Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0704/51734.html    Veröffentlicht: 19.04.2007 16:22    Kurz-URL: https://glm.io/51734

Interview: Ubuntu für den Enterprise-Einsatz

Golem.de im Gespräch mit Canonicals ISV- und Partner-Manager Malcolm Yates

Seit der ersten Ubuntu-Version im Oktober 2004 hat die Linux-Distribution vor allem auf dem Desktop an Popularität gewonnen. Doch spätestens mit Ubuntu 6.06, für das es auf dem Desktop drei und auf dem Server fünf Jahre anstatt der regulären 18 Monate Support gibt, soll die Distribution auch in den Enterprise-Bereich vorstoßen. Golem.de sprach über Ubuntus Marktposition mit Malcolm Yates, der bei Canonical - der Firma hinter Ubuntu - für das ISV- und Partnerprogramm zuständig ist.

Golem.de: Mit Ubuntu 6.06 LTS wurde erstmals eine Version mit "Long-Term-Support" veröffentlicht, also längerer Unterstützung auf Desktops und Servern, um so auch Firmenkunden zu erreichen. Wie viele Support-Verträge hat Canonical seitdem verkauft?

Malcolm Yates: Ich könnte eine Zahl nennen ...

Golem.de: Und werden Sie?

Yates: Nein, nicht so lange das Gespräch aufgezeichnet wird und die Zahl nachher irgendwo auftaucht. Aber vielleicht verrate ich es, nachdem das Diktiergerät aus ist.

Ich kann allerdings sagen, dass etwa 75 Prozent unserer Verträge für Server abgeschlossen wurden. Wir haben aber auch Verträge mit Einzelpersonen für einen Desktop-PC. Sie zahlen dafür 250,- US-Dollar pro Jahr. Das ist aber wirklich eine Ausnahme. Der Höchstpreis liegt bei 2.750,- US-Dollar für einen Server mit 24/7-Support.

Tatsächlich verkaufen wir viele Verträge, weil Leute unsere Hotline anrufen und fragen, ob wir ihnen bei einem Problem helfen können. Natürlich können wir, aber dafür müssen sie eben Support von uns kaufen. Unser Support-Team sitzt in Montreal (Kanada) und betreut eigentlich nur die Geschäftskunden, die Ubuntu wie gesagt hauptsächlich auf Servern nutzen. Sonst haben wir nur noch zwei Einzelpersonen, die auch einen Vertrag mit uns haben.

Golem.de: In welchen Sprachen bietet Canonical Support an?

Yates: Offiziell in Englisch und Französisch, aber wir haben in Montreal auch einen deutschen Mitarbeiter. Er kann also deutsche Telefonanrufe annehmen - wir können allerdings keinen deutschen 24/7-Support anbieten, da er der einzige deutschsprachige Mitarbeiter ist und wir können ihn nicht durchgehend beschäftigen ...

Golem.de: Warum wird der komplette Support über Montreal abgewickelt?

Yates: Zum einen lebt Jeff, der Leiter des Service-Teams, in Montreal. Wir haben ja Mitarbeiter in vielen Ländern, also hatten wir die Wahl, alles in London zu zentralisieren, wo einige Teams sitzen. Allerdings ist das sehr teuer. Die andere Möglichkeit war also, das Team in Montreal bei Jeff aufzubauen. Und letztlich ist es ja auch egal. Denn selbst wenn man nur tagsüber Support anbietet - sobald Kunden in China, an der West- und Ostküste der USA sowie in West- und Osteuropa vorhanden sind, bedeutet dies ganz praktisch, dass jemand 24 Stunden lang die Hotline und die E-Mail-Anfragen betreuen muss.

Also entschieden wir uns für Montreal, auch weil es dort qualifizierte Leute gibt. Und um realistisch zu bleiben: Es ist günstig dort. Alles kam zusammen und nun haben wir unser Support-Team in Montreal. Das bekommt man aber nicht so richtig mit, da wie gesagt 24 Stunden jemand zu erreichen ist.

Golem.de: Bietet Canonical denn außer für Dapper auch für andere Versionen wie Edgy Eft oder Feisty Fawn Support-Verträge an?

