Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0710/55458.html    Veröffentlicht: 18.10.2007 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/55458

Test: Ubuntu 7.10 mit 3D-Desktop

Ubuntu-Familie in neuer Version veröffentlicht

Pünktlich wurde die Linux-Distribution Ubuntu 7.10 alias Gutsy Gibbon veröffentlicht. Erstmals sind 3D-Effekte auf dem Desktop standardmäßig aktiviert. Für Server-Administratoren wurde die Sicherheitserweiterung AppArmor aufgenommen. Auch die restlichen Mitglieder der Ubuntu-Familie wurden bereits in der neuen Version zum Download bereitgestellt.

Der Gnome-Desktop
Der Gnome-Desktop
Wie gehabt, wird Ubuntu in verschiedenen Editionen und Varianten veröffentlicht. So gibt es von Ubuntu die Desktop-CD (für x86 und x64), die Live-CD und Installations-CD in einem ist, die Server-CD (für x86, x64, SPARC), mit einem für Server angepassten Umfang, sowie die Alternate-Install-CD (wiederum für x86 und x64), die beispielsweise für automatisierte Installationen, für LVM- und RAID-Partitionierung sowie zum Erstellen von vorkonfigurierten OEM-Systemen gedacht ist.

Hinzu kommen die Varianten: Wer kein Gnome als Desktop-Oberfläche nutzen möchte, greift zu Kubuntu mit KDE oder Xubuntu mit Xfce als Desktop. Edubuntu ist eine für Schulen angepasste Version und erstmals gibt es auch die Variante Gobuntu. Diese enthält ausschließlich freie Software, verzichtet also etwa auf proprietäre Hardware-Treiber und Software wie Adobe Flash.

Die Basis ist allen Varianten gemeinsam und so verwendet die neue Ubuntu-Version den Linux-Kernel 2.6.22 mit eingeschalteten dynamischen Ticks. Dadurch kann ein unausgelasteter Rechner häufiger in den Energiesparmodus gehen und so die Leistungsaufnahme senken, was also vor allem für Notebooks interessant ist. Allerdings klappt dies natürlich nur, wenn die CPU nicht ständig durch Anwendungen aus dem Schlaf gerissen wird. Die Redakteure der Webseite Phoronix.com haben bereits den Energieverbauch von Gutsy Gibbon gemessen, wobei eine Beta-Version teilweise sogar schlechter abschnitt als die Vorgängerversionen. Die Aussagekraft dieses Tests ist allerdings beschränkt.

Weiterhin verwendet Ubuntu 7.10 den GCC 4.2.1, enthält aber auch ältere Versionen wie 4.1.2 und 3.3.6. Die Glibc ist in der aktuellen Version 2.6.1 enthalten.

Compiz-Konfiguration
Compiz-Konfiguration
Der richtige Weg, um Ubuntu zu installieren ist in der Regel die Desktop-CD - es sei denn, es stehen kompliziertere Partitionierungsszenarien an, wie etwa der Logical Volume Manager oder verschlüsselte Festplatten. Bis die Live-CD eine nutzbare Oberfläche präsentiert, muss der Anwender allerdings einige Geduld aufbringen, die grafische Installation verläuft daher um einiges positiver als früher. Kam es beispielsweise in Ubuntu 6.10, beim Versuch die Distribution einzurichten, noch regelmäßig zu Abstürzen, läuft der Installer nun durch. Fragen muss man dabei kaum beantworten, vor allem nicht, wenn Ubuntu die Festplatte selbst einteilen darf.

Der Start des installierten Systems nimmt dafür nur noch sehr wenig Zeit in Anspruch. Nachdem sich der Anwender angemeldet hat, weist Ubuntu sofort auf eventuell vorhandene proprietäre Treiber hin, die über einen Assistenten nachinstalliert werden können - interessant vor allem bei Grafik- und WLAN-Treibern. In der neuen Ubuntu-Version übernimmt der Assistent dabei auch die Installation solcher Treiber, die an sich frei sind, jedoch ein proprietäres Firmware-Image voraussetzen, um zu funktionieren.

Compiz: Der Desktop als Würfel
Compiz: Der Desktop als Würfel
Auf dem Desktop ist die größte Neuerung das nun standardmäßig aktivierte Compiz für teils mehr, teils weniger nützliche grafische Effekte. Das Plug-In-Paket Compiz Fusion ist ebenfalls mit dabei, so dass noch mehr Effekte zur Verfügung stehen. Unter Gnome lassen sich diese über den neuen Dialog "Erscheinungsbild" einrichten, der auch weitere Einstellungen wie das zu verwendende Desktop-Thema enthält. Wählen lässt sich zwischen ausgeschalteten Effekten, Standardeffekten und erweiterten Effekten sowie der benutzerdefinierten Konfiguration, wobei das hierfür notwendige Programm nicht automatisch mitinstalliert wird.

