Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0606/46127.html    Veröffentlicht: 27.06.2006 08:16    Kurz-URL: https://glm.io/46127

Private "Rasterfahndung" bei der Kreditvergabe befürchtet

Scoring-Systeme erhalten freie Bahn von der Regierung

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen befürchtet durch die geplante Änderung des Kreditwesengesetzes, dass Banken Kundendaten vermehrt sammeln und die Kreditwürdigkeit alleine durch Scoring-Systeme beurteilen könnten. Man erwartet zudem ständige Verstöße gegen den Datenschutz.

"Die schon heute stattfindende Missachtung des Datenschutzes wird damit noch leichter", warnte vzbv-Vorstand Prof. Dr. Edda Müller. Hintergrund sind so genannte Scoring-Systeme der Banken bei der Kreditvergabe. Nach Ansicht des vzbv kann die Kreditwürdigkeit nicht alleine durch Scoring-Systeme beurteilt werden. "Menschen werden beim Scoring in Schubladen gesteckt, ohne dass die Verbraucher erfahren, wie und warum sie dort gelandet sind", sagte vzbv-Vorstand Prof. Dr. Edda Müller.

In Umsetzung von Basel II plant die Bundesregierung eine Änderung des Kreditwesengesetzes, die es Kreditinstituten künftig noch einfacher machen würde, personenbezogene Daten ihrer Kunden zu erheben und zu verwenden.

"Daten- und Verbraucherschutz spielt im Regierungsentwurf bislang keine Rolle", kritisiert Edda Müller. Der Entwurf würde den Grundprinzipien des geltenden Datenschutzrechts widersprechen. Am Mittwoch, dem 28. Juni 2006, befasst sich der Finanzausschuss des Bundestages abschließend mit dem Gesetzentwurf, am Tag darauf wird die zweite und dritte Lesung stattfinden. Der vzbv forderte die Verbraucherpolitiker auf, nachzubessern.

Der vzbv fordert, dass in die Bonitätsberechnung keine unzulässigen oder diskriminierenden Faktoren einbezogen werden. Außerdem sollen Verbraucher über ihre Score-Werte und die Gründe, die zu einer schlechten Bonitätsbewertung geführt haben, informiert werden. Dies ist bislang nicht vorgesehen.

Das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD) hatte Anfang 2006 die Chancen und Risiken von Scoring-Systemen zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit von Verbrauchern mit ernüchterndem Ergebnis untersucht. Es sei fraglich, was Geschlecht, Familienstand, Alter, Kinderzahl, Wohndauer, Haushaltstyp und Kfz mit der Wahrscheinlichkeit zu tun haben, dass ein Kreditnehmer zukünftig nicht mehr tilgen kann. Beauftragt wurde das ULD dabei vom Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Scoring verstoße zudem häufig gegen das Datenschutzrecht, so das ULD in seiner Studie: Eine ausreichende Information über die Bedeutung des Scoring und seine Zusammensetzung würde nicht kommuniziert und einschlägige Rechtsgrundlagen nicht beachtet. Kreditanträge werden allein auf Grund eines negativen Scoring-Wertes automatisiert abgelehnt, ohne dass eine individuelle Prüfung erfolgt, kritisieren die Datenschützer.  (ad)


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Links zum Artikel:
Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv): http://www.vzbv.de

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