Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0711/55975.html    Veröffentlicht: 13.11.2007 12:20    Kurz-URL: https://glm.io/55975

Interview: Tetris - die Mutter aller Casual Games

"Genießt jede Minute, die ihr spielend verbringt!"

Tetris ist eine Legende. Nicht nur für Spieler und Fans, sondern auch für Entwickler, Publisher und sogar Juristen. Kein anderes Spiel hat die Industrie so durcheinander gewirbelt wie dieses geniale kleine Computerprogramm von Alexey Pajitnov. Doch was macht ein Mensch, nachdem er das wohl erfolgreichste Spiel der Welt erfunden hat?

Tetris-Erfinder Alexey Pajitnov
Tetris-Erfinder Alexey Pajitnov
Atari musste im Jahr 1989 nach einem verlorenen Rechtsstreit mit Nintendo hunderttausende Kopien seiner Tengen-Version vernichten. Auch der international agierende Maxwell-Konzern kam durch Tetris ins Schleudern und löste sich teilweise auf. Im Gegenzug konnte Nintendo mit den Konsolen- und Handheld-Rechten das Spiel weltweit auf dem Gameboy und dem Nintendo Entertainment System (NES) zum Verkaufsschlager machen.

Der russische Erfinder verdiente zunächst nichts. Erst seit Mitte der 1990er erhält Pajitnov Tantiemen für sein Werk, das mittlerweile rund 20 Jahre alt ist und durch viele Klone oder zuletzt auch durch eine offizielle DS-Version am Leben gehalten wird. Auf dem Nottingham Gamecity 2007 Festival erinnerte sich der scheinbar immer fröhliche Game-Designer an seine Zeit in Russland und erzählte Golem.de, womit er heute seine Zeit verbringt.

Golem.de: Lieber Herr Pajitnov. Sie sind eine Legende - ihr grandioses Spiel Tetris ist weit über die eingefleischte Computerspielergemeinde hinaus bekannt. Also muss ich Sie natürlich auch dazu befragen. Doch interessiert uns auch Ihr heutiges Leben. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?

Alexey Pajitnov: Mein Name ist Alexey Pajitnov und ich bin ein Game-Designer. Ich mache hauptsächlich Puzzle-Spiele für verschiedene Plattformen. Die Leute kennen mich wegen eines kleinen Spiels mit dem Namen Tetris.

Golem.de: Gut formuliert! Das ist ja auch eine ganze Weile her. Wie klein war das Spiel denn?

Alexey Pajitnov: Ja, das war 1984. Ich hatte es damals in unserem Computer-Center an der Wissenschaftsakademie in Moskau auf dem Elektronika-60 programmiert. Das ist der russische Klon des PDP-11. Die PASCAL-Version von Tetris hatte ganze 1.600 Zeilen. Kompiliert machte das dann 27 KByte! (Lacht)

Tetris-Erfinder Alexey Pajitnov
Tetris-Erfinder Alexey Pajitnov
Golem.de: Aber ökonomisch war es ja riesengroß. Haben Sie davon profitiert?

Alexey Pajitnov: Nun ja. Ich war ja Angestellter des Computer-Centers. Von denen habe ich mein Geld bekommen und ich habe es ja an der Akademie entwickelt. Auf deren Rechnern. Es gab ja nicht viele Computer damals. Rechenzeit war extrem wertvoll. Zudem gab es in Russland in den 1980ern kein persönliches Copyright. Alles gehörte der Gemeinschaft. Also bekam ich selbst nichts extra dafür gezahlt.

Golem.de: Und wann haben Sie das erste Mal Geld für ihr Programm bekommen?

Alexey Pajitnov: Das war 1996.

Golem.de: Warum so spät? Der Systemwechsel war da schließlich schon ein paar Jahre her...

