Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0803/58082.html    Veröffentlicht: 03.03.2008 11:37    Kurz-URL: https://glm.io/58082

Open Source und Nachhaltigkeit

Vorabveröffentlichung aus dem Open Source Jahrbuch 2008 (Autor Thorsten Busch)

Bereits im fünften Jahr in Folge gibt die Arbeitsgruppe "Open Source Jahrbuch" um Prof. Dr. Bernd Lutterbeck ihr Standardwerk zu Open Source, Open Access und verwandten Themen heraus. Beiträge aus Wirtschaft, Recht und Soziologie sollen einen umfassenden Überblick über die Entwicklung von freier Software und freiem Zugang zu Inhalten geben. Golem.de veröffentlicht vorab daraus einen Aufsatz von Thorsten Busch zum Thema "Open Source und Nachhaltigkeit". Erhältlich ist das Open Source Jahrbuch 2008 ab dem 4. März 2008 unter opensourcejahrbuch.de sowie im Buchhandel.

Open Source und Nachhaltigkeit
[von Thorsten Busch, Institut für Wirtschaftsethik, Universität St. Gallen]

Open Source Jahrbuch 2008
Open Source Jahrbuch 2008
Gute Nachrichten für Weltverbesserer: Open-Source-Software kann dabei helfen, nachhaltig zu wirtschaften. Der Aufsatz zeigt dies anhand der Debatte um den Digital Divide. Zu dessen Überwindung können (und müssen) nicht nur Staaten und Non-Governmental Organizations (NGOs), sondern auch Unternehmen einen entscheidenden Beitrag leisten. Zunächst wird geklärt, was unter Nachhaltigkeit zu verstehen ist und das Problem des Digital Divide erläutert. Um sich der Rolle von Unternehmen in diesem Kontext anzunähern, werden wirtschaftsethische und strategische Konzepte angewandt. Es zeigt sich, dass Nachhaltigkeit mehr ist als Umweltschutz, und dass die hier verwobenen Probleme jeweils nur gemeinsam zu denken sind. Open-Source-Software macht es möglich, Ethik und Geschäft zu verbinden, und zwar integer, nicht opportunistisch.

1 Nachhaltigkeit, ein omnipräsenter, aber unklarer Begriff

Die Grundidee ist simpel: Man schlage nicht mehr Holz, als nachwächst, denn sonst ist irgendwann kein Holz mehr da. Auf diese knappe Formel lässt sich die regulative Idee Nachhaltigkeit bringen, die aus der Forstwirtschaft des frühen 18. Jahrhunderts stammt. Populär wurde der Begriff 'nachhaltige Entwicklung' (sustainable development) in den 1980er-Jahren durch die World Commission on Environment and Development, nach ihrer Vorsitzenden Brundtland-Kommission genannt, sowie durch die Konferenz von Rio 1992 und die daraus folgende Agenda 21. Das Wort nachhaltig ist heute in den Medien omnipräsent, dies heute allerdings inhaltsleer beziehungsweise eher im Sinne von langfristig oder nachdrücklich. Was bedeutet der Begriff also? Die Brundtland-Kommission definiert ihn in ihrem 1987 erschienenen Bericht folgendermaßen: "Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs." (World Commission on Environment and Development 1987, S. 54)

Was zunächst simpel und einleuchtend klingt, erweist sich auf den zweiten Blick als umstrittenes Konzept. Unklar ist etwa, welche Rolle dem Wirtschaftswachstum zukommt. So heißt es im Brundtland-Bericht: "Sustainable development seeks to meet the needs and aspirations of the present without compromising the ability to meet those of the future. Far from requiring the cessation of economic growth, it recognizes that the problems of poverty and underdevelopment cannot be solved unless we have a new era of growth in which developing countries play a large role and reap large benets." (World Commission on Environment and Development 1987, S. 51)

