Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0704/51495.html    Veröffentlicht: 03.04.2007 12:35    Kurz-URL: https://glm.io/51495

Test: Apple TV - Stromfresser mit ungenutztem Potenzial

Netzwerk-Media-Player mit MacOS X erst durch Hacks wirklich interessant?

Mit dem seit kurzem in Deutschland erhältlichen Netzwerk-Media-Player "Apple TV" sollen iTunes-Inhalte auch ins Wohnzimmer kommen - von Fotos über Podcasts und Musikstücke bis hin zu hochauflösenden Videos. Noch muss Apple aber beweisen, warum der Käufer knapp 300,- Euro für ein Gerät ausgeben muss, das unter der Haube zwar mehr Leistung als manches Konkurrenzprodukt hat, aber letztlich noch nichts damit anzufangen weiß.

Links Mac Mini, rechts Apple TV
Links Mac Mini, rechts Apple TV
Im Apple TV stecken u.a. eine Intel-CPU, ein Nvidia-Grafikchip und eine 40-GByte-Festplatte - dabei erinnert das Gerät an einen flachgeklopften, in die Breite gegangenen Mac mini. In das Heimnetz findet Apple TV Anschluss per Ethernet oder WLAN (IEEE 802.11b/g/n). An Flachbildschirme und Projektoren lässt sich die Hardware digital mittels HDMI oder analogen Komponenten-Ausgang anschließen. Ein Wechsel zwischen HDMI und Komponente ist nicht per Software möglich; ist beides angeschlossen, erhält HDMI einfach die Priorität. Die Videokabel legt Apple ebenso wenig bei wie die für die analoge Stereo- (Cinch) oder digitale Tonausgabe (SPDIF optisch) benötigten Kabel. DVI kann über handelsübliche, nicht mitgelieferte HDMI-nach-DVI-Adapter genutzt werden.

Schnittstellen des Apple TV
Schnittstellen des Apple TV
Als Infrarot-Fernbedienung liegt die von diversen Mac-Rechnern her bekannte Apple Remote bei. Um nicht unbeabsichtigt Apple TV und in der Nähe stehende Macs gleichzeitig zu steuern, lässt sich Apple TV auf eine bestimmte Apple Remote trainieren. Apple TV reagiert dann nicht mehr auf baugleiche Fernbedienungen. Das funktioniert allerdings nur bei Befehlen, aus dem Schlaf wird Apple TV auch von einer nicht "verbundenen" Fernbedienung gerissen.

Apple TV: Front-Row-ähnliche Bedienung per Apple Remote
Apple TV: Front-Row-ähnliche Bedienung per Apple Remote
Die Bedienoberfläche von Apple TV erinnert an die bildschirmfüllende Multimedia-Abspielsoftware "Front-Row" von MacOS X. Apples Betriebssystem steckt auch unter der Haube von Apple TV, tritt allerdings nicht zu Tage - es sei denn, man hängt eine Tastatur an die USB-Schnittstelle, dann funktionieren - nur zum Start des Bootvorgangs - einige von MacOS X bekannte Tastenkombinationen. Mittlerweile haben Tüftler auch verifiziert, dass die USB-Unterstützung nur per Software beschränkt ist, nicht durch den USB-Port an sich. Selbst von USB-Laufwerken kann bereits gebootet werden, allerdings kommt man damit noch nicht weit.

Einstellmöglichkeiten
Einstellmöglichkeiten
Die künstlichen Beschränkungen verlocken Tüftler dazu, das von Apple zu stark auf iTunes ausgerichtete System um neue Funktionen zu erweitern. Derzeit werden nämlich bisher nur Videos in den Formaten H.264 (mit und ohne Apples Kopierschutz) sowie MPEG-4 Simple Profile, Audiodateien in den Formaten AAC (auch geschütztes), Apple Lossless, MP3, AIFF und WAV sowie diverse Bild-Dateitypen (JPEG, BMP, GIF, TIFF, PNG) unterstützt. H.264-Videos können mit max. 1.280 x 720 Pixeln bei 24 Bildern/s bzw. bis 960 x 540 Pixeln bei 30 Bildern/s dargestellt werden. Bei MPEG-4 Simple Profile mit AAC-LC Audio beträgt die maximale Auflösung 720 x 432 Pixel bei 30 Bildern/s.