Alexey Pajitnov: Nun, 1988, als der große Konflikt zwischen der russischen Software-Lizensierungsagentur ELORG, den Publishern Atari und Nintendo bzw. auch Andromeda mit Robert Stein, Mirrorsoft mit der Maxwell-Familie und Henk Rogers von Bullet Proof Software begann, stand ich vor einer Entscheidung: Entweder ich würde mich einmischen und mein Leben lang vor Gericht stehen und um meine Rechte kämpfen oder meinen eigenen Weg gehen. Denn wenn ich so ein gutes Spiel machen konnte und die ganze Welt sich darum streitet, dann muss ich das wohl irgendwie gut können. Also beschloss ich, Game-Designer zu werden und übertrug alle Rechte an Tetris für zehn Jahre an die Moskauer Wissenschaftsakademie.

Golem.de: Haben Sie Ihre Entscheidung je bereut?

Alexey Pajitnov: Nein, nie! Auch wenn die ersten Jahre sehr schwierig waren, konnte ich doch an einigen sehr spannenden Projekten arbeiten. Insbesondere meine Zeit bei Microsoft war sehr interessant und auch lukrativ.

Golem.de: Wann sind Sie denn in die USA gezogen?

Alexey Pajitnov: 1991 bin ich nach Seattle übergesiedelt. Dort lebe ich auch heute noch, auch wenn ich drei bis vier Monate im Jahr in Moskau verbringe.

Tetris-Erfinder Alexey Pajitnov
Tetris-Erfinder Alexey Pajitnov
Golem.de: An welchen Projekten haben Sie mitgearbeitet?

Alexey Pajitnov: Ach, mein absolutes Lieblingsprojekt war Mind Aerobics. Das war 1997 für Microsoft. Wir wollten jeden Tag den Abonnenten neun neue Rätsel liefern, die sie online abrufen konnten. Doch das war viel zu früh für die Zeit. Das Internet gehörte noch nicht zum Alltag und das Projekt floppte. Doch darauf aufbauend konnte ich Pandoras Box kreieren. Das hat sehr viel Spaß gemacht und war zudem sehr erfolgreich. Ich weiß nicht, ich habe sehr viel gemacht. Ein weiteres vielleicht recht bekanntes Spiel war Hexic für die Xbox. Davon habe ich letztens auch den zweiten Teil für die Xbox 360 gemacht.

Golem.de: Für den Live-Arcade-Dienst?

Alexey Pajitnov: Ja genau. Die Xbox war damals ja sehr deutlich auf Hardcore-Gamer zugeschnitten. Da waren meine Casual Games nicht so populär.

Golem.de: War es nicht schwierig, sich weiterhin als Designer von Puzzlespielen zu verdienen? Standen nicht alle Ihre Spiele im Schatten von Tetris?

Alexey Pajitnov: Ich hatte mal versucht, ein besseres Spiel als Tetris zu machen. Das hat aber nicht geklappt, Tetris konnte einfach nicht mehr verbessert werden. Auch mein Versuch, mal ein Adventure-Spiel zu machen, scheiterte. Also konzentrierte ich mich darauf, was ich am besten konnte. Und das sind nun mal Puzzles. Vor allem visuelle Puzzles.

Golem.de: Was ist eigentlich das Besondere an Tetris? Warum ist es so einzigartig gut?

Alexey Pajitnov: Da steckt ein psychologischer Effekt dahinter! Du erledigst ständig Aufgaben, du wirst ständig vor ein neues Problem gestellt und löst es so gut es geht. Doch was übrig bleibt, sind nur deine Fehler. Die hässlichen Löcher auf dem Spielfeld. Also bist du stets motiviert, auch noch diese Aufgabe zu lösen!

Tetris-Erfinder Alexey Pajitnov
Tetris-Erfinder Alexey Pajitnov
Golem.de: Macht Tetris denn süchtig?

Alexey Pajitnov: Ja, unbedingt! Das ist doch die Aufgabe des Game-Designers: den Spieler so lange zu fesseln und zu unterhalten, wie es irgend geht. Ich würde nie etwas in eins meiner Spiele einbauen, das den Spieler langweilt, nur damit er nicht zu lange spielt.

