Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0611/48837.html    Veröffentlicht: 09.11.2006 14:37    Kurz-URL: https://glm.io/48837

Spieletest: Anno 1701 - Neue Optik, alte Tugenden

Sunflowers besinnt sich auf frühere Qualitäten

Kaum einem deutschen PC-Spiel wurde jemals mit so viel Medieninteresse begegnet wie Anno 1701 - allerdings handelt es sich laut Sunflowers bei dem Titel ja auch um die bis dato aufwendigste und teuerste Spieleproduktion aus dem deutschsprachigen Raum. Die Absatzprognosen sind dementsprechend immens hoch; auf Grund des rundum gelungenen Gameplays aber zweifellos auch vollends berechtigt.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Wer einen der äußerst erfolgreichen Vorgänger - Anno 1602 oder Anno 1503 - gespielt hat, weiß im Grunde auch, was ihn in Anno 1701 erwartet. Es geht schließlich immer noch darum, Inseln zu besiedeln, Infrastruktur zu errichten, Warenkreisläufe in Gang zu setzen, sein diplomatisches Geschick spielen zu lassen und die Staatskasse zu füllen. Allerdings orientiert sich der neue - übrigens nicht mehr von Max Design, sondern von Related Designs entwickelte Teil - wieder deutlich mehr am Ursprung der Reihe; die von vielen kritisierte Ausweitung des Militärparts aus Anno 1503 wurde beispielsweise wieder zurückgenommen.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Die auffälligste Neuerung in Anno 1701 ist die Grafik; die Reihe hat jetzt den Sprung in die 3D-Welt geschafft. Unzählige schicke Gebäude, sich im Wind wiegende Palmen, große Wellen - alles sieht detaillierter, beeindruckender, stimmiger aus. Zudem gibt die Optik aber auch viel mehr Infos über den Spielerfolg preis als in der Vergangenheit: Blitzt und glänzt etwa der eigene Marktplatz, geht es der Insel anscheinend bestens; sammeln sich die Bewohner zu Demonstrationen, werden offensichtlich irgendwelche Bedürfnisse nicht so recht befriedigt.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Zu Spielbeginn gilt es natürlich, ein geeignetes Eiland für die eigenen Kolonisierungsbestrebungen zu finden; keine einfache Sache, da Rohstoffe generell meist knapp sind und nicht jedes Inselchen als neue Heimat taugt. Ist die Entscheidung gefallen, werden zunächst grundlegende Gebäude errichtet: Das Kontor dient als Lager und späterer Handelsort, Wohnhütten und Fischer befriedigen zunächst die grundlegendsten Bedürfnisse.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Im Laufe des Spiels werden die Möglichkeiten naturgemäß beständig größer, aber auch komplizierter: Eine Nahrungsquelle alleine reicht nicht aus, auch Fleischer, Mühlen und Bäcker wollen errichtet werden. Ähnliches gilt für die Produktionsstätten und innerstädtischen Transportwege - ohne die richtigen Straßen und Wege findet kein wirklicher Warenfluss zum Kontor statt. Das Anlegen von Wegen ist dabei glücklicherweise deutlich komfortabler als noch im direkten Vorgänger. Mit jeder Epoche wandeln sich die eigenen Einwohner zudem in ihren Fähigkeiten und Wünschen; Schritt für Schritt werden so aus Pionieren Bürger oder gar Adlige; Luxusgüter müssen also herangeschafft und prächtigere Gebäude - gar bis hin zum Schloss - errichtet werden.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Derweil darf auch kräftig geforscht werden - in Schulen und Universitäten werden nach und nach neue Technologien entdeckt, die das Leben angenehmer gestalten sollen. Natürlich nagt die Instandhaltung der Gebäude und aller Forschungsaktionen aber auch arg am Staatssäckel, so dass den Steuereinnahmen eine immer größere Bedeutung zukommt. Per einfachen Schieberegler darf somit bei jeder Bevölkerungsschicht bestimmt werden, welchen Obolus sie an die Kasse des Spielers abführt, wobei eine Balance aus eigenen Bedürfnissen und der Zufriedenheit der Bewohner gewahrt bleiben muss, um sich nicht plötzlich einem Aufstand gegenüberzusehen.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Anno 1701 wartet mit keiner wirklichen Kampagne auf, sondern bietet stattdessen einige Szenarien mit bestimmten Aufträgen sowie natürlich den Endlosmodus, der im Grunde das Herz des Spieles darstellt. Für zusätzliche Spannung sorgt, dass der Spieler nicht vollkommen allein agiert, sondern sich mit KI-Gegnern um Inseln und Rohstoffe streitet; und Related Design hat sich größtmögliche Mühe gegeben, diesen insgesamt zwölf Kontrahenten nicht nur ein Gesicht, sondern auch einen eigenen Charakter zu verpassen. Die Bandbreite reicht dabei von friedlichen und netten Gesellen bis hin zu aggressiven und herrschsüchtigen Damen. Im Diplomatie-Menü lässt sich dabei jederzeit erkennen, mit wem man gute Beziehungen unterhält und wer einem kürzlich den Krieg erklärt hat.

