Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0801/56919.html    Veröffentlicht: 11.01.2008 12:34    Kurz-URL: https://glm.io/56919

KDE 4.0 ist bereit, den Desktop zu revolutionieren

Neue Version schafft Grundlagen, mehr Funktionen und Programme erst mit KDE 4.1

Schon 2005 sprachen die KDE-Entwickler davon, den Desktop neu erfinden zu wollen. Das neue Desktop-Konzept, Plasma, war der erste Vorbote von KDE 4, das weitere radikale Änderungen an der Architektur des Unix- und Linux-Desktops ankündigte. Nun ist KDE 4.0 verfügbar, die erste Version aus der 4.x-Reihe, die zwar noch nicht alle angekündigten Funktionen, aber zumindest die Grundlagen dafür enthält.

KDE 4.0
KDE 4.0
Vor über zwei Jahren begannen die KDE-Entwickler damit, über ihre Vorstellungen des Desktops der Zukunft zu reden. Es folgten viele Konzepte, die den Desktop und vor allem die darunterliegenden Bibliotheken und Frameworks teils radikal erneuern sollten. Das weckte Erwartungen. Doch erst Anfang 2007 verständigte sich das Projekt darauf, tatsächlich einen konkreten Zeitplan festzulegen.

Der sollte noch öfter umgeworfen werden, doch nun liegt mit KDE 4.0 die erste Variante von KDE 4 vor. Schnell wird aber klar, dass hier noch nicht alles rund läuft, sondern vielmehr die Grundlagen gelegt wurden. Neben den rein optischen Veränderungen sollen die neuen Frameworks auch die Anwendungsentwicklung vereinfachen, da Programmierer auf Schnittstellen zurückgreifen können, anstatt Funktionen immer wieder selbst umzusetzen.

KDE 4.0
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Mit Plasma begann die Planung für KDE 4 und Plasma ist auch das Erste, was der Anwender sieht, denn Plasma ist der neue Desktop, der die früheren Elemente ersetzt. Mit Plasma gibt es so beispielsweise eine neue Taskbar und - was deutlich auffällt - ein neues Startmenü. Das allerdings kennen OpenSuse-Nutzer bereits, denn hier verwendet schon KDE 3.x ein ähnliches Startmenü. Unter anderem gibt es einen Teil, der die meist genutzten Programme und Favoriten auflistet, ein extra Menü für die Anwendungen und eines für die Konfigurationsprogramme.

KDE 4.0
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Ergänzt wird Plasma durch Miniprogramme, so genannte "Plasmoids". Wer früher schon Super Karamba nutzte, dem wird das Konzept bekannt vorkommen, es geht also um kleine Applets bzw. Widgets. Um diese Plasmoids zu entwickeln, wird das Skripting-Framework Kross genutzt, das schon früher in KOffice verwendet wurde. Kross unterstützt die Skriptsprachen JavaScript, Python und Ruby, so dass sich, ohne C++ und Qt nutzen zu müssen, schnell kleine Programme realisieren lassen, die dann frei auf dem Desktop positionierbar sind. Die alten Super-Karamba-Widgets sollen auch in Plasma laufen, Widgets für das Dashboard aus MacOS X werden hingegen noch nicht unterstützt, dies soll erst in einer späteren KDE-Version der Fall sein.

Das Aussehen des neuen KDE-Desktops wird zusätzlich durch die Oxygen-Symbole geprägt. Damit setzt KDE erstmals Spezifikationen von Freedesktop.org um, die nicht nur für ein konsistentes Erscheinungsbild, sondern auch für Barrierefreiheit sorgen sollen.

Genau wie das restliche Artwork liegen die Icons nun als SVG auf der Festplatte und lassen sich somit skalieren. Damit das System dadurch nicht unnötig belastet wird, kommt ein Zwischenspeicher zum Einsatz, der aus den SVG-Dateien gerenderte Bitmaps für die Anwendungen bereithält.

KDE 4.0
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Der Fenstermanager KWin wurde aufgebohrt. Wer bisher KDE mit einem Composite-Manager wie Compiz für Desktop-Effekte verwenden wollte, kam nicht darum herum, etwas Hand anzulegen, denn Compiz wollte nicht so recht mit einigen KDE-Komponenten harmonieren. KWin 4 beherrscht nun selbst Compositing und unterstützt Hardware-Beschleunigung. Standardmäßig sind die Effekte ausgeschaltet, es muss sich also niemand Sorgen machen, dass KWin und damit KDE nicht startet. Wer jedoch eine von Aiglx oder Xgl unterstützte Grafikkarte hat oder die proprietären NVidia-Treiber verwendet, kann Effekte anschalten.

