Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0708/54315.html    Veröffentlicht: 24.08.2007 12:14    Kurz-URL: https://glm.io/54315

Interview: Web 2.0 lässt Zombies wieder auferstehen

Maik Söhler im Gespräch mit dem digitalen Bohemien Holm Friebe

Arbeit ohne Dienstplan und intellektuelle Problempornos - Holm Friebe sieht seltsame Dinge auf uns zukommen. Maik Söhler sprach mit dem Kulturjournalisten und digitalen Bohemien über Freiberuflertum und das Exklusivitätsdogma, Unternehmertum und Muße-Gesellschaft, prekäre Selbstständige und Yuppies sowie die Frage, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert.

Holm Friebe, geboren 1972, ist einer der Gründer des Kultur- und Online-Netzwerkes Zentrale Intelligenz Agentur, das wiederholt den Ingeborg-Bachmann-Preis abräumen konnte. Friebe hat zusammen mit Sascha Lobo im vergangenen Jahr das Buch "Wir nennen es Arbeit" über die "digitale Boheme" der prekären Freiberufler veröffentlicht, ist einer der Autoren im Weblog Riesenmaschine.de und veröffentlicht Artikel über Kultur, Internet und Gesellschaft in diversen Medien.

Wir treffen uns im Radialsystem V in Berlin-Mitte. Hier findet seit Donnerstag der mehrtägige und von Friebe mitveranstaltete Kongress "9 to 5. Wir nennen es Arbeit" statt. Gegenüber befindet sich mit der Zentrale der Gewerkschaft Verdi ein Bollwerk der organisierten Arbeiterschaft, die auf Begriffe wie "prekär", "Boheme" und "Freiberufler" immer noch empfindlich reagiert.

Golem.de: Ein Kongress steht an, auf dem es neben Arbeit, Geld und Weltverbesserung auch um unsere Zukunft geht. Sie selbst haben schon Trendkolumnen geschrieben. Lassen Sie uns bitte schnell einige Trends durchhecheln. Ich gebe Ihnen ein Stichwort und Sie sagen mir, was kommt. Wir beginnen mit: Arbeit.

Holm Friebe: Rowe. Results Only Work Environment. Wird in den USA schon erfolgreich geprobt. Rowe hat nichts mit Gleitzeit oder der Vier-Tage-Woche zu tun. Die Leute arbeiten einfach so, wie sie wollen. Sie müssen nur ihr Pensum schaffen und sich mit den Kollegen absprechen.

Holm Friebe
Holm Friebe
Golem.de: Internet.

Friebe: Widgets natürlich. Egal ob als Bedienelement einer grafischen Oberfläche oder als kleine, in die großen sozialen Netzwerke einbaubare Formate. Gerade ist ja alles Widget.

Golem.de: Design.

Friebe: Spiegelnde Flächen, Logos auf glatten Oberflächen, überhaupt kristalline, klare Grundierungen.

Golem.de: Logo.

Friebe: Nicht totzukriegen, wird aber kleiner und will nicht mehr angebetet werden.

Golem.de: Kultur.

Friebe: Hm, vielleicht Stadtentwicklung als angewandte Kunst.

Golem.de: Stadt.

Friebe: Ich bin gerade sehr im Bannstrahl von Tyler Brulé und seinem Heft "Monocle". Das Magazin ist widerlich, weil es den jetsettenden kultivierten Yuppie imaginiert, für den Geld sowieso keine Rolle spielt. Und es ist interessant, weil es sich um einen melancholischen Yuppie handelt, der weiß, dass das Leben, das er führt, nicht das ist, was er führen will. Er hat Sehnsucht nach der perfekten Stadt und "Monocle" listet ihm die am meisten geeigneten Städte auf. Im letzten Heft war München die beste Stadt, Berlin tauchte in der Liste nicht mal auf. Daran sehen Sie, auf welches Publikum das abzielt. Der Trend in diesen Kreisen geht zum idyllischen Großdorf mit guter Flughafenanbindung.

Golem.de: Medien.

Friebe: Fällt mir nichts zu ein.

Golem.de: Sex.

Friebe: Das ist nun wieder spannender. In den Siebzigern gab es in Hollywood die Idee, dass Pornos etwas Emanzipatorisches hätten. Nach den ganzen voyeuristischen Privatfernseh-Exzessen der Neunziger und frühen nuller Jahren sind wir nun an einem Punkt, an dem man ernsthaft und intellektuell anspruchsvoll über abseitige Sexfantasien und -praktiken reden kann. Das ist reizvoll und bringt einen zu der Überlegung, ob die Zeit nicht reif für Intellektuellen-Pornos wäre.

