Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0608/47131.html    Veröffentlicht: 14.08.2006 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/47131

Xen - Virtualisierung reif für den Unternehmenseinsatz?

Golem.de im Gespräch mit Novell und Red Hat

Novell integriert die Virtualisierungstechnik Xen bereits in seinen Enterprise-Server. Red Hat hingegen sorgte mit der Aussage für Aufsehen, Xen sei noch nicht ausgereift. Laut Red Hat muss noch viel Arbeit investiert werden, um die Virtualisierungssoftware fit für den Unternehmenseinsatz zu machen. Doch letztlich halten beide Unternehmen gleichermaßen an Xen fest - obwohl beide die gleichen Probleme mit der Software sehen.

Das Thema Virtualisierung kristallisiert sich schon seit längerem als absolutes Hype-Thema heraus. Kein Wunder, können die derzeit doch häufig unterforderten Server nun endlich voll ausgereizt werden. Unter den vielen unterschiedlichen Ansätzen wird Virtualisierung im Open-Source-Bereich vor allem mit Xen verbunden. Die an der Universität Cambridge entwickelte Technik bildet nicht die gesamte Hardware nach, sondern bietet für I/O-Funktionen ein API an. Über diese Schnittstelle können die in so genannten Domänen untergebrachten Gastsysteme Daten austauschen.

Da die Gastsysteme direkt auf der Host-Hardware laufen, bietet Xen gegenüber anderen Lösungen vor allem einen Geschwindigkeitsvorteil. Dieser kommt allerdings derzeit nur bei der so genannten Paravirtualisierung zum Tragen, die ein angepasstes Gastsystem erfordert. Es ist nicht möglich, proprietäre Betriebssysteme auf diese Weise zu virtualisieren. Zusammen mit AMDs und Intels neuen Prozessorgenerationen wird jedoch auch die volle Virtualisierung möglich - und auch Windows kann so unter Xen laufen.

Während Novell den im Juli 2006 veröffentlichten Suse Linux Enterprise Server 10 (SLES) bereits mit Xen ausstattet, bietet Konkurrent Red Hat seinen Geschäftskunden noch keine Virtualisierungstechnik. Anfang August 2006 erregte ein Bericht bei ZDNet Australien Aufsehen, in dem Alex Pinchev, Vice President of International Operations bei Red Hat, klarstellte, dass Red Hat Xen noch nicht stabil genug für den Unternehmenseinsatz halte.

Dirk Kissinger, Red Hat
Dirk Kissinger, Red Hat
Die Aufregung hielt jedoch nicht lange an. Schon einen Tag später veröffentlichte The Register eine Presseerklärung, in der der Distributor beteuerte, man werde an Xen festhalten. "Xen ist unsere Strategie", versichert auch Dirk Kissinger, Senior Manager EMEA Marketing bei Red Hat, gegenüber Golem.de.

Die Qualität werde wie üblich in der Community-Distribution Fedora Core getestet, die Xen tatsächlich bereits seit Fedora Core 4 mitbringt. Doch erst kürzlich sorgte Xen auch hier für eine erhebliche Verzögerung der aktuellen Beta-Version Fedora Core 6 Test 2. "Xen wird seit Monaten von uns getestet", so Kissinger weiter, "noch ist es aber nicht stabil genug."

"Nicht stabil genug" bezieht sich dabei jedoch ausschließlich auf den Unternehmenseinsatz, für den man nur absolut stabile Software anbieten könne. Eine andere Lösung als Xen käme dabei jedoch nicht in Frage, die für Red Hat Enterprise Linux 5 (RHEL) geplante Virtualisierungsinfrastruktur soll Xen daher als einen wesentlichen Teil enthalten. Kissinger bekräftigte dies: "Wir stehen absolut zu Xen und die Auslieferung von RHEL 5 hängt wesentlich von Xen ab. So lange wir Xen nicht als stabil genug betrachten, wird RHEL 5 nicht erscheinen."