Diese Position wird vielfach vertreten, so etwa auch von der Weltbank in ihrem World Development Report 2003 (vgl. Shalizi 2003). Aus dieser Wachstumsorientierung aber ergibt sich wiederum ein Problem: Da Wirtschaftswachstum nach wie vor an den massiven Verbrauch natürlicher Ressourcen gekoppelt ist und die Umwelt oftmals stark verschmutzt, läuft es dem Ziel intertemporaler Nachhaltigkeit zuwider, zumindest im Bereich der stofflichen Ökonomie. Software als Immaterialgut verbraucht zwar nur indirekt natürliche Ressourcen, es kommt primär auf die Hardware an. Allerdings kann Software ihren Teil zur Ressourceneinsparung beitragen, indem sie etwa die Energiesparfunktionen moderner Chips besser nutzt. Denn wenn die heutige Generation die natürlichen Ressourcen übernutzt, so werden zukünftige Generationen von Menschen selbstverständlich auf jene verzichten müssen - jeder Liter Öl kann eben nur einmal verbraucht werden.

In der Debatte wird außerdem oft davon ausgegangen, Nachhaltigkeit ruhe auf den drei gleichrangigen Säulen Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft, doch werden diese drei Säulen dann in der Praxis häufig gegeneinander ausgespielt, und zwar eben zugunsten einer auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Politik (vgl. Pfriem 2006, Unternehmensstrategien. Ein kulturalistischer Zugang zum Strategischen Management, S. 354-358).

Die Weltbank etwa hält Nachhaltigkeit ohne Wachstum gerade in Entwicklungsländern für unmöglich, was einer auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftspolitik eine klare Priorität einräumt. Die Argumentation lautet dann entsprechend: Erst einmal brauchen wir Wachstum, danach können wir in Umweltschutz investieren, so zu beobachten etwa in China, wo die Umweltprobleme mittlerweile sehr groß sind. Paech (2005) hingegen fasst die fundamental-ökologische Position in dieser Debatte zusammen: "Ernst zu nehmende Zweifel daran, dass die bisherige gesellschaftliche Entwicklung ein tiefes Ungleichgewicht zu Lasten ökologischer Erfordernisse hervorgebracht hat, dürften [...] kaum mehr bestehen. Damit wäre [...] ökologischen Belangen auf nicht absehbare Zeit eine Priorität einzuräumen." (Peach 2005, Nachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum, S. 94)

Wie Paech (2005) zeigt, ist es allerdings verfehlt, die drei genannten Dimensionen Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft als Ziele von Nachhaltigkeit zu sehen. Das Ziel ist vielmehr das sogenannte Übertragbarkeitskriterium: Nachhaltig ist eine Entwicklung dann, wenn nicht nur die Bedürfnisse von heute auch morgen noch erfüllbar (intertemporale Dimension), sondern die Ressourcen von heute auch gerecht auf dem Globus verteilt sind (intratemporale Dimension). Lebens- und Wirtschaftsstile müssen also zeitlich und räumlich übertragbar sein. Und aus diesem Ziel ergeben sich dann konkrete Handlungsfelder, in denen versucht werden muss, Wachstumszwänge abzubauen, nämlich Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft (vgl. Paech 2005, S. 96).

Was heißt das für die IT-Branche? Zunächst einmal dürfte klar sein, dass Computerhardware eine enorme Umweltverschmutzung verursacht. Die Herstellung eines Rechners verbraucht endliche Ressourcen wie etwa Edelmetalle, es wird viel Energie bei der Produktion aufgewandt, und schließlich braucht man Strom, um mit einem Computer zu arbeiten. Und dieser Energieverbrauch steigt immer weiter an: So hat sich etwa der Stromverbrauch US-amerikanischer Server von 2000 bis 2005 auf fast 45 Milliarden Kilowattstunden verdoppelt, was einem Anteil von 1,2 Prozent am gesamten Stromverbrauch der USA entspricht. Weltweit verbrauchten Server im Jahr 2005 insgesamt 123 Milliarden Kilowattstunden Energie im Wert von 7,3 Milliarden US-Dollar.