Wer ältere Hardware verwendet, braucht jedoch nicht zu fürchten, dass er Ubuntu 7.10 aufgrund von Compiz nicht mehr verwenden kann. Vielmehr deaktiviert die Distribution die 3D-Effekte automatisch, wenn die Hardware diese nicht unterstützt. Auf unserem Testsystem ergab sich dabei auch ein anderes Problem: Compiz war mit der verwendeten ATI-Grafikkarte nicht zur Arbeit zu bewegen, da Ubuntu beim ersten Start vorschlug, den proprietären Fglrx-Treiber einzuspielen. Der ist jedoch nicht mit der OpenGL-beschleunigten X-Erweiterung Aiglx kompatibel und man muss die Alternative Xgl daher manuell einrichten. Die daraufhin eingebaute Nvidia-Karte funktionierte mit Compiz auf Anhieb.

Bildschirm- und Grafikeinstellungen
Bildschirm- und Grafikeinstellungen
Beim Wechsel der Grafikkarte und dem Neustart des Systems präsentierte Ubuntu darüber hinaus seinen neuen ausfallsicheren Modus für den X-Server. Kann der X-Server nicht gestartet werden - in diesem Fall aufgrund des falschen Treiber-Eintrags in der Konfigurationsdatei - erscheint kein hässlicher Dialog auf der Konsole, sondern der X-Server wird im Vesa-Modus mit der Anzeigenkonfiguration gestartet. Hier kann der Nutzer Bildschirm und Grafikkarte auswählen, sofern diese nicht automatisch erkannt werden. Nach Abschluss der Konfiguration erfolgt der Neustart des X-Servers dann wieder in korrekter Auflösung. Andere Distributionen bieten eine solche Funktion allerdings schon länger.

Derselbe Dialog wird auch im normalen Betrieb verwendet, um etwas an den Einstellungen zu ändern, beispielsweise wenn ein zweiter Monitor hinzugefügt werden soll. Xinerama und ein gedrehtes Bild unterstützt Ubuntu nun ebenfalls. Dank der X.org-Erweiterung RandR 1.2 klappt dies nun auch dynamisch. Bei der automatischen Konfiguration des X-Servers muss allerdings in der Regel noch die Auflösung angepasst werden, da Ubuntu die höchstmögliche Auflösung wählt, was zumindest auf Röhrenmonitoren nicht immer erwünscht ist.

Firefox-Plug-In-Dialog
Firefox-Plug-In-Dialog
Als Desktop-Suche wird nun Tracker verwendet und ein entsprechendes Applet in der Gnome-Startleiste angezeigt. Tracker indiziert die lokalen Daten und durchsucht sie sowohl im Volltext als auch in den eventuell vergebenen Schlagworten. Unterstützt werden momentan verschiedene Dateitypen, darunter Musikdateien und Unterhaltungen aus Pidgin sowie E-Mails aus Evolution. Damit Tracker einfach zu erreichen ist, findet sich ein entsprechendes Applet im Panel. Hierüber können auch Anwendungen gestartet und Browser-Lesezeichen durchsucht werden. Der direkte Zugriff auf Internet-Suchmaschinen kann ebenfalls über Tracker erfolgen. Daneben gibt es das Applet zum schnellen Nutzerwechsel, mit dem sich zwischen verschiedenen Sitzungen hin und her schalten lässt, ohne ständig das Passwort neu einzugeben.

Der enthaltene Firefox 2.0.0.6 kommt mit einem verbesserten Plug-In-Assistenten daher, mit dem sich als Ubuntu-Paket verfügbare Plug-Ins wie der Flash-Player einfach nachträglich installieren können. Im Fall von Flash bietet Ubuntu neben der Adobe-Version auch die freie Alternative Gnash, die mit Webseiten wie YouTube bereits funktioniert, bei anderen Webseiten mit Flash allerdings noch kein befriedigendes Ergebnis liefert.

Über den Firefox-Erweiterungsdialog lässt sich nun ferner der Ubuntu-Applikations-Installer aufrufen, um als Paket verfügbare Erweiterungen einzurichten. Verfügbar sind unter anderem Adblock und Beagle.

