Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0708/54338.html    Veröffentlicht: 25.08.2007 13:40    Kurz-URL: https://glm.io/54338

Wikiscanner für deutsche Wikipedia jetzt online

Skandale bisher ausgeblieben

Mitte August ging der vom kalifornischen Studenten Virgil Griffith entwickelte Wikiscanner für die englische Ausgabe der Wikipedia ans Netz. Mit Spannung wurde seitdem die angekündigte Version für die deutsche Wikipedia erwartet. Gestern war es dann so weit.

Seit gestern kann der Wikiscanner auch bei der deutschen Wikipedia etwas Licht in die Urheberschaft anonymer Änderungen bringen. Für anonyme Änderungen werden die IP-Adressen des Computers bzw. des Netzwerks, von wo sie kommen, gespeichert. Der Wikiscanner sucht zu den IP-Adressen per "reverse lookup" nach den Eigentümern der Adresse und zeigt alle Wikipedia-Änderungen des Eigentümers an. Für größere Organisationen, die bekannte IP-Adressbereiche belegen, lässt sich so transparent machen, welche Wikipedia-Änderungen aus ihren Netzen heraus erfolgten.

Nachdem der englische Wikiscanner online gegangen war, wurden sehr schnell eine ganze Reihe von Manipulationen durch Unternehmen, Parteien und andere Organisationen aufgedeckt. Hersteller mögen keine Kritik an ihren Produkten und Politiker mögen ihre Gegenkandidaten nicht, so ein wenig überraschendes Ergebnis der Suchaktionen. Auch die deutsche Internet-Community hat sich jetzt auf die Suche nach "bemerkenswerten Beiträgen" gemacht. Erste Funde lassen sich auf einer eigens dafür eingerichteten Wikiscanner-Webseite nachlesen.

Größere Skandale sind bisher ausgeblieben. Mitarbeiter aus etlichen Unternehmen haben die Porträts ihrer Firmen "bearbeitet", beispielsweise die MLP AG, Scientology oder die Sixt AG. Jemandem aus dem Netz des Axel-Springer-Verlags ist das Ansehen von Franz Josef Wagner eine Überarbeitung des entsprechenden Wikipedia-Artikels wert. Und im Deutschen Gewerkschaftsbund legt man Wert auf die produktivitätssteigernde Wirkung von Betriebsräten. Bei Pharma-Herstellern wie Fresenius oder Henning ist Kritik an eigenen Medikamenten nicht sonderlich erwünscht.

Eigene Recherchen haben darüber hinaus gezeigt, dass der gemeinschaftlich vom Musik-, Film- und Computerspiele-Industrie beauftragten "Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen" (GVU) sehr viel an "ihrem" Wikipedia-Eintrag gelegen ist. Vom GVU-Server mit der IP-Adresse 213.39.244.82 aus wurden mehrfach Änderungen an dem Eintrag vorgenommen. Dabei wurde unter anderem am 31. Mai 2006 ein ausführliches "Selbstbild der GVU" mit einer "mehrseitigen Perspektive auf Vorwürfe der Presse gegenüber den GVU-Ermittlungsmethoden durch Hinzufügung einer entsprechenden GVU-Pressemitteilung" ergänzt.

Bei jemandem aus dem Netz der deutschen Bahn AG gibt es hingegen ein ausgeprägtes Interesse an weltanschaulichen Fragen im weiteren Sinne. Das Spektrum reicht dabei von "Körperhaltung" über "Das Gesicht Mohammeds" bis hin zur "Freimaurerei".

Die nächsten Tage werden uns sicher noch viele weitere, aufschlussreiche Einblicke in das Seelenleben deutscher Unternehmen und Parteien bringen. So leistet der Wikiscanner einen wichtigen Beitrag nicht nur zur Transparenz in der Wikipedia, sondern auch zur Aufklärung der Bevölkerung. [Robert A. Gehring]  (ji)


Verwandte Artikel:
Software deckt Manipulation bei Wikipedia auf   
(15.08.2007, https://glm.io/54144 )
Wikipedia Zero: Wikimedia-Foundation will Zero-Rating noch 2018 beenden   
(19.02.2018, https://glm.io/132847 )
Vergleich geschlossen: Tierschützer geben im Streit um Affen-Selfie auf   
(12.09.2017, https://glm.io/129992 )
Überwachung: Wikipedia darf nun doch die NSA verklagen   
(24.05.2017, https://glm.io/128001 )
Große Chinesische Enzyklopädie: China erstellt eigene Online-Enzyklopädie   
(02.05.2017, https://glm.io/127596 )

Links zum Artikel:
Wikiepedia - Wikiscanner (.org): http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikiscanner
Wikiscanner (.gr): http://wikiscanner.virgil.gr/

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/