Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0611/49095.html    Veröffentlicht: 23.11.2006 11:44    Kurz-URL: https://glm.io/49095

Emsdetten: Entwickler, Vertriebe und Spieler wehren sich (U)

Bundesverbände von Spiele-Designern, Vertrieben und eSportlern nehmen Stellung

In der Debatte um ein Verbot der so genannten "Killerspiele" nach dem Amoklauf von Emsdetten haben sich nun die Verbände der Spiele-Entwickler, die Vertriebsfirmen und die Spieler zu Wort gemeldet. Die drei Verbände sind sich sicher: Die bestehenden Vorschriften reichen aus, das Thema wird von der Politik instrumentalisiert, um von sozialen Missständen abzulenken. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk meint, ein Verbot von Killerspielen gehe an einer Lösung des Problems vorbei.

In ungewohnter Einigkeit äußern sich der "G.A.M.E. Bundesverband der Entwickler von Computerspielen e.V." (Game), der "Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V." (BIU) und der "Deutsche eSport-Bund e.V." (ESB) zu den Forderungen von Politikern, die nicht genau definierten "Killerspiele" zu verbieten. Allen drei Organisationen ging jeweils mindestens ein Vorgängerverband voraus, der sich wegen unklarer Zielsetzungen und interner Querelen aufgelöst hatte.

Die Verbände bedauern die Bluttat, am deutlichsten wird Game. Der Verband stellt klar, dass auch Spiele-Entwickler Familienmenschen sind: "Das Schicksal der Opfer der Tat berührt uns zutiefst. Viele von uns sind Väter, Mütter; haben Familie. Wir sind erschrocken und betrübt über diese Tat. Wir möchten allen Betroffenen unser tiefes Mitgefühl aussprechen und wünschen den Verletzten eine rasche und vollständige Genesung."

Durch die Anfeindungen, in denen etwa der bayerische Ministerpräsident Stoiber Spiele als "völlig unverantwortliche und indiskutable Machwerke" bezeichnete, sehen sich die Entwickler persönlich getroffen, wie Game angibt: "Wir wenden uns gegen die Kriminalisierung unseres Berufsstandes und den Versuch einiger Verantwortlicher in unserem Land, ein international öffentlich, wissenschaftlich und kulturell anerkanntes Medium und dessen Künstler und Kreative mit nicht haltbaren Argumenten als Verantwortliche für den Amoklauf zu diffamieren."

Die Verbände wehren sich auch gegen die Verurteilung von Computerspielen als pauschale Ursache für das Verbrechen. So meint der BIU: "Im vorliegenden Fall hat aus unserer Sicht nicht der Jugendschutz versagt. Vielmehr haben die sozial-staatlichen Mechanismen, die Jugendlichen Orientierung und Unterstützung für ein Erwachsenenleben mit Perspektive geben sollen, nicht gegriffen."

Der BIU stellt außerdem klar, dass die Berichterstattung über den Amoklauf von Emsdetten und die bisherigen Kontrollmechanismen des Jugendschutzes zahlreiche Fehler enthalten: "Die aktuelle Gesetzeslage verbietet schon heute die Verbreitung von 'Gewalt verherrlichenden' Computer- und Videospielen auf der Grundlage des Strafgesetzbuches." Der Begriff "Gewalt verherrlichend" war für Computerspiele mit Gewaltinhalten häufig in den Medien genannt worden. Auch, dass es sich bei der nun ebenfalls umstrittenen USK um eine, wie häufig berichtet, "Selbstkontrolle der Industrie" handeln würde, ist nicht richtig, wie der BIU klarstellt: "Die Alterskennzeichnung von Spielen für Kinder und Jugendliche erfolgt nicht durch eine Selbstkontrollinstitution der Industrie, sondern durch die Obersten Landesjugendbehörden der Länder. Von den Obersten Landesjugendbehörden nicht gekennzeichnete Spiele können jederzeit von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert werden. Deutschland verfügt damit über das engmaschigste Netz im Jugendmedienschutz.

Auch Game, der Verband der Entwickler, hält das gegenwärtige System für voll ausreichend: "Wir brauchen in Deutschland keine strengeren 'Verbote', bestehende Verbote müssen besser überwacht werden." Die Spieleprogrammierer wenden sich auch gegen eine Ausgrenzung von Computerspielern: "Computerspieler sind keine Randgruppe. Gespielt wird in jeder Bevölkerungsgruppe. Computerspiele begeistern das sechsjährige Mädchen ebenso wie den 40-jährigen Politiker, die Sekretärin oder einen 70 Jahre alten Rentner", stellt Game fest.

