Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0703/50934.html    Veröffentlicht: 07.03.2007 19:33    Kurz-URL: https://glm.io/50934

GDC: PlayStation 3 - Mit Sony Home gegen Xbox Live (Update)

Mischung aus Second Life, Die Sims und Download-Shop

Mit einem Paukenschlag greift Sonys PlayStation 3 (PS3) die für sicher gehaltene Online-Führerschaft von Microsofts Xbox Live an: Am Mittwochabend stellt Sonys Phil Harrison in seiner GDC-Keynote zu "Game 3.0" den kommenden Service "Home" vor. Golem konnte schon im Vorfeld einen Blick auf die Mischung aus Online-Spielertreff, Second Life, Die Sims und Download-Shop werfen - ein Video dazu konnten wir mittlerweile nachfügen (auf Seite 4).

Die Central Lounge dient als Treffpunkt der Avatare
Die Central Lounge dient als Treffpunkt der Avatare
Schon am Dienstagabend fand für ausgewählte Pressevertreter eine Vorabvorführung von Sony Home statt. Home ist eine grafisch prächtige Online-Community, in der sich PS3-Spieler als 3D-Avatar bewegen, ein eigenes Apartment ausstatten oder plastische Trophäen aus ihren Spielen vorzeigen. Es wirkt auf Anhieb wie eine Kreuzung aus Die Sims, Second Life und Online-Shop. Fast eine halbe Stunde lang stellte Phil Harrison (President Sony CE Worldwide Studios) den im April 2007 für die offene Beta-Phase vorgesehenen Service vor, während der neben ihm stehende Producer live auf einer PS3 "spielte". Die anderen Avatare, mit denen sich Letzterer unterhielt, waren natürlich Mitarbeiter von Sony CE. Die Bildschirme in diesem Artikel entsprechen grafisch genau dem, was wir in Echtzeit sehen konnten. Erscheinen soll Sony Home als Download via PlayStation Network im Herbst 2007.

Die Avatare lassen sich sehr detailliert erschaffen
Die Avatare lassen sich sehr detailliert erschaffen
Im Prinzip ist Sony Home ein MMO ohne Charakterentwicklung und Spielziel: Vor einer hübsch anzusehenden Gebirgssee-Idylle treffen sich die Spieler-Avatare zum Chatten, Multiplayer-Verabreden oder Spielen von einfachen Casual Games. Und zum Kaufen: Denn wie auch bei Second Life steht einem neu geschaffenen Avatar nicht das ganze Angebot an Kleidung oder Möbelausstattung zur Verfügung. Gleich zu Beginn stellte Harrison klar, dass man zusätzliche Kleidung entweder kaufen kann oder mit dem Erwerb von PS3-Spielen freischaltet. So kann der SingStar-Besitzer beispielsweise ein SingStar-T-Shirt tragen. Die Avatare sind in Sachen Größe, Gesichtsform und -zügen deutlich vielfältiger einstellbar als zum Beispiel die Miis von Nintendos Wii. Allerdings laufen sie noch recht staksig durch die Gegend und lümmeln sich nicht auf Sofas und sonstigen Sitzgelegenheiten, sondern sitzen stocksteif da.

Eigene Medien oder Möbel baut man per Virtual PSP und Crossbar-Navi (XMB) ein
Eigene Medien oder Möbel baut man per Virtual PSP und Crossbar-Navi (XMB) ein
Mit anderen Avataren tritt der Home-Besucher auf vier Weisen in Kontakt: entweder per Gamepad, wobei das Programm bereits nach dem ersten Buchstaben gängige Konversationswörter vorschlägt, so dass sich recht schnell ganze Sätze zusammenstückeln oder wahlweise natürlich auch buchstabenweise formulieren lassen. Zweitens ist die Eingabe von Text über eine optionale Bluetooth- oder USB-Tastatur möglich, wie auch jetzt schon in Verbindung mit dem PS3-Browser. Und drittens lässt sich, ein Headset vorausgesetzt, auch mit dem Gegenüber sprechen. Dann erscheint in der farbigen Sprechblase über dem Avatar statt der Textzeilen ein Broadcast-Symbol. Die vierte Kommunikationsform sind typische Emoticons, also Gesten wie Kopfschütteln, Winken oder auf die Schenkel klopfen.

