Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0703/50987.html    Veröffentlicht: 09.03.2007 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/50987

GDC: Gears of War, Gewalt und Rock&Roll

Interview mit Gears-of-War-Entwickler Cliff "CliffyB" Bleszinski

Früher putzte sich "CliffyB" für Messen heraus wie für einen Maskenball. Er trug seltsam gefärbte Haare und schreiend bunte Klamotten. Das alles hat er spätestens seit dem Xbox-360-Titel Gears of War (in Deutschland indiziert) nicht mehr nötig: Vorträge von Cliff Bleszinski füllen große Hallen, im Anschluss an seine Reden drängeln sich junge Journalistinnen und Programmiererinnen mit eher fadenscheinigen Nachfragen in seine Nähe. Golem.de hat den bei Epic Games arbeitenden Designer-Star interviewt.

Cliff 'CliffyB' Bleszinski war Lead Designer von Gears of War
Cliff 'CliffyB' Bleszinski war Lead Designer von Gears of War
Golem.de: Du hast da eine tolle Vorlesung gehalten, nicht nur die Mädels waren beeindruckt!
CliffyB: Dankeschön. (lacht)

Golem.de: Wie Du sicher weißt, haben brutale Spiele in Deutschland ein großes Problem. Nun hast Du mit Deinen Kollegen so viele tolle Ideen in Gears of War eingebaut - wieso um Himmels willen braucht Ihr dann diese ganzen expliziten Gewaltdarstellungen?
CliffyB: Weil sie cool sind! Frag mal Quentin Tarantino, wieso er Gewalt in seinen Filmen zeigt. Er wird Dir dieselbe Antwort geben: Wir finden, dass sie aufregend ist! Wir sind alle mit Horrorspielen groß geworden... - Soll ich jetzt posen oder weitersprechen?

Golem.de: Red' weiter, ich mache nebenher nur einige Fotos.
CliffyB: Es gibt Gründe dafür, dass wir leuchtend rotes Blut verwenden und es über Dich schwappen lassen, wenn Du im Spiel jemanden tötest: Du sollst als Spieler mitbekommen, wenn Du jemanden triffst. Wir sind keine Sadisten, das Blut muss sein, um Dir ein Erfolgsgefühl zu geben. Daher rührt also die ganze Gewalt.

CliffyB: 'Wir beherrschen längst noch nicht alle Instrumentarien'
CliffyB: 'Wir beherrschen längst noch nicht alle Instrumentarien'
Golem.de: Mit anderen Worten: Auch Gears of War 2 wird es nicht auf den deutschen Markt schaffen, weil darin ebenfalls nicht mit Blumen geworfen wird.
CliffyB: Halt, ich habe noch nie bestätigt, dass es Gears of War 2 geben wird. Wir machen einfach die Art von Spielen, die wir selber spielen wollen. Wir sind große Fans von Horrorfilmen, wir sind große Fans von Kriegsfilmen. Und wir wollen keine faulen Kompromisse eingehen, wenn es um die Darstellung von Krieg geht.

Golem.de: Ihr wollt also realistisch sein, soweit das in dem von euch gewählten, halb-futuristischen Szenario möglich ist?
CliffyB: Es geht nicht um Realismus. Schneidest Du das eigentlich alles mit? Okay, cool. Wir wollen gar nicht absolut realistisch darstellen, was Gewalt ist. Es geht mehr um eine übertriebene, exzessive, fast schon Borderline-komödiantische Cartoon-Gewalt. Falls Du schon mal das Pech gehabt haben solltest, ein Video zu sehen, in dem tatsächlich jemand getötet wird: Das hat nichts mit einem Videospiel zu tun, das ist eine ganz unangenehme, hässliche Sache zum Anschauen. In einem Spiel hingegen ist es fast schon lustig. Und so wollen wir das darstellen.

Mit der Unreal-Serie (hier die geplante 2007er-Fassung) wurde Cliff Bleszinksi berühmt
Mit der Unreal-Serie (hier die geplante 2007er-Fassung) wurde Cliff Bleszinksi berühmt
Golem.de: Aber was sagst Du besorgten Eltern oder Politikern, die sich mit Spielen nicht auskennen, und die ein Gears of War sehen und einfach nur entsetzt sind? Die müssen doch denken, dass Dein Spiel ihre Kinder gefährdet!
CliffyB: Aber unsere Spiele sind nicht für Kinder gedacht! Sie werden freiwillig als "Mature" gekennzeichnet und nicht für Kinder vermarktet. Und es gibt auch diverse Barrieren: Der Händler sollte den Personalausweis checken, wenn er sich nicht sicher ist, wie alt sein Kunde ist. Die Eltern müssen aufpassen, was ihr Kind so spielt. Und wir benutzen die Alterskontrolle-Mechanismen der Xbox 360. Und schließlich kostet ein Spiel 60,- Dollar.

Golem.de: Du meinst, das kann sich kein Kind leisten?
CliffyB: Ich hatte als Kind keine 60,- Dollar zur Verfügung. Was die Politiker anbelangt: Wir haben es hier mit einem Generationenkonflikt zu tun. Spiele sind der moderne Rock&Roll! Irgendwann werden Leute im Kongress sitzen, die mit Spielen aufgewachsen sind, und dann werden sich viele Dinge ändern.

Golem.de: Dann werden gewalttätige Spiele etwas ganz Normales sein?
CliffyB: Genau, und verteufelt werden Spiele, bei denen Blumen aus den Pistolen kommen.

CliffyB: 'Ihr müsst in Deutschland unsere Spiele weiter importieren!'
CliffyB: 'Ihr müsst in Deutschland unsere Spiele weiter importieren!'
Golem.de: Bei Gears of War habt ihr einige Dinge bewusst vereinfacht: Der Spieler kann sich zum Beispiel weder ducken, noch kann er springen, in Deckung geht er dadurch, dass er in ein Hinderniss förmlich hineinrennt. Ist das der Trend bei Computerspielen, dass sie immer einfacher bedienbar werden?
CliffyB: Ich denke, ich sage nicht, dass die Designer das Rad völlig neu erfinden müssen, aber wir beherrschen sicherlich noch nicht alle Instrumentarien, um dem Spieler die Bedienung so einfach wie möglich zu machen. Da geht es um Kameraplatzierung, das Timing des Spiels, um Kontextsensitivität. Ich habe genug Spiele gesehen, die nicht mal die herkömmlichen Konventionen richtig hinbekommen. Das sollten wir erstmal richtig hinbekommen, bevor wir alles neu erfinden!

Golem.de: Wird es in mittlerer Zukunft mal wieder ein Spiel von Epic oder Dir geben, das sich in Deutschland frei verkaufen lässt?
CliffyB: Die Spiele von Epic sind zurzeit Erwachsenenspiele. Wir werden so schnell nicht zu Szenarien wie bei Jazz Jackrabbit zurückkehren. Ihr müsst also unsere Spiele auch weiterhin aus England oder Österreich importieren! [von Jörg Langer]  (ck)


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Links zum Artikel:
CliffyB.com - Blog des Spieleentwicklers Cliff Bleszinski: http://www.cliffyb.com/
Epic Games (.com): http://www.epicgames.com

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