Golem.de: Wie sähe so ein Porno denn aus?

Friebe: Es gibt eine karge Küchensituation, wo ein Mann und eine Frau zähe Problemgespräche führen und zwischendrin wird gevögelt. Und es wird viel geraucht.

Golem.de: Haben wir noch ein wichtiges Trendthema vergessen?

Friebe: Konsum. Körperpflege- und Milchprodukte nähern sich im Supermarktregal immer weiter an, manchmal bis zur Ununterscheidbarkeit. Etwas Grundlegender sollte man noch das Prosuming erwähnen, also Produkte, die man mit Hilfe des Internets selbst erstellen oder verändern kann.

Golem.de: Mir fällt auch noch was Absurdes ein: Politik.

Friebe: Links. Gerade jetzt, da der Aufschwung anzieht und die Leute ihre nackte Existenzangst verlieren, wünscht sich die Mehrheit in Deutschland mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Staat.

Golem.de: Was bedeutet für Sie links?

Friebe: Auf dem Kongress "9 to 5. Wir nennen es Arbeit" wird es eine Veranstaltung zur Frage "Was wäre ein linker Neoliberalismus?" geben. Deshalb hier und jetzt nur so viel: Wie mehr Freiheit in Arbeitsdingen zusammengeht mit mehr Staat, das könnte ein Ansatz sein. Ein anderer wäre, ganz banal und pathetisch, dass man gegen die Institutionen Unternehmen und Familie die Freundschaft stark macht und damit nebenbei auch noch der Bierwerbung die Freundschaft wieder entreißt. Freundschaft braucht außerdem Orte, auch öffentliche Orte, das könnten zum Beispiel die Kieze sein. Die gute alte europäische Geselligkeit in einer moderneren Form, das wäre schon mal nicht schlecht.

Golem.de: Klingt wie CSU.

Friebe: Das liegt jetzt an dem Wort Geselligkeit. Okay, bleiben wir bei Freundschaft und Loyalität, die nicht an Unternehmenshierarchien und Blutsbanden hängen.

Holm Friebe
Holm Friebe
Golem.de: Herr Friebe - lassen Sie uns über Geld sprechen. Was bedeutet es Ihnen persönlich?

Friebe: Da bin ich sehr konservativ und sicher kein klassischer Unternehmer. Ich würde nie Schulden machen, auch nicht, um eine Idee zu realisieren. So dreht man natürlich keine großen Räder. Geld ist notwendig. Und Geld ist als Anerkennung interessant, als Rückmeldung anderer Menschen, die mich für meine Arbeit damit bezahlen.

Golem.de: Beim "9 to 5"-Kongress taucht Geld erstmal nur in der Form des Geldverbrennens auf. Wollen Sie etwa die New Economy zurück? Da wurde ja wahnsinnig viel Geld verbrannt.

Friebe: Das Motto Geldverbrennen zielt auf die schöne und rätselhafte Aktion der Band KLF aus den Neunzigern. Nachdem sie mit mehreren Nummer-eins-Hits viel Geld verdienten, verbrannten sie auf einer schottischen Insel eine Million Pfund - kommentarlos, unter Ausschluss der Öffentlichkeit - und verließen das Musikgeschäft, um in die Kunst zu wechseln. Gleichzeitig gibt es einen Link zur New Economy mit ihrer Burn-Rate, dem raschen Verbrennen von Marketing-Geld, um als Firma so schnellstmöglich zu wachsen. Aber für uns ist das Geldverbrennen mehr eine Chiffre, um das Feld zwischen Ökonomie und Kunst in den Blick zu nehmen.

Golem.de: Erklären Sie das bitte genauer. Ich verstehe immer noch nicht, was an verbranntem Geld eine Chiffre sein soll.

Friebe: Im System der Kunst war die Aktion von KLF eines der ganz großen Statements. Es zeigt, dass es ums Geld allein nicht gehen kann und schlägt der buchhalterischen Logik offen ins Gesicht.

Golem.de: Geld verbrennen geht gar nicht, solange es Armut gibt. Und: Ich weiß, wie spießig das für Sie jetzt klingt.

Friebe: Man sollte die Problematik des Erfolges nicht unterschätzen. Was macht man mit Geld? Wie geht man damit um? Wie weit lässt man sich vom Erfolg in bestimmte Strukturen pressen, die man nie gewollt hat? Geld verbrennen ist eine Möglichkeit, diese Fragen zu beantworten. Wenn auch meiner Meinung nach nicht die beste.

