Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0702/50792.html    Veröffentlicht: 28.02.2007 14:35    Kurz-URL: https://glm.io/50792

Spieletest: Supreme Commander - Schlachten epischer Ausmaße

Echt strategische Echtzeit-Strategie

Vor knapp zehn Jahren kam das Echtzeit-Strategiespiel Total Annihilation auf den Markt. Chris Taylor schuf damit einen der Klassiker des Genres und setzte Maßstäbe für alle kommenden Titel. Nun haben Taylor und sein Studio Gas Powered Games mit Supreme Commander wieder ein Spiel aus diesem Sektor auf den Markt gebracht - und die Ähnlichkeiten zu Total Annihilation werden die Anhänger des Originals begeistern.

Supreme Commander (Windows-PC)
Supreme Commander (Windows-PC)
Supreme Commander ist kein offizieller Nachfolger zu Total Annihilation. Langwierige Verhandlungen mit dem Rechteinhaber verliefen ergebnislos, und so entschied sich Taylor dafür, Supreme Commander von dem Vorgänger zu lösen und einen neuen Namen zu verwenden. Dem Spiel schaden wird der Wechsel des Namens nicht, davon ist Taylor überzeugt. Im Gegenteil - als positiver Nebeneffekt blieb ihm so die Freiheit, die Hintergrundgeschichte komplett neu auszugestalten.

Supreme Commander
Supreme Commander
Das Spiel erzählt die Geschichte eines gewaltigen, länger als 1.000 Jahre andauernden Kampfes zwischen drei Parteien. Der Konflikt hat epische Ausmaße angenommen und es geht um nicht weniger als die Vorherrschaft über das Universum. Bemerkenswert bei dieser Ausgangslage ist, dass Supreme Commander nicht in die Falle tappt, ein klassisches Gut/Böse-Schema zu präsentieren. Jede der verfeindeten Parteien ist vielmehr differenziert dargestellt und wird motiviert durch die Überzeugung, für eine gerechte Sache einzutreten. Die UEF (United Earth Federation) versucht, das alte, zersplitterte Imperium unter den Leitsätzen Bruderschaft, Ehre und Tradition wieder zu errichten. Die Cybrans, technisch modifizierte Menschen, kämpfen für ein Ende der Unterdrückung durch die UEF und die Freiheit für alle Cybrans. Die Aeon-Erleuchteten, sehr menschenähnliche Aliens, glauben an eine höhere spirituelle Macht und treten für einen esoterischen Frieden aller ein. Sie sind davon überzeugt, dass sich die Menschheit ohne ihre Führung selbst vernichten wird.

Der Zweck heiligt aber bekanntlich alle Mittel, und so sind den Parteien trotz hehrer Ziele alle Mittel - sprich: Waffengewalt - recht, um sich gegen ihre Feinde durchzusetzen. Welche Fraktion dabei am Ende als Sieger hervorgeht, liegt in der Hand des Spielers, denn der spielt als Kommandeur einer der Seiten eine Kampagne aus Einzelmissionen durch. Recht schnell geht es dabei ans Eingemachte. Von dem Spieler vorm Computer wird, trotz praktischem Tutorial, eine steile Lernkurve erwartet. Die Missionen selbst sind dabei leider wenig originell und beschränken sich auf vorhersehbare Ziele, wie die Ausschaltung des gegnerischen Befehlshabers. In den meisten Szenarien muss man eine Basis aufbauen, dort Militäreinheiten errichten und versuchen, über strategisches Vorgehen die Verteidigung des Gegners auszuhebeln, ohne gleichzeitig die eigene Defensive zu vernachlässigen.

Supreme Commander
Supreme Commander
Wer sich mit den drei Kampagnen nicht begnügen mag, hat die Möglichkeit, via LAN oder Internet gegen andere Spieler anzutreten. Der kostenlose Online-Mehrspielerdienst sorgt dafür, dass man gleichstarke Gegner finden kann und bietet überdies die Möglichkeit zu Ranglistenspielen. Auch Team-Spiele lassen sich arrangieren. Insgesamt können so bei einer Partie bis zu acht Spieler teilnehmen. Wer keine Lust auf menschliche Gegenspieler hat, kann auch auf den Mehrspieler-Karten den Computer für die Gegner einspringen lassen.