Apropos Krieg: Wie schon angesprochen, fällt die militärische Komponente deutlich kleiner aus als im direkten Vorgänger - Anno 1701 besinnt sich eben auf seine Stärken als Aufbauspiel. Nichtsdestotrotz können natürlich Stadtmauern errichtet und in den Werften mächtige Kampfschiffe gebaut werden. Auch diverse Truppentypen stehen bereit; nichtsdestotrotz spielen sich die Gefechte meist sehr simpel und sind äußerst rudimentär ausgefallen.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Anno 1701 hat noch einige weitere Neuerungen zu bieten. So gibt es jetzt einen freien Händler, der beständig alle Kontore aufsucht und für Geschäfte aller Art zu haben ist; zum Beispiel sind bei ihm eben auch die Waren zu beziehen, die im eigenen Lager zu wenig oder gar nicht vorhanden sind, wobei die Preise zum Teil allerdings recht hoch sind. Überschüssige Dinge aus dem eigenen Lager lassen sich natürlich auch an ihn abstoßen, zudem vergibt er immer mal wieder Aufträge, bei denen es dann beispielsweise darum geht, eine bestimmte Gütermenge in vorgegebener Zeit heranzuschaffen; als Gegenleistung winken meist großzügige Belohnungen.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Die Inseln in der neuen Welt, die der Spieler nach und nach kolonialisiert, sind nicht immer unbewohnt - Ureinwohner wie Azteken oder Irokesen sind oft schon da und streben teils ebenfalls nach Handelsbeziehungen. Und dann gibt es noch Piraten, die die Weltmeere unsicher machen: Wer mit ihnen handelt, kann günstige Preise vereinbaren, schadet aber seinem Ruf; wer ihr Schiff versenkt, erfreut dafür die KI-Kollegen.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Für eindeutig mehr Komfort als früher sorgen fest angelegte Handelsrouten - praktisch etwa dann, wenn auf höheren Zivilisationsstufen ein Teil der Produktionen auf Nachbarinseln ausgelagert wird oder immer wiederkehrende Geschäfte mit den Konkurrenten automatisch durchgeführt werden. Die Handelsrouten lassen sich jederzeit variieren oder löschen und ersparen viel nerviges Mikromanagement.

Gelungen ist zudem, wie Anno 1701 durch immer neue Events und Überraschungen die Motivation dauerhaft aufrechterhält - auch wenn die ersten Spielschritte im Grunde bei jedem Auftrag dieselben sind und sich der anfängliche Aufbauteil immer stark ähnelt. Dank beständig neuer Unteraufträge, Wetterkatastrophen, diverser strategischer Spionage- und Demagogie-Aktionen und der immer wieder erheiternden Dialoge mit den KI-Kontrahenten kommt eben auch nach längerer Zeit kaum Langeweile auf.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Anno 1701 erstrahlt nicht nur erstmals in 3D, sondern überzeugt auch in puncto Detailgrad und Effekten. Vorausgesetzt natürlich, die eigene Hardware ist auch wirklich leistungsfähig: Im Vergleich zu vielen anderen Aufbauspielen giert das Spiel förmlich nach RAM und aktueller Grafikkarte, um Flora und Fauna realistisch darzustellen oder die hübsch inszenierten Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche oder Wirbelstürme in aller Pracht zu zeigen.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Während bei Anno 1503 der (nicht vorhandene) Multiplayer-Modus ein Hauptgrund für den damals großen Unmut zahlreicher Fans war, dürfen jetzt von Beginn an vier Spieler via LAN oder Internet mit- und gegeneinander siedeln. Auch sonst zeigt Related Designs - ganz im Gegensatz zu einem anderen großen deutschsprachigen Projekt der letzten Wochen -, dass es auch heutzutage noch möglich ist, Spiele ohne allzu große Bugs zu veröffentlichen; im Testalltag traten bei uns jedenfalls fast keine Probleme auf.

Anno 1701 (PC)
Anno 1701 (PC)
Anno 1701 ist bereits im Handel erhältlich und kostet - dank massiven Preiskampfs der Elektro-Discounter - im Schnitt nur etwa 35,- anstelle der zunächst veranschlagten 50,- Euro. Eine Demo zum Anspielen gibt es ebenfalls.

Fazit:
Natürlich ruht sich die große Anno-Reihe ein bisschen auf ihren Lorbeeren aus - die von vielen Spielern bemängelten Neuerungen aus 1503 wurden einfach wieder über Bord geworfen, das Gameplay sehr dicht an den Erstling angelehnt. In Sachen Aufbau ist Anno 1701 aber genau deshalb der Referenztitel in diesem Weihnachtsgeschäft: Zeitgemäße 3D-Grafik, viele sinnvolle Neuerungen und eine tolle Atmosphäre werten das seit Jahren bewährte und erprobte Gameplay auf und machen das Spiel zu einem dauerhaft motivierenden Freizeitkiller.  (tw)


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Links zum Artikel:
Anno 1701 - Demo zum Download (.com): http://www.anno1701.com/launch/index.php?lg=de&l1=downloads&l2=demo
Anno 1701 - Website zum Aufbaustrategiespiel (.com): http://www.anno1701.com/
Sunflowers: http://www.sunflowers.de

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