Golem.de: Sie haben den Begriff der digitalen Boheme mitgeprägt. Mal angenommen, jemand gibt Ihnen eine Million Euro. Der klassische Bohemien nimmt das Geld und feiert damit ein rauschendes Fest. Der prekäre Netizen nimmt das Geld, um daraus ein neues Projekt aufzubauen. Wofür entscheiden Sie sich?

Friebe: Ich würde es in eines unserer Vorhaben stecken - in die Verstetigung des Kongress- und Festivalgedankens. Also Büroräume mit WLAN zur Zwischennutzung für Freiberufler zu konzipieren; öffentliche Großraumbüros, die nach dem System von Fitness-Clubs via Mitgliedschaft organisiert sind und die es in möglichst vielen Städten geben sollte. Darein würde ich gerne Energie und, wenn vorhanden, auch Geld stecken.

Golem.de: Dieses ganze Freiberuflertum, ist das jetzt nur eine Phase oder hat das Zukunft?

Friebe: Es gibt eine links-sozialdemokratisch sozialisierte Generation, die durch 1968, antiautoritäre Erziehung und das süße Gift der Selbstverwirklichung eigentlich verdorben sein müsste für Verzicht, aufgeschobene Entlohnung und alles weitere, was klassische Arbeitsverhältnisse bieten. Über lange Zeit hätte ich die Wette gehalten, dass nicht mehr alle rein wollen ins konventionelle System der Arbeit. Vor allem hätte ich gedacht, dass das Exklusivitätsdogma bröckelt, also dass man nur einem Arbeitgeber dienen kann. Mittlerweile bin ich mir unsicher geworden, glaube aber, dass die Anzahl der Leute, die nicht reinwollen, weiter anwächst.

Golem.de: Das mag für Menschen in einer bestimmten Altersspanne gelten. Wer 25 ist, ist flexibler als jemand mit 45.

Friebe: Wir erfinden das Rad nicht neu. Auf dem Kongress wird es auch darum gehen, 68er mit ihren Erfahrungen zu Wort kommen zu lassen, die das alles schon einmal durchexerziert haben: Ökonomie, besseres Leben, anders wohnen, anders arbeiten. Solche Verbindungslinien sind viel stärker als jene innerhalb einer Altersgruppe, wo viele immer noch das Sicherheits- und Karrieremodell wollen.

Golem.de: Ein Rückblick auf 1968 und die Folgen birgt die Gefahr, frustriert zu werden.

Friebe: Man kann auch etwas lernen. Zum Beispiel was mit Organisationen passiert, wenn sich aus ihnen heraus Firmenstrukturen bilden und plötzlich einer den Chef gibt. Einige der Experimente aus den Siebzigern sind daran gescheitert, dass sie ökonomisch nicht funktionierten. Andere sind daran gescheitert, dass sie ökonomisch zu gut funktionierten und zu dem wurden, wogegen sie sich immer gewandt hatten. Mit den aktuellen technischen Mitteln, etwa bei Abstimmungen, sollte doch die Möglichkeit bestehen, heute zu Organisationsformen zu kommen, die professionell, aber nicht hierarchisch sind.

Golem.de: Gibt es ein Beispiel dafür, wie das aussehen könnte?

Friebe: Sehr viel von heute erkenne ich wieder, wenn ich Bernd Cailloux' Buch "Das Geschäftsjahr 1968/69" lese. Vor allem, was seine Erfahrungen mit der Muße-Gesellschaft angeht, die sich aus dem Kunstschulen-Umfeld gebildet hat. In Deutschland lief man damals noch mit Pepita-Hütchen rum, während aus den USA schon die psychedelische Revolution rüberschwappte. Das Programm der Muße-Gesellschaft war es, den Stroboskop-Blitz nach Deutschland zu bringen und daraus ein marktfähiges Produkt zu machen - mit dem erklärten Ziel, die psychedelische Revolution voranzubringen und damit die Gesellschaft in den Grundfesten zu verändern. Wegen des großen Erfolges mündete das Ganze dann in etwas, was sehr viel mit den Verlockungen des Geldes und Marketings zu tun hat ...

Golem.de: ... in Unternehmertum ...

Friebe: ... ja. Und daran zerbricht die Muße-Gesellschaft dann auch.

Golem.de: Es ist also ein Negativ-Beispiel. Oder ist reines Unternehmertum etwa Ihr Ziel?