Auch der Verband derjenigen Nutzer, die ihr Hobby des wettbewerbsorientierten Spielens zum Sport erklärt haben, weist darauf hin, dass Computerspiele längst ein Massenphänomen sind. Der ESB stellt im Namen seiner Mitglieder auch die Integrationskraft des E-Sports heraus: "Gemeinsam vertreten die Organisationen die Interessen von über einer Million deutscher Computerspieler, die ihr Hobby E-Sport (elektronischer Sport) gemeinschaftlich betreiben. E-Sport ist eine Trendsportart, die Menschen auf der ganzen Welt fasziniert und verbindet."

Dass die Debatte um "Killerspiele" nun so hochkocht, lenkt laut BIU von den eigentlichen Problemen ab: "Wir appellieren an die Medien und die Politik, den Blick auf die eigentlichen Tatumstände nicht durch eine unsachliche Debatte über ein Verbot von 'Killerspielen' zu verstellen." Der Verband Game schlägt stattdessen vor: "Öffentliche Gelder müssen wieder verstärkt in die Unterstützung unserer sozialen Systeme fließen und nicht in den Aufbau von strengeren Zensurbehörden oder von kriminalistischen Instituten, die sich nur mit den Symptomen und nicht mit den Ursachen beschäftigen."

Dabei weisen die Verbände die Anfeindungen aber nicht einfach zurück, sie bieten auch Hilfestellung bei einer gesellschaftlichen Bewertung von Spielen an: "Auch unterstützen die genannten Vertreter des deutschen E-Sports die Klärung von Genre- und Wirkungsfragen und bieten an, mit den entsprechenden politischen und wissenschaftlichen Gremien in den Dialog zu treten", sagt der ESB.

Die nun völlig haltlose Debatte um "Killerspiele", Verbote und die geringe Kompetenz bei Politikern und Medien beim Thema Spiele kritisiert inzwischen auch die Spielepresse. So wirft Christian Schmidt, leitender Redakteur bei GameStar, allen Beteiligten in einem Kommentar "Versagen auf ganzer Linie" vor. Schmidt kritisiert in seinem Beitrag auch "die Lobby der Spielehersteller, weil sie es seit Jahren nicht schafft, das Gesellschaftsbild von Computerspielen positiv zu prägen, und weil sie zu konzertiertem Krisenmanagement nicht in der Lage ist." Seinen Kommentar schließt der GameStar-Redakteur mit einem Zitat des SPD-Innenexperten Dieter Wiefelspütz, der in den Tagesthemen auf die Hilflosigkeit der Debatte hinwies. "Man kann es nicht besser zusammenfassen", so Schmidt.


Update vom 23. November 2006, 14:00 Uhr:

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert an Schulen und Freizeiteinrichtungen mehr Psychologen, Sozialarbeiter, aber auch Medienpädagogen einzusetzen, die einen kompetenten Umgang mit Medien und deren Inhalten unterstützen und fördern. Kinder und Jugendliche dürfen mit ihren Sorgen und Ängsten nicht alleine gelassen werden und brauchen reale und schnell erreichbare Ansprechpartner, heißt es in einer Presseerklärung.

Die Diskussionen um Emsdetten zeigten, dass eine Erklärung nicht in einer monokausalen Ursache-Wirkung durch das Rezipieren von Gewalt-Computerspielen zu finden ist. Spiele wie "Counter-Strike" oder "Doom" lassen die Nutzer nicht allein zu einem Täter werden, so das Deutsche Kinderhilfswerk. Vielmehr müsse es darum gehen, "die im Abschiedsbrief von Sebastian B. selbst angesprochenen Themen wie soziale Isolation, Leistungsdruck, Markenwahn, Schulversagen oder Zukunftsangst ernst zu nehmen und als Probleme für Jugendliche zu begreifen", sagt Dr. Heide-Rose Brückner, die Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderhilfswerkes. Ein Verbot von Killerspielen gehe an einer Lösung des Problems vorbei.  (nie)


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Links zum Artikel:
BIU - Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V. : http://www.biu-online.de/
Deutscher eSport-Bund: http://www.e-sb.de/
G.A.M.E. Bundesverband der Entwickler von Computerspielen e.V.: http://www.game-bundesverband.de/
GameStar: "Versagen auf ganzer Linie: http://www.gamestar.de/magazin/special/pc/spiele/versagen_auf_der_ganzen_linie/1466331/versagen_auf_der_ganzen_linie.html

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