Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0802/57889.html    Veröffentlicht: 22.02.2008 11:01    Kurz-URL: https://glm.io/57889

Erste Reaktionen auf Microsofts neue Offenheit

Gemischte Aufnahme von Microsofts Ankündigung

Der Softwareriese Microsoft verspricht, in Zukunft offener zu sein. Diesen Strategiewechsel verkündete das Unternehmen am gestrigen 21. Februar 2008. Die Dokumentationen für verschiedene Schnittstellen und Protokolle sollen offen gelegt werden und sich gegen Gebühren nutzen lassen. Zudem sollen Open-Source-Projekte keine Patentklagen fürchten müssen. Die ersten Reaktionen auf diese Ankündigung hingegen fallen gemischt aus.

Eine neue Interoperabilitäts-Strategie soll der gestern angekündigte Schritt darstellen. Dabei setzt Microsoft auf vier Punkte: offene Schnittstellen, portable Daten, den Einsatz von Industriestandards und die Zusammenarbeit mit anderen - auch der Open-Source-Community. Für Letzteres soll auch die "Open Source Interoperability Initiative" sorgen, indem nicht nur Materialien an Entwickler freier Software herausgegeben, sondern auch Veranstaltungen initiiert werden.

Das neue Vorhaben bezieht sich auf Windows Vista inklusive .Net-Framework, Windows Server 2008, SQL Server 2008, Office 2007, Exchange Server 2007, Office SharePoint Server 2007 und folgende Versionen dieser Programme. Dabei verspricht Microsoft "angemessene und diskriminierungsfreie" Nutzungsbedinungen sowie "niedrige Lizenzkosten", wobei Open-Source-Projekte von Microsoft patentierte Techniken verwenden können sollen, ohne sich vor Klagen durch den Konzern zu fürchten.

Die Redmonder stellten allerdings gleich mit ihrer Ankündigung klar, dass der Strategiewechsel nichts mit der Europäischen Kommission zu tun habe. Mit der hatte sich Microsoft schon geeinigt, Schnittstellen für Drittentwickler zu öffnen. Und die Kommission hat bereits auf die Neuigkeiten reagiert. Man habe Microsofts Ankündigung zur Kenntnis genommen, heißt es aus Brüssel, und würde jeden Schritt in Richtung Interoperabilität begrüßen. Doch gleichzeitig weist die EU Kommission darauf hin, dass Microsoft in der Vergangenheit mindestens vier ähnliche Versprechen gemacht habe.

Erst im Januar 2008 hatte die EU-Kommission zwei neue Kartellverfahren gegen Microsoft eröffnet. Dabei wird untersucht, ob Microsoft seinen Zugeständnissen wirklich nachgekommen ist und Informationen über seine Produkte offen gelegt hat. Zudem hat sich der Browser-Hersteller Opera über die Integration des Internet Explorers in Windows beschwert. In diesem Rahmen werde man auch die Folgen der neuen Ankündigung untersuchen, sie berührten aber nicht die laufenden Ermittlungen, so die Kommission.

Neben der Europäischen Kommission haben sich auch bereits erste Stimmen aus der Open-Source-Gemeinschaft gemeldet, die CNet gesammelt hat. Jim Zemlin, Chef der Linux Foundation, sieht Microsofts Ankündigung als ersten Schritt, auch wenn die Pläne des Softwareanbieters nicht komplett ideal für Open-Source-Programmierer seien. Dennoch würde die Ankündigung zeigen, dass Microsoft Teil der Bewegung hin zu offenen Standards sein wolle.

Red Hats Rechtsexperte Michael Cunningham sagte, sein Arbeitgeber betrachte die Nachricht mit einer gesunden Dosis Skepsis. Microsoft könne wirklich beweisen, dass sie es ernst meinen, wenn sie das OpenDocument-Format akzeptieren und nicht länger versuchen würden, ihre Eigenentwicklung Office Open XML (OOXML) durch den ISO-Standardisierungsprozess zu drücken. Zudem solle Microsoft keine Patentlizenz für die nun angekündigten Veröffentlichungen schaffen, sondern sein "Open Specification Promise" auf diese Informationen ausdehnen. Unter diesen Bedingungen erlaubt Microsoft jedermann die Nutzung verschiedener Techniken aus dem eigenen Hause. Die Patentlizenz hingegen, die schon nach der Vereinbarung mit der EU-Kommission geschaffen wurde, betrachtet Cunningham als inkompatibel zu der GNU General Public License (GPL), der am weitesten verbreiteten Lizenz für freie Software. Cunningham fürchtet ferner, Microsoft wolle Wettbewerb mit der Open-Source-Community von vornherein verhindern. Die Ankündigung, Open-Source-Projekte nicht zu verklagen, so lange sie nichtkommerzielle Implementierungen der Techniken vertreiben, bezeichnet Cunningham als "hinterlistig".

Anders beurteilt Miguel de Icaza, Gründer des Gnome-Projektes und Programmierer bei Novell, die bekanntlich mit Microsoft zusammenarbeiten, den Schritt. Dieser sei faszinierend und sehe gut aus, schließlich gebe es viele Produkte wie Office, SQL Server und SharePoint, mit denen man zusammenarbeiten wolle, so de Icaza. Allerdings bleibe abzuwarten, wie Open-Source-Anbieter vorgehen, sobald die Patentlisten veröffentlicht sind - sie könnten diese dann lizenzieren oder eine Klage riskieren.

Jeremy Allison, Gründer des Samba-Projektes, sagte: "Der Teufel steckt im Detail". Würde Microsoft die versprochenen Schritte durchziehen, könnte die Welt ein besserer Ort werden, für Samba bedeute dies allerdings nichts. Denn das Projekt, das eine freie Alternative zu Windows-Servern entwickelt, hat die Protokollinformationen bereits lizenziert. Allison, der Novell übrigens aufgrund der Zusammenarbeit mit Microsoft verlassen hatte, bezeichnet ferner das Versprechen des Unternehmens, nichtkommerzielle freie Software nicht zu verklagen, als nichtssagend. Dennoch sei er erfreut darüber, dass nun jedes Projekt an die Spezifikationen kommen könne.

Das OpenOffice.org-Projekt hofft ebenfalls, dass Microsoft sich in Sachen OpenDocument Format bewegt, so Florian Effenberger, Marketing Project Co-Lead von OpenOffice.org. Das Projekt hoffe weiterhin daraufhin, dass sich Lizenz- und Patentstreitigkeiten nun lösen. Schließlich hatte Microsoft in der Vergangenheit immer wieder verlautbart, freie Software würde Patente des Unternehmens verletzen.

Microsofts Open-Source-Chef Bill Hilf schreibt in seinem Blog, dass die neue Offenheit Microsofts Geschäft grundlegend ändern werde. Man wolle mit der Open-Source-Community zusammenarbeiten, und zwar auch langfristig gesehen, denn die Ankündigung sei ein signifikanter Schritt in die verbundene Welt der Zukunft.  (js)


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Links zum Artikel:
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Microsoft (.com): http://www.microsoft.com
Microsoft (.com) - Open Source Interoperability Initiative: http://www.microsoft.com/opensource/interop/default.mspx

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