Friebe: Heute reden im Netz alle vom Social Entrepreneurship und damit werde ich nicht so ganz warm. Es ist zu nahe am Charity-Gedanken - gutes Geld machen und einen geringen Teil davon für wohltätige Zwecke spenden. Interessant ist vielmehr, dass Leute, die sich früher allein politisch oder künstlerisch zusammengefunden hätten, nun geneigt sind, über die Organisationsform der Firma nachzudenken. Superflex, eine dänische Kunstgruppe, stemmt nun lauter Firmen in die Welt, die als angewandte Kunstprojekte gedacht waren. Sie haben gemerkt, dass sich Wirkmacht erst so richtig in der Firma entfaltet.

Golem.de: Wenn Sie mal zurückdenken - können Sie sich schneller an Ihren ersten Job oder an Ihr erstes Unternehmen erinnern?

Friebe: An das Unternehmen, auch wenn damals der Unternehmergedanke nicht im Vordergrund stand.

Golem.de: Was für eins war es?

Friebe: Ich gab in Münster ein Fanzine mit dem Titel "Luke & Trooke" heraus, eine Vorstufe zur Zentralen Intelligenz Agentur, teilweise sogar mit denselben Leuten. Wir haben mit den Mitteln des Comics, der Literatur und der Theorie auf die deprimierende Eintönigkeit des Münsteraner Studentenlebens geantwortet. Über Anzeigenerlöse haben wir zumindest manchmal kostenneutral gearbeitet. Wenn Sie so wollen, handelte es sich dabei um erste Schwimmversuche im Nichtschwimmerbecken des Unternehmertums.

Golem.de: Herr Friebe, ein Buch von Ihnen heißt "Wir nennen es Arbeit" und auch in unserem Gespräch geht es ständig um Arbeit. Sind Sie vom Thema Arbeit besessen?

Friebe: Besessen nicht. Das Thema ist zu gut, um es anderen zu überlassen. Die Zentrale Intelligenz Agentur, in der ich mitarbeite, wollte anfangs nur gemeinsame, zweckfreie und nichtkommerzielle Projekte machen. Wir haben überlegt, wie Firmenstrukturen aussehen sollten, in denen Leute miteinander arbeiten, die gewöhnliche Firmenstrukturen satt haben. Das ist eine große Aufgabe, weil man dabei vieles neu erfinden muss. Für viele Antworten, die wir gefunden haben, gab es erst später technische Hilfsmittel, so dass wir einiges immer wieder anpassen und neu adaptieren mussten. Gleichzeitig merkt man, dass man mit solchen Fragen und Überlegungen nicht alleine ist. Der Stand der Produktionsmittel hat einfach ein Niveau erreicht, bei dem man sich fragt, warum es immer noch Leute gibt, die anders arbeiten.

Golem.de: Wir sitzen hier im Garten des Radialsystems in Berlin-Mitte gegenüber der Verdi-Zentrale, der Trutzburg der Arbeiterschaft. Für die ist ein Leben ohne Arbeit gar nicht denkbar. Gilt das auch für Sie?

Friebe: Ich merke, dass ich darauf fixiert bin, ein paar selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Nach einem geschriebenen Artikel, einer erledigten Arbeit, fühle ich mich besser. Das Programm des glücklichen Nichtstuns kommt für mich nicht in Frage - meine psychische und soziale Disposition lässt das nicht zu.

Golem.de: Warum nicht? Sich einfach zurücklehnen, das Leben genießen ...

9 to 5 - Wir nennen es Arbeit
9 to 5 - Wir nennen es Arbeit
Friebe: Dann stimmt bei mir die Ökologie des Gleichgewichts, die die frühen Glücksphilosophen beschrieben haben, nicht mehr. Ins süße Nichtstun muss sich das Produktive einsortieren, die Mischung muss stimmen.

Golem.de: Das klingt fast so, als spräche hier ein Gewerkschafter.

Friebe: Ich bin einer, wenn auch ein untypischer. Am Anfang von Monty Pythons Film "Der Sinn des Lebens" gibt es die schöne Szene, wo ein altes Behördenhaus einen neuen Konzern mit verspiegelter Fassade angreift. Alte, Ärmelschoner tragende Beamte attackieren junge Manager mit Geodreiecken und Zirkeln. Anders gesagt: Die alte Arbeitswelt lehnt sich gegen die neue auf. Es gibt nun mal unterschiedliche Modelle und Vorstellungen von dem, was Arbeit ist und wie die Zukunft der Arbeitswelt aussehen könnte. Auch unsere Häuser stehen sich auf den ersten Blick scheinbar unversöhnlich gegenüber.

Golem.de: Auf den zweiten Blick aber nicht?