Objekte werden ähnlich wie bei Die Sims 2 manipuliert: Einfach davorstellen und die richtige Gamepad-Taste drücken. Bei der Vorführung war zu sehen, dass bereits ein Physiksystem eingebaut ist. Sessel oder Ähnliches lassen sich also beispielsweise übereinander stapeln. Aber wo? Im eigenen Heim natürlich, jeder Avatar hat von Beginn an ein recht großes, aber spärlich möbliertes Apartment zur Verfügung. Dieses kann man sich nach und nach verschönern, etwa mit Tapeten, neuen Möbeln oder Luxusgegenständen, ähnlich wie es etwa aus EverQuest 2 bekannt ist.

Im Gamespace gibt es Billard, Kegeln und Casual-Videospiele
Im Gamespace gibt es Billard, Kegeln und Casual-Videospiele
Später werden noch größere Apartments käuflich zu erwerben sein, ob gegen Geld oder "Ruhm", ist noch nicht ganz klar. Als Harrison ein Luxusapartment vorstellte, ein bizarr riesiges Protzdomizil Marke "Säulenhalle", wirkte eine - natürlich von Sony-Mitarbeitern gestellte - Party-Szene auf der Terrasse praktisch eins zu eins aus Die Sims 2 entnommen, wenngleich mit schönerer Grafik. Auch wenn dieser Punkt nicht explizit angesprochen wurde, ist absehbar, dass andere Avatare nur auf Einladung hin Zugang in den "Home Space" genannten Privatbereich haben.

Die Sims 2 ist nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil es ein dankbares Spiel für Modding ist: Die eigene Wohnung nachbauen, eigene Kleidung integrieren, neue interaktive Objekte basteln - fast alles ist möglich. Zwar darf man bei Home nicht die Gestaltungsvielfalt eines Second Life erwarten (das im Vergleich um zehn Jahre veraltet aussieht), doch auch Home wird es dem User erlauben, eigenen Content einzubauen. Der Vorführer demonstrierte das, indem er die versammelten Journalisten fotografierte, den MemoryStick aus der Kamera nahm und in die Vorführ-PS3 steckte. Wenige Sekunden später konnte er das soeben aufgenommene Foto winkender Pressevertreter in einem großen Bilderrahmen an die Wand seines Apartments in Home hängen. Prinzipiell, so Phil Harrison, sei jede Oberfläche in Home entweder mit einem Bild oder einem Video zu verschönern - natürlich nur, wenn die Programmierer sie dafür freigeschaltet haben.

Jeder hat einen Trophäen-Raum zum Angeben
Jeder hat einen Trophäen-Raum zum Angeben
In einer weiteren Demonstration konnten die Anwesenden das Zusammenspiel von Bewegtbild und Physikengine erleben: Ein auf der Festplatte der PS3 befindlicher Kinotrailer wurde auf einen virtuellen Bravia-Fernseher gezogen, der dann auf diesem, von allen Winkeln aus betrachtbar, ablief. Nun nahm der Vorführer den virtuellen Fernseher und ließ ihn eine Treppe hinunterkullern, wobei auch auf dem sich überschlagenden Gerät der Film weiter ablief. "Das demonstriert", so Phil Harrison ironisch, "die wahrlich berühmte Zuverlässigkeit der Sony-Bravia-Fernseher."