KDE 4.0
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Normalerweise wird dafür die Hardware-Beschleunigung verwendet, ist diese nicht verfügbar, kommt XRender zum Einsatz, gibt es das auch nicht, wird automatisch nur X11 verwendet. Zur Auswahl steht dabei eine ganze Reihe Effekten, unter anderem, um alle virtuellen Desktops verkleinert auf dem Bildschirm darzustellen und so zu wechseln, diverse Fenstereffekte und Vorschaubilder beim Programmwechsel mit ALT+TAB - wie bei Compiz laufen Videos in diesen Minibildern weiter.

Für den Anwender weiterhin direkt sichtbar ist der neue Dateimanager Dolphin. Er ist als reiner Dateimanager konzipiert und bietet so verschiedene Ansichten und Navigationsmöglichkeiten, um die Übersicht über Ordner und Dateien zu behalten. Natürlich gibt es auch in Dolphin die Möglichkeit, einen Pfad direkt anzugeben, eine so genannte Brotkrumen-Navigation stellt zudem den Weg des Benutzers dar, so dass dieser einfacher zurückfindet. Die Darstellung in Spalten, wie sie auch unter MacOS X zu finden ist, beherrscht Dolphin ebenfalls.

Dolphin ist Dateimanager. Doch auch der Konqueror kann noch immer genutzt werden, um durch das Dateisystem zu navigieren. In erster Linie wurde aber Wert darauf gelegt, die Browser-Funktion weiter herauszuarbeiten. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die Menüs übersichtlicher geworden sind und auch an der Rendering-Enginge KHTML feilten die KDE-Entwickler, was zu mehr Geschwindigkeit führen soll. Langfristig soll KHTML wieder mit dem Fork WebKit, den Apple verwendet, zusammengeführt und dann in KDE verwendet werden. Wann dies aber tatsächlich passieren wird, ist derzeit noch unklar - auf jeden Fall sollen Funktionen aus KHTML, die WebKit noch fehlen, erst in Apples Fork wandern.

KDE 4.0
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Ausgetauscht wurde der PDF-Betrachter KPDF, an dessen Stelle nun Okular zu KDE gehört. Okular kann aber mit weitaus mehr Dateiformaten umgehen als nur mit PDF. DJVU-, DVI-, Tiff- und XPS-Dateien zeigt das Programm ebenso an wie die Windows-Hilfen im CHM-Format. Wer Anmerkungen und Hervorhebungen in den Dokumenten mit Okular vornimmt, kann diese zudem speichern. Darüber hinaus wird die Editorkomponente aus Kate nun über ein Plug-In in andere Applikationen integriert und kommt so beispielsweise in Konqueror und dem Instant-Messenger Kopete zum Einsatz. Unter KDE 3.x wurde der Editor bisher hauptsächlich für andere Editoren wie KWrite verwendet.

KDE 4.0
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Viele der K-Programme sind jedoch noch nicht in der neuen Version enthalten, so dass die alten 3er-Versionen weitergenutzt werden, sofern diese portiert wurden oder aber die entsprechenden Bibliotheken vorhanden sind. Mehr hat KDE 4.0 derzeit für Entwickler zu bieten, denen mit den neuen Frameworks nun ein Ausgangspunkt gegeben wird, um ihre Anwendungen dafür zu schreiben bzw. anzupassen.

Da wäre zum einen Phonon, das den bei vielen Anwendern nicht gerade in positiver Erinnerung befindlichen Soundserver Arts ablöst - ohne aber selbst ein neuer Soundserver zu sein. Der Vorteil für Entwickler liegt auf der Hand: Sie können über die Schnittstelle die Multimedia-Funktionen des Frameworks nutzen, anstatt die Medienwiedergabe selbst in ihre Software zu implementieren. Phonon übernimmt typische Aufgaben wie Abspielen und Stoppen eines Tracks, kann aber auch Ausblend- bzw. Überblendeffekte festlegen.

Die tatsächlich zur Wiedergabe verwendeten Backends sollen sich umschalten lassen und zwar auch während des Betriebs, ohne dass die Wiedergabe unterbrochen wird. Unterstützt werden derzeit die Network-Integrated Multimedia Middleware und Xine - aber auch GStreamer- und avKode-Unterstützung sind in Arbeit. Die Verwaltung erfolgt über ein Werkzeug, die Einstellungen sind dann für alle Anwendungen gültig, die auf Phonon zurückgreifen.