Supreme Commander
Supreme Commander
Auf dem Spielfeld beginnen dann die Ähnlichkeiten von Supreme Commander zu seinem inoffiziellen Vorgänger Total Annihilation. Spieler des Originals dürfen sich darüber freuen, dass viele der altbekannten und beliebten Features wieder übernommen wurden. Sie werden sich schnell eingespielt haben. Neulingen wird dies etwas schwerer fallen, da die Komplexität von Supreme Commander anfangs etwas überwältigt. Zur Auswahl hat der Spieler 80 verschiedene Einheiten und Gebäude pro Seite. Zwangsläufig wird er sehr große Armeen und ausgefeilte Verteidigungsanlagen errichten müssen. Um seine gewaltige Streitmacht zu befehligen, stehen ihm etliche Befehle und Aktionen zur Verfügung: Er kann Kampfverbände organisieren, Patrouillen-Routen abstecken und abändern, kann Transportwege einrichten, koordinierte Attacken durchführen und noch vieles mehr.

Supreme Commander
Supreme Commander
Um aber so weit zu kommen, muss erst einmal eine Basis errichtet und in Schwung gebracht werden. Man beginnt mit seiner ACU im Spiel. Die ACU ist der riesige, schwer gepanzerte und bewaffnete Avatar des Spielers. Sie muss unbedingt beschützt werden, denn ihr Ende würde den Verlust des Spiels bedeuten. Die ACU kann aber nicht nur kämpfen, sondern auch Gebäude errichten. Die Kosten für alle Bauwerke und Einheiten sind dabei zum einen die aufzuwendende Bauzeit, zum anderen eine bestimmte Menge an Ressourcen.

Es gibt zwei dieser Rohstoffe im Spiel; Energie und Masse. Energie kann durch die Errichtung von Generatoren oder Kraftwerken erzeugt werden. Masse erhält man durch Extraktion aus Vorkommen, Umwandlung aus Energie oder durch Aufsammeln von Schrottresten auf dem Schlachtfeld. Nur wer über einen stetigen und ausreichenden Nachschub von Masse und Energie verfügt, kann produzieren und seine Verteidigungsanlagen benutzen. Dann bedarf es auch noch Speicher, die die Rohstoffe für Notzeiten bunkern und einen wertvollen Puffer im Bedarfsfall darstellen - wenn alle Verteidigungsanlagen auf Grund einer plötzlichen Energiekrise ausfallen, ist dies alles andere als angenehm.

Supreme Commander
Supreme Commander
Auch die Errichtung der Militäreinheiten kostet Zeit, Energie und Masse. Verschiedene Fabriken stellen die Land-, Wasser- und Lufteinheiten her. In ihnen können auch Techniker hergestellt werden, die selbst Konstruktionsaufgaben übernehmen, aber auch andere Baumeister unterstützen und den Auftrag somit beschleunigen können. Über die Techniker kommt man auch an die Gebäude höherer Entwicklungsstufe, in denen wiederum die fortschrittlicheren Einheiten produziert werden können. Drei Ausbaulevel gibt es für die Gebäude. Wer die höchste Stufe erreicht hat, kann dann noch die mächtigen experimentellen Einheiten produzieren, dazu später mehr.

Supreme Commander
Supreme Commander
Zusätzlich zu Fabriken und Gebäuden für die Ressourcenverwaltung muss man noch seine Basis schützen. Ein breites Arsenal an stationären Waffen wie Geschütztürmen oder Raketenanlagen, inklusive strategischer Atomwaffen, stehen einem ebenso zur Verfügung wie Schutzschilde oder Befestigungsmauern. Dann gibt es noch Radar- und Sonaranlagen, die gegnerische Heeresbewegungen auf der Übersichtskarte anzeigen, sowie Tarnfelder, die genau dem entgegenwirken.