Auch sonst baut Home sehr auf das Abspielen von HD-Videoinhalten, und zwar auf zumeist riesigen, dreidimensionalen Leinwänden. Das kann reale Werbung sein, die dem User via Internet dynamisch auf die Konsole gestreamt wird, das können aber auch Szenen aus kommenden Spielen sein. In der Lobby des Kinos von Home lassen sich Trailer anschauen, aber wohl in Zukunft auch User-generierte Videos. Im eigentlichen, begehbaren Kinosaal laufen dann die Trailer auf einer Großleinwand - wer ganz nahe heranzoomt, vergisst, dass er sich gerade nicht ein Vollbild-Video ansieht, sondern den Inhalt einer virtuellen Leinwand in einem MMO. Technisch machbar wäre es aus unserer Sicht, richtige Filme gegen Bezahlung im Home-Kino anzuschauen. Und nebenher, im echten Kino nur schwer möglich, mit seinen Avatar-Kumpeln darüber zu fachsimpeln.

Hier die schicke 3D-Trophäe von Lair (Factor 5)
Hier die schicke 3D-Trophäe von Lair (Factor 5)
All diese Streaming-Inhalte stehen natürlich unter dem Übertragungsvorbehalt. Denn sämtliche Inhalte in unserer Präsentation kamen offensichtlich von der Festplatte der Vorführ-PS3, nicht aus dem Internet. Wie die Performance unter echten Bedingungen aussehen wird, kann frühestens die Beta-Version im April 2007 zeigen. Die einzigen live per Internet übertragenen Daten waren die Chat-Texte sowie die Sprachausgabe eines anderen Avatars; Letztere erfolgte mit einer kurzen, aber wahrnehmbaren Verzögerung.

Schon das
Schon das
Reisen wir weiter durch die Welt von Home: In der Spiele-Arcade stehen nicht nur Kegelbahnen und Billardtische bereit, auf und an denen man sich dann herangezoomt mit anderen Avataren vergnügen kann, sondern auch Spieleautomaten, auf denen typische Classic Games aus der Sony-Familie laufen. Auch hier tritt man an das virtuelle Spielgerät heran - und zwar weitgehend nahtlos, im Unterschied zu beispielsweise den Automaten in Bully / Canis Canem Edit - und fängt zu spielen an. Es ist laut Phil Harrison geplant, auf diese Weise auch Retro oder Casual Games zum kostenpflichtigen Download anzubieten. Während das Kegeln in den wenigen Sekunden, in denen wir es sahen, nicht so überzeugend wirkte wie etwa das Pendant von Wii Sports, klackerten die Kugeln beim Billard täuschend echt. Vermögende Home-Nutzer sollen sich Billardtisch oder Spieleautomat sogar in die eigene Home-Wohnung stellen können.

Zum Vergleich: Die Terrasse eines 'Luxus-Apartments'
Zum Vergleich: Die Terrasse eines 'Luxus-Apartments'
Das vielleicht interessanteste Feature, das auch endlich eine direkte Verbindung zu den eigentlichen PS3-Spielen herstellt, ist der Hall-of-Fame-Raum. Dieser scheint sich nicht im Apartment zu befinden, sondern im öffentlichen Bereich. Er ähnelt optisch einem modernen Museum. Ringsum an den Wänden des kreisförmigen Raums befinden sich in Vitrinen Trophäen, die für die von einem selbst durchgespielten PS3-Games oder die in diesen erzielten Leistungen stehen. So sahen wir die "lebensgroße" Statue eines Killzone-Soldaten, die grazil wirkende Skulptur des kommenden Actionspiels "Lair" oder eine Plakette aus "Flow". Sieht man sich die Trophäen aus der Nähe an, wird die spielerische Leistung dahinter eingeblendet. Die Trophäen können wohl auch aus Videos bestehen.

Während die Hall of Fame zum Angeben gegenüber befreundeten Avataren dient und die eigenen Leistungen in den selbst gespielten Games widerspiegelt, gibt es auch einen großen, öffentlichen Trophäenraum. Dieser ist eine riesige, vielstöckige runde Halle, die über einen sich immer weiter nach unten fortsetzenden Spiralweg erkundet werden kann. Ringsum sind dann sämtliche möglichen Trophäen aus sämtlichen erhältlichen PS3-Spielen zu sehen, an die jeweils herangezoomt werden kann. Eine tolle Idee, die sich nur schwer optisch beschreiben lässt - am ehesten vielleicht als eine Mischung aus den in Alkoven platzierten Büsten aller römischen Kaiser im Münchner Antiquarium gekoppelt mit typischem Matrix-Design. Bildmaterial dazu liegt leider nicht vor.

