Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0802/58035.html    Veröffentlicht: 28.02.2008 12:43    Kurz-URL: https://glm.io/58035

Für den Futurologen Ray Kurzweil sind virtuelle Welten real

Spiele- und Computerprognosen von der GDC 2008

Die Computer beginnen 2010 optisch zu verschwinden, 2029 schaffen sie den Turing-Test - meint zumindest der renommierte Erfinder, KI-Experte und Zukunftsforscher Raymond "Ray" Kurzweil. Im Rahmen der GDC 2008 in San Francisco hatte Kurzweil vor rund 2.000 Spieledesignern seinen Ausblick auf die "nächsten 20 Jahre der Spiele" dargelegt.

Raymond 'Ray' Kurzweil auf der GDC 2008
Raymond 'Ray' Kurzweil auf der GDC 2008
Da es sich um einen abgewandelten Standardvortrag von ihm handelte, kamen auch die Computer an sich und weitere Themen wie die menschliche Lebenserwartung nicht zu kurz: Letztere steige demnächst um 0,7 Jahre pro Jahr. Aber auch die Energieversorgung solle bald kein Problem mehr darstellen. Anfang der Neunziger sah Kurzweil beispielsweise, ausgehend vom ARPAnet - also dem Internetvorläufer - ein weltweites Internet mit Hunderten von Millionen Nutzern voraus.

In der englischsprachigen Wikipedia gibt es eine recht gute Übersicht über seine bisherigen Prognosen. Kurzweil wurde vom Wall Street Journal als "rastloses Genie" und vom Inc. Magazine als "Erbe Thomas Edisons" beschrieben, hat Preise wie den MIT-Lemelson Prize eingeheimst und die National Medal of Technology verliehen bekommen. Kurzweil besitzt 15 Ehrendoktorwürden und wurde von drei US-Präsidenten geehrt. Sein aktuelles Buch heißt "The Singularity is Near".

Kurzweil ist das, was man einen VIP-Forscher nennen kann: Er ist ein Pionier der optischen Texterkennung, Sprachsynthese, elektronischen Musikinstrumente und gilt als Experte für künstliche Intelligenz sowie Zukunftsforschung. Außerdem vertritt er die Ansicht, dass die technische Entwicklung den Menschen unsterblich machen kann. Bis Nanobots und Cybernetik so weit sind, um den "Transhumanismus" zu realisieren, versucht er sein Leben durch eine spezielle Ernährung zu verlängern, die jedoch manche Mediziner und Ernährungswissenschaftler als riskant einstufen.

Ray Kurzweil über die Entwicklung der Transistor-Preise
Ray Kurzweil über die Entwicklung der Transistor-Preise
Seinen GDC-Vortrag begann Ray Kurzweil mit einigen schmissigen Formulierungen der Sorte "KI ist echte Intelligenz und virtuelle Realität ist echte Realität!". Ein Telefonat sei vergleichbar mit dem Treffen von Online-Avataren. Denn schließlich käme niemand darauf, eine per Telefon getätigte Absprache als "virtuell" abzutun. Die Menschen würden immer mehr Zeit in virtuellen Welten verbringen und Spiele würden immer mehr zu "voll-immersiven" Angelegenheiten werden.

Der "Demokratisierungstrend bei den Kreativitätsmitteln" würde die technische Entwicklung zudem immer weiter beschleunigen: Ein Massively-Multiplayer-Spiel, das von Hundertausenden weltweit gespielt werden könne, sei auf einem 1.000-US-Dollar-Laptop programmierbar. Ein Jugendlicher könne mit demselben Laptop plus einer 500-US-Dollar-Kamera einen kompletten HD-Film erstellen. In nicht allzu ferner Zukunft stünde die Demokratisierung der Produktionsmittel bevor: Dann könne per Nanotechnologie jedermann physikalische Objekte erschaffen.

