Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0802/58071.html    Veröffentlicht: 29.02.2008 16:41    Kurz-URL: https://glm.io/58071

VMware: "Es werden einige Gewinner zurückbleiben"

Virtualisierungsspezialist sieht veränderte Wettbewerbssituation gelassen

Der Virtualisierungsmarkt bewegt sich. Nach dem erfolgten beziehungsweise bevorstehenden Markteintritt von Citrix, Oracle und Microsoft könnte auch das Geschäft für VMware härter werden. Doch der Anbieter sieht die Lage gelassen und verlässt sich auf seine Erfahrung.

Es gab eine Zeit, da konnten Virtualisierung und VMware fast synonym verwendet werden. Doch der Markt ist im Umschwung. Citrix hat mit XenSource den Entwickler des freien Hypervisors Xen übernommen; Oracle ist seit Ende 2007 mit einer eigenen Virtualisierungslösung dabei, die auch auf Xen setzt; Sun nutzt gleichfalls eine Xen-Variante und Microsoft wird die fertige Version seines Hypervisors Hyper-V noch 2008 nachliefern - Windows Server 2008 enthält so lange eine Vorabversion.

Man könnte also meinen, dass die Chefetage im Hause VMware langsam nervös wird. Zumindest nach außen hin ist dem aber nicht so. "Wir haben einige Jahre Erfahrung in dem Geschäft und die Kunden wissen um die Verlässlichkeit unserer Software", sagte Raghu Raghuram, Vice President of Products and Solutions bei VMware auf der VMworld Europe in Cannes.

Microsoft hat einen geschickten Schachzug gemacht, indem der Hyper-V genannte Hypervisor Teil von Windows Server 2008 ist - innerhalb von 180 Tagen nach Erscheinen des neuen Betriebssystems soll die fertige Version vorliegen. Dabei gibt es Windows Server 2008 zwar auch ohne den Hypervisor, der Preisunterschied, der durch Verzicht auf die Virtualisierung entsteht, ist mit gerade einmal 28,- US-Dollar jedoch verschwindend gering. Raghuram lässt das Argument jedoch nicht gelten, dass die Hyper-V-Bündelung mit Windows zu einer stärkeren Verbreitung führt. Während Microsoft auf die Softwarebindung setze, konzentriere sich VMware auf die Hardwarebindung. Erst vor wenigen Tagen kündigten die großen Hersteller an, ihre Servermodelle künftig mit VMwares Embedded-Hypervisor ESX 3i anzubieten.

Kunden könnten also Windows kaufen und hätten eine Virtualisierungsoption oder einen Server und erhielten dann eine andere, so Raghuram. Microsoft argumentiert unter anderem mit den Kosten. Eine Kombination aus Windows Server Enterprise und der Verwaltungslösung System Center inklusive Support sei über 40.000 US-Dollar günstiger als die Lösungen Virtual Infrastructure Enterprise und Virtual Center von VMware, erzählt Zane Adam, Senior Director of Virtualization Strategy bei Microsoft. Die Kalkulation bezieht sich dabei auf ein VMware, das oberhalb von Windows Server Enterprise läuft. VMwares Ragu Raghuram widerspricht Microsofts Darstellung jedoch: Auf den ersten Blick erscheine Microsofts Lösung zwar billiger, jedoch könne man mit VMwares Produkten mehr virtuelle Maschinen auf einem Host einrichten, womit der Preis pro virtuellen Server günstiger sei als bei der Konkurrenz aus Redmond.

Microsoft argumentiert weiter für das eigene System Center, da sich mit diesem auch physische Maschinen, Applikationen und verschiedene Hypervisor - anfangs zusätzlich zu Hyper-V der VMware ESX Server - verwalten lassen. VMware entgegnet hier, dass für Kunden Funktionen wie Load Balancing, High Availability, Lifecycle-Managment und Automatisierung viel wichtiger seien. Microsoft plant so etwas für die Zukunft. "Mit Microsoft ist in Zukunft immer alles möglich", sagt Raghuram. Dies solle man nicht als Microsoft-Bashing missverstehen, doch interessant sei nur, was jetzt ginge, nicht was für die Zukunft geplant ist, so Raghuram.

Verwirrung herrscht auf dem Markt derzeit aber ohnehin. Zwar hat VMware mit dem Lifecycle Manager ein Produkt, das sich die Kontrolle der Lebensdauer von virtuellen Maschinen auf die Fahne schreibt. Ganz so stimme dies aber nicht, erläutert David Lynch von der noch jungen kanadischen Firma Embotics. So sei es mit dem Lifecycle Manager nicht möglich, tatsächlich das Leben einer virtuellen Umgebung von der Geburt bis zum Tod festzulegen und automatisch ablaufen zu lassen. Der eigene V-Commander hingegen könne unter anderem dies und etwa auch die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen virtuellen Maschinen verfolgen, ihnen Richtlinien aufzwängen und sie nach bestimmten Regeln automatisch einrichten und löschen. Laut Lynch gibt es momentan am Markt kein anderes Produkt, das tatsächlich den Lebenszyklus so weitgehend überwachen kann.

