Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0706/52618.html    Veröffentlicht: 01.06.2007 12:43    Kurz-URL: https://glm.io/52618

Copyright Summit - Zukunft der Verwertungsgesellschaften

Creative-Commons-Gründer Lawrence Lessig in der Höhle des Löwen

Der Dachverband der Verwertungsgesellschaften CISAC (International Confederation of Societies of Authors and Composers) veranstaltete am 30. und 31. Mai 2007 seinen ersten Urheberrechtsgipfel in Brüssel. Unter dem Motto "Creators first!" ging es um die Zukunft der Verwertungsgesellschaften in einer digitalen globalisierten Welt.

Neben Künstlern und Songwritern wie Charles Aznavour oder Robin Gibb (Bee Gees) waren über 400 Vertreter von Verwertungsgesellschaften aus der ganzen Welt erschienen. Ein Schwerpunkt der Diskussionen lag bei der künftigen Entlohnung von Künstlern und der Frage, welche Reformen und Kooperationen notwendig sind oder ob der Einsatz von Creative-Commons-Lizenzen das Ende des Copyright bedeutet.

Das Urheberrecht hat ein Imageproblem

Zu Beginn des Gipfels wurde dabei zunächst die grundsätzliche Situation und Perspektive von Urheberrecht und Rechteinhabern diskutiert. Dabei wurde die enorme Wichtigkeit des Urheberrechts für die Industrie und Gesellschaft hervorgehoben. John LoFrumento von der US-Verwertungsgesellschaft ASCAP (American Society of Composers, Authors and Publishers) forderte nachdrücklich dazu auf, den Respekt für Urheberrechte zu stärken. Seine Organisation hat dazu unter anderem eine PR-Kampagne für Schulen in den USA entwickelt. In dieser soll Schülern beispielsweise klar gemacht werden, dass ihre Eltern in Handschellen abgeführt werden, wenn sie illegale Downloads vornehmen. Die ASCAP hat dazu eine Comic-Reihe entwickelt. Unter dem Titel: "Pirate Comics Presents ... Donny the Downloader" erlebt der Held allerlei Negatives, wenn er das Urheberrechte missachtet.

Manuel Medina Ortega (MdEP) konstatierte eine Kultur der Nichtwahrnehmung, wenn es um Urheberrechte geht. Zwar akzeptieren die Leute die Musik, nicht aber die Einschränkungen, die sich ihrer Ansicht nach mit dem Urheberrechtsschutz verbinden. Zudem sei der Konsument meist in der Hand der Wirtschaft. Emma Pike, Vertreterin der British Music Rights, konstatierte ein aktuelles Imageproblem des Urheberrechts. Grundsätzlich sei das Urheberrecht nicht per se der falsche Ansatz, vielmehr ist es eine Frage, wie mit Lizenzen umgegangen wird. Insbesondere sieht sie dabei für Web-2.0-Anwendungen wie YouTube oder MySpace eine große Herausforderung. Um die Akzeptanz zu stärken, forderte sie in der Diskussion eine stärkere Einbindung der Nutzer, die inzwischen gleichzeitig Produzenten sind, in Fragen der Technologie und des Schutzes von Urheberrechten.

Cornelia Kutterer, Vertreterin der Europäischen Verbraucher-Organisation BEUC, stellte den Verbraucherschutz in den Mittelpunkt. Sie forderte die Vertreter der Verwertungsgesellschaften auf, die Nutzung von P2P-Tauschbörsen nicht per se zu dämonisieren und forderte eine offene Debatte. Kriminalisierung ist nach ihrer Ansicht die falsche Antwort auf die komplexen Herausforderungen.

Kulturflatrate und Generallizenz

In seinem Eröffnungsstatement prophezeite Ben Verwaayen (British Telecom) den Zuhörern, dass das gewohnte Geschäftsmodell der Verwertungsgesellschaften bald ein Ende findet, es gelte daher, ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln. Der Blick in die Zukunft und die Entwicklung eines neuen Modells sei erfolgversprechender, als über den Diebstahl von Songs und Klingeltönen zu klagen. In diesem Zusammenhang ging es auch um die Frage, ob eine Kulturflatrate ein richtiger Schritt sein könnte. Verwaayen zeigte sich gegenüber einer solchen Flatrate aufgeschlossen, betonte aber zugleich, dass es aller Voraussicht nach viele unterschiedliche Modelle geben wird. Eine Kulturflatrate kann dabei eines unter vielen sein.

