Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0707/53633.html    Veröffentlicht: 22.07.2007 20:55    Kurz-URL: https://glm.io/53633

Hintergründe zum Freigabe-Fehler bei DSL-Providern

Private PCs auf Ethernet-Ebene verbunden, nicht per Internet

In der am Montag, den 23. Juli 2007 erscheinenden Ausgabe berichtet die Zeitschrift c't über Fehlkonfigurationen bei DSL-Providern. Dadurch kann man auf Kosten anderer Nutzer - und mit deren IP-Adresse - mitsurfen, aber unter Umständen auch Windows-Freigaben einsehen. Bereits die Vorab-Berichterstattung sorgte für viel Wirbel und zahlreiche Missverständnisse.

Die neue Ausgabe 16 der c't erscheint zwar erst am Montag, den Abonnenten liegt sie jedoch bereits vor. Wie bereits berichtet beschreibt das Magazin darin einen Fehler von DSL-Providern, der zu einer direkten Verbindung von privaten Rechnern führt, so als ob sie in einem lokalen Netz verbunden wären - die Redaktion der c't nennt das treffend "Netzwerk-Kurzschluss".

Zahlreiche Nutzer, die seit den ersten Meldungen über den Bericht in Internet-Foren hitzig diskutieren, sehen das allerdings ganz anders. Eine der vertretenen Meinungen lautet sinngemäß "Was ich freigebe, hat der Provider auch durchzulassen, alles andere wäre ein beschränkter Internet-Zugang". Doch darum geht es bei diesem Fehler gar nicht. De facto sind die Rechner nicht über das Internet miteinander verbunden, sondern auf der Ebene von Ethernet-Verbindungen. Diese Tatsache bedingt auch, dass es sich hierbei nicht um eine Sicherheitslücke im Betriebssystem eines Kunden handelt. Mit früheren Fehlern, wie sie unter anderem im TCP/IP-Stack älterer Windows-Versionen auftraten, hat das aktuelle Problem auch nichts zu tun.

Bei vielen Providern, die ihre Netze zügig ausbauen, wird ganz auf Ethernet-Infrastrukturen gesetzt, auch die DSL-Leitung zum Kunden ist lediglich eine Verlängerung dieses Ethernet-Netzes auf ATM-Ebene, danach geht es per Ethernet weiter. Dieses "Next Generation Network" (NGN) setzt unter anderem auch der Anbieter Alice ein, bei dem der Fehler laut c't mehrfach zu beobachten war - allerdings nur in Städten, wo Alice kein eigenes Telefon-Netz betreibt, sondern seine Angebote über das von Telefonica bereitstellt. Laut Angaben von Alice soll der beschriebene Fehler aber mit Erscheinen des c't-Artikels im Netz dieses Providers nicht mehr auftreten. Im Alice-Netz werden auch analoge Telefonanschlüsse per Voice-over-IP emuliert, das Netz setzt vollständig auf IP-Verkehr, der aber zum größten Teil über Ethernet-Verbindungen abgewickelt wird.

Das Modem hat dabei - anders als man vielleicht denken mag - stets eine Verbindung ins Netz des Providers. Es dient aus Sicht eines angeschlossenen PCs lediglich als Bridge zwischen dem eigenen lokalen Netz und der Infrastruktur des Providers. Diese ATM-Verbindung, die das Modem mit dem Einwahlpunkt (DSLAM) aufbaut, ist aus Sicht des Ethernet-Netzes transparent. Der Fehler besteht darin, dass die Verbindung des Kunden an einem Switch nicht von denen anderer Benutzer getrennt wird. Dadurch befinden sich die Rechner im selben Subnetz, in dem per Ethernet jeder Rechner von jedem anderen aus sichtbar ist - ganz so, als seien sie in einem lokalen Netzwerk zuhause am selben Switch angeschlossen. Je nachdem, wo sich dieser Switch - oder ein Gerät mit gleicher Funktion - im Netz des Providers befindet, können mehr oder weniger DSL-Nutzer von dem Fehler betroffen sein. Die Kunden wissen aber nicht, wer mit ihnen im selben Subnetz hängt - von einer gewollten Freigabe kann damit keine Rede sein.

Da die Rechner auf der Ebene des Ethernet-Protokolls direkt verbunden sind, spielt es auch keine Rolle, welches Betriebssystem der Kunde einsetzt, oder ob dieses besonders sicher konfiguriert ist. Im beschriebenen Fall des Nutzers, der in seiner Netzwerk-Umgebung unter Windows plötzlich einen Ordner mit kinderpornografischem Material fand, hatte der DSL-Kunde laut dem Artikel der c't einen PC direkt mit dem Modem verbunden. Dieser Rechner stellte anderen PCs im gleichen Netzwerk über die Internet-Verbindungs-Freigabe von Windows seinen Zugang zur Verfügung.

Besonders problematisch für den - laut c't erwiesenermaßen unschuldigen - DSL-Kunden war dabei, dass der Kinderporno-Sammler den fremden Internet-Zugang über die Verbindungs-Freigabe mitbenutzte. Dadurch trugen die Zugriffe auf die illegalen Dateien stets die IP des Nutzers, der mit derartigen Dateien eigentlich gar nichts zu tun hatte - wäre der Kunde nicht selbst zur Polizei gegangen, wäre die Verantwortung für die Datentransfers des illegalen Materials zunächst ihm angelastet worden. Da eine IP-Adresse bisher vor Gericht meist unbesehen als Beweismittel dient, sind derartige Fehlkonfigurationen nicht nur ein Problem des privaten Datenschutzes.

Es ist Nutzern, die einen Rechner mit freigegebenen Verzeichnissen und Internet-Verbindungsfreigabe mit direkt angeschlossenem DSL-Modem auch nicht vorzuwerfen, sie hätten damit besonders fahrlässig gehandelt. Wer einen DSL-Vertrag abschließt, wird schließlich nicht darauf hingewiesen, dass er für grundlegende Sicherheit unbedingt einen Router braucht - oder auf Freigaben und gemeinsame Nutzung des Anschlusses verzichten muss. Dennoch ist ein DSL-Router nicht nur wegen möglicherweise fehlerhaft eingerichteter Netzwerke bei Providern stets zu empfehlen. Da er ein privates Subnetz für das lokale Netz aufbaut, ist man auch gegen simple Würmer und einige andere Attacken geschützt. Daher genießt man auch mit einem einzelnen PC durch einen DSL-Router ein gewisses Maß an Sicherheit.  (nie)


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Links zum Artikel:
Alice DSL: http://www.alice-dsl.de/
c't: http://www.heise.de/ct/
Telefonica (.com): http://www.telefonica.com

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