Ist ein Computer eines Tages am Ende seiner Lebensdauer angelangt und nicht mehr einsatzfähig, muss man einige Kilo Sondermüll entsorgen. Und da heutige Software mit immer aufwendigeren Grafiken und Multimedia-Inhalten nach immer mehr Hardwareressourcen verlangt, gehören PCs auch schneller zum alten Eisen: So kommentierte Greenpeace zur Einführung von Windows Vista, man befürchte, es werde nun zu einer Flut von Elektroschrott kommen. Würde man also weltweit jeden Menschen mit einem handelsüblichen PC ausstatten, ergäben sich die gleichen Probleme, die jetzt schon im Automobil-Sektor zu begutachten sind. Mit einem nachhaltigen Wirtschaftsstil hätte dies nichts mehr zu tun. Daher ist es zu begrüßen, dass mit der Debatte um den Klimawandel auch das Stichwort Energieeffizienz auf die Agenda der IT-Branche gesetzt wird. Hersteller wie Intel und AMD versuchen heute nicht mehr, einfach nur mehr Leistung aus ihren Chips zu gewinnen, sondern mehr Leistung pro Watt. Und auch Softwareanbieter haben erkannt, dass sie helfen können, Strom zu sparen, so zum Beispiel Novell mit seiner Energieefzienzinitiative. Auch auf der CeBIT im Jahr 2007 war Energieeffizienz ein großes Thema und viele Unternehmen haben versucht, damit zu werben, so etwa Google, Dell und AOL (vgl. Riedl 2007, "Ein Baum für jeden Rechner", Süddeutsche Zeitung vom 15. März 2007). Darüber hinaus ist es laut dem Freiburger Öko-Institut wahrscheinlich, dass in den kommenden Jahren das Fair-Trade-Prinzip zunehmend auch auf Computer angewandt werden wird. Und neben einer Strategie der Technikvermeidung lassen sich auch Innovationen nutzen, um den Ressourcenverbrauch mittels effizienterer Technik zu minimieren.

2 Digital Divide: die digitale Spaltung der Welt

So weit, so gut. Aus dem Übertragbarkeitskriterium folgt allerdings, dass Nachhaltigkeit mehr ist als Umweltschutz, es geht auch um gerecht verteilte Lebenschancen. Schaut man sich etwa die Zugangsmöglichkeiten und die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie (engl. Information and Communication Technology, kurz ICT) auf dem Globus an, zeigt sich, dass viele Staaten weit entfernt sind vom Niveau der reichen Länder innerhalb der OECD. Dort macht sich seit einigen Jahren der Glaube breit, man lebe im digitalen Zeitalter, das unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet, artikuliert durch omnipräsente Begriffe wie etwa Wissensgesellschaft. Schrempp (1999, Globalisierung als Chance, in Internationale Politik, S. 13) fasst diese Idee so zusammen: "Jeder kann von jedem Ort der Welt und jederzeit auf das weltweit verfügbare Wissen zurückgreifen."

In der Realität sieht die Lage allerdings nicht so rosig aus. Etwa zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Elektrizität, vom weltweiten Datennetz und seinen Wissensbeständen ganz zu schweigen. So sind die Kosten für den Zugang zu Information in vielen Entwicklungsländern enorm hoch. Um nur ein Beispiel zu nennen: Während ein Nutzer in den USA im Jahr 2000 lediglich 1,2 Prozent des dortigen durchschnittlichen Monatseinkommens für den Zugang zum Internet aufwenden musste, waren es laut dem United Nations Development Programme (UNDP) in Bangladesch 191 Prozent, in Nepal 278 Prozent und in Madagaskar sogar 614 Prozent (vgl. Nuscheler 2005, Entwicklungspolitik, in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, S. 58-60). Aktuelle Daten über den Digital Divide liefert die International Telecommunication Union (ITU), das für ICT-Fragen zuständige UN-Gremium mit Sitz in Genf. In einem neuen ITU-Bericht wird der so genannte ICT Opportunity Index berechnet anhand von zehn Indikatoren, die zeigen, wie fortgeschritten beziehungsweise abgehängt die Staaten der Welt in Fragen der Informations- und Kommunikationstechnologie sind. Erwartungsgemäß führen die Staaten der OECD, wie etwa Schweden, die Liste an, während am Ende die ärmsten afrikanischen Staaten und Afghanistan zu finden sind.