So stellt sich Sony eine Spielehersteller-Präsenz in Home vor
So stellt sich Sony eine Spielehersteller-Präsenz in Home vor
Wo sich die ganzen Residenzen und Hall of Fames befinden werden, ist nicht ganz klar. Vermutlich wird nicht wie bei Second Life jede einzelne Wohnung für alle sichtbar in der 3D-Landschaft platziert, sondern eher einige Apartmentblocks für alle Nutzer existieren, in denen dann per Lift neben der eigenen nur die Wohnungen von Freunden zugänglich sein werden. Noch ist das aber Spekulation. Wie sich die weltweite Menge aus PS3-Nutzern, die sich auch Home heruntergeladen haben, in der Praxis auf die Welt aufteilen wird, steht ebenfalls in den Sternen bzw. in den Designdokumenten von Sony Computer Entertainment. Auch hier glauben wir nicht, dass à la Second Life oder Eve Online alle Spieler prinzipiell dieselbe Welt bevölkern; wir vermuten eher eine Aufteilung nach Ländern oder Regionen.

Neben privaten Apartments und öffentlichen Einrichtungen wie Spielhalle oder Kino sollen sich auch einzelne Spiele-, Produkt- und Hersteller-Marken in Home präsentieren können - auch hier grüßt aus der Ferne das ideengebende Second Life. So zeigte Harrison eine "Sports Hall", die demonstrieren sollte, wie sich etwa ein Sportspiele-Hersteller in Home anpreisen kann. In diesem Fall mit einem Boxring in der Mitte, Basketball-Körben - vermutlich interaktiv nutzbar- und vor allem Werbevideos zu seinen Spielen. Da auch hier HD-Content abgespielt wird, ist es wahrscheinlich, dass hier auch große Consumermarken wie Coke diese Darstellungschance nutzen werden. Blanker Kommerz ist integraler Bestandteil von Home, daraus machte Sony keine Sekunde ein Geheimnis.

Die Steuerung des Avatars erfolgt direkt per Gamepad, doch für fortgeschrittene Funktionen wie die Weltkarte, die Möbelauswahl oder das Füllen eines virtuellen Bilderrahmens dient die Virtual PSP, die - wie auch die reale PSP und die PS3 - mittels XMB-Interface ("Cross Media Bar") bedient wird. Das Ganze wirkt innerhalb der Sony-Familie irgendwie logisch, aber auch ein wenig nach dem verzweifelten Versuch, den Ladenhüter PSP wenigstens virtuell noch zum Massenphänomen zu machen.

Das Theater ist voll begehbar und spielt HD-Trailer oder User-Content ab
Das Theater ist voll begehbar und spielt HD-Trailer oder User-Content ab
Unser erster Eindruck von Home: Sony hat mit einem Schlag die Kernkompetenz von Microsoft infrage gestellt, der in Sachen Online-Community führende Spielkonsolen-Hersteller zu sein. Home ist ganz anders als Xbox Live, hat aber einen ähnlichen Hintersinn wie Verabredung zum Spielen, das Angeben mit den eigenen Leistungen - und kupfert zudem schamlos bei Second Life und Die Sims 2 ab. Obendrauf kommt die kinderleichte Integration von eigenen Fotos oder Videos und damit die Verknüpfung zwischen den Welten der Unterhaltungselektronik und der Spiele. Ein auf den ersten Blick durchaus überzeugendes Projekt also, das in der Vorführung schon sehr gut funktionierte. Was Home wirklich kann und vor allem, wie es mit großen Bevölkerungszahlen und realen Internetbandbreiten zurechtkommt, wird sich jedoch erst in den kommenden Monaten zeigen. [von Jörg Langer]  (ck)


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