Golem.de: Ist das kein Problem?

Alexey Pajitnov: Nein, überhaupt nicht! Ich habe bestimmt mehr Zeit mit dem Spiel verbracht als man sich vorstellen kann. Und ich bin immer noch gesund. Was soll daran schlecht sein?

Golem.de: Betrachten Sie Programmieren eigentlich als Spiel?

Alexey Pajitnov: Nein, eigentlich nicht. Wobei, damals, als ich anfing schon. Da hatte Programmieren etwas Spielerisches. Doch heute ist das viel zu komplex. Da arbeiten Programmierer in einem großen Team an großen Projekten. Da wird der eigene Part sehr abstrakt und die Tätigkeit zu reiner Arbeit.

Golem.de: Können Sie sich eigentlich noch gut an ihre Produktion von Tetris erinnern?

Alexey Pajitnov: Ja, das war eine schwierige Zeit damals in Moskau. Eine depressive Atmosphäre. Und die Kollegen an der Akademie waren alles ernsthafte Wissenschaftler. Wir arbeiteten an Raketentechnik und komplexen Rechenaufgaben. Es waren auch Psychologen da. Die haben mir übrigens erzählt, warum Tetris die Spieler so bindet, dass es die Darstellung der Fehler und nicht des Geleisteten ist, das den Spieler immer weiter anspornt. Ich habe damals viel mit den Psychologen bei uns zusammengearbeitet. Sie brauchten immer wieder kleine Programme, um ihre Versuche durchzuführen.

Golem.de: Haben Sie auch an so etwas wie ELIZA gearbeitet? Das Computerprogramm, mit dem Weizenbaum einen Psychoanalytiker simulierte?

Alexey Pajitnov: Nein! (Lacht). ELIZA war ein sehr großes, seriöses Projekt. Was ich machte, waren eher viele kleine Spielereien. Das war auch das Tolle an dem Computerzentrum. Weil es so akademisch war, hatten wir viele Freiheiten, uns in die verschiedensten Richtungen zu interessieren. Und ich mochte schon immer Rätsel- und Puzzlespiele. Schon seit ich ein Kind war. Also nutzte ich viel meiner freien Zeit dazu, Spiele zu programmieren. Fast alle Spielprogramme von damals existieren heute nicht mehr. Doch Tetris war binnen weniger Monate auf jedem PC in ganz Moskau und machte sich auch schon bald auf den Weg über die Grenzen Russlands hinaus…

Tetris für Nintendo GameBoy
Tetris für Nintendo GameBoy
Golem.de: Auf dem PC? Sie hatten Tetris doch für den Elektronika-60 programmiert?

Alexey Pajitnov: Das ist richtig. Doch lag im PC die Zukunft. Also adaptierten wir das Programm für MS-DOS. Wir hatten einige DOS-PC bei uns am Zentrum. Auf dem Elektronika-60 gab es außerdem keine Grafik. Der Monitor konnte nur Schriftzeichen und Symbole darstellen. Die Blöcke für Tetris hatte ich darum mit eckigen Klammern ( [ ] ) zusammengesetzt. Das war nicht wirklich schön. Doch der PC hatte sogar Farbe! Wir wollten Tetris attraktiver machen, da war der PC optimal. Geholfen hat mir dabei lustigerweise ein Schüler, Vadim Gerasimov. Er war gerade mal 15 oder 16 und machte eine Art Praktikum bei uns. Einer dieser genialen Hacker - er kannte DOS bis auf das kleinste Bit. Sogar die großen Wissenschaftler bei uns kamen zu ihm und baten ihn um Hilfe. Das war im Sommer 1985. Nach sechs Monaten waren wir dann endlich zufrieden mit der PC-Version und beschlossen, es zu veröffentlichen… Ich meine, wir haben es unseren Freunden gegeben, die es wieder anderen Freunden gegeben haben! (Lacht) Einen Softwaremarkt gab es ja nicht.

