Original-URL des Artikels: http://www.golem.de/0609/47811.html    Veröffentlicht: 14.09.2006 17:00    Kurz-URL: http://glm.io/47811

WOS4: Mehr Freiheit!

Bericht von der Eröffnung der Berliner Konferenz "Wizards of OS"

Dieses Jahr findet zum vierten Mal die Konferenz "Wizards of OS", kurz WOS 4, in Berlin statt. Unter dem Titel "Information Freedom Rules" werden drei Tage lang Veranstaltungen zu den Themen "Autorenschaft und Kultur", "Wirtschaft und Arbeit" sowie "Regeln und Werkzeuge der Freiheit" angeboten. Das Panel "Freedom Expanded" beschäftigte sich mit Fragen der kulturellen Innovation, ihren technischen Voraussetzungen und möglichen Visionen.

Unter der Diskussionsleitung von Felix Stalder, Dozent an der Zürcher Kunstakademie und Mitbegründer von Openflows.org, fanden sich Vertreter aus mehreren Ländern zusammen, um Projekte und theoretische Standpunkte zu präsentieren.

Den Anfang machte Alexei Blinov aus London, der die Idee von Hive Networks vorstellte. Sein Ausgangspunkt war eine Kritik an den etablierten Strukturen im Publikationsbereich, die er folgendermaßen charakterisierte: "Große, globalisierte Infrastrukturbesitzer zusammen mit großen, globalisierten, kommerziellen Verlegern." Auf der anderen Seite sieht er "individuelle, schlecht miteinander vernetzte, naive Anwender". Zwischen beiden Seiten würde ein "Ungleichgewicht" bestehen, den Hive Networks überwinden sollten.

Felix Stalder, Rasmus Fleischer, Doma Smolja, Carmen Weisskopf, Alexei Blinov (v.l.n.r)

Statt sich der Ausbeutung durch die etablierten Publikationsstrukturen auszusetzen, die zudem mit einem allgegenwärtigen Verlust an Privatsphäre einherginge, sollten die Leute eine eigene Publikationskultur aufbauen. Eine Reihe von Bausteinen dafür würde bereits existieren, so Alexei Blinov: "Peer-to-Peer-Netzwerke; Mesh-Netze; gemeinsamer Besitz von Netzwerken; billige, vernetzbare Geräte der Handheld-Klasse." Zusammen mit "demokratischen Werkzeugen für Vernetzung und Publizieren" lasse sich so der Traum vom "individuellen Fluss der Informationen" verwirklichen. Im Rahmen der WOS 4 soll der aktuelle Stand der Entwicklung der Hive-Technologien live vorgeführt werden.

Als Zweite waren Carmen Weisskopf und Doma Smoljo von der Mediengruppe Bitnik aus Zürich an der Reihe. Bitnik setzt den Schwerpunkt der Aktivitäten auf "kulturelle und künstlerische Software". Eine besondere Rolle spielen dabei "Mapping und Hacking". Beim Mapping werden globale Zusammenhänge wie zum Beispiel die Verteilung von Computern in der Welt sichtbar gemacht. Auch wird die Funktionsweise von technischen Systemen visuell erschlossen. Mittels Hacking werden Systeme hingegen ganz konkret "fürs Mitmachen geöffnet".

Beispielhaft wurde das seit 2004 stattfindende "TV-Hacking-Experiment" der Gruppe vorgestellt. Ziel dieses Experiments ist es, ein "Mitmach-Fernsehen für alle" bereitzustellen. Dazu wurden einfache, billige Sendegeräte mit begrenzter Reichweite entwickelt, die ihren Inhalt über ein P2P-Netwerk beziehen. Auf der Webseite des Projekts können die Nutzer des Systems "gefundene Inhalte" zur Sendung bereitstellen. Bitnik selbst versteht sich dabei als eine Art Redaktion dieses "Hybrid-Systems aus TV und Internet". Damit verbundener Urheberrechtsprobleme ist sich Bitnik wohl bewusst. Das Wort vom Piratensender fiel mehr als einmal in der Präsentation.

Rasmus Fleischer, ein Vertreter des schwedischen Piratenbüros, stellte in der dritten Präsentation dessen Aktivitäten vor. Vor drei Jahren von einem kleinen Personenkreis gegründet, "um Projekte rund um Themen wie Piraterie, Kopieren, Urheberrecht zu veranstalten", machte das Piratenbüro im Frühjahr 2006 als Betreiber des weltgrößten Bittorrent-Trackers, Pirate Bay, von sich reden. Auf Drängen der US-Regierung war der Server zeitweilig geschlossen worden, was in Schweden zu heftigen Reaktionen bei Politikern aus allen Parteien geführt hat. Den Nachhall der Regierungsaktion beurteilte Rasmus Fleischer denn auch durchaus positiv, denn das Piratenbüro hat sich vorrangig "der Förderung der Diskussion über falsche Urheberrechtskonzepte verschrieben".

Dabei betonte Fleischer mehrfach, dass sich das Piratenbüro nicht als Sprachrohr der Konsumenten-Interessen oder der Filesharer-Interessen verstehen würde. Stattdessen möchte man in der öffentlichen Diskussion darauf hinwirken, dass "die Sprache und die Konzepte im Urheberrecht der Realität angepasst werden". Es sei falsch, an einem überholten Begriff von Autorenschaft festzuhalten. Der von der Medienindustrie geführte "Kampf gegen die Piraterie" sei als Vertuschungsmanöver einzustufen.

In Wirklichkeit gehe es nicht um einen Kampf "gegen die nicht genehmigte Verbreitung von Inhalten", sondern um einen Kampf "gegen die nicht genehmigte Verbreitung von Metadaten". Nicht das Filesharing sei daher Ausdruck einer "Krise des Urheberrechts", sondern die "unstimmige Definition des Begriffs Kopieren", die mit der Wirklichkeit nicht mehr mithalten könne.

Felix Stalder stellte im Anschluss an die Präsentationen eine Gemeinsamkeit heraus: Alle Vortragenden seien sich einig gewesen, dass es zunehmend unmöglich werde, zwischen Produzenten und Konsumenten von Kultur zu unterscheiden, wo die Anwender je nach Belieben in beide Rollen schlüpfen. Das sei eine grundsätzliche Veränderung im kulturellen Verhalten.

Die Reaktionen aus dem Publikum, das sich mit Fragen zurückhielt, waren verhalten. Ein Kommentator wies jedoch auf eine wesentliche Schwachstelle in den Argumentationen hin: Wo man den Begriff des Autors voreilig aufgebe, ihn nicht mehr für seine kreativen Leistungen entlohne, würden eben andere das Geschäft mit den Inhalten machen. Das aber liefe auf eine Ausbeutung der Autoren hinaus, wie man sie übrigens schon bei vielen Internet-Communitys beobachten könne. MySpace sei da nur ein Beispiel. [von Robert A.Gehring]  (ck)


Verwandte Artikel:
Wizards of OS 4 - Information Freedom Rules   
(10.07.2006, http://glm.io/46391 )
Wizards of OS 3 wird global   
(30.04.2004, http://glm.io/31063 )
Open Content Alliance will Inhalte frei zugänglich machen   
(04.10.2005, http://glm.io/40777 )
Recordable CSS - erst im DVD-Kiosk, dann beim Kunden   
(11.08.2006, http://glm.io/47115 )
HDMI-Ausgabe auf bis zu fünf Displays verteilen   
(09.08.2006, http://glm.io/47068 )

Links zum Artikel:
Wizards of OS (.org): http://www.wizards-of-os.org/

© 1997–2017 Golem.de, http://www.golem.de/