Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0708/54473.html    Veröffentlicht: 31.08.2007 12:06    Kurz-URL: https://glm.io/54473

Spieletest: Bioshock - Die Zukunft des Ego-Shooters?

Neuer Action-Titel für PC und Xbox 360 begeistert optisch und inhaltlich

Spieldesigner Kevin Levine ist ein Kritikerliebling - und ein schlechtes Omen für die Verkaufszahlen. Viele seiner bisherigen Projekte wie System Shock oder Thief wurden zwar mit Preisen und Awards überhäuft, enttäuschten dann aber an der Verkaufstheke. Mit Bioshock wagen Levine und sein Team von Irrational Games den nächsten Versuch, neben Bestnoten auch mal die große Masse der Gamer zu gewinnen; und der neue Titel ist spielerisch tatsächlich noch deutlich ambitionierter und gelungener als alle seine vorherigen Projekte.

Bioshock (PC, Xbox 360)
Bioshock (PC, Xbox 360)
Bioshock konnte bereits Jahre vor seiner Veröffentlichung von sich reden machen, was vor allem an den vollmundigen Versprechungen der Entwickler lag - man wollte mit diesem Spiel schließlich nicht weniger als das Genre der Ego-Shooter revolutionieren und auf eine völlig neue Ebene heben. Wer auf Grund dieser Ankündigungen unter anderem mit einer Abschaffung der Linearität in derartigen Spielen gerechnet hat, wird allerdings erst einmal enttäuscht sein: Bioshock spielt sich zunächst wie ein recht gewöhnlicher Ego-Shooter und ist in seinem Story-Ablauf komplett linear; die eigenen Handlungen beeinflussen den Ablauf der Geschichte also nicht wirklich.

Eben diese Geschichte ist allerdings derart spannend erzählt und perfekt in Szene gesetzt, dass man nachvollziehen kann, warum ihr so stringent gefolgt wird. Das Ganze beginnt mit einem Flugzeugabsturz über einem Ozean, den das junge Alter Ego des Spielers wie durch ein Wunder überlebt. Irgendwo im Meer, zwischen brennenden Trümmerresten, öffnet sich plötzlich ein Tor zu einer fremden Welt - und bevor man sich versieht, ist man in diesem Utopia bereits gefangen. Es dauert eine Weile, bis man versteht, was in diesem vom wahnsinnigen Mastermind Andrew Ryan erdachten Staat schief gelaufen ist - und wieso anstelle einer glücklichen Parallelwelt ein düsteres, von scheintoten Junkies bevölkertes Alptraum-Szenario entstanden ist.

Die nächste Aufgabe besteht dann darin, herauszufinden, wem man in diesem Staat vertrauen kann und wer nur ein Hindernis ist, um diesem Szenario wieder zu entkommen. Und das gestaltet sich in dieser ebenso faszinierenden wie deprimierenden Umgebung deutlich schwieriger als gedacht.

Bioshock
Bioshock
Unterwegs begegnet einem einiges an deformierten Gen-Experimenten und viel erschreckendem menschlichen Elend; Bioshock ist sicherlich nicht dazu angetan, gute Stimmung zu verbreiten, das gezeichnete Menschenbild ist äußerst düster. Allerdings auch faszinierend: Hinter zahlreichen Charakteren, auf die man im Spielverlauf trifft, steckt eine spannende Geschichte, die sich oft ganz nebenbei entspinnt - so wird aus einer unpersönlichen Level-Landschaft mit zahlreichen NPCs, wie man es aus vielen anderen Shootern kennt, ein lebendiges Szenario mit tiefgründigen Personen.

Auch der Einfallsreichtum bei der Charakter-Entwicklung ist beachtlich; ein gutes Beispiel dafür sind die im Spiel stets präsenten Little Sisters und Big Daddys: Erstere sind kleine Mädchen, die für die Beschaffung von Adam verantwortlich sind - der Droge, die Rapture am Leben erhält und ebenso einer der Gründe für den Niedergang der Stadt ist. Damit eben diese kleinen Kreaturen nicht zum hilflosen Opfer der zahlreichen, nach Drogen suchenden Stadtbewohner werden, hat aber jedes von ihnen einen großen Beschützer dabei - eben jenen Big Daddy, einen schwerbewaffneten Koloss in einer Art Taucheranzug. Diese beeindruckenden Geschöpfe ignorieren den Spieler zunächst, allerdings nur so lange, bis man sich selbst an die Little Sisters heranwagt - ab dann toben fordernde, spannende und vor allem in den höheren Schwierigkeitsgraden alles andere als einfache Gefechte.