Dieser Digital Divide, der digitale Graben, verläuft aber nicht nur zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, sondern auch innerhalb der Entwicklungsländer. Der Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien ist dort höchst ungleich verteilt: zwischen Stadt- und Landbevölkerung, finanziell privilegierten Minderheiten und der armen Mehrheit der Bevölkerung, zwischen den Geschlechtern sowie schließlich zwischen denen, die Fremdsprachen sprechen und jenen, die mangels Sprachkompetenz den Großteil der Informationen im Internet nicht verstehen können, denn zwei Drittel der Netzinhalte sind in englischer Sprache verfasst (vgl. Nuscheler 2005, S. 61). Dabei ist natürlich zu bedenken, dass Analphabetismus in Entwicklungsländern oft weit verbreitet ist. Hier muss als erste Stufe also das Lesen gelehrt werden, dann erst können Bürger in Entwicklungsländern tatsächlich die Vorteile des weltweiten Datennetzes nutzen. Die Welt teilt sich in diesem Sinne in drei Lager, nämlich: Während eTigers wie Brasilien, China und Indien gute Chancen haben, zu den führenden Nationen aufzuschließen, drohen die eLosers immer weiter zurückzufallen, obwohl es auch hier Fortschritte gibt. Die digitale Exklusion verschärft insgesamt die bereits bestehenden Entwicklungsunterschiede auf dem Globus, zumal heute weltweit ein Strukturwandel hin zu stärker wissensbasierten Ökonomien stattfindet, an dem die eLosers nicht teilhaben können (vgl. Nuscheler 2005, S. 61). So stellt auch die Weltbank in ihrem World Development Report 1998 fest: "Knowledge is critical for development, because everything we do depends on knowledge", (Dahlman 1998, S. 16). Ein weiteres Problem, das die digitale Kluft zwischen Nord und Süd vergrößert, ist der Brain Drain: Gut ausgebildete IT-Fachkräfte verlassen die Entwicklungsländer und suchen ihr Glück in den Industrieländern (vgl. Nuscheler 2005, S. 58-60). Somit stellt sich die Frage, ob die Entwicklungsländer den Sprung in die Informationsgesellschaft schaffen oder ob sie noch weiter abgehängt werden (vgl. Afemann 2000, Springt die Dritte Welt ins Informationszeitalter?, in Internationale Politik 10, S. 23-30).

In der politischen Debatte haben sich inzwischen die Termini Access to Knowledge samt der einschlägigen Abkürzung "A2K" sowie "Information and Telecommunication Technologies for Development" (ICT4D) eingebürgert. Doch politische Erfolge bleiben bescheiden trotz vieler internationaler Initiativen und großer Kongresse unter Beteiligung der Zivilgesellschaft wie des World Summit on the Information Society (WSIS) von 2003 in Genf und 2005 in Tunis. Zu den weiteren Initiativen und Konferenzen der vergangenen Jahre gehören daneben unter anderem der World Congress on Communication for Development (2006), die Wizards of OS (2006), die United Nations ICT Task Force, die UN Commission on Science and Technology for Development, das UNDP-APDIP International Open Source Network sowie etwas weiter gefasst das UN Internet Governance Forum und die World Intellectual Property Organization (WIPO).

Dies liegt nicht zuletzt an der sehr unübersichtlichen Gemengelage unterschiedlicher Interessen: So forcieren etwa Unternehmen und Industrienationen restriktive Copyright-Regime, während geistiges Eigentum in den meisten Ländern der Welt ein völlig unbekanntes Konzept ist (vgl. Kleinwächter 2004, Macht und Geld im Cyberspace: Wie der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft [WSIS] die Weichen für die Zukunft stellt). Entwicklungsländer hingegen fordern möglichst kostenlosen Zugang zu Information und Wissen, unterstützt von vielen NGOs, unter anderem: Die USA wollen ihrerseits die Kontrolle über die Infrastruktur des Internets nicht aufgeben, während deren Legitimität weltweit immer mehr angezweifelt wird, ähnlich derjenigen der ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat (vgl. zur Debatte um legitime Internet Governance etwa Zürn und Mayer 2007, Regulation und Legitimation im Internet, techn. Bericht, Sonderforschungsbereich 597 Staatlichkeit im Wandel). Es sind hier also alle Akteure und Probleme vertreten, die Global Governance heute aus- und kompliziert machen. Ergebnisse des WSIS sind unter anderem zwei neue Organisationen, nämlich die Global Alliance for ICT and Development und der finanziell bisher äußerst bescheiden ausgestattete Digital Solidarity Fund, deren Ziel darin besteht, bis 2015 die Hälfte der Weltbevölkerung ans Netz zu bringen (vgl. Kleinwächter 2004).

