Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0801/57214.html    Veröffentlicht: 23.01.2008 18:11    Kurz-URL: https://glm.io/57214

Das Internet brachte die Mauer zu Fall

Merkels interessante Interpretation des Herbstes 1989

Viel ist über den Fall der Mauer im Herbst 1989 geforscht, spekuliert und gescherzt worden. Jetzt hat Angela Merkel, Bundeskanzlerin und Physikerin aus der DDR, das Geheimnis enthüllt: Die Informations- und Telekommunikationstechnologie haben das Ende des SED-Regimes eingeläutet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eine interessante Interpretation der Ereignisse im Herbst 1989 geliefert: Es sei, so sagte sie auf dem von Microsoft organisierten Government Leaders Forum Europe, die Informationstechnologie gewesen, die den Fall der Mauer herbeigeführt habe. Der sei nämlich das "Produkt der kulturellen Revolution durch die Informations- und Telekommunikationstechnologie".

In ihrer Rede vor dem Forum unterstrich Merkel die Bedeutung von IT für die Demokratisierung. "Die diktatorischen Systeme dieser Welt bekommen allesamt prinzipielle Probleme", so die Kanzlerin. Sie müssten "Informationen verfügbar machen, als Voraussetzung, um ökonomisch erfolgreich zu sein." Daraus resultiere dann der "Zielkonflikt", dass die Bürger zwar bei der Arbeit IT nutzten, andererseits dürften die Arbeitnehmer jedoch nicht so mündig werden, "dass sie das System außerhalb der Arbeitszeit kritisieren".

Den Organisator der Konferenz wird ein solches Statement gefreut haben: Das GLF wird vom Software-Giganten Microsoft ausgerichtet. Dessen Gründer Bill Gates war selbst nach Berlin gereist und hatte unter anderem zusammen mit der Kanzlerin den Wettbewerb "IT-Fitness macht Schule" ausgerufen. Merkel begrüßte den Wettbewerb. Er sei " genau das, was Deutschland braucht". Insgesamt will Microsoft in den nächsten fünf Jahren rund 235 Millionen US-Dollar in Bildungsprogramme auf der ganzen Welt investieren.

Für ihr Eintreten für das Microsoft-Projekt erhielt die Kanzlerin Kritik von der bildungspolitischen Sprecherin der Linkspartei, Nele Hirsch. Merkel habe dabei wenig Fingerspitzengefühl bewiesen, zumal derzeit Verfahren gegen Microsoft wegen dessen Quasi-Monopol-Stellung liefen. "Microsoft will in erster Linie Computer verkaufen, und das am liebsten als Monopolist." Der Wettbewerb sei eine Verkaufsförderungsmaßnahme. "Und dabei hat eine Bundeskanzlerin als Promoterin nichts verloren", kritisierte Hirsch.

Kritikwürdig sind Merkels Thesen zum Mauerfall. Zwar gab es das Internet schon. Es war damals jedoch hauptsächlich Wissenschaftlern vorbehalten und noch recht überschaubar: Laut Hobbes' Internet-Timeline übersprang die Anzahl der angeschlossenen Host-Rechner in jenem Jahr die 100.000er-Marke. EUnet verzeichnete in jenem Jahr gerade mal 200 Kunden. EUnet war einer der ersten deutschen Internet-Provider und angesiedelt an der Universität Dortmund.

Die Entwicklung schließlich, die erst entscheidend den Erfolg des Internets prägte, kam zwei Jahre später: Das World Wide Web wurde erst 1991 vom englischen Informatiker Tim Berners-Lee eingeführt.  (wp)


Verwandte Artikel:
Gerichtsurteil: Facebook muss nicht selbst nach Hetzartikeln suchen   
(07.03.2017, https://glm.io/126585 )
Mehr als 1/3 der EU-Bevölkerung hat keine PC-Kenntnisse   
(21.06.2006, https://glm.io/46017 )
Fujitsu Siemens stattet Israels Lehrer mit Notebooks aus   
(05.09.2007, https://glm.io/54547 )
Bundestagswahl 2017: Je breiter das Band, desto giga das Land   
(29.08.2017, https://glm.io/129404 )
Interview auf Youtube: Merkel verteidigt Ziel von 1 Million Elektroautos bis 2020   
(16.08.2017, https://glm.io/129526 )

Links zum Artikel:
Bundeskanzlerin.de: http://www.bundeskanzlerin.de/
Microsoft (.com): http://www.microsoft.com
Partei "Die Linke" (.de): http://die-linke.de/

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/