André LeBel, Vertreter der kanadischen Verwertungsgesellschaft SOCAN (Society of Composers, Authors and Music Publishers of Canada), setzte sich für die Einführung einer Generallizenz oder auch Globallizenz ein. Er hob in seinem Beitrag hervor, dass die Anwendung eines kollektiven Rechtesystems zur finanziellen Abgeltung der Künstler in den vergangenen 100 Jahren erfolgreich gewesen ist. Dies muss nach seiner Ansicht fortgeführt und erweitert werden. Er plädierte dabei für eine kooperative Zusammenarbeit zwischen Musikindustrie, Verwertungsgesellschaften, Künstlern und Verbrauchern.

In diesem Zusammenhang forderte Eduardo Bautista, Vertreter der spanischen Verwertungsgesellschaft SGAE (Sociedad General de Autores y Editores), ebenfalls ein kollektives Rechtemanagement. Bei diesem sollen die Endnutzer im Vordergrund stehen. Harald Heker, Chef der deutschen GEMA, brachte es dabei wie folgt auf den Punkt: "Wir müssen einen gemeinsamen Weg des Reagierens finden, um das musikalische Repertoire der Welt verfügbar zu machen."

Veränderung ja, aber wie?

Über den gesamten Urheberrechtsgipfel hinweg wurde die Frage diskutiert, wie sich die Verwertungsgesellschaften in der neuen digitalen Welt verändern müssen. Weitestgehend Einigkeit besteht darin, dass eine Veränderung stattfinden muss. Es herrschte jedoch Uneinigkeit in der Frage, wie eine solche Veränderung aussehen soll. So verlangte Steve Porter, Chef der britischen Verwertungsgemeinschaft MCPS-PRS, dass sich Musiker und Künstler in Zukunft ihre Verwertungsgesellschaft selbst aussuchen dürfen. Er bezog sich dabei auf verschiedene Modelle, die die EU-Kommission Ende 2005 vorgeschlagen hatte.

Porter erläuterte weiter, dass ein Konkurrenzkampf um potenzielle Künstler jedoch dabei unbedingt verhindert werden soll. Insbesondere kleinere Verwertungsgesellschaften äußerten starke Kritik an den verschiedenen diskutierten Vorschlägen der EU-Kommission. Sie befürchten, dass große Rechteinhaber ihre Rechte von den kleineren Verwertungsgesellschaften abziehen und diese dann in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Der Vertreter der gemeinschaftlichen Verwertungsgesellschaft CELAS (Zusammenschluss der GEMA mit MCPS-PRS) reagierte auf diese Sorgen mit der Ankündigung, dass durchaus auch über Modelle nachgedacht wird, bei denen nationale Verwerter als Agenten der internationalen Verwertungsgesellschaften tätig seien.

David Ferguson, Sprecher der ESCA (European Composer and Songwriter Alliance), verdeutlichte nochmals, dass Verwertungsgesellschaften in der Zukunft das tun müssen, wofür sie gegründet wurden: die Nutzung des verfügbaren Materials garantieren. Nationale Verwertungsgesellschaften sollten deswegen auch in Zukunft über das nationale Repertoire verfügen.

Bislang steht jedoch noch die Entscheidung der EU-Kommission zur Umsetzung von verschiedenen Vorschlägen der Verwertungsgesellschaften aus. Die Kommission genehmigte bislang nur den relativ unbedeutenden Zusammenschluss OLA, der sich der weltweiten Lizenzierung von Kunstwerken widmet.

In der Höhle des Löwen

Gastredner auf dem Copyright Summit war auch der US-Jura-Professor Lawrence Lessig, Gründer und Vordenker der Creative Commons (CC). In einer lebhaften Debatte mit Brett Cottle (CISAC) ging es um Idee und Anwendung der Creative Commons und die Bedeutung für die Verwertungsgesellschaften. Lessig betonte dabei, dass es nicht Ziel der Creative-Commons-Bewegung sei, den bestehenden Markt zu zerstören. Vielmehr soll das bestehende Urheberechtssystem für Künstler und Kreative eine breitere Auswahl an Lizenzmöglichkeiten schaffen. Er forderte Respekt für die Künstler, die ihre Werke unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlichen. Er erläuterte, dass allen CC-Lizenzen der Gedanke des Copyright zu Grunde liegt. Cottle entgegnete, dass CC die Rechte und die Stellung von Autoren und Verwertungsgesellschaften auf der ganzen Welt schwächt. [von Philipp Otto]  (ji)


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