Der bloße physische Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien garantiert aber noch keinen Ausweg aus der Krise. Schlagworte wie "Social Inclusion" und "Real Access" drücken aus, dass der Zugang auch tatsächlich vor Ort praktischen Nutzen bringen muss (vgl. Richter 2006, Fair Code. Freie/Open-Source-Software und der Digital Divide, im Open Source Jahrbuch 2006). Entwicklungshilfeorganisationen betrachten den Zugang zum Internet heute nicht mehr nur quantitativ, sondern qualitativ: Es hilft eben nicht automatisch, nur Technik zur Verfügung zu stellen, man muss auch wissen, wozu sie eigentlich gut sein soll. Rishab Ghosh brachte dies auf der Berliner Konferenz Wizards of OS im September 2006 auf den Punkt: "It's not enough to just drop tech on people." Es geht nicht primär darum, immer mehr Ressourcen in ICT zu stecken, sondern die Ressourcen gut zu nutzen und das heißt: im Sinne nachhaltiger Entwicklung, weltweit und direkt vor Ort.

3 Mehr als Umweltschutz: informationelle Nachhaltigkeit

Über den Umweltschutz hinaus hat Nachhaltigkeit im Kontext des Digital Divide noch weitergehende Bedeutung: Software und Informationstechnologie können Mittel sein, nachhaltige Entwicklung zu fördern, indem sie bestimmte Lebens- und Wirtschaftsstile ermöglichen beziehungsweise Fehlentwicklungen verhindern. So bieten moderne Informations- und Kommunikationstechnologien etwa die Möglichkeit des leapfrogging - Entwicklungsländer könnten gewisse Stufen industrieller Entwicklung auslassen und gleich stärker auf den Dienstleistungssektor setzen, was auch der Umwelt zugute käme. Auch in zunächst eher IT-fern wirkenden Branchen wie der Ernährungsindustrie hilft eine gute Informationslage, nachhaltig zu wirtschaften, denn vielfach zerstört die Landwirtschaft in Entwicklungsländern ihre eigene Lebensgrundlage und dies geschieht häufig, weil Bauern nicht hinreichend informiert sind über die ökologischen und ökonomischen Folgen ihres Tuns. In Indien beschäftigt die Regierung daher Berater, die Bauern per Internet und E-Mail wertvolle Tipps für die Feld- und Viehwirtschaft geben (vgl. Steinberger 2006, Grundlagen der Unternehmensethik). Analog dazu sind viele Fälle denkbar, in denen Information und Wissen einen nachhaltigen Umgang in den drei Feldern Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft ermöglichen.

Dafür müssen Informationen aber auch frei fließen können. Und in dieser Frage gibt es zurzeit große Konflikte zwischen Industrie- und Entwicklungsländern sowie zwischen den westlichen IT- und Medienkonzernen und der globalen Zivilgesellschaft. Grassmuck fordert daher in diesem Zusammenhang eine informationelle Nachhaltigkeit. Er zeigt, dass freie Software und freies Wissen heute durch restriktive Copyright-Regime, Softwarepatente und die kommerziellen Interessen der Rechteverwertungsindustrie enorm beschränkt werden (vgl. Grassmuck 2004, Freie Software zwischen Privat- und Gemeineigentum, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 458, S. 162-176). Er lehnt seine Argumentation dabei an die Feststellung des Stanford-Verfassungsrechtlers Lawrence Lessig an, wonach es im Grunde vier Arten gibt, Verhalten zu steuern, nämlich durch soziale Normen, Recht, Märkte und Architektur, wobei Letzteres nicht auf Wohnraumgestaltung anspielt, sondern auf technische Designs, die mehr oder weniger Handlungsspielraum ermöglichen. Beispiele für einen derart verstandenen Architekturbegriff sind etwa der Kopierschutz einer DVD oder die offenen Protokolle des Internets. Nach Lessig (vgl. 1999, Code and other laws of cyberspace, S. 90) kommt es darauf an, wie diese vier Arten der Verhaltenssteuerung zusammenwirken, also auf deren Nettoeffekt.

