Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0611/49008.html    Veröffentlicht: 17.11.2006 14:32    Kurz-URL: https://glm.io/49008

Spieletest: Scarface - Drogen, Action & gute Musik

Spiel zum Filmklassiker von Brian De Palma

Auch über 20 Jahre nach seiner Erstaufführung hat Brian De Palmas Drogen-Thriller Scarface kaum etwas von seiner Popularität eingebüßt - der Film überzeugte unter anderem mit einem bestens aufgelegten Al Pacino und genießt bis heute vor allem in der Hiphop-Szene auf Grund der Drogen- und Gangster-Thematik Kultfilmstatus, geriet gerade in Deutschland auf Grund massiver Gewaltdarstellungen aber auch ins Kreuzfeuer der Kritik. Vivendi Universal bringt jetzt eine Videospielumsetzung für PC und Playstation 2 in die Läden; und die stellt vor allem für Liebhaber des Films eine Pflichtanschaffung dar.

Scarface (Windows-PC, PS2)
Scarface (Windows-PC, PS2)
Anno 2006 übernimmt der Spieler die Rolle, die 1983 noch Al Pacino zukam - nämlich in die Haut des in die USA ausgewanderten Kubaners Tony Montana zu schlüpfen. Das Spiel erzählt dabei nicht direkt die Geschichte der Leinwandvorlage nach, sondern setzt bei der berühmten Schießerei in Montanas mächtiger Villa ein - mit dem Unterschied, dass Montana diesmal seinen Jägern entkommt und den Verrätern, die ihn hintergangen haben, Rache schwört. Im Folgenden geht es im stilecht nachgebildeten Miami der achtziger Jahre darum, wieder zum Drogenboss der Stadt aufzusteigen, immer neue Gebiete zu erobern und die Verschwörer einen nach dem anderen ins Jenseits zu befördern.

Scarface
Scarface
Von Beginn an fesselt Scarface mit einer immens dichten und glaubwürdigen Atmosphäre - alleine der Einstieg ins Spiel ist schon eine Klasse für sich: Anstatt sich mit längerem Vorgeplänkel aufzuhalten, ist von der ersten Sekunde an Action angesagt. Die erste Mission lautet gleich, die eigene Villa unbeschadet zu verlassen, dabei unzählige Gangster aus dem Weg zu räumen und sicher ans eigene Auto zu kommen, um dem vermeintlichen sicheren Tod zu entgehen. Quasi nebenbei wird sich dabei mit der Spielsteuerung, der Zielhilfe und dergleichen mehr vertraut gemacht - und schon nach wenigen Sekunden ist der Puls auf 180.

Ist das Leben erstmal gerettet, darf wahlweise aber auch einen Gang zurückgeschaltet werden - ähnlich wie die GTA-Reihe, an der sich Scarface deutlich orientiert, sind die spielerischen Freiheiten immens.

Scarface
Scarface
Natürlich ist es möglich, sofort den Rachefeldzug zu starten, Feinde ausfindig zu machen, Gebäude zu stürmen und mit den unterschiedlichsten Feuerwaffen (von Pistolen über Maschinengewehre bis hin zu Raketenwerfern) eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen. Genauso darf aber auch jedes beliebige Fahrzeug gekapert und erstmal ganz entspannt durch Miamis weitläufige Straßen gefahren werden - begleitet von einem äußerst vielseitigen Soundtrack, der von Morricone-Sounds über Reggae und Hiphop bis hin zu Rock einiges zu bieten hat.

Scarface
Scarface
Für das nötige Kleingeld (und die damit verbundenen Luxusgüter, die das eigene Ansehen steigern) sorgen zwischendurch zahlreiche Drogenaufträge. Da gilt es dann, unbemerkt mit größeren Pulvermengen die Zwischenhändler ausfindig zu machen, in einer Art Mini-Game seine Geschicklichkeit zu beweisen und so den bestmöglichen Preis auszuhandeln. Danach wird das Geld zur Bank gebracht, wobei Polizisten und verfeindete Gangs natürlich bestmöglich gemieden werden sollten. Nach und nach werden so immer weitere Stadtgebiete von Miami unter den eigenen Einfluss gebracht; schließlich lautet eines der Ziele ja auch, die Drogengeschäfte der Stadt in die Hand zu nehmen.