Es seien vor allem Funktionen wie die Live-Migration virtueller Maschinen, die Kissinger zufolge für den Unternehmenseinsatz noch nicht taugen. Doch genau auf diese Funktionen komme es beim Enterprise-Einsatz an. Dabei legt Red Hat vor allem Wert darauf, dass die in RHEL enthaltene Xen-Version identisch mit der öffentlich verfügbaren ist. "Die in RHEL enthaltene Software soll den Upstream-Versionen der Projekte entsprechen - ohne Patches", so Kissinger.

Dies ließe sich einfach begründen: "Gepatchte Produkte werden unter Umständen irgendwann proprietär." Würde es Änderungen an der Open-Source-Variante geben, könne es zu großen Unterschieden zwischen der offenen und der angepassten Version kommen, die sie inkompatibel zueinander machen. In diesem Fall könnte nur noch der Anbieter selbst - in diesem Fall also Red Hat - Unterstützung für die eigene Version anbieten und diese weiter pflegen. Nur in die eigene Version Funktionen zu implementieren, käme daher nicht in Frage.

Man arbeite jedoch intensiv mit Partnern wie AMD an der Stabilisierung von Xen. "Auch all unsere Großkunden testen Xen bereits, es ist ohne Frage ein wichtiger Schritt", sagte Kissinger. Dennoch sei Xen nicht fertig, zumal es noch bessere Management-Werkzeuge brauche, die für Unternehmen ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen würden. Dass Novell Xen bereits ausliefert, verwundert Kissinger hingegen nicht: "Es ist nichts Neues, dass die Suse-Versionen viele Patches enthalten", man selbst verfolge eine andere Herangehensweise.

Es sind also vor allem einzelne Funktionen, an denen Red Hat die Tauglichkeit von Xen zum Unternehmenseinsatz abhängig macht. Red Hat will aber in jedem Fall an Xen festhalten und arbeiten. Ob RHEL 5 noch dieses Jahr erscheint? "Ich hoffe es", antwortete Kissinger.

Von Novells Seite gab es bereits kurz nach dem ZDNet-Bericht eine Stellungnahme. CTO Jeff Jaffe verkündete in seinem Blog, man halte Xen für stabil, würde es schon heute ausliefern. Die Nutzer sollten sich nicht täuschen lassen.

Holger Dyroff, Novell
Holger Dyroff, Novell
Holger Dyroff, Vice President Product Management & Marketing bei Novell, sieht das genauso. "Stabilität lässt sich einfach messen. Wir haben Xen zusammen mit IBM auf Servern im Einsatz und noch keinen einzigen Fehler gemeldet bekommen", sagte er Golem.de. Dennoch bestätigt er Dirk Kissingers Aussage: "Unsere Xen-Version enthält zusätzliche Fehlerkorrekturen, die wir aber auch alle an das Projekt zurückgeben." Überhaupt gebe es eine starke Kooperation mit dem Xen-Projekt.

Da das Xen-Projekt alle anstehenden Tests verteilt und diese so von verschiedenen Entwicklergruppen ausgeführt würden, ließe sich die Stabilität sehr wirksam erreichen. Derzeit unterstützt Novell allerdings auch nur den eigenen Suse Linux Enterprise Server (SLES) 10 als Gastsystem. Dies liegt laut Dyroff jedoch daran, dass es derzeit keine anderen paravirtualisierten Systeme gebe. Man biete aber bereits eine Technology-Preview-Version von SLES 9 SP3 an, die bei Fertigstellung auch paravirtualisiert unterstützt werde.

Andere paravirtualisierte Systeme wolle man nach Tests ebenfalls unterstützen - sofern es denn in Zukunft weitere gebe. Die volle Virtualisierung mit Unterstützung für AMDs und Intels Prozessoren sei in SLES 10 ebenfalls aktiviert, werde jedoch nicht unterstützt. "Mit der Stabilität des Hypervisors hat dies nichts zu tun", so Dyroff. Man werde voraussichtlich Anfang 2007 Updates veröffentlichen und den Support dann auf die volle Virtualisierung ausweiten. Schon jetzt gebe es aber Kunden, die auf einer Linux-Maschine über 200 Windows-Instanzen ohne Probleme betreiben, so Dyroff weiter.