Heute steht zu befürchten, dass die marktliche, juristische und architektonische Steuerung die Nutzungsmöglichkeiten von Wissen und Kultur immer mehr einzuengen droht, indem die Nutzung und das Kopieren von Kulturgütern zunehmend kriminalisiert und technisch verhindert werden, denn die Architektur eines Informationssystems bestimmt maßgeblich darüber mit, was man mit diesem machen kann und darf. Daher stellt Lessig (1999) fest: Code is law.

Aus Sicht sozialer Normen hingegen ist es in den meisten Gesellschaften beispielsweise erlaubt, Musik oder Lehrbücher zu kopieren. Die Idee, geistiges Eigentum schützen zu müssen, ist ein Phänomen westlich geprägter Aufklärung, während Konzepte à la Copyright in den meisten Entwicklungsländern völlig unbekannt sind. Gerade im Bereich digitaler Informationsgüter ist dies höchst relevant, da praktisch jede Nutzung eines Internetinhalts gleichzeitig dessen Kopie ist, so etwa bei Musik oder Videos. Regierungen, Verbraucherschutz-Verbände, Rechteverwertungsindustrie und NGOs streiten daher zum Beispiel im Rahmen der World Intellectual Property Organisation (WIPO) um die Regulierung solcher Inhalte.

4 Nachhaltige Unternehmensstrategien, Ethik und Open Source

Es ist sicherlich gut, wenn NGOs und Politik sich des Digital Divide annehmen - nur reicht dies offenbar angesichts der bisherigen Ergebnisse nicht. Denn diejenigen Akteure, die heute den vielleicht größten Einfluss darauf haben, den Digital Divide zu verkleinern, sind Unternehmen. Sie treten in mindestens zwei Rollen auf: einerseits als diejenigen, die einer Lösung am meisten im Wege stehen, andererseits gerade als Helfer von Politik und Zivilgesellschaft.

Einerseits sind es nämlich westliche Großkonzerne, die versuchen, ihr Geschäftsmodell weltweit zu verteidigen. Und dies besteht nun einmal häufig darin, Geld mit Lizenzen und Rechten zu verdienen. Von daher müssen diese Konzerne der Idee informationeller Nachhaltigkeit skeptisch gegenüberstehen und mittels Recht, Lobbying und den anderen von Lessig beschriebenen Mitteln an ihren proprietären Mechanismen festhalten. Das führt aber dazu, dass diejenigen, die heute nicht an der Informationsgesellschaft teilhaben, dies auch zukünftig nicht können werden.