Eine direkte iTunes-Anbindung fehlt noch - mit Ausnahme von Film- und TV-Serien-Trailern
Eine direkte iTunes-Anbindung fehlt noch - mit Ausnahme von Film- und TV-Serien-Trailern
Alles andere muss vorher umgewandelt werden, sonst lässt es sich nicht per iTunes zum Apple TV schleusen und dort wiedergeben. Wünschenswert wäre deshalb neben zusätzlichen Codecs für DivX- und XviD-AVIs, MPEG-1 und MPEG-2 sowie Audio im freien Ogg-Vorbis-Format auch die Möglichkeit, auf UPnP-Server, Netzwerklaufwerke, auf anderen Rechnern freigegebene Verzeichnisse sowie Online-Videoplattformen wie YouTube oder MyVideo zugreifen zu können. Auch mit RSS-Feeds kann Apple TV nichts anfangen. Alles Dinge, die Apple TV ohne Probleme mit den für MacOS X existierenden nötigen Codecs und Plug-Ins bewerkstelligen könnte.

Apple TV bei der Musikwiedergabe
Apple TV bei der Musikwiedergabe
Zudem kann Apple TV derzeit keine Internet-Radiostationen empfangen, weder eigenständig noch als Stream vom PC/Mac. Eine Quicktime-Pro-Lizenz zur Umwandlung von nicht unterstützten Dateiformaten liefert Apple nicht mit - auch iTunes kümmert sich nicht darum, Videos zu konvertieren, stattdessen gibt es in iTunes nur die lapidare Meldung, dass eine Datei nicht kompatibel ist. Hier muss sich der Käufer also selbst passende Software organisieren, um seine Multimedia-Sammlung zum Apple TV kompatibel zu machen. Apple hat dem separat zu erwerbenden QuickTime Pro v7.1.5 eine Funktion zum Erzeugen von 720p-Videos für Apple TV spendiert.

Der Bildschirmschoner verschönert die Musikwiedergabe
Der Bildschirmschoner verschönert die Musikwiedergabe
Erstaunlich ist auch, dass mit Ausnahme von Vorschau-Videos für Kinofilme und Fernsehserien keine direkte Anbindung an iTunes möglich ist - wer Musik oder Filme kaufen oder Podcasts abonnieren will, muss das am Mac oder PC in iTunes machen. Das Kaufen von Filmen oder Folgen von Fernsehserien über iTunes ist zudem bisher nur in den USA möglich. In Europa wird es auf Grund des stark fragmentierten Marktes wohl noch etwas dauern - im Laufe des Jahres 2007 werde sich das aber Apple zufolge ändern. Bis dahin kann Apple TV nicht wirklich glänzen.

Apple TV: Derzeit vor eher für Fotos, Musik und Podcasts interessant
Apple TV: Derzeit vor eher für Fotos, Musik und Podcasts interessant
Um sich wenigstens etwas vom PC oder Mac lösen und diese zwischendurch auch mal ausschalten bzw. in stromsparenden Schlaf versetzen zu können, kann die 40-GByte-Festplatte des Apple TV zur teilweisen oder vollständigen Synchronisierung mit den iTunes-Rechnern genutzt werden. Um Fotos überhaupt darstellen zu können, müssen diese sogar vorher erst auf die interne Festplatte kopiert werden, direkt über das Netzwerk können sie bisher nicht dargestellt werden - ein weiterer Kritikpunkt. Um iTunes-Kaufvideos abspielen zu können, müssen diese einmalig vom Apple TV per Internet auf eine intakte Lizenz überprüft werden, danach ist das Apple-DRM zufrieden gestellt.