Anwendungen installieren
Anwendungen installieren
Gerade die Installation von Software ist in Ubuntu nach wie vor recht umständlich gelöst. Der über das Anwendungsmenü erreichbare Installer bietet nämlich nur grundlegende Funktionen. Zusätzliche Software lässt sich hierüber schnell einrichten - vorausgesetzt, die Einstellungen sind richtig, denn standardmäßig zeigt Ubuntu nicht alle verfügbaren Applikationen an. Soll jedoch Software entfernt werden, so funktioniert dies nicht, sobald irgendwelche Abhängigkeiten zu anderen Programmen bestehen. Hierfür muss dann wiederum auf Synaptic zurückgegriffen werden, das sich im System-Menü versteckt.

Zwar mag die aufgeräumte und kategorisierte Oberfläche des Installers für Linux-Einsteiger leicht zu nutzen sein, letztlich ist die Aufteilung auf zwei verschiedene Programme zur Paketverwaltung aber so verwirrend und umständlich, dass man lieber gleich zu Synaptic greifen sollte. Vor allem dann, wenn beispielsweise in einem Schritt eine neue Anwendung installiert, eine andere aber entfernt werden soll - meist klappt dies mit dem einfachen Installer nämlich nicht.

Für Desktop-Anwender ist die automatische Druckerkonfiguration interessant, für die es reicht, den Drucker anzuschließen und einzuschalten. Voraussetzung bleibt natürlich, dass der Drucker prinzipiell unter Linux verwendet werden kann. Das Problem mit GDI-Druckern wird hierdurch also nicht gelöst. Fedora-Anwender kennen das System übrigens schon länger, denn es wurde aus Red Hats Community-Distribution übernommen.

Synaptic
Synaptic
Während frühere Ubuntu-Versionen NTFS-Partitionen nur lasen, schreibt Gutsy Gibbon auch auf diesen. Möglich wird dies durch den integrierten NTFS-3G-Treiber, der das Filesystem in Userspace (kurz FUSE) verwendet. Da sich mit FUSE, unabhängig vom Kernel, Dateisysteme einbinden lassen, können so Nutzer NTFS-Partitionen einhängen, die für den üblichen Weg nicht genügend Rechte haben.

Für den Einsatz auf Servern bietet Ubuntu 7.10 vor allem zwei neue Funktionen. Den Anfang macht AppArmor, das sich in Ubuntu 7.04 bereits über das Universe-Repository nachinstallieren ließ. AppArmor ist ein, bis vor kurzem unter dem Dach von Novell entwickeltes, Sicherheits-Framework, das die Befugnisse einzelner Applikationen regelt, um das System vor externen und internen Angriffen zu schützen. AppArmor wird beispielsweise auch in OpenSuse bzw. Suse Linux und in Mandriva Linux eingesetzt, es gilt vor allem als einfache Alternative zu der von der NSA entwickelten Sicherheitserweiterung SELinux, die allerdings Teil des offizillen Kernels ist.

Compiz
Compiz
Allerdings ist AppArmor bisher nur zum Teil in Ubuntu integriert, denn das Framework wird zwar zusammen mit den Werkzeugen - auch in der Desktop-Variante - automatisch installiert, es gibt aber nur ein Profil für den Druckdienst CUPS. Zusätzliche Beta-Profile können über Universe installiert werden, für diese gibt es dann aber keinen Support vom Ubuntu-Team. Die Alternative ist, sich selbst Profile zu erstellen. Erst mit Ubuntu 8.04 soll dann neben der eigentlichen Software auch ein ganzer Satz an Profilen ausgeliefert werden. Wer AppArmor also nicht selbst mit Profilen erweitert, für den ist die Software im jetzigen Zustand recht nutzlos.

Eine weitere Neuerung für Server sind die zusätzlichen Installationsprofile. Administratoren können, neben vorkonfigurierten LAMP- und DNS-Servern, nun auch Mail-, File-, Print- und Datenbank-Server komplett konfiguriert einrichten lassen. Durch das Python-Skript Auth-Client-Config sollen sich zudem Authentifizierungs-Server leichter aufsetzen lassen. Neues in Sachen Virtualisierung bringt Gutsy Gibbon nicht: Xen muss auch weiter manuell nachinstalliert werden.

Für das schon früher enthaltene Linux Terminal Server Projekt (LTSP), zum Anlegen von Thin-Client-Umgebungen, verspricht die neue Version der Linux-Distribution vor allem eine Geschwindigkeitssteigerung durch den Einsatz von komprimierten Images. Der Thin-Client-Anmeldemanager LDM unterstützt nun außderdem die automatische Anmeldung, mehrere Server und unverschlüsselte Grafikübermittlung über das Netzwerk, um eine höhere Geschwindigkeit zu erreichen. LTSP ist vor allem in Edubuntu nützlich, da sich so Klassenzimmer mit einem Server und Thin Clients, für die alte Hardware reicht, bestücken lassen.