Yates: Support-Verträge gibt es für alle Versionen, die aktuell von uns unterstützt werden - also auch die Versionen, für die wir 18 Monate Sicherheits-Updates garantieren. Nur für Dapper kann man allerdings einen fünfjährigen Vertrag für Server und einen dreijährigen für Desktop-Systeme bekommen. Wenn jemand also eine Server-Lösung aufsetzen möchte, empfiehlt sich natürlich Dapper. Derzeit sind zehn Monate des Support-Zeitraums um. Doch wenn eine Firma ihre Systeme aufsetzt und ausgiebig testet, bis diese in den produktiven Betrieb gehen, ist bei den normalen Veröffentlichungen der Support-Zeitraum fast um. Bei Dapper ist dann immer noch genügend Zeit. In meinem Umgang mit Kunden habe ich festgestellt, dass die meisten für Server tatsächlich eher Dapper nehmen. Auf dem Desktop sieht es anders aus, dort kommen häufiger die normalen Versionen mit 18-monatiger Unterstützung zum Einsatz.

Golem.de: Canonical bietet nur eine Ausgabe von Ubuntu an, während Red Hat und Novell jeweils spezielle Enterprise-Distributionen pflegen. Entstehen durch das Fehlen einer extra Fassung Probleme?

Yates: Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass wir keine Enterprise-Distribution haben. Eine ist, dass wir keine Lizenzgebühr verlangen. Updates gibt es bei uns daher immer kostenlos und alle sechs Monate kommt eine neue Version. Bei Dapper hatten wir das Gefühl, dass dies eine Version sei, die wir auch längerfristig unterstützen können. Aber die Distribution an sich bleibt kostenlos und es gibt preislich keinen Unterschied zwischen der normalen Version, die alle sechs Monate erscheint, und der Enterprise-Version, wenn man sie denn so nennen will. Und da dies derselbe Code ist, bleibt auch diese Fassung eine ganz normale Veröffentlichung.

Wenn jemand aber etwas anderes für den geschäftlichen Einsatz sucht, haben wir auch das. Es gibt eine Server-Edition von Ubuntu zum Download. Hier gibt es tatsächlich einige kleinere Unterschiede, beispielsweise fehlt eine grafische Benutzeroberfläche. Nimmt man hingegen Red Hat Enterprise Linux (RHEL) oder Suse Enterprise Server (SLES), ist auch dort eine komplette Desktop-Umgebung dabei. Der Ubuntu-Server ist wirklich ein abgespecktes ISO-Image, bei dem sich natürlich auch Pakete nachinstallieren lassen. Aber die Größe der Distribution wurde verringert, um die Ressourcen des Rechners zu schonen. Da es weniger Pakete sind, ist es auch einfacher, diese Installationen zu verwalten, denn es lässt sich auch festlegen, ob MySQL oder PostgreSQL, ob Postfix oder Sendmail installiert werden soll. Was nicht gebraucht wird, kann rausfliegen - so verstehen wir Ubuntu für Server.

Golem.de: Gibt es denn nicht noch immer Vorbehalte gegenüber kostenlosen Produkten?

Yates: Das sollte man meinen und vor vier, fünf Jahren waren Firmen gegenüber kostenloser Software tatsächlich noch sehr skeptisch. In manchen Ländern ist es heute noch so, Japan ist ein Beispiel. Sie sehen keinen Wert in kostenloser und freier Software, sondern darin zu zahlen und dafür etwas zurückzubekommen. Das ist eine komplett andere Sichtweise, als sie beispielsweise in Brasilien verbreitet ist. Dort sehen sie freie Software als Bonus an und auch in Spanien ist es so. Spanien, Frankreich und Deutschland sind in Europa tatsächlich die besten Länder für Open Source.

Doch obwohl unser Produkt an sich kostenlos ist, bieten wir ja Enterprise-Support an. Zudem können wir Zertifizierungen vorweisen. Das verändert die Ansicht über Open Source. Wir geben unser System kostenlos auf CD heraus und nur so kommen wir in Firmen, die freie Software dann auch in kritischen Umgebungen einsetzen. So vergrößert sich gleichzeitig die Basis der Tester und das ist doch eine tolle Sache.