Ray Kurzweil über die Entwicklung der Transistor-Preise
Ray Kurzweil über die Entwicklung der Transistor-Preise
Als er 1965 zum MIT gegangen ist, sagte Kurzweil, habe es dort im Gegensatz zu den meisten anderen Universitäten bereits einen eigenen Computer gegeben. Der habe ein halbes Gebäude gefüllt, viele Millionen US-Dollar gekostet und sei von Tausenden von Lehrkräften und Studenten genutzt worden. Heute, rund 40 Jahre später, sei jeder Mobiltelefonprozessor eine Million Mal kleiner, eine Million Mal günstiger und tausendmal leistungsfähiger. Damit habe sich das Kosten-Leistungs-Verhältnis in rund 40 Jahren um den Faktor eine Milliarde gesteigert. Da sich die Wachstumsrate langsam erhöhe, könne man bei den Computern in den nächsten 25 Jahren eine weitere Vermilliardenfachung des Preis-Leistungs-Verhältnisses erwarten.

Kurzweils Hauptargumentation für seine teilweise an Wünsch-dir-was-Fantasien erinnernde Prognosen ist immer dieselbe: Er beruft sich auf exponentielles contra lineares Wachstum. Der Mensch sei auf lineare Prognosen geeicht, seit er vor Zehntausenden von Jahren die Flugbahn seines Speers mit der Laufrichtung und -geschwindigkeit seines Beutetiers in Einklang bringen musste. Das mache es insbesondere Regierungen so schwer, für die Zukunft zu planen. Problematisch für Uneingeweihte sei, dass eine exponentielle Kurve zu ihrem Beginn wie eine lineare wirkt oder sogar unterhalb der linearen Fortschreibung läuft.

Selbstverständlich würden exponentielle Entwicklungen irgendwann an ihr Ende stoßen, etwa die Miniaturisierung im Analogbereich. Doch das Abflachen des einen Paradigmas würde unweigerlich einen Forschungsdruck erzeugen, der das nächste Paradigma zu seinem exponentiellen Höhenflug ansetzen lässt - als Beispiel nannte er den Übergang vom analogen Relais zum digitalen Chip. Das sähe dann in typischen Schaubildern eher wie eine Schlangenbewegung nach oben aus und eine abflachende Kurve werde dann leicht als Wachstumsende oder -verlangsamung interpretiert.

So hätten anlässlich der Erforschung der menschlichen DNA viele Zweifler gefragt, wieso bei einem auf 15 Jahre ausgelegten Projekt nach sieben Jahren erst 1 Prozent der DNA entschlüsselt sei. Für den linear Prognostizierenden sei damit die Zeitvorgabe nicht mehr einzuholen, doch bei exponentieller Betrachtungsweise sei klar: Nur sieben Jahre mit jeweils jährlicher Verdoppelung machen aus diesem einen Prozent 100 Prozent (rechnerisch: 128 Prozent). Kurzweil erinnerte daran, dass nach nur einem Jahrzehnt konstanter jährlicher Verdoppelung eine Vertausendfachung, nach zwei Jahrzehnten eine Vermillionenfachung und nach 30 Jahren eine Vermilliardenfachung des Ausgangswerts eintritt.

Schon heute könne man Parkinson-Patienten erbsengroße Minicomputer in den Kopf implantieren, die bestimmte Hirnfunktionen erhalten oder übernehmen könnten. Die aktuelle Generation dieser medizinischen Geräte sei durch Software-Downloads von außen aktualisierbar. Bringe man dies mit der erwähnten Vermilliardenfachung der Preisleistung und der gleichzeitig fortschreitenden Miniaturisierung zusammen, so sei klar, dass in weniger als drei Jahrzehnten blutzellengroße Computer durch unsere Körper wandern werden, die uns gesund halten oder unsere Gehirnleistung erweitern können.

Dies bedeute für Spiele, für das Lernen oder die Kommunikation, dass virtuelle Realität zukünftig von unseren eigenen Nervenzellen erzeugt werden könne. So würden Jugendliche in der Schule nicht mehr einfach nur über George Washington lesen, sie könnten sich in einer quasi-realen Simulation sprichwörtlich in seine Lage versetzen. Die "Software" des menschlichen Körpers, so Kurzweil, sei seit 10.000 Jahren nicht mehr aktualisiert worden - doch in Kürze stünden dafür die technischen Möglichkeiten bereit.