Microsoft hat unter anderem IDC-Zahlen vorzuweisen, die davon überzeugen sollen, dass Hyper-V eine rasante Verbreitung bevorsteht. Bis 2010 sollen nach Angaben der Marktforscher die meisten der derzeit auf früheren Windows-Versionen laufenden Server eine Migration auf Windows Server 2008 hinter sich haben - plus die zusätzlichen Lizenzverkäufe, die Windows' Verbreitung weiter vergrößern. "All diese Kunden haben dann Hyper-V", meint Zane Adam. Allerdings geht er trotzdem nicht davon aus, dass dies ein Problem in Sachen Wettbewerbsverzerrung werden könnte, wie es die Europäische Union Microsoft nicht zum ersten Mal vorwerfen würde. Erstens hätten Kunden ja die Freiheit, Windows Server ohne Virtualisierung zu nehmen und zweitens würden die Linux-Distributoren dasselbe doch bereits mit Xen machen. Es sei also kein neuer Ansatz, das Betriebssystem inklusive Virtualisierungstechnik zu verkaufen.

Raghu Raghuram lässt sich von den IDC-Zahlen nicht beeindrucken. Schließlich habe Microsoft schon immer viel in sein Betriebssystem gepackt, dies würde aber nicht zwangsläufig von allen Kunden eingesetzt, kommentiert er die Prognose. "Die Kunden sind schlau", fährt er fort, "sie können erkennen, was für sie wichtig ist. Und: Virtualisierung ist uninteressant. Interessant ist, was ich damit verwirklichen kann."

Dasselbe gelte für Oracle. Es sei immerhin noch gar nicht so lange her, dass Oracle ankündigte, den Linux-Markt anführen zu wollen. Geändert habe sich de facto aber nichts und so werde es auch bei der Virtualisierung sein, gibt sich Raghuram überzeugt. Der Sinn liege zudem nicht darin, alles von Oracle zu erhalten, sondern die Verwaltung der eingesetzten Anwendungen zu vereinfachen. Gerüchte, nach denen Oracle seine Datenbank virtualisiert nur in der eigenen Xen-Variante unterstützen wolle, seien ebenfalls nicht richtig. Viele von VMwares Kunden würden Datenbanken in virtuellen Umgebungen laufen lassen und diese könnten tatsächlich Support für ihre Oracle-Datenbank von Oracle erhalten. Raghuram verleiht seiner vorherigen Aussage nochmals Nachdruck: "Virtualisierung ist wichtig, aber andere Werkzeuge rund um diese Lösungen sind ebenfalls wichtig. Virtualisierung alleine reicht daher nicht."

Wie auch immer der Wettbewerb zwischen VMware, Microsoft und Oracle den Markt verändern wird - sicher ist, dass sich 2008 einiges bewegen wird. Aber nicht nur durch zusätzliche Konkurrenz, sondern auch durch den Eintritt anderer Firmen in den Markt - den Anfang machte gerade Novell mit dem Kauf von Platespin, der sicher als Startschuss für ähnliche Ereignisse gewertet werden darf. Auffällig ist jedoch noch etwas anderes: Citrix und die anderen Anbieter, die auf Xen-Virtualisierung setzen, spielen noch keine große Rolle. Viele Anbieter von Automatisierungssoftware und Ähnlichem unterstützen derzeit nur VMware, teilweise auch schon Microsoft. Xen hingegen beachten viele noch nicht, einige sind sich noch nicht einmal sicher, ob sie Xen in Zukunft überhaupt unterstützen werden. Allgemeiner Tenor auf der VMworld Europe 2008: Es gebe im Geschäftsumfeld keinen Bedarf für Lösungen rund um Xen. VMwares Chef-Forscher und Mitbegründer Dr. Mendel Rosenblum ließ während eines Pressegesprächs ferner zwischen den Zeilen durchblicken, dass Paravirtualisierung - in der Xens Anfänge liegen - in Zukunft keine Rolle mehr spielen wird.

VMware jedenfalls sieht die zunehmende Konkurrenz ohne Angst, schließlich sei es im Virtualisierungsbereich wie in vielen anderen Softwarebereichen, wo sich ebenfalls erst langfristig herauskristallisierte, wer eine Rolle spielt. Raghuram bringt es auf den Punkt: "Am Ende werden einige Gewinner zurückbleiben."  (js)


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Citrix (.com): http://www.citrix.com
Embotics (.com): http://www.embotics.com/
Microsoft: http://www.microsoft.de
Microsoft (.com): http://www.microsoft.com
Oracle: http://www.oracle.de
Oracle (.com): http://www.oracle.com
VMware: http://www.vmware.de/
Vmware (.com): http://www.vmware.com

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