Um dies zu untermauern: Ich glaube, ich habe noch mit keiner Firma gesprochen, die nicht Ubuntu einsetzt. Allerdings ist unser Publikum auch selektiv, sie kommen hauptsächlich zu uns, um mit uns über das, was wir machen, zu sprechen. Doch es ist wirklich bemerkenswert und ich habe das in vielen Ländern erlebt. Leute probieren Ubuntu zu Hause aus und nehmen es dann mit zur Arbeit. Da bietet es beispielsweise Netzwerk-Applikationen an oder sie richten es sich auf ihrem Desktop ein. Dann gibt es tatsächlich Banken und andere große Firmen, die gezielt versuchen, mit freier Software Geld zu sparen.

Golem.de: Inwiefern lässt sich ein kostenloses System wie Ubuntu genauso zertifizieren wie die bekannten Enterprise-Distributionen?

Yates: Es gibt ja verschiedene Zertifizierungen. Was Zertifizierungen für IT-Kräfte angeht, gibt es einen Prozess des Linux Professional Institutes (LPI). Mit LPI 199 gibt es also eine Zertifizierung für Ubuntu-Administratoren.

Golem.de: Widerspricht dies nicht total der LPI-Idee, eine distributionsunabhängige Zertifizierung anzubieten?

Yates: Richtig, LPI 101 und 102 sind unabhängig von bestimmten Distributionen. Wir haben mit dem LPI zusammengearbeitet, um eine zusätzliche Zertifizierung für Ubuntu zu realisieren. Man muss also bereits LPI 101 und 102 haben und die entsprechenden Linux-Kenntnisse vorweisen können, um sich dann auf Ubuntu zu konzentrieren.

Um auf andere Zertifizierungen zurückzukommen: Wir können keine Software zertifizieren. Für die Open-Source-Pakete, die in unserem Main-Repository liegen, bieten wir Support. Per Definition ist dies also eine Zertifizierung, denn wenn etwas nicht funktioniert, reparieren wir es. Für das Universe-Repository gibt es diese Garantie nicht. Mit anderen Anbietern arbeiten wir jedoch zusammen, um ihre Software für Ubuntu zu zertifizieren. So lässt sich mittlerweile beispielsweise SugarCRM einfach nachinstallieren. In dieser Richtung gibt es einige Bemühungen. Für solche Anbieter bauen wir die Pakete, die unter Ubuntu laufen, und geben diese an den jeweiligen Anbieter zurück, so dass dieser seine Tests durchführen kann. Dadurch können sie ihre Software für Ubuntu zertifizieren und wir sind in diesen Prozess nicht näher involviert.

Auch DB2 und Websphere von IBM sind beispielsweise für Ubuntu zertifiziert. Die Frage nach Oracle-Zertifizierungen hat sich allerdings vermutlich erledigt, nachdem sie ihre eigene Linux-Distribution angekündigt haben.

Golem.de: Betrachten Sie Software-Zertifizierungen denn als wichtig?

Yates: Ja, absolut. Es ist aber nicht so einfach. Es gibt große Firmen, die sich mit so etwas Zeit lassen und unter Umständen 18 Monate für all ihre Tests benötigen. Kleinere Firmen sind da teilweise flexibler und machen so etwas in wenigen Wochen, weil sie selbst begeistert von einer Zusammenarbeit sind. Bei großen Firmen ist das alles schwieriger. Also ja, es ist wichtig, aber ja, es ist auch ein langer Prozess.

Golem.de: Gut, dann können Sie jetzt über Hardware-Zertifizierungen sprechen.

Yates: Es gibt kleine Hardware-Anbieter, die Zertifizierungen sehr schnell durchführen können. Wir bieten ihnen den Prozess dafür an, zum einen können Anbieter Ubuntu direkt für ihre Hardware zertifizieren. Dann haben wir auch noch einen eigenen internen Prozess, bei dem wir die Hardware testen. Diese listen wir dann auch auf unserer Webseite auf, aber das ist alles noch in Arbeit. Es gibt jedoch bereits Zertifizierungen für Laptops, Sun-Hardware und in den USA gibt es kleinere Anbieter, die wir zertifiziert haben. Beispielsweise aber auch einen Thin Client und es gibt weitere Anfragen.