Bioshock
Bioshock
Überhaupt ist die gelungene KI einer der Schlüssel zur glaubwürdigen Spielewelt von Bioshock; viele der Gefechte wirken deshalb so spannend, weil die Kontrahenten sich oft unberechenbar und smart verhalten.

Munition ist notorisch knapp, dafür sind die zur Verfügung stehenden Feuerwaffen so umfangreich und vielseitig wie in kaum einem anderen Shooter - fast jedes Gewehr lässt sich in mehreren Stufen aufrüsten und mit unterschiedlichen Munitionsarten füttern. Die versprochene spielerische Freiheit in Bioshock hört hier aber glücklicherweise nicht auf - das Ausschalten von Kontrahenten funktioniert eben nicht nur mit diversen Feuerwaffen. Fast wie in einem Rollenspiel lassen sich mit der Zeit umfangreiche Gen-Updates am eigenen Körper in mehreren Stufen vornehmen: Gegner zu Eis gefrieren lassen funktioniert dann ebenso wie Gegenstände per Telekinese zu bewegen oder Feuerbälle zu verschießen. Dabei sind die Lösungswege alles andere als vorgegeben: Oft obliegt es dem Spieler, wie er sich Platz verschafft und sein Leben rettet, was den Wiederspielwert deutlich erhöht. An nicht wenigen Stellen darf übrigens auch darüber entschieden werden, ob man Kontrahenten letztendlich doch verschont oder eiskalt das Lebenslicht ausbläst; die Frage nach der eigenen Moral wird in diesem unwirtlichen Ort also immer mal wieder gestellt.

Bioshock
Bioshock
Optik und Soundkulisse sind eine Klasse für sich - wie in nur wenigen anderen Shootern wurde hier derart viel Liebe ins Detail gesteckt, dass man an vielen Stellen fast schon bedauert, von der Action derart in Beschlag genommen zu werden. Riesige Gebäude, deren ehemaliger Glanz noch zu erahnen ist, verlassene Gestalten, die hinter dem Rücken des Spielers tuscheln, kaum beleuchtete Straßenschluchten, durch die man mit erhöhtem Pulsschlag läuft - die Fülle an erinnerungswürdigen Orten ist beachtlich. Stellenweise hat man wirklich das Gefühl, als wäre es den Entwicklern in erster Linie darum gegangen, ein Kunstwerk und kein Spiel zu erschaffen; gut, dass darunter der Spielspaß allerdings nicht gelitten hat.

Bioshock
Bioshock
Dieser Test bezieht sich auf die Xbox-360-Version von Bioshock; das Spiel ist auch für den PC erhältlich, leider konnte uns 2K Games hier allerdings nicht mit einem Testmuster versorgen. Beiden Versionen ist gemeinsam, dass sie keine Jugendfreigabe erhalten haben - dank der oft wirklich bedrohlich düsteren und gewalttätigen Atmosphäre eine nachvollziehbare Entscheidung.

Fazit:
Gleich vorweg: Bioshock ist keine Revolution des Shooter-Genres - trotz vielfältiger Lösungswege und zahlreichen Gen-Updates spielt sich der Titel über weite Strecken dann letztendlich doch wie ein konventioneller Action-Titel aus der Ego-Perspektive. In Sachen Atmosphäre und Spannung werden trotzdem neue Maßstäbe gesetzt: Dieses Spiel ist die intensivste Action-Erfahrung seit langem - Story, Inszenierung und Spielwelt sind fast allen aktuellen Spielen in Umfang und Glaubwürdigkeit mehr als deutlich voraus.  (tw)


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Links zum Artikel:
Irrational Games (.com): http://www.irrationalgames.com/

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