ohne Haut
Golem.de: Sie räumen den Besitzern viele Freiheiten ein.

Hitch: Wir betrachten das als Open Source. Wenn die Besitzer ihren Pleo sprechen, singen oder weinen lassen wollen, dann können sie das gern tun. Wir ermutigen sie sogar dazu, indem wir ihnen die Werkzeuge dazu zur Verfügung stellen. Aber wir werden von uns aus seine Persönlichkeit nicht verändern.

Golem.de: Sie sagten, seine Entwicklung ende im Stadium der Jugend. Kann man ihm auch eine erwachsene Persönlichkeit geben?

Hitch: Technisch ist das möglich, aber diese Persönlichkeit muss man dann programmieren. Von uns aus endet seine Entwicklung im jugendlichen Alter. Er wird zwar mit der Zeit reifer, aber er wird sich immer irgendwie wie ein Jugendlicher benehmen. Aber man kann Life OS entsprechend verändern - auch wenn ich nicht weiß, wie eine erwachsene Persönlichkeit aussehen sollte. Vielleicht wird er ja einfach faul und schläft die ganze Zeit.

Golem.de: Wenn ich mit der Persönlichkeit meines Pleo genervt bin: Gibt es so etwas wie einen Reset-Knopf, mit dem ich ihn wieder in den Urzustand zurückversetzen kann?

Hitch: Ja. Wir haben eine Reset-Software, die wir bei Ugobe auch selbst nutzen. Wir haben sie aber bisher noch nicht veröffentlicht. Wir wollen die Diskussionen in der Community abwarten und entscheiden dann, ob wir das tun.

Golem.de: Kommen wir noch einmal auf die Website zurück: Was kann man auf Pleoworld noch tun?

Hitch: Pleoworld ist eine Community für die Pleo-Besitzer. Wir haben sie aus verschiedenen Gründen eingerichtet: Zum einen ermuntern wir alle, ihren Pleo darüber zu registrieren - jeder Dinosaurier hat eine eigene Kennnummer. Wir benachrichtigen die registrierten Nutzer zum Beispiel, wenn wir die Firmware aktualisieren.

Außerdem bieten wir dort Downloads an - bisher waren es zwei: einen zu Weihnachten, um Pleo Weihnachtslieder singen zu lassen, und einen zum Valentinstag.

Dann gibt es Blogs - wir nennen sie "Plogs", auf denen die Besitzer Fotos veröffentlichen können, und ein ziemlich aktives Diskussionsforum, in dem sie anderen ihre Erfahrungen mit dem Roboter mitteilen oder diskutieren können. So erzählte beispielsweise jemand, wie er seinem Pleo beigebracht hat, auf zwei Beinen zu balancieren. Andere berichteten davon, wie sie ihrem Roboter Tauziehen beigebracht haben, oder wie sie Pleo zum Wachhund ausbildeten, der knurrt, wenn sich etwas vor seiner Nase bewegt. Im Laufe des Jahres 2008 wollen wir diese Community-Site noch weiter ausbauen.

Golem.de: Wie viele Besitzer registrieren denn ihren Pleo?

Hitch: Etwa die Hälfte aller von uns ausgelieferten Pleos sind inzwischen dort registriert.

Pleo: Die Haut macht den Unterschied
Pleo: Die Haut macht den Unterschied
Golem.de: Pleo ist ja nicht der erste tierische Roboter. Es hat ja bereits andere vor ihm gegeben, etwa den Aibo von Sony. Worin unterscheidet sich Pleo von seinen Vorgängern?

Hitch: Da gibt es zunächst den offensichtlichen physischen Unterschied: Pleo ist der erste Roboter mit einer Haut. Das macht ihn unwiderstehlich. Aibo dagegen mit einer Außenhülle aus Plastik und Metall war in erster Linie ein Roboter.

Was die Software anbelangt: Sonys Betriebssystem war sehr gut gemacht. Ich denke, unser Life OS ist dem ebenbürtig. Es ist darauf ausgerichtet, aus Pleo eine solch unwiderstehliche Persönlichkeit zu machen, dass man ihn schließlich wie ein Haustier behandelt. Ich bin nicht sicher, ob Aibo solche Ansprüche erfüllt hat, aber er bleibt ein tolles Stück Technik.

Der letzte Unterschied schließlich ist, dass wir sehr viel Wert darauf legen, dass unsere Software Open Source ist. Wir ermutigen die Entwicklergemeinde aktiv zum Hacken. Das hat Sony meines Wissens nach nicht getan. Es ist passiert, denn die Hacker finden immer einen Weg, in die Software hineinzukommen, aber Sony hat das eben nicht gefördert. Wir betrachten die Community aber als ein entscheidendes Element für unsere Entwicklung. Wir werden sie deshalb unterstützen und werden zukünftige Entwicklung bereitwillig aufnehmen, denn ich bin davon überzeugt, dass wir von ihnen ebenso wie sie von uns lernen können.

Golem.de: Sprechen wir über die wirtschaftliche Seite: Wie viele haben Sie bisher ausgeliefert?

Pleo war ein Renner im US-Weihnachtsgeschäft
Pleo war ein Renner im US-Weihnachtsgeschäft
Hitch: Rund 50.000, das ist praktisch die gesamte Produktion bisher. Davon sind etwa 30.000 bereits in den Geschäften angekommen, die anderen sind noch unterwegs oder in Lagern.

Golem.de: Wo haben Sie die meisten abgesetzt?

Hitch: In den USA, was einfach daran liegt, dass wir sie dort zuerst auf den Markt gebracht haben. Einige haben wir auch schon nach Europa, Japan, Taiwan und China verkauft. Der offizielle Verkaufsstart in Japan wird erst im Jahr 2008 sein. Wir nehmen aber an, dass wir 2008 die meisten Pleos in China verkaufen werden.

Pleo fühlt sich am wohlsten, wenn er gestreichelt wird
Pleo fühlt sich am wohlsten, wenn er gestreichelt wird
Golem.de: Wie wird denn Pleos Nachfolger aussehen?

Hitch: Weil wir nach Investoren gesucht haben, haben wir von Anfang an sehr viele Informationen über Pleo herausgegeben. Inzwischen ist der Markt für die Roboter für zu Hause sehr umkämpft. Spielzeughersteller wie Mattel und Hasbro wollen Roboter in Dinosauriergestalt herausbringen. Deshalb haben wir entschieden, nichts über unsere zukünftigen Entwicklungen mitzuteilen, bevor diese fertig sind. Deshalb haben sie auch alle Codenamen.

Ich kann nur so viel verraten: Unser nächstes Produkt trägt den Codenamen Pinguin - eben weil es gerade kein Pinguin sein wird.

Golem.de: Und wann können wir mit dem Roboter mit dem Codenamen Pinguin rechnen?

Hitch: Mitte 2009.

2008 konzentrieren wir uns in erster Linie auf Pleo. Wir werden "Pinguin" aber noch dieses Jahr vorstellen. Auf den Markt kommen wird er voraussichtlich im Mai 2009.  (wp)


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Links zum Artikel:
Pleoworld (.com): http://www.pleoworld.com/
Ugobe (.com): http://www.ugobe.com

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