Jetzt wird sich zeigen müssen, wie wir mit IBM, HP, Dell, Gateway und anderen zusammenarbeiten können. Mit Sun haben wir da aber schon einen Anfang gemacht. Wir reden mit großen Firmen, aber es ist schwieriger.

Golem.de: Wie sieht Canonicals Partnerprogramm aus?

Yates: Das Partnerprogramm ist schon etwas älter. Es sollte Firmen die Möglichkeit bieten, zu zeigen, dass sie Erfahrung mit Ubuntu haben. Letztlich war darin alles auf einem Level gesammelt. Mittlerweile haben wir ein neues Partnerprogramm, das die Partner in Gruppen unterteilt. Es gibt nun Training-Partner, es gibt Hardware-Anbieter und Software-Anbieter, außerdem die Channel-Partner, die Ubuntu-basierte Lösungen verkaufen. Gerade in Russland und Indien tut sich in diesem Bereich einiges.

Golem.de: Wie sollen denn RHEL- und SLES-Kunden von Ubuntu überzeugt werden?

Yates: Wir haben nur sehr wenige Firmen direkt angesprochen. Die meisten Kunden hatten schon zuvor mit uns Kontakt. Oder Firmen kamen zu uns und sagten, dass sie Ubuntu installiert hätten und gerne Support von Canonical kaufen würden. Also meistens kommen die Firmen auf uns zu. Viele Firmen sehen Ubuntu tatsächlich auch als Debian an, für das es direkten Support gibt. Und es ist nicht so teuer wie RHEL oder SLES.

Ich kenne aber auch Firmen, die ihre Strategie vollständig auf SLES oder RHEL aufbauen und sich Ubuntu daher nicht anschauen. Das ist aber kein Problem. Ich glaube, die größten Chancen liegen bei den kleinen und mittleren Unternehmen, eher als bei den großen Firmen. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir haben auch große Kunden. Aber gerade kleinere Firmen haben nicht die Möglichkeit, eine eigene IT-Abteilung zu betreiben, sie versuchen also Geld mit den vorhandenen Fähigkeiten zu verdienen. Hier gibt es großes Interesse an fertigen Lösungen, die sich einfach einrichten, benutzen und verwalten lassen. Billig soll es dann auch noch sein - und da Ubuntu frei und kostenlos ist, ist es also auch günstig. Hier sehe ich viele Chancen, besonders in Westeuropa und Nordamerika. Denn es gibt viele Firmen, die Support-Verträge für größere IT-Landschaften benötigen.

Interessant ist beispielsweise auch Spanien, wo in bestimmten Regionen maßgeblich auf Ubuntu gesetzt wird. Ich habe auch kürzlich erst von einer Universität gehört, die ihre komplette Infrastruktur auf Ubuntu laufen lässt. In der Regel hören wir so etwas nur, wenn die Leute auf uns zukommen, da wir ja nicht mitbekommen, wer die Distribution herunterlädt und installiert. Auch in Ländern wie China, Russland und Indien ist definitiv ein Markt vorhanden, gerade im Bereich der Desktops.

Golem.de: Canonical ist eine kommerzielle Firma, die versucht, Geld zu verdienen. Trägt sich die Firma schon oder hängt die Ubuntu-Entwicklung noch von Mark Shuttleworth' Vermögen ab?

Yates: Ich könnte diese Frage nun politisch korrekt beantworten und sagen, dass wir eine private Firma sind, die ihre Finanzen nicht offen legt. Aber ich denke es ist bekannt, dass Mark uns noch immer unterstützt. Tatsächlich läuft es aber ganz gut und es beeindruckt mich. Denn ich habe ja in den Anfangstagen von Suse bei dem Distributor gearbeitet und es ist wirklich interessant, so eine Phase zwei Mal zu erleben.  (js)


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Links zum Artikel:
Canonical (.com): http://www.canonical.com/
Ubuntu (.org): http://www.ubuntulinux.org

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