Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0703/51303.html    Veröffentlicht: 26.03.2007 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/51303

Spieletest: Stalker - Spät, aber gut

Tschernobyl-Shooter tatsächlich fertig gestellt

Es gibt Computerspiele, bei denen man eigentlich gar nicht mehr damit rechnet, dass sie eines Tages wirklich erscheinen. Duke Nukem Forever ist da natürlich das oft zitierte Paradebeispiel, aber auch der Tschernobyl-Shooter Stalker wurde von vielen schon als Phantom bezeichnet - schließlich wurde der Titel 2002 erstmals angekündigt, dann aber praktisch im Sechs-Monats-Rhythmus immer wieder verschoben. Jetzt ist Stalker aber tatsächlich fertig gestellt; und das Endergebnis ist allen Spekulationen zum Trotz einer der atmosphärischsten und beklemmendsten Action-Titel geworden, die je für den PC veröffentlicht wurden.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Die Hintergrundgeschichte von Stalker mischt auf gekonnte Art und Weise Wahrheit und Fiktion: 20 Jahre nach der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl 1986 gibt es nach dem Willen der ukrainischen Entwickler GSC einen erneuten Störfall im stillgelegten Atomkraftwerk, der das gesamte umliegende Gelände vorübergehend in gleißendes weißes Licht taucht. Die Ursachen für die neuerliche Katastrophe bleiben zunächst im Dunkeln, allerdings werden in Folge des Vorfalls ansteigende Energiestörungen beobachtet - und daraus resultieren tödliche Anomalien, die verheerende Wirkungen haben.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Erst im Jahre 2012 gelingt es ersten Expeditionen, die verseuchte Region zu erkunden, die im Volksmund nur noch als "die Zone" bezeichnet wird. So genannte "Stalker" - Plünderer auf der Suche nach wertvollen Artefakten, die auf dem Schwarzmarkt horrende Preise erbringen - durchstreifen das riesige Gelände, wobei sie sich nicht nur gegenseitig die besten Fundstücke wegzuschnappen versuchen, sondern es auch mit dem ukrainischen Militär und erschreckend deformierten Kreaturen zu tun bekommen: Tiere, am Boden kriechende Mutanten und weitere schwer zu beschreibende alienartige Wesen bevölkern die Wiesen, Wälder und Katakomben.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Mittendrin in diesem unwirtlichen und mysteriösen Ambiente findet sich auch der Spieler wieder, der zunächst nicht so recht weiß, wie ihm geschieht - dank eines Gedächtnisverlustes ist die eigene Herkunft zunächst unklar. Im Zentrum von Stalker steht somit nicht nur die Aufgabe, im gefährlichen Tschernobyl-Areal zu überleben, sondern auch die Hintergründe der neuerlichen Katastrophe aufzuklären und so nach und nach tiefer in die Geschichte einzudringen.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Auch wenn im Vorfeld der Veröffentlichung von Stalker das Spiel immer als Shooter bezeichnet wurde, wird das dem Titel nicht hundertprozentig gerecht - Survival-Action mit Rollenspielelementen trifft das Ganze dann doch etwas besser. Das liegt einerseits daran, dass Stalker dem Spieler viele Freiheiten lässt: Zwar gibt es eine Hauptstory, der im Grunde früher oder später gefolgt werden muss, abseits davon sind aber zahlreiche Nebenquests optional möglich - das Spiel ist im Vergleich zu einem typischen Shooter also alles andere als linear. Wer will, durchstreift zunächst einmal auf eigene Faust das satte, 30 Quadratkilometer und von den Entwicklern dem originalen Vorbild akribisch nachempfundene Areal rund um und im Atomkraftwerk, immer auf der Suche nach neuen Artefakten oder Waffen.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Die Spielzeit von Stalker hängt somit auch stark vom eigenen Verhalten ab: Wer ohne große Abstecher der Hauptmission folgt, kann das Spielende bereits nach weniger als 15 Stunden zu Gesicht bekommen, wer sich nach Nebentätigkeiten umschaut, wird unter Umständen gut die doppelte Zeit in der Ukraine verbringen. Das verbessert übrigens nicht nur das Preis-Leistungs-Verhältnis, sondern hat auch praktische Vorteile: Man findet so natürlich nicht nur mehr Munition und Medipacks, sondern verbessert auch seine Ausdauer- und Schusswerte, was im späteren Spielverlauf angesichts der immer hartnäckiger werdenden Gegner auch dringend vonnöten ist. Auch die diversen Artefakte können dabei behilflich sein, die eigenen Fähigkeiten aufzuwerten und so etwa schneller laufen zu können.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Das Waffenarsenal ist recht groß, angefangen bei Pistolen über Schrotflinten bis hin zu Sturmgewehren darf einiges mitgeschleppt werden, so denn noch Platz im Inventar ist. Die Gefechte wirken dank eines sehr ausgefeilten ballistischen Modells dabei sehr realistisch, zudem nutzen die Kontrahenten auch jede Möglichkeit zur Deckung oder schleichen sich selbst realistisch an.