Andererseits gehen viele Firmen mittlerweile einen anderen Weg: Immer mehr Konzerne wie Google, IBM, Sun und HP sowie viele kleine IT-Firmen und natürlich die klassischen Linux-Distributoren à la Red Hat bieten Open-Source-Software an oder investieren in diese und verdienen damit Geld. Gleichzeitig wird es durch das "Prinzip Open Source" und die entsprechenden Lizenzen möglich, einen Kapitalstock von Wissen und Quellcode aufzubauen, auf den weltweit jedermann zugreifen kann (vgl. Ghosh 2006 sowie Richter 2006 und Otter 2006). Beispiele hierfür sind Wikipedia und der Linux-Kernel. Sie sind Teil einer Allmende, allerdings ohne die typischen Probleme einer Allmende, denn Software und Wissen werden nicht verbraucht, wenn man sie nutzt (vgl. Grassmuck 2004). Metaphorisch gesprochen: Der Topf wird nicht geleert, sondern immer voller (vgl. Ghosh 1998). Es ist also für Unternehmen durchaus möglich, mit Open-Source-Software Gewinn zu machen und gleichzeitig ein Wissensreservoir aufzubauen, aus dem sich potenziell jeder Bürger auf dem Globus frei bedienen kann. Dadurch wiederum werden ganz neue Möglichkeiten für Bildung, Gesellschaft und Wirtschaft in Entwicklungsländern erschlossen. So zumindest die Utopie - dass dies eine in der Praxis sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit ist, dürfte klar sein. Alphabetisierung, Good Governance, Infrastruktur und vieles mehr sind Probleme, die Entwicklungsländer lösen müssen, bevor ihre Bürger von einer solchen Wissensallmende protieren können.

Dies heißt aber natürlich nicht, dass die Idee als solche schlecht wäre, und außerdem deutet die Entwicklung in der Praxis bereits heute vielfach in diese Richtung: So ist es etwa das Ziel der von Sun Microsystems gegründeten Sun Foundation, den Digital Divide zu überwinden, und auch das International Business Leaders Forum und das World Economic Forum widmen sich dem Digital Divide. Viele Firmen spenden Hardware und Lizenzen für ihre proprietäre Software an Bildungsinstitute in Entwicklungsländern, so dass diese damit arbeiten können. Diese Art von Spendenethik reicht allerdings nicht aus: Weil man proprietäre Software nur zu ihrem ursprünglichen Zweck nutzen und sonst nichts weiter damit machen kann, ist der positive Effekt in Entwicklungsländern nicht so hoch wie bei freier Software. Diese kann man untersuchen, daraus lernen, sie verändern und genau das ist der entscheidende Vorteil: Freie Software bevormundet niemanden, sondern bietet die Möglichkeit, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten (vgl. dazu auch Ulrich 2004, Zivilisierte Marktwirtschaft. Eine wirtschaftsethische Orientierung).

Wenn freie Software so viele Vorteile für Entwicklungsländer bietet, dann folgt daraus allerdings, dass proprietäre Software aus volkswirtschaftlicher beziehungsweise entwicklungspolitischer Sicht eher zu vermeiden ist. Da proprietäre Software die Freiheit der Nutzer einschränkt, da sie Unternehmen und Staaten zu einer Art Kaltem Krieg um Patente und Schutzrechte nötigt, da sie ihre Kunden abhängig vom Hersteller macht, kann man daher fordern, IT-Unternehmen müssten vermehrt oder gar nur noch Open-Source-Software anbieten?

Man kann, jedenfalls aus wirtschaftsethischer Sicht. In diesem Feld gibt es eine enorme Bandbreite an Positionen. Doch egal, ob man nun aus pflichten- oder tugendethischer Perspektive oder eher aus institutionen- oder individualethischer Sicht argumentiert: Einig ist sich die Disziplin darin, dass Unternehmen auch eine soziale Verantwortung haben und nicht nur eine ökonomische. Nach Peter Ulrichs Konzeption von Corporate Citizenship sind Unternehmen eingebettet in die Gesellschaft, was bei transnationalen Konzernen natürlich heißt, dass sie global in viele Gesellschaften eingebettet sind. Viele Unternehmen behaupten in den letzten Jahren gern von sich selbst, ein "good corporate citizen" zu sein. Nach Ulrich bedeutet das, dass sie Teil einer Gemeinschaft freier und gleicher Bürger sind, woraus sich allerdings nicht nur Rechte ergeben, sondern auch gegenseitige Pflichten beziehungsweise moralische Verbindlichkeiten. Erlaubt ist demnach, was legitim ist, was also durch gute Gründe die Zustimmung der anderen Bürger finden kann.

