Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0707/53509.html    Veröffentlicht: 17.07.2007 11:59    Kurz-URL: https://glm.io/53509

Open Source, Creative Commons und der Markt

Friedliche Koexistenz in der Urheberrechtsökonomie?

Freie Software und Open Source auf der einen Seite sowie Closed-Source-Software auf der andren werden oft als Gegensätze behandelt. Auf der Jahrestagung der Society for Economic Research on Copyright Issues (SERCI) in Berlin wurden die Voraussetzungen und Konsequenzen ihres Erfolges diskutiert. Zugleich wurde die Übertragbarkeit der freien Lizenzmodelle auf andere Bereiche der Urheberrechtsökonomie mit Skepsis betrachtet.

Sebastian von Engelhardt, Ökonom an der Friedrich-Schiller-Universität Jena stellte auf der SERCI-Konferenz gleich zwei Aufsätze vor, die sich mit Open-Source-Software beschäftigen. In seinem ersten Konferenzbeitrag stellt Engelhardt ein mathematisches Modell für das Verhältnis von Urheberrecht und Software vor. Sowohl Lizenzen für freie Software als auch solche für Closed-Source-Software machen vom Urheberrecht Gebrauch, um eine bestimmte Form der Software-Entwicklung und des Software-Vertriebs zu organisieren.

Anhand von diversen Parametern zur Beschreibung der "Ressource Software" (zum Beispiel Eigentumsrechte, Produktionskosten, Netzwerkeffekte und Kompatibilität) untersucht er, wann Freie Sofware bzw. Open Source besser geeignet ist um die Nachfrage nach einem Programm zu befriedigen und wann Closed-Source-Software. Berücksichtigt man die Vielfältigkeit der Nachfrage nach Software, so Engelhardts Erkenntnis, ergibt sich automatisch ein Gleichgewicht, eine Koexistenz der beiden so unterschiedlichen Ansätze. Der Softwaremarkt als Ganzes profitiert von dieser Koexistenz.

In dem zweiten Aufsatz, den Engelhardt zusammen mit Sushmita Swaminathan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin verfasst hat, gehen die Ökonomen der Frage nach, welche Wachstumsimpulse von Open-Source-Software ausgehen. Ausgehend von der Feststellung, dass sich mit statt ganz ohne Urheberrecht ein höheres Wachstum erzielen lässt, untersuchen Engelhardt und Swaminathan den Einfluss von so genannten Übertragungseffekten (englisch "Spillover Effects") bei der Software-Entwicklung. Übertragungseffekte ergeben sich bei Software beispielsweise dann, wenn Funktionen aus einem Programm in einem anderen Programm wiederverwendet werden.

Wiederverwendung ist innerhalb einer Firma, die Closed-Source-Software entwickelt, grundsätzlich kein Problem, wenn die Urheberrechte am Programmcode bei der Firma liegen. Bei Open Source ermöglichen die Lizenzbedingungen die Wiederverwendung im globalen Rahmen. In ihrem Modell kommen Engelhardt und Swaminathan zu dem Ergebnis, dass „unter bestimmten Umständen [...] ein OSS-CSS-Mix wachstumsoptimal ist".

Im zweiten Teil des Aufsatzes wird dann zusätzlich zum Urheberrecht noch Patentschutz für Software ins Modell integriert. Dabei wird ausdrücklich eine "patentfreundliche" Ausgangsposition gewählt. Dabei stellt sich heraus, dass es "nicht unwahrscheinlich ist, dass Patente [für Software] das optimale Wachstum behindern". Zu diesem Ergebnis kommen die Forscher, ohne die Kosten für das Anmelden und Durchsetzen von Patenten zu berücksichtigen. Wie diese Kosten leicht die mit Patenten zu erzielenden Einnahmen übersteigen können, berichtete kürzlich die Sonntagsausgabe der New York Times.

Mit der Übertragbarkeit der urheberrechtlichen Prinzipien von Open-Source-Lizenzen auf andere Kulturgüter als Software befasste sich die Pariser Professorin Joëlle Farchy von der Sorbonne-Universität in ihrem Konferenzbeitrag.

Im Auftrag des "Hohen Rats für literarisches und künstlerisches Eigentum" ist sie zusammen mit der Juristin Valérie-Laure Benabou der Frage nachgegangen, welche Vor- und Nachteile die Verwendung unterschiedlich "freier" Lizenzen für Autoren und Künstler mit sich bringt. Unter "freien Lizenzen" verstehen Farchy und Benabou solche, die nach dem Vorbild der GNU General Public License (GPL) die Grundfreiheiten des Rechts zur Nutzung, der Bearbeitung, der Vervielfältigung und der Weitergabe einräumen.

Auf der Seite der Vorteile verbuchen die Expertinnen die Möglichkeit, durch die Lizenzierung der Wiederverwendung von Teilen existierender Werke die Schaffung und Verbreitung neuer Werke, neuer künstlerischer Ausdrucksformen zu fördern. Historisch betrachtet hat dieser Vorgang der Appropriation, also der künstlerischen Aneignung, ohnehin immer schon stattgefunden. Den Nutzen aus diesem Vorteil können allerdings vorrangig die nicht professionell tätigen Künstler ziehen. Wer beabsichtigt, mit seinen Werken Geld zu verdienen, sieht sich bei der Verwendung insbesondere freier Lizenzen mit erhebeblichen Nachteilen konfrontiert. Als Beispiel dafür verweisen Farchy und Benabou auf die restriktiven Bestimmungen der Verwertungsgesellschaften in Frankreich, die ihren Mitgliedern die Verwendung freier Lizenzen verbieten.

Im Anschluss an den Vortrag von Joëlle Farchy entspann sich unter den Teilnehmern des Workshops eine rege Diskussion über die Rolle der Verwertungsgesellschaften. An deren Ende herrschte Einigkeit darüber, dass die Verwertungsgesellschaften ihre Rolle in der Informationsgesellschaft neu bestimmen müssen. Beharren sie auf ihrer bisher gezeigten Unbeweglichkeit im Umgang mit alternativen Verwertungsmodellen, droht ihnen ansonsten möglicherweise das Schicksal der Dinosaurier. [Robert A. Gehring]  (ji)


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Links zum Artikel:
SERCI Jahrtestagung 2007: http://www2.hu-berlin.de/gbz/Events/SERCIAC2007D.htm

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