Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0702/50486.html    Veröffentlicht: 12.02.2007 14:57    Kurz-URL: https://glm.io/50486

Enttarnt: Eve-Online-Entwickler beim Schummeln erwischt

Nach öffentlichem Druck ist der verantwortliche Entwickler geständig

Ein größerer Skandal erschüttert das Universum des Online-Rollenspiels Eve Online: Einer der Entwickler wurde beim Schummeln erwischt, er hatte seinem Spielcharakter unerlaubt Gegenstände beschafft und damit sich und seinen Mitspielern Vorteile verschafft. Der Vorfall selbst liegt zwar schon einige Monate zurück, wurde nun aber durch einen Spieler aufgedeckt, der selbst zu unlauteren Mitteln griff und sich Zugriff auf das Forum der mächtigsten Spielerallianz verschaffte.

Bei dem Online-Rollenspiel Eve Online werden derzeit vermehrt Vorwürfe laut, dass die Entwickler selbst Einfluss auf das Spielgeschehen nehmen. Der Einfluss soll dabei nicht im Rahmen des spielerisch Möglichen erfolgen, sondern unter Ausnutzung der eigenen Möglichkeiten als Eve-Entwickler. Es ist bei Spielen durchaus normal, dass die Entwickler das Spiel, an dem sie mitarbeiten, auch selbst spielen. Solange die Entwickler dabei im Rahmen des üblichen Spielens bleiben und sich keine Vorteile verschaffen, ist das in der Regel kein Problem.

Nutzt jedoch jemand in der Position des Entwicklers die ihm zugetragene Macht aus, um seinem eigenen Spieler Vorteile zu verschaffen, hat dies einen Einfluss auf das Spielgeschehen. Besonders empfindlich reagiert die Welt von Eve Online auf derartigen Missbrauch: Statt auf verschiedene parallele Universen setzt das Online-Rollenspiel auf ein einziges großes Universum. Daher hat ein Entwickler deutlichen Einfluss auf die Welt und kann so etwa die Wirtschaft oder das politische Geschehen für das ganze Spiel nachhaltig verändern. Deswegen gelten für (freiwillige) Mitarbeiter strenge Regeln bezüglich der eigenen Identität und dem Nutzen des vorhandenen Wissens.

Offenbar ist der CCP-Mitarbeiter "t20" jedoch zu weit gegangen und hat sogar ein Geständnis abgelegt, nachdem Spieler als Folge der Enthüllungen des Spielers "Kugutsume" Druck ausgeübt hatten.

Der Entwickler "t20" hat seine Position genutzt und sich einige Tech-2-Baupläne angeeignet. Diese sind in Eve Online besonders wertvoll, da sie nicht einfach gekauft werden können, sondern nur über Forschungsagenten zu erwerben sind. Dabei spielt das Glück eine große Rolle, denn die Baupläne werden über eine Lotterie an die Agenten verteilt, mit denen der Spieler arbeiten muss. Je mehr Agenten der Spieler hat und je mehr Forschungspunkte er hat, desto mehr Tickets hat er für die Lotterie und die Chancen steigen. Die Chancen stehen jedoch so schlecht, dass bei weitem nicht jeder Spieler an so einen Bauplan kommt und teilweise Jahre auf diesen Moment gewartet werden muss.

Im Juni 2006 hat sich "t20" gleich sechs dieser Baupläne angeeignet und sie der Spielerallianz "Band of Brothers" überlassen, für die er arbeitete. Nachdem er bereits innerhalb von CCP aufgeflogen ist und seinen Charakter aufgeben musste, verblieben die Baupläne jedoch bei der Allianz. Zum Glück hat sich "t20" nur vergleichsweise harmlose Baupläne erschummelt und damit die mächtigste Allianz in Eve Online unterstützt, für den einzelnen Spieler viel Geld, für diese Allianz sind es die berühmten "Peanuts", auch wenn die Profitmargen gerade bei Tech-2-Bauplänen enorm sind.

So steht die führende Allianz in Eve Online schon länger im Verdacht, mit unlauteren Mitteln zu kämpfen und Hilfe von den Entwicklern zu haben. Weitere Verdachtsmomente wie das Zuspielen von Informationen an die "Band of Brothers" weist der Entwickler jedoch von sich.