Derzeit bietet Novell die Virtualisierungstechnik allerdings hauptsächlich für den Evaluierungseinsatz an. "Wir dürfen nicht vergessen, dass es hier um den Unternehmenseinsatz geht. Bevor Xen tatsächlich produktiv eingesetzt wird, vergehen da schon einige Monate", erklärt Dyroff dies. Insgesamt bekäme man positive Rückmeldungen von den Kunden und auch die Zertifizierung für Hardwaresysteme laufe. IBM unterstützt SLES und Xen bereits, entsprechende Zertifizierungen in Zusammenarbeit mit Dell und Hewlett Packard sollen laut Dyroff voraussichtlich im Dezember 2006 verfügbar sein.

Und auch wenn Novell Xen bereits anbietet, Dyroff bestätigt Red Hats Aussage auch in weiteren Teilen: "Die Live-Migration unterstützen wir derzeit noch nicht.". Red Hats Probleme kann er teilweise ebenfalls nachvollziehen: "Xen hat in Fedora kürzlich Probleme mit dem Kernel 2.6.18 verursacht. Auch für uns war es sicher nicht einfach, Xen mit dem Linux-Kernel 2.6.16 zum Laufen zu bekommen." Trotzdem brauche Xen sich nicht vor kommerziellen Produkten, wie denen von VMware, zu verstecken. Das Open-Source-Prinzip sei ein klarer Vorteil für Xen, andererseits könne VMware mit besseren Managementprogrammen punkten. Novell selbst arbeite ebenfalls an entsprechenden Lösungen für Xen, weitere Details dazu wollte Dyroff allerdings nicht verraten. Das Prinzip sei aber klar: "Die Technik ist jetzt stabil, also bieten wir sie unseren Kunden an.".

Die Frage, in wie weit eine noch verhältnismäßig junge Open-Source-Software als stabil genug für den Einsatz in Unternehmen betrachtet werden kann, ist zumindest nicht eindeutig zu beantworten. Klar ist aber eines: An sich sagen Novell und Red Hat dasselbe über Xen - nur mit anderen Worten und aus anderen Perspektiven. Red Hat betrachtet Funktionen wie die Live-Migration als zu instabil. Also liefert der Distributor Xen noch nicht aus und wartet gar mit der Verfügbarkeit von RHEL 5 ab, bis Xen so weit ist.

Und auch Novell sieht die Live-Migration als nicht ausgereift an und unterstützt sie einfach noch nicht. Die Virtualisierungstechnik möchte der Anbieter seinen Kunden dennoch nicht vorenthalten und stellt sie ihnen daher für Evaluierungszwecke zur Verfügung. Allerdings unterstützt der Distributor auch nur die Teile der Software, von denen er wirklich überzeugt ist.

Dass beide Unternehmen Arbeit in Xen stecken und umfangreiche Tests durchführen, steht außer Frage. Dass beide Xen für noch nicht absolut reif für den Unternehmenseinsatz halten, lässt sich zwischen den Zeilen ebenfalls herauslesen. Unabhängig davon stehen aber beide Firmen zu der Virtualisierungslösung Xen und planen diese über kurz oder lang komplett zu unterstützen. Auf eine alternative Virtualisierungstechnik möchte man wohl auf beiden Seiten nicht ausweichen. In den aktuellen Diskussionen um Xen spiegeln sich daher wohl nur die unterschiedlichen Ansätze der beiden Linux-Distributoren wider.  (js)


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Links zum Artikel:
Novell: http://www.novell.de
Novell (.com): http://www.novell.com
Red Hat: http://www.redhat.de/
Red Hat (.com): http://www.redhat.com
Xen (.uk): http://www.cl.cam.ac.uk/Research/SRG/netos/xen/

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