Tracker
Tracker
Darüber hinaus wurden die üblichen Updates bei der mitgelieferten Software vollzogen. Ubuntu nutzt nun Gnome 2.20, Kubuntu KDE 3.5.8 und aktiviert Desktop-Effekte übrigens nicht, Xubuntu verwendet Xfce 4.4.1., Gimp 2.4 ist in einer Vorabversion enthalten, OpenOffice.org in der Version 2.3 und der Instant-Messenger Piding in der Version 2.2.1. Als E-Mail-Client kommt Evolution 2.12 zum Einsatz, aber auch der Thunderbird 2.0.0.6 lässt sich verwenden. X.org wird in der Version 7.2 verwendet. Für Server sind zudem Apache 2.2.4, MySQL 5.0.45, PostgreSQL 8.2.5 und Postfix 2.4.5 enthalten.

Fazit:
Ubuntu 7.10 enthält vor allem kleinere Neuerungen, die zudem für Nutzer anderer Distributionen kaum etwas Neues darstellen. So ist Compiz auch in Ubuntu schon länger verfügbar, nun aber erstmals standardmäßig aktiv. Zwar sind einige der so verfügbaren Effekte durchaus nützlich, beispielsweise der Exposé-Modus, die meisten der gebotenen Grafikschmankerl dürften sich bei der Arbeit allerdings schnell als lästig entpuppen. Auch die neu integrierten Funktionen wie Tracker und das Applet zum schnellen Kontowechsel sind teilweise schon von anderen Distributionen bekannt und zwar nützlich, aber nur als kleine Erweiterungen anzusehen.

Compiz
Compiz
Dafür erleichtert das neue System zur Druckerkonfiguration den Umgang mit neuer Hardware ebenso wie der Assistent zur Installation proprietärer Treiber. Gerade für Einsteiger dürfte das Programm zur Software-Installation zudem erst einmal gut zu bedienen sein - bis eine "kompliziertere" Aufgabe ansteht und das Verwirrspiel mit Synaptic beginnt. Nett wäre hier etwa ein vereinfachter Modus für Synaptic gewesen, anstatt weiterhin zwei Programme zur Programminstallation zu verwenden.

Für den Server-Einsatz - ein Thema, das auch Ubuntu-Hauptsponsor Canonical wichtig zu sein scheint - sind die vorkonfigurierten Profile eine nützliche Erweiterung. AppArmor hingegen ist in diesem Zustand nur teilweise interessant, da der Administrator letztlich selbst Profile schreiben muss. Auch die zusätzlich verfügbaren Profile nutzen nur den "Complain"-Modus, warnen also nur, anders als die "Enforce"-Profile, wie das einzig direkt enthaltene für CUPS, die die festgelegten Regeln tatsächlich erzwingen.

Damit ist Ubuntu 7.10 ein durchaus solides Update geworden, dessen Verbesserungen aber eben eher im Detail liegen und das keine großen Neuerungen mitbringt. Zudem ist auch die Integration von Compiz noch nicht hundertprozentig zufriedenstellend gelöst.

Die Ubuntu-Installation
Die Ubuntu-Installation
Interessanter wird nun eher wieder die Entwicklungsphase für Ubuntu 8.04, das wie die Versionsnummer angibt, im April 2008 erscheinen wird. Dies wird wieder eine Version mit "Long-Term-Support" (LTS), die statt der üblichen 18 Monate von Canonical drei Jahre auf dem Desktop und fünf Jahre auf dem Server unterstützt wird. Gerade deshalb ist allerdings fraglich, ob hier wirklich große neue Funktionen zu erwarten sind.

Ubuntu, Kubuntu, Xubuntu, Edubuntu und Gobuntu stehen ab sofort zum Download in der Version 7.10 bereit.  (js)


Verwandte Artikel:
Dell bringt Computer mit Ubuntu 7.10   
(18.10.2007, https://glm.io/55471 )
Release Candidate von Ubuntu 7.10 veröffentlicht   
(12.10.2007, https://glm.io/55336 )
Ubuntu 7.10 als Beta-Version   
(27.09.2007, https://glm.io/55028 )
Ubuntu mit grafischer X-Konfiguration   
(24.08.2007, https://glm.io/54325 )
Neue Ubuntu-Alpha mit Tracker   
(09.08.2007, https://glm.io/54033 )

Links zum Artikel:
Edubuntu (.org): http://www.edubuntu.org/
Kubuntu (.org): http://www.kubuntu.org/
Ubuntu (.org): http://www.ubuntulinux.org
Xubuntu (.org): http://www.xubuntu.org/

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/