Anbindung an einen iTunes-Rechner: Dort muss zweimal ein Code eingegeben werden, einer für Streaming, einer für Synchronisierung
Anbindung an einen iTunes-Rechner: Dort muss zweimal ein Code eingegeben werden, einer für Streaming, einer für Synchronisierung
Bei der Bedienung fallen schnell einige Ungereimtheiten auf: Zum einen kann sich Apple TV nur mit einem Rechner bzw. dessen iTunes-Bibliothek synchronisieren. Beim Wechsel des Quellsystems werden die synchronisierten Daten der einen Bibliothek gelöscht, um durch die der auf einem anderen Rechner liegenden Bibliothek ersetzt zu werden, selbst wenn genügend Platz auf der Apple-TV-Festplatte verbleibt. Wer auf verschiedenen Systemen Fotos zu liegen hat, muss also auch immer wieder neu synchronisieren.

iTunes mit Apple TV verbunden
iTunes mit Apple TV verbunden
Ein weiteres Manko: Per Apple TV Remote kann zudem die Lautstärke nicht verändert werden, anders als man es bei Front Row gewohnt ist. Nicht einmal ein Stummschalten gibt es, abgesehen vom Pause/Play-Knopf der Fernbedienung. Das ist bei vielen anderen Unterhaltungselektronik-Geräten auch so, die Lautstärkeregelung übernimmt dann die Stereoanlage - allerdings bedeutet das auch, dass neben der Apple Remote auch die Fernbedienung der Stereoanlage immer in Griffweite sein muss. Den mit Abstand größten Schnitzer erlaubt sich Apple jedoch mit dem wegrationalisierten Ein- und Ausschaltknopf.

Apple TV (unten) - anders als der Mac Mini (oben) ohne Suspend- und Ausschalter
Apple TV (unten) - anders als der Mac Mini (oben) ohne Suspend- und Ausschalter
Apple TV lässt sich deshalb nicht einfach abschalten - es ist immer aktiv. Zwar kann das Gerät per Fernbedienung mit längerem Drücken des Menü-Knopfes in eine Art Schlummermodus versetzt werden, doch dieser scheint das System nur minimal herunterzuregeln, worauf einerseits das auch nach einer Nacht warm bleibende Gehäuse hinweist und beim Nachmessen 25 bis 28 Watt verbraten werden.

Im regulären Betrieb ist Intels im Apple TV zum Einsatz kommende Hardware recht genügsam: 30 bis 35 Watt im Menü, springt der Screensaver an, steigt der Verbrauch auf 36 - 37 Watt, was auch bei der Wiedergabe von Videos mit eher geringer Auflösung und Podcasts gilt. Bei hochauflösendem Video sind es dann auch mal 38 Watt, die der Stromzähler anzeigt. Bei längerer Festplattenaktivität wird es in dem Gehäuse recht warm, ein Handauflegen ist aber dennoch ohne Risiko möglich.

Apple TV ist seit Ende März 2007 für 299,- Euro erhältlich.

Fazit:
Apple TV ist sicherlich ein interessantes Produkt - schon die Packung gefällt, das elegante und kompakte Design erinnert angenehm an das des Mac mini und die Bild- und Tonqualität weiß - zumindest subjektiv - zu gefallen. Es gibt keine Ruckler, die Menüführung ist einfach und das Betriebsgeräusch angenehm leise. Dennoch konnte uns Apple TV nicht überzeugen, das kastrierte MacOS X verweigert sich allen Fremd-Codecs, Universal Plug and Play (UPnP) wird nicht unterstützt, so dass Netzwerk-Festplatten mit UPnP-Server nicht als Datenquellen dienen können und selbst die direkte Anbindung an iTunes gibt es noch nicht. Eine Katastrophe ist schließlich der Stromverbrauch auf Grund des "vergessenen" Tiefschlafmodus. Ein Ausschalten durch simples Ziehen des Steckers ist letztlich ebenfalls nicht eines Design-Preises würdig und lässt Sorge um die so vom Stromnetz getrennte Elektronik aufkommen. Einige Lichtblicke gibt es jedoch: Ein Teil der Probleme ist lediglich auf den aktuellen Stand der Apple-TV-Software (Version 1.00) zurückzuführen, es dürfte sich also noch einiges verbessern lassen - auch findige Hacker sind schon dabei, aus Apple TV ein besseres Produkt zu machen.  (ck)


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Links zum Artikel:
Apple - Apple TV: http://www.apple.com/de/appletv/
AwkwardTV.org - Wiki zum Thema Apple-TV-Hacking: http://wiki.awkwardtv.org/wiki/Main_Page

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