Wollten IT-Unternehmen also wirklich "good corporate citizens" sein, müssten sie eigentlich sogar von selbst darauf kommen, quelloffene Software anzubieten. Auf der Ebene ihrer eigenen Geschäftsethik müssten sie erkennen, dass ihre um proprietäre Software kreisenden Geschäftsmodelle anderen schaden. Daraufhin müssten sie versuchen, die Spielregeln ihrer Branche so zu verändern, dass dieser Schaden behoben wird beziehungsweise dass alle Beteiligten nicht weiter unter dem Druck stehen, an egoistischem Verdrängungswettbewerb teilnehmen zu müssen. Unternehmen tragen also eine ordnungspolitische Mitverantwortung dafür, dass der Digital Divide überwunden wird. Viele kommerzielle Softwareanbieter tragen aber eher dazu bei, den Status quo zu zementieren.

Entscheidendes Argument ist hier aber die Zumutbarkeit: Würden IT-Unternehmen nur noch Open-Source-Software anbieten, so würde mancher Konzern zunächst wohl einen Großteil seines Umsatzes einbüßen, wenn sein Geschäftsmodell davon lebt, Lizenzen zu verkaufen. Aber Geschäftsmodelle sind wandelbar, und auch freie Software erlaubt es, Geld zu verdienen, die Geschäftsmodelle und -strategien sind nur andere (vgl. Wichmann 2005, Linux- Und Open-Source-Strategien). Die Frage, ob ein IT-Unternehmen die Quellen seiner Produkte offenlegt, wird so in Anlehnung an Ulrich zum Lackmustest dafür, ob es wirklich ein "good corporate citizen" ist oder dies bloß zu sein behauptet (vgl. Ulrich 2005, Zivilisierte Marktwirtschaft. Eine wirtschaftsethische Orientierung, S. 155 f.). Dies ist kein Gegensatz zu einer erfolgreichen Geschäftsstrategie, was man an Sun und seinem Engagement für OpenOffice.org erkennen kann. Von diesem Projekt profitieren alle Beteiligten außer Microsoft. Redmond klammert sich, wie andere Firmen auch, noch immer an sein traditionelles Geschäftsmodell. Dahinter steckt möglicherweise die Angst, das eigene Geschäftsmodell aus Mangel an Alternativen mit allen Mitteln verteidigen zu müssen. Dies tangiert die Frage nach der Unternehmensidentität nicht nur von Microsoft, sondern von allen Unternehmen in diesem Sektor: Sie verstehen sich als Anbieter proprietärer Softwareprodukte; daraus ergibt sich zwangsläufig das Problem, die Produkte verteidigen zu müssen, weil von ihnen die Lizenzeinnahmen abhängen.

Unternehmen können sich aber auch verstehen in ihrer sozialen Funktion als Informations- und Kommunikationsdienstleister. Solche von der Funktion eines Unternehmens her verstandenen Dienstleistungen determinieren nicht die Unternehmensidentität und das Geschäftsmodell in Richtung bestimmter Produkte, sondern erlauben es, sehr viel kreativer und flexibler zu denken und zukunftsoffen unternehmerisch tätig zu sein (vgl. Jantsch 1973, Unternehmung und Umweltsysteme, in "Systemorientiertes Management"; Pfriem 2006, Unter nehmensstrategien. Ein kulturalistischer Zugang zum Strategischen Management, S. 279-282).

Und gerade dies ist es, was das strategische Management ausmacht: Es ist nicht die Frage, wie ein Unternehmen sich bestmöglich an gegebene zukünftige Entwicklungen anpassen kann, sondern vielmehr, wie es diese mitgestaltet. Der technische, ökonomische und kulturelle Fortschritt ist nicht vorbestimmt, sondern ergibt sich erst aus dem Zusammenspiel aller gesellschaftlichen Akteure. Unternehmen sind einer davon, und in diesem Sinne gilt: Unternehmensstrategien sind kulturelle Angebote an die Gesellschaft (Pfriem 2004, Unternehmensstrategien sind kulturelle Angebote an die Gesellschaft, in "Perspektiven einer kulturwissenschaftlichen Theorie der Unternehmung"). Und wir alle haben es als Teil dieser Gesellschaft in der Hand, dazu beizutragen, den Digital Divide zu vermindern und eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. [von Thorsten Busch]  (ji)


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