KDE 4.0
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Für den Umgang mit Dateisystemen, Geräten und wechselnden Netzwerken ist in KDE 4.0 Solid zuständig. Für den Umgang mit angeschlossenen Geräten und - im Fall von Digitalkameras und Ähnlichem - deren Dateisystemen war bisher der HAL-Daemon zuständig; die Netzwerkverwaltung übernahm der KNetworkmanager.

Solid setzt auf existierende Komponenten wie dem erwähntem HAL-Daemon auf, langfristig zumindest sollen verschiedene Backends nutzbar sein. Anwendungen können via Solid auf Hardware zugreifen, ohne sich mit Treibern herumzuschlagen, da diese Aufgabe komplett dem Betriebssystem überlassen wird - abermals kommt hier HAL ins Spiel. Doch nicht nur der Zugriff auf PDAs, Digitalkameras, MP3-Spieler wird über Solid möglich. Darüber hinaus kennt das Framework Audio-Treiber und Notebook-Akkus. Im Fall von Audiogeräten arbeitet Solid mit Phonon zusammen und unterstützt so auch Hotplug für diese Hardware.

KDE 4.0
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Aber hier endet Solids Aufgabe nicht - auch wechselnde Netzwerke, insbesondere WLAN-Verbindungen, sind Solids Domäne. Was bisher der KNetworkmanager erledigte, macht nun Solid, wobei für drahtgebundene sowie drahtlose Netzwerkverbindungen und deren Verschlüsselung wiederum ein Daemon zuständig ist. VPN- und Wählverbindungen sollen sich mit Solid ebenfalls herstellen lassen. Zusätzlich kümmert sich Solid um Bluetooth-Verbindungen und um die Energiesparfunktionen. Auch hierbei ist HAL der stille Arbeiter im Hintergrund. Die KDE-Entwickler hoffen, dass sich durch Solid die Energiesparoptionen in den Linux-Distributionen mit KDE 4 vereinheitlichen. Zu guter Letzt bietet Solid mit "solidshell" ein Kommandozeilenprogramm ("solidshell --commands" für eine Übersicht), über das sich beispielsweise WLAN schnell deaktivieren oder eine Liste der Hardware ausgeben lässt.

"Strigi" heißt die Desktop-Suche in KDE 4, von der die Entwickler behaupten, dass sie die schnellste und kleinste Suchsoftware überhaupt ist. Strigi kann mit verschiedenen Dateiformaten (darunter Text, PDF, MP3 sowie OpenDocument) umgehen und auch in Archiven sowie in DEB- und RPM-Paketen suchen und sammelt Metadaten aus diesen Dateien. Strigi ist ein von KDE weitgehend unabhängiges Projekt, die einzelnen KDE-Programme können jedoch auf die Bibliothek zugreifen, um in den aus Dateien ausgelesenen Informationen zu suchen. Auch hier ist für Entwickler wieder wichtig, dass es eine einheitliche Schnittstelle gibt und sie das Rad nicht neu erfinden müssen.

Zu Strigi kommt Nepomuk, das Funktionen für einen semantischen Desktop bereitstellen soll. Die Idee dahinter ist, dass der Anwender nicht nur nach Informationen, sondern auch nach deren Bedeutung und Zusammenhängen suchen kann. Nepomuk stellt die entsprechenden Funktionen als Backend für Strigi zur Verfügung - noch steckt diese Technik aber mehr in der Planungsphase und erst in einer kommenden Version ist mit einer vollständigen Implementierung zu rechnen. Umgesetzt wird vom KDE-Projekt dabei auch der Xesam-Standard für Desktop-Suchmaschinen.

KDE 4.0
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"Decibel" ist nicht etwa ein weiteres Soundsystem, sondern eine neue Kommunikationsarchitektur. Wiederum geht es um eine einheitliche Schnittstelle, die andere Programme ansprechen können. Dadurch wird es in KDE ein zentrales Adressbuch geben und eine zentrale Implementierung diverser Kommunikationsprotokolle. Egal ob nun per Instant-Messenger oder per VoIP mit einem Kontakt Verbindung aufgenommen werden soll, kann dies über Decibel erfolgen. Für Decibel wird übrigens der Nachrichtendienst D-Bus verwendet. Noch aber kommt Decibel nicht zum Einsatz, erste Applikationen werden wohl frühstens mit KDE 4.1 darauf aufbauen.