In einem gelöschten Artikel vom Dezember 2006 (Google Cache) des Forums von Eve Online, zeigte sich "t20" bereits frustriert über den Verlust seines Charakters und dessen Reputation. Zudem erklärt er, dass die meisten Entwickler es nicht mehr wagen, in die Politik im Spiel einzusteigen. Zu groß sei die Gefahr, dass ein Entwickler zu viel Einfluss nehme und er erkannt werde.

CCPs CEO Hilmar Veigar "Hellmar" Pétursson hat sich parallel zu dem Geständnis zu den Vorfällen geäußert. So werde ein Mitarbeiter in der Regel sofort gefeuert, wenn derartiges Fehlverhalten zu Tage kommt. In dem Fall von "t20" ist dies jedoch nicht passiert. Auf Grund der Sommermonate war ein großer Teil der Mitarbeiter im Urlaub und die damals Verantwortlichen wählten lieber einen vorsichtigen Weg, um die Situation zu bereinigen.

Für die Zukunft verspricht Pétursson, mit einer internen Abteilung dafür Sorge tragen zu wollen, dass sich derartige Vorfälle nicht wiederholen. Eine nachträgliche zweite Bestrafung hält CCP nicht für sinnvoll.

Den bisherigen Werdegang des Vorfalls hat der Entdecker Kugutsumen in seinem Forum-Blog festgehalten. Besonders erwähnenswert ist hier der Sechsteiler Reikoku Makes Its Own Luck (Reikoku ist Teil der Band of Brothers).

Kugutsumen wurde mittlerweile vom Spiel ausgeschlossen, da er gegen diverse Punkte des Eve-Online-Regelwerks verstoßen hat. Der Rausschmiss war es seinen Angaben zufolge jedoch wert. Es verwundert allerdings, dass der Entdecker so hart bestraft wurde, während der Entwickler mit einem blauen Auge davongekommen ist. Bedenklich ist auch, dass der Fall immerhin fast ein halbes Jahr zurückliegt, denn die besagten Baupläne werden erst jetzt aus dem Spiel entfernt.

Zudem ist Kugutsumen fest der Überzeugung, dass noch mehr im Argen liegt und so entwickelt sich sein Forum zu einer kleinen Sammelstelle für Ungereimtheiten bei Eve Online, die im offiziellen Forum nicht gepostet werden können, da sonst mit einem Forumsbann oder gar Spielausschluss zu rechnen ist.

Auf Anfrage von Golem.de wollte sich CCP Games nicht zu den Vorwürfen äußern. CCP möchte vermeiden, dass Eve-Online-Spieler Informationen durch die Medien erlangen und lieber selbst reinen Tisch machen. Noch sind nicht alle Vorwürfe von Kugutsumen vom Tisch, ein Anfang ist jedoch gemacht worden. Mit dem Vorfall hat CCP Games unverhofft recht viel Aufmerksamkeit bekommen und das trotz der nur knapp über 150.000 Abonnenten, die das Spiel derzeit verzeichnet. Zum Vergleich: World of Warcraft hat mehr als 8 Millionen Spieler.

In der Zwischenzeit entwickelt sich das Geschehen rund um die Vorfälle in einer Geschwindigkeit, die es den wenigsten möglich macht, alles zu verfolgen. Auch die Spieler versuchen, für Gerechtigkeit zu sorgen und überlegen gemeinsame kriegerische Aktionen im Spiel gegen die "Band of Developers", wie die mächtigste Allianz auch gerne spöttisch genannt wird, durchzuführen und auf ihre Art und Weise für nachträgliche Gerechtigkeit zu sorgen.

Tatsächlich haben die ersten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen tausenden Spielern bereits begonnen. Ob diese nicht sowieso längst überfällig waren oder es tatsächlich mit den Schummeleien zusammenhängt, wissen vermutlich nur die oberen Ränge der verfeindeten Allianzen. Wie auch im realen Leben wird die Gunst der Stunde genutzt und der Skandal zu einem Mittel, um die Spieler politisch auf die eigene Seite zu ziehen.  (ase)


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Links zum Artikel:
EVE Online (.com): http://www.eve-online.com

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