Auf den teilweise gigantisch großen Karten - bis zu 6.400 Quadratmeilen - gilt es natürlich, nicht nur eine funktionierende Verteidigung, sondern auch eine Offensive zu organisieren. Panzer, Mechs, Lufteinheiten, Artillerie sowie Kriegsschiffe unterschiedlichster Größe und Bewaffnung warten auf ihren Einsatz. Anders als beim Vorgänger oder herkömmlichen Strategiespielen reicht es aber nicht aus, schnell eine große Streitmacht bestehend aus einem Typ herzustellen und den Gegner damit zu überrennen ("rushen"). Schon wenige Flaks können beispielsweise eine ganze Bomberarmee erfolgreich aufhalten. Es müssen langfristige Gewinnstrategien ausgetüftelt werden. Der Schlüssel zum Erfolg besteht in der Aufklärung - man muss Schwachstellen in der gegnerischen Verteidigung ausfindig machen und diese gezielt mit koordinierten Angriffen aus verschiedenen Waffengattungen durchbrechen. Es gibt keine vorgeschriebene Gewinnstrategie, es liegt einzig am Spieler, sich einen Weg zum Sieg auszuarbeiten. Die Möglichkeiten sind quasi unbeschränkt.

Supreme Commander
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Ein viel versprechender Weg zum Sieg besteht im Einsatz der experimentellen Einheiten. Jeder Fraktion stehen drei ganz unterschiedliche dieser gewaltigen Kriegsmaschinen zur Verfügung. Alle sind wahre Könige des Schlachtfeldes und sündhaft teuer zu produzieren. Es braucht selbst bei den koordinierten Baubemühungen eines ganzen Technikerheeres noch viele lange Minuten, bis ein einzelner dieser Kolosse das Schlachtfeld erblickt. Diese gewaltigen Spezialeinheiten sind dann auch der Punkt, in dem sich die Kriegsparteien von den strategischen Möglichkeiten her am deutlichsten voneinander abgrenzen.

Supreme Commander
Supreme Commander
Die UEF haben den "Fatboy", eine schwer bewaffnete und rollende Fabrik, die verheerende Artillerie "Mavor", die über das ganze Spielfeld schießen kann, und den tauchfähigen Flugzeugträger "Atlantis". Die Cybrans besitzen mit dem "Monkeylord" einen gigantischen, sechsbeinigen Kampfkoloss. Der "Soul Ripper" ist ein mächtiges, fliegendes Kanonenschiff und die "Scathis" eine verheerende Schnellfeuerartillerie. Die Aeon verfügen über die wohl imposanteste Einheit von allen, den "Galaktischen Koloss". Dies ist ein gigantischer, humanoider Kampfroboter, der Gegner regelrecht zertrümmern kann. Dazu gesellen sich eine fliegende und schwer bewaffnete Festung, der "ZAR", sowie das tauchfähige Schlachtschiff "Tempest".

Supreme Commander
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Mit den gewaltigen Heerscharen wird man nicht nur in seiner Basis Patrouille fahren wollen, früher oder später wird es zu großen Gefechten mit Feindeinheiten kommen. Die entstehenden epischen Schlachten werden auf und unter dem Wasser, an Land und im Himmel auf mehreren Ebenen ausgetragen. Wer hier auf einzelne Einheiten achtet, verliert in dem Schlachtengetümmel schnell den Überblick. Anders als in anderen Vertretern des Genres erhält man hier wirklich das Gefühl, nicht einzelne Einheiten, sondern eine ganze Armee zu befehligen. Ein einziger Trupp ist quasi nichts wert, bei Supreme Commander zählt man in anderen Dimensionen.

Lange Bauzeiten, eine gute Verteidigung, riesige Armeen und gigantische Kartengrößen - dies alles bedeutet zwangsläufig auch eine lange Spielzeit. Wer sich zu einer Partie Supreme Commander an den Computer setzt, muss mit einem Zeitaufwand von Stunden rechnen. Als Gegenleistung erhält man in dem Spiel tatsächlich eine beeindruckende strategische Tiefe. Es können langfristige Pläne durchgeführt werden und Einheiten entsprechend ihrer spezialisierten Funktion eingesetzt werden - und nicht nur, weil sie als etwas besser im Preis-Leistungs-Verhältnis durchs Balancing gerutscht wären.