Golem.de: Und wie ist Tetris dann in den Westen gelangt? Wo es ja dann doch für Geld veröffentlicht wurde?

Alexey Pajitnov: Irgendwie ist das Programm bis nach Ungarn gewandert. Die Ungarn verkauften damals schon Software an westliche Firmen. Robert Stein war zu der Zeit ein Agent für Andromeda, ein westlicher Publisher, der gern sowjetische Software billig lizenzierte und teuer verkaufte. Zufällig fand er auch Tetris auf einem der Rechner, wo er nach anderen Programmen suchte. Er war sofort begeistert und wollte die Lizenz. Ich hatte aus irgendeinem Grund eine Copyrightzeile auf den Startbildschirm geschrieben, also meldete sich Stein direkt bei dem Computerzentrum in Moskau. Dort wollte aber niemand etwas von dem Programm wissen, denn schließlich war es kein genehmigtes Forschungsprojekt, sondern ein privates Hobby von mir. Irgendwie gelangte er doch an ein Telex, das ihm mehr oder weniger erlaubte, das Programm für Computer zu lizenzieren. Er nahm es für voll und verkaufte es an Mirrorsoft in Großbritannien und Spectrum Holobyte in den USA, beide Teil des Maxwell-Konzerns. Und wieder verteilte es sich rasend schnell und erschien auf jedem PC-System, dem Commodore 64, BBC Micro, Sinclair, IBM-PC... einfach überall. Kurz darauf ging der Streit um die Konsolenrechte los. Ataris Konsolendivision Tengen lizenzierte diese von Maxwell, doch dies sah Nikolai Belikov von der neu gegründeten russischen internationalen Softwareagentur Elektronorgtechnica, kurz ELORG, anders. Am Ende gewann Nintendo durch die Hilfe von Henk Rogers von Bullet Proof Software die Lizenz für beides, die Handheld- und die Konsolenversion. Doch dies ist eine lange Geschichte, über die auch schon viel geschrieben wurde.

Tetris für Nintendo GameBoy
Tetris für Nintendo GameBoy
Golem.de: Wenn nicht Sie, hat denn wenigstens irgendjemand in Russland von dem internationalen Erfolg des Spiels profitiert?

Alexey Pajitnov: Nein, zu dieser Zeit niemand. Die Prozesse dauerten wirklich lange und die russischen Behörden waren auch nicht wirklich erfahren im Softwarehandel. Soweit ich weiß, war es sogar das erste Softwareprogramm, das überhaupt von Russland außerhalb der Sowjetunion verkauft wurde... Auf jeden Fall war es das erste Computerspiel! Es dauerte also bis 1992/93, bis in Russland Geld mit Tetris verdient wurde.

Golem.de: Aber heute verdienen auch Sie daran. Geht es Ihnen gut damit?

Alexey Pajitnov: Sagen wir so, ich bin mit der aktuellen Situation sehr zufrieden!

Golem.de: Und was machen Sie jetzt?

Alexey Pajitnov: Nun ja, ich genieße das Leben! Ich stehe noch immer in loser Kooperation mit Microsoft, doch die Aktien stehen gut und so kann ich mir eine frühe Rente erlauben... (lacht)

Golem.de: Vielen Dank für Ihre Zeit! Haben Sie noch irgendeine Botschaft für unsere Leser?

Alexey Pajitnov: Nein, nein! Bitte, keine Botschaften! Das Einzige, das ich sagen möchte, ist: Genießt das Spiel, schämt euch nicht zu spielen, egal, was eure Eltern oder Freunde oder Verwandte oder sonstwer sagt: Genießt jede Minute, die ihr spielend verbringt!

[Das Interview führte Michael Liebe für Golem.de]  (ck)


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Links zum Artikel:
Gamecity (.org): http://www.gamecity.org
Wikipedia: Tetris (.org): http://de.wikipedia.org/wiki/Tetris

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