Scarface
Scarface
Die Entwickler von Radical Entertainment haben sich allerdings nicht nur beim Sound und dem Szenario bemüht, so dicht wie möglich an der Filmvorlage zu bleiben. Auch Tony Montana selbst entspricht voll und ganz dem Bild, das der Leinwandstreifen vermittelt hat. So ist er nicht nur wenig zimperlich, was das Leerschießen der eigenen Magazine angeht; auch ein böser Spruch liegt fast immer auf seinen Lippen. Per simplen Tastendruck dürfen den Niedergeschossenen diverse unflätige Bemerkungen hinterhergeschickt werden.

Das hat übrigens auch praktischen Nutzen: Genau wie platzierte Treffer sorgen diese Beleidigungen dafür, Tonys Wutanzeige aufzuladen; ist die voll, kann in eine Art Rauschzustand umgeschaltet werden - das Geschehen wird dann anstatt aus der Verfolgerperspektive aus der Ego-Sicht gezeigt, zudem ist Tony vorübergehend unverwundbar und lädt durch Abschüsse seine Gesundheitsanzeige auf.

Die Sprachausgabe wurde von Vivendi für den deutschen Markt übrigens nicht übersetzt; aus gutem Grund: Die illustre Schar von Synchronsprechern - von Lemmy (Motörhead) über Tommy Lee bis hin zu Steven Bauer - ist durchaus hörenswert.

Scarface
Scarface
Wer des Englischen nicht mächtig ist, wird die deutschen Untertitel auf Grund des teils schon sehr extremen Slangs allerdings dringend benötigen. Optisch ist Scarface weder auf dem PC noch auf der Playstation 2 überragend - Animationen und Detailgrad könnten deutlich besser sein. Aber das trifft auf die ähnliche GTA-Reihe ja in vergleichbarem Umfang zu. Wer die Wahl hat zwischen beiden Versionen, sollte im Zweifelsfall übrigens eher zur PS2-Umsetzung greifen: Per Gamepad lässt sich Tony perfekt dirigieren, die Tastaturbelegung am PC ist hingegen stellenweise etwas umständlich.

Scarface
Scarface
Scarface ist für PC und Playstation 2 bereits im Handel erhältlich. Der Titel hat von der USK keine Jugendfreigabe erhalten, obwohl die deutsche Version leicht entschärft wurde - im Gegensatz zur US-Variante ist es etwa nicht möglich, platzierte Headshoots auszuführen oder Körperteile abzutrennen. Der Gewaltgrad ist trotzdem noch recht hoch; angesichts der unzähligen Leichen, die Tonys Weg pflastern, und seiner beständigen "Die, Motherfucker!"-Flüchen ist die fehlende Jugendfreigabe also durchaus verständlich.

Fazit:
Scarface ist alles andere als perfekt - das Gameplay kupfert deutlich bei GTA ab, die Optik bleibt hinter den technischen Möglichkeiten von PC und PS2 zurück und zudem sind einige der Missionen unnötig schwer. Dafür brilliert das Spiel in Sachen Atmosphäre; so stimmig, spannend und gekonnt in Szene gesetzt waren Spiele zu Filmen bisher viel zu selten. Wer De Palmas Werk kennt, wird dieses Spiel lieben - und alle anderen werden sicherlich spätestens nach dem Spielen in die Videothek gehen, um sich die DVD auszuleihen.  (tw)


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Links zum Artikel:
Radical Entertainment (.ca): http://www.radical.ca/
Vivendi Universal Games: http://de.vu-games.com

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