Friebe: Genau. Zum "9 to 5"-Kongress haben wir eine Gewerkschaftsfunktionärin eingeladen, die bei Ver.di die Arbeit der so genannten Freien organisiert und damit auch nicht immer einen leichten Stand hat. Was die Gewerkschaft für ihre Klientel macht, ist wichtig. Es ist nur nicht unsere Klientel. Die Frage ist, ob unsere Klientel nicht die Gewerkschaftsklientel der Zukunft sein könnte. Oder müsste. Bisher werden Freiberufler und Selbstständige als latente Bedrohung und Konkurrenz für das Heer der abhängig Beschäftigten wahrgenommen. Dabei gibt es gerade unter den prekären Selbstständigen viele, die eine starke Institution im Rücken bräuchten, um ihre Interessen zu vertreten.



Golem.de: Hatten Sie schon einmal eine Festanstellung?

Freibe: Der erste feste Job war auch gleichzeitig der einzige - in einer Hamburger Unternehmens- und Trendberatung.

Golem.de: Wie kamen Sie denn dahin?

Friebe: Über ein Praktikum. Die Schnittstelle von Feuilleton und Wirtschaft hat mich immer interessiert. Ich habe Volkswirtschaft und Kulturwissenschaften studiert. Im Wirtschaftsstudium fehlte die Kultur und in den Kulturwissenschaften fehlte die Wirtschaft. In der Trendberatung kam beides zusammen.

Golem.de: Und davor? Ferienjobs?

Freibe: In den Ferien habe ich immer in der Steuerberaterpraxis meines Vaters gejobbt. Hängen geblieben ist davon aber nichts. Deswegen frage ich mich immer noch, wie man in Freiberufler-Strukturen, die eher amöbenhaft sind und sich kaum mit dem bürgerlichen Gesetzbuch in Deckung bringen lassen, mit so etwas wie Buchhaltung überhaupt umgehen kann. An die monatliche Umsatzsteuererklärung fürs Finanzamt überhaupt nur zu denken, ist eine große Herausforderung.

Golem.de: "Die Welt neu erfinden" heißt es im Faltblatt zum Kongress. Was für eine neue Welt ist das - eine ohne Umsatzsteuererklärung?

Friebe: Eine Welt, in der alle Zahlungsvorgänge elektronisch über das Handy abgewickelt und gleich zum Finanzamt durchgemeldet werden. Die Institutionen kreativ an die Erfordernisse des Alltags anzupassen - das wäre schon mal was.

Golem.de: Klingt nach FDP.

Friebe: Dieses liberale Gejammer gegen staatliche Schikanen ist furchtbar und negiert auch, dass der Staat einen Anspruch auf einen Teil der unternehmerischen Einkünfte hat. Schließlich stellt er ja die Infrastruktur bereit. Schikanös ist allein die Antiquiertheit von Verwaltung. Ist es denn wirklich so schwer, ein wenig Web 2.0 in sich aufzunehmen? Wer einmal versucht hat, sich mit einem Mac-Rechner durch das Anmeldeverfahren zum Elster-Online-Formular zu hacken, der weiß, was ich meine. Geschmeidige Benutzbarkeit sieht anders aus und würde das Leben vieler Menschen einfacher machen.

Golem.de: Es gibt Schlimmeres. Es häufen sich in jüngster Zeit so einige Phänomene, die befürchten lassen, dass die New Economy zurückkehrt.

Friebe: Ist mir auch aufgefallen. Vor allem was das Personal bei Meetings angeht. Von den Zauberformeln Web 2.0 und Social Commerce geweckt, erheben sich einige Zombies wieder aus dem Grab, verfallen gleich in heftige Betriebsamkeit und packen, als ob nie etwas gewesen wäre, ihre Excel-Sheets und Business-Pläne aus. Man muss sehr genau hinsehen, wer da was macht.

Golem.de: Und was sieht man dann?

Friebe: Die meisten Leute, denen man heute in diesem Geschäft begegnet, sind sympathischer als es selbst der netteste New-Economy-BWLer je war. Die aktuelle Generation wurde im Netz sozialisiert und nicht im Wirtschaftsseminar oder im Manager-Crashkurs. Sie weiß, wie die Produktionsmittel funktionieren und muss Technik nicht delegieren. Bislang habe ich noch nicht gehört, dass die After-Work-Partys wiederaufleben. Von daher besteht Hoffnung.

Golem.de: Die Betriebsmassagen sind schon wieder sehr im Kommen.

Friebe: Dann ist es ernst.

[Mit Holm Friebe sprach Maik Söhler.]  (nz)


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Zentrale Intelligenz Agentur: http://www.zentrale-intelligenz-agentur.de/

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