Um in dem Schlachtengetümmel und bei den gewaltigen Armeegrößen den Überblick zu behalten und die Verwaltung erleichtert zu bekommen, haben sich Chris Taylor und seine Mannen einiges an technischen Neuerungen einfallen lassen. Am besten ist dabei sicherlich die Möglichkeit, über das Mausrad beliebig in das Geschehen hinein- oder herauszuzoomen. Man kann jede einzelne Einheit detailliert und bildschirmfüllend betrachten oder die ganze Karte im Überblick haben - dann freilich sind die Einheiten nicht mehr als kleine, abstrahierte, geometrische Symbole zur groben Unterscheidung der Waffengattung. Wem das noch nicht übersichtlich genug ist, der hat die Möglichkeit, das Geschehen via Splitscreen gleichzeitig als Übersicht und im Detail zu betrachten. Und wer über zwei Monitore verfügt, kann sogar beide anschließen und das Geschehen aufgeteilt über die beiden Bildschirme verfolgen.

Für die Verwaltung der Einheiten gibt es viele schöne und schnell in Fleisch und Blut übergehende Optionen zur Gruppierung und Automatisierung der Einheiten. Differenzierte Bauschleifen, selbstständige Transporte und zusammenarbeitende Truppen nehmen dem Feldherrn viel von seiner Arbeit ab. Dies erfordert fast automatisch den intensiven Einsatz des Keyboards, vor allem die Umschalt-Taste wird schnell zum liebsten Freund des Spielers.

Im Gameplay gibt es ebenfalls einige Veränderungen. Chris Taylor ist besonders stolz auf die realistische Berechnung von Geschossbahnen. Tatsächlich sieht man gerade die langsameren Projektile und Raketen in einem bizarren Wirrwarr über den Bildschirm schießen. Wenn sich das Ziel wegbewegt, verfehlen die Schüsse eben ihr Ziel und treffen das, was dahinter liegt. Das macht die Kämpfe zwar weniger vorausberechenbar und spannender, aber schnell hat man sich daran gewöhnt und nimmt dies überhaupt nicht mehr als etwas besonderes wahr.

Die KI zeigt ebenfalls, gerade was die Strategien der Computergegner angeht, etliche Verbesserungen. Selbst für hart gesottene Spielprofis bietet sie eine echte Herausforderung. Dabei halten sich die Computergegner an die Regeln des Spiels und betrügen nicht, etwa durch das Wissen um die Aufstellung der feindlichen Einheiten oder eine erhöhte Baugeschwindigkeit.

Ebenfalls positiv festgehalten werden muss, dass das Spiel erstaunlich sauber und zumindest im Test fehlerfrei lief. Man hat als Spieler nicht das Gefühl, ein besserer Beta-Tester zu sein, sondern tatsächlich vor einem fertigen Produkt zu sitzen. Auch das Balancing der Einheiten und Fraktionen hinterlässt ein sehr gutes Gefühl. Man merkt, dass viel Zeit investiert wurde, um ein faires und ausgeglichenes Spiel, egal auf welcher Seite oder mit welcher Strategie, zu ermöglichen.

Fazit:
Supreme Commander ist ein faszinierendes, sehr tief gehendes Echtzeit-Strategiespiel mit Schlachten epischer Ausmaße. Der Zeitaufwand für einzelne Partien ist sehr hoch, belohnt wird man mit völliger strategischer Freiheit, die unzählige unterschiedliche Gewinnoptionen offen lässt. Nachteilig erwähnt werden müssen die etwas uninspirierten Missionen im Kampagnen-Modus sowie die hohen technischen Anforderungen. Zwar genügen als Minimalanforderungen ein aktueller Rechner (1,8 GHz, 512 MByte RAM) und eine moderne Grafikkarte mit Shader Model 2.0 und Hardware Instancing, gerade bei großen Karten mit vielen KI-Gegnern und haufenweise Einheiten gehen aber selbst deutlich leistungsstärkere Rechner an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und es kann zu Rucklern kommen. Trotzdem ist das Spiel für alle Fans echter Strategie, die sich auch vor langen, tüfteligen Partien nicht scheuen, ein unbedingtes Muss - und vielleicht der Grund, den Rechner aufzurüsten. [von Peer Kröger]  (ase)


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Links zum Artikel:
Supreme Commander - Offizielle Website zum Echtzeitstrategiespiel (.com): http://www.supremecommander.com/
THQ: http://www.thq.de

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