Insgesamt ist die künstliche Intelligenz in Stalker allerdings ein zweischneidiges Schwert: Einerseits scheinen viele der NPCs wirklich ihr eigenes Leben zu führen - einsame Stalker streifen durchs Areal und konkurrieren mit dem Spieler um die Wertgegenstände, die erschossene Kontrahenten hinterlassen haben, oder sie jagen einen quer durch die Landschaft; Stalker versprüht somit eine sehr lebendige Atmosphäre, da es zahlreiche einzelne oder auch zu Gruppen und Fraktionen zusammengeschlossene Charaktere gibt, denen man ständig begegnet und denen sich zum Teil auch angeschlossen werden kann. Andererseits gibt es aber auch massive Aussetzer der KI - wenn etwa auf einen Soldaten geschossen wird und dieser das auch nach mehreren Schüssen nicht mitbekommt.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Abhängig vom eigenen Verhalten und Vorgehen sowie dem Anschluss an die diversen Fraktionen variiert auch der Spielverlauf - es gibt mehrere unterschiedliche Endsequenzen, was natürlich auch den Wiederspielwert von Stalker erhöht. Das ist umso erfreulicher, da der Multiplayer-Modus leider kaum von den gelungenen Ideen der Einzelspieler-Kampagne inspiriert wurde - hier gibt es im Grunde nur genreübliche Standards wie (Team) Deathmatch und eine Capture-The-Flag-Variante.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Viel diskutiert wurde im Vorfeld der Veröffentlichung von Stalker natürlich über die Optik - da die Entwickler auf der einen Seite den Anspruch hatten, eine immens lebendige und detaillierte Welt zu erzeugen, gleichzeitig die lange Entwicklungszeit aber nicht spurlos am Spiel vorbeigehen konnte. Das Endergebnis spiegelt das beides wider: Einerseits ist es wirklich beeindruckend, wie akribisch detailliert die Szenerien wirken - vor allem die Außenlevel haben unzählige kleine Feinheiten zu bieten, die begeistern und die recht hohen technischen Hardware-Anforderungen des Spiels plausibel erscheinen lassen.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Auch Wettereffekte wie den Himmel durchziehende und wunderbar inszenierte Blitze sorgen stellenweise für Staunen. In den Innenleveln überzeugt dafür das realistische Licht- und Schattenspiel - etwa, wenn mit der Taschenlampe die dunklen Gänge beleuchtet werden. Andererseits ist Stalker aber sicherlich nicht das Beste, was technisch am PC derzeit möglich wäre - wer den Titel etwa mit dem schon länger erhältlichen Half-Life 2 vergleicht, wird oft Probleme haben, einen Sieger auszumachen.

Stalker (PC)
Stalker (PC)
Nicht verschwiegen werden sollte natürlich auch, dass Stalker trotz der langen Entwicklungszeit immer noch mit Bugs zu kämpfen hat: Während des Tests hing sich das Programm zweimal auf, ab und zu gab es kleinere Clipping-Fehler und laut diversen Foreneinträgen soll es derzeit noch Probleme mit der Kompatibilität unter Windows Vista geben. Auch die Sprachausgabe hat so ihre Tücken - der heftige russische Akzent mag gut gemeint sein, zur Verständlichkeit der Story und der Gespräche trägt er allerdings nicht wirklich bei. Da ein Großteil der Geschichte durch Bildschirmtexte wie Journal-Einträge erzählt wird, lässt sich das aber verschmerzen.

Stalker ist seit dem 23. März 2007 im Handel für Windows-PCs erhältlich und kostet etwa 40,- Euro. Der Titel hat von der USK keine Jugendfreigabe erhalten und darf somit nur von Personen ab 18 Jahren erworben werden.

Fazit:
Stalker ist vielleicht nicht die erhoffte Revolution im Shooter-Genre geworden, ein herausragender Action-Titel ist den Entwicklern von GSC Game World nach den vielen Jahren Wartezeit aber allemal gelungen: Atmosphärisch immens beeindruckend und unzählige spielerische Freiheiten bietend stellt Stalker einen ebenso beklemmenden wie spannenden Trip in eine postatomare Zukunft dar, den sich PC-Spieler nicht entgehen lassen sollten.  (tw)


Verwandte Artikel:
Fear the Wolves: Stalker-Entwickler machen Battle Royale in Tschernobyl   
(07.02.2018, https://glm.io/132637 )
Arktika 1 Angespielt: Mit postapokalyptischen Grüßen von Stalker und Metro   
(28.02.2017, https://glm.io/126404 )
Mod des Jahres: Stalker siegt vor Skyrim   
(02.01.2017, https://glm.io/125332 )
3D-Shooter "Stalker" soll am 23. März 2007 erscheinen   
(16.01.2007, https://glm.io/49967 )
Chernobyl-Shooter Stalker erst ab 18 Jahren freigegeben   
(21.12.2006, https://glm.io/49591 )

Links zum Artikel:
GSC Game World (.com): http://www.gsc-game.com/
Stalker: Shadow of Chernobyl - offizielle Homepage zum Shooter (.com): http://www.stalker-game.com/
THQ: http://www.thq.de

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/