Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0709/54913.html    Veröffentlicht: 21.09.2007 12:55    Kurz-URL: https://glm.io/54913

Videoüberwachung keine große Hilfe bei Verbrechensbekämpfung

London: Aufklärungsrate steigt durch mehr Kameras nicht

Eine Auswertung der Londoner Polizeistatistik durch britische Liberaldemokraten hat ergeben, dass die Anzahl der öffentlichen Überwachungskameras keinen nennenswerten Einfluss auf die Verbrechensbekämpfung hat. Mehr Kameras bringen nicht automatisch mehr Sicherheit, zeigen die Statistiken laut einem Bericht des Londoner Evening Standard.

Großbritannien ist das Land mit den meisten Überwachungskameras weltweit. Die Schätzungen fangen bei einer Million Videokameras an, mit denen die Bewegungen der Briten überwacht werden. Sie sind überall. Allein in London werden 10.524 Überwachungskameras in 32 Stadtteilen von den Behörden betrieben. Die Kosten dafür beliefen sich in den letzten zehn Jahren auf rund 200 Millionen Pfund, mehr als 300 Millionen Euro.

Die im Londoner Parlament vertretenen Liberaldemokraten wollten laut Evening Standard wissen, ob diese Ausgaben gerechtfertigt sind. Unter Verweis auf das Gesetz zur Informationsfreiheit haben sie sich die Polizeistatistiken verschafft und ausgewertet. Dabei stellten sie fest, dass die Aufklärungsrate für Verbrechen in denjenigen Stadtteilen mit den meisten Überwachungskameras überwiegend unter dem Durchschnitt lag. Auf der anderen Seite lag sie in einigen Stadtteilen mit vergleichsweise wenigen Überwachungskameras zum Teil deutlich über dem Durchschnitt. Es ließ sich kein Muster erkennen, dass eine zunehmende Menge an Überwachungskameras mit einer höheren Aufklärungsquote bei Verbrechen einhergehen würde.

Die Londoner Statistiken belegen, was frühere Studien gezeigt haben: Überwachungskameras sind nicht das Allheilmittel, als das Sicherheitspolitiker sie der Öffentlichkeit immer wieder anpreisen. Weder senken sie die Verbrechensrate nennenswert, noch garantieren sie eine höhere Aufklärungsquote. Forderungen nach einem verstärkten Einsatz von Videokameras in Deutschland, wie sie beispielsweise der Bitkom erst Anfang Juli erhoben hat, lassen sich so nicht begründen. Die notwendigen Finanzmittel wären demnach anderswo besser investiert.

Videokameras ersetzen keine Polizeiarbeit. Ein Vergleich von London mit New York, den der American Spectator vergangenes Jahr anstellte, liefert dafür eindrucksvolle Belege. New York und London sind mit acht bzw. sieben Millionen Einwohnern ähnlich groß. Die Ausgaben für die Polizei sind ebenfalls vergleichbar. Allerdings werden die Mittel sehr unterschiedlich ausgegeben. Während New York 40 Prozent mehr Polizisten auf den Straßen hat, fließen in London deutlich größere Mittel unter anderem in die Videoüberwachung und die amtliche Verfolgung von "politisch nicht korrekten Äußerungen und Verhaltensweisen". Das Ergebnis der unterschiedlichen Polizeistrategien: "Aktuelle Schätzungen der Verbrechensraten gehen davon aus, dass die Verbrechensrate in London rund sieben Mal so hoch ist wie die von New York", so der American Spectator. [von Robert A. Gehring]  (ck)


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Links zum Artikel:
H2G2 - CCTV and Privacy in the UK (.uk): http://www.bbc.co.uk/dna/h2g2/A622487
The American Spectator - Three Strikes and You're ... in Like Flint (.org): http://www.spectator.org/dsp_article.asp?art_id=9641
This is London - Tens of thousands of CCTV cameras, yet 80% of crime unsolved: http://www.thisislondon.co.uk/news/article-23412867-details/Tens+of+thousands+of+CCTV+cameras%2C+yet+80%25+of+crime+unsolved/article.do

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