Ray Kurzweil über Mustererkennung (Pattern Matching)
Ray Kurzweil über Mustererkennung (Pattern Matching)
Ein praktisches Beispiel für Miniaturisierung hatte Kurzweil auch mitgebracht: Zunächst zeigte er eine fotokopierergroße "Lesemaschine", die er Ende der 70er-Jahre entwickelt hatte und die stationär und von begrenzter Leistungsfähigkeit war. Danach führte er mit Hilfe eines Nokia Handys eine von ihm mitentwickelte Software vor, die es Blinden erlauben soll, Fotos von Büchern, Schildern oder Restaurantmenüs zu machen und sich diese vorlesen zu lassen. Dazu richtet die Software das aufgenommene Bild zunächst korrekt aus, kompensiert Verzerrungen, Spiegelungen und Schatten. Dann springt eine Texterkennung an, die den Text laut wiedergibt. Zumindest in der Live-Präsentation klappte das sehr gut.

Über Energieprobleme, so Kurzweil weiter, brauche man sich bald keine Sorgen mehr zu machen: Nanotechnologie-Solar-Panels seien schon in fünf Jahren günstiger in der Herstellung als dann die Förderung fossiler Brennstoffe koste. In 20 Jahren könne man mit nur 1 Promille des auf die Erde treffenden Sonnenlichts jeglichen Energiebedarf der Erdbevölkerung decken. Kurzweil ging bei dieser Prognose allerdings nicht darauf ein, ob auch der Energiebedarf der Erdbevölkerung in 20 Jahren sowie die Verteilung der Energie bedacht wurde. Die Lebenserwartung steige zudem immer weiter an, es sei absehbar, wann pro Jahr ein weiteres Jahr statistischer Lebenserwartung dazukomme - sowohl für Neugeborene als auch für Erwachsene.

Den wichtigsten Platz in Kurzweils Vortrag nahm die Bewusstwerdung der Computer ein. Der Großteil der menschlichen Intelligenz beruhe auf Mustererkennung. Damit würde alles Erlebte und Gelernte kategorisiert, so dass daraus fast alles Handeln abgeleitet wird. Maschinen aber würden ständig besser in genau dieser Mustererkennung. Während jedoch die menschliche Mustererkennung auf bestimmte Kategorien wie Gesichter, Geräusche und Sprache festgelegt sei, gebe es diese Einschränkung für Computer nicht, die zudem Tausende von Variablen gleichzeitig verwalten könnten statt nur einiger Dutzend.

Bereits 2010 können laut Kurzweil Bilder direkt auf die Retina projiziert werden, gleichzeitig gäbe es dann eine ständige, räumlich unbegrenzte Breitbandanbindung ans Internet. Elektronik werde ab 2010 so klein werden, dass sie in unserer Kleidung, in Brillen etc. untergebracht werden kann. Damit begännen die Computer unsichtbar zu werden bzw. zu "verschwinden" und damit könne das vollständige Eintauchen in audio-visuelle virtuelle Welten Realität werden. Damit werde auch die Kommunikation über virtuelle Avatare wie bei Massively Multiplayer Online Games oder Second Life ab 2010 zu einer der Hauptformen menschlicher Kommunikation.

2029, so führte Kurzweil seine Vision weiter aus, werde man für 1.000 US-Dollar die tausendfache Rechenleistung des menschlichen Gehirns kaufen können. Das Reverse Engineering des Gehirns sei zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen und Computer würden den (auf natürliche Sprache basierenden) Turing-Test bestehen, der bislang erkennt, ob ein Proband menschlich ist oder ob es sich um eine Maschine handelt. Schöne neue Welt: Während die biologische Intelligenz weitgehend fixiert sei, würde ab 2029 die nichtbiologische Intelligenz weiterhin exponentiell wachsen. [von Jörg Langer]  (ck)


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