KDE 4.0
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Ebenfalls um Kontaktverwaltung geht es bei Akonadi. Das Framework soll Daten, aber auch Datenquellen verwalten. Das heißt, sowohl Kontakte als auch der Zugriff auf Online-Quellen wie IMAP-Server werden von Akonadi bewerkstelligt, Anwendungen können dann über die Schnittstelle auf diese Informationen zugreifen. Kontakte können beispielsweise lokal liegen, aber auch von einem Groupware-Server bezogen werden. Wichtig dabei ist, dass Akonadi asynchron liest und schreibt, woraus sich gleich zwei Vorteile ergeben: Während des Datenzugriffs wird das jeweilige Programm nicht blockiert und der Benutzer kann sogar Änderungen an den Daten durchführen, wenn keine Internetverbindung zu einer Quelle besteht. Der Abgleich erfolgt, sobald die Verbindung wieder aufgebaut ist. Auch Gnome solle Akonadi nutzen können. Allerdings: Akonadi wird wohl erst in KDE 4.1 vollständig enthalten sein.

Die KDE-PIM-Programmierer passen ihre Programme zwar fleißig an, doch sind sie ebenfalls noch nicht in KDE 4.0 enthalten. Weder KMail noch Kontact oder KOrganizer sind in der neuen Version dabei, vorerst müssen die 3.5er-Versionen weiterbenutzt werden. Der Medienspieler Amarok 2 ist ebenfalls noch nicht rechtzeitig fertig geworden.

Doch letztlich ist dies nicht tragisch, denn das KDE-Projekt möchte mit KDE 4.0 vor allem Entwickler ansprechen. Denen soll eine solide Basis und vor allem die stabilen Frameworks geboten werden, auch wenn sie teilweise noch nicht alle geplanten Funktionen enthalten. Doch können Entwickler so anfangen, ihre Anwendungen anzupassen. KDE 4.0 ist eine offizielle Version - jeder kann sich diese anschauen, ohne sich Alpha-Software installieren zu müssen. Trotzdem: Einige Komponenten sind noch am Anfang ihrer Entwicklung und werden laufend weiterentwickelt, mit Problemen ist definitiv zu rechnen. Wer aber wirklich auf die neue KDE-Generation wartet, um sie in einer Produktivumgebung zu verwenden, sollte wohl noch warten bis KDE 4.1 erscheint.

KDE 4.0
KDE 4.0
Immerhin hat das KDE-Projekt bereits mit den 4.0-Entwicklerversionen bewiesen, dass diese sich stetig verbesserten - von ziemlich nervigen und problematischen ersten Versionen bis zu hakenden Release Candidates und dann schließlich doch verhältnismäßig gut laufenden Vorversionen. Das Entwicklerteam könnte es also durchaus schaffen, sein Ziel zu erreichen und mit KDE 4.1 die Version der Desktop-Umgebung vorzulegen, auf die sich viele Nutzer seit langem freuen. Und die dann vielleicht auch die versprochene Revolution einläutet, indem zum Beispiel Plasma mit den bestehenden Desktop-Konzepten bricht.

Wer es nicht lassen kann: Viele der in nächster Zeit erscheinenden Linux-Distributionen werden KDE 4.0 zumindest zusätzlich zu 3.5 mitliefern und dem Anwender so eine Spielwiese an die Hand geben. Wer KDE 4.0 lieber gleich haben möchte, kann die neue Version der Desktop-Umgebung ab sofort herunterladen. Einige der Programme sollen auch unter MacOS X und Windows laufen, was aber teilweise auch erst langfristig Realität werden wird.

Die Screenshots im Artikel stammen aus KDE 4.0 RC2++.  (js)


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Links zum Artikel:
KDE - Decibel (.org): http://decibel.kde.org/
KDE - K Desktop Environment (.org): http://www.kde.org
KDE - Plasma: http://plasma.bddf.ca/
KDE - SVG (.org): http://svg.kde.org/
KDE PIM (.org) - Akonadi: http://pim.kde.org/akonadi/
KDE Solid (.org): http://solid.kde.org/
Oxygen Icons (.org): http://www.oxygen-icons.org
Phonon (.org): http://phonon.kde.org/
Strigi (.net): http://strigi.sf.net/

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