Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0605/45296.html    Veröffentlicht: 12.05.2006 17:29    Kurz-URL: https://glm.io/45296

Next10Years: Wie funktioniert Web2.0

Spam verhindern, Nutzer motivieren und damit auch noch Geld verdienen?

Wie können Nutzer dazu motiviert werden, selbst dauerhaft nützliche Inhalte zu kommerziellen Webangeboten beizutragen? Wie können die Anbieter deren Qualität sicherstellen und Spam verhindern? Und welche Geschäftsmodelle gibt es überhaupt, um mit Web2.0-Anwendungen Geld zu verdienen? Diese und ähnliche Fragen standen im Mittelpunkt der Konferenz "Next10Years", die am Donnerstag in Hamburg stattfand und von der Agentur SinnerSchrader organisiert wurde.

Viele Web2.0-Anwendungen leben davon, dass Nutzer selbst aktiv werden und Angebote mit Inhalten füllen. Ob Flickr, Plazes oder Weblogs: Wenn Nutzer nicht selbst dafür sorgen würden, dass dort interessante Texte, Bilder oder Bewertungen zu sehen sind, würden die Angebote schnell ihre Attraktivität verlieren. Der Unternehmensberater Andreas Weigend, der bei der Konferenz die Einführungsrede hielt, nannte das Konzept dementsprechend das "aal-Prinzip": andere arbeiten lassen.

Doch wie kann garantiert werden, dass erstens genug Inhalte auf diese Art zustande kommen und diese zweitens auch so vertrauenswürdig sind, dass andere Nutzer sich darauf verlassen wollen? Diese Fragen spielen nicht nur bei Weblogs eine Rolle, sondern vor allem bei Systemen, die mit Kundenbewertungen ihr Geld verdienen. "Spam ist die größte Gefahr, das ist das, was wir alle fürchten", sagte dementsprechend Stephan Uhrenbacher, Gründer der Bewertungsplattform Qype, in der Nutzer für ihren Wohnort Dienstleistungen eintragen und bewerten können, etwa Restaurants oder Handwerksbetriebe.

Denn auch Qype sei nicht davor gefeit, dass Nutzer dort Bewertungen abgeben, weil sie sich einen finanziellen Vorteil davon versprechen. Wenn aber ein System komplett nutzerbezogen sei, werde es schwieriger, solche Praktiken anzuwenden. "Der Schlüssel dazu, Spam zu vermeiden, ist, dass der Nutzer selbst wichtiger ist als die Bewertung. Um dann noch zu spammen, müssten sie sich in Qype eine komplett falsche Spam-Identität aufbauen, weil es so auf Beziehungen basiert", erläuterte Uhrenbacher. Dadurch würden die Nutzer selbst zum Korrektiv. Ältere Websites, wie etwa für Produktbewertungen, hätten diese Beziehungen der Nutzer untereinander ausgeblendet, weshalb dann beispielsweise gekaufte Bewertungen Einzug halten konnten und die Anwender ihr Vertrauen verloren. Eine wichtige Regel bei Qype sei daher auch, dass Nutzer niemals eigene Angebote bewerten dürften.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob die Nutzer, die die Beiträge liefern, nicht irgendwann fragen: "Was mache ich hier eigentlich? Ich arbeite hier kostenfrei für eine Plattform, die nur von meinen Beiträgen lebt", sagte Uhrenbacher, dass ein Bezahlmodell seiner Ansicht nach nicht funktionieren werde. "Wir haben uns auch überlegt, ob wir Beiträge durch bestimmte Anreizmodelle belohnen, aber dann hat man sofort das Problem, dass die meisten Einträge Müll sind. Alle schreiben dann nur noch die hochliquiden Beiträge." Die spannenden seien jedoch gerade dort, wo die Popularität nicht mehr so groß ist. Er selbst habe aber die Hoffnung, dass es ganz unterschiedliche Motivationen gebe, Beiträge zu liefern, etwa weil jemand gern Tipps gibt oder Aufmerksamkeit dafür bekommen möchte, dass er sich in einem Thema besonders gut auskennt. Außerdem dürfe man den gemeinschaftlichen Aspekt nicht unterschätzen, so Uhrenbacher: "Das ist alles kollektiv, man kann diskutieren, ob man etwas gut oder schlecht findet."

Matthias Schrader, Vorstand des Gastgebers SinnerSchrader, meint, neben neuen Formen von kollektiver Zusammenarbeit würden sich die Ansprüche der Kunden an die Unternehmen in Zukunft ändern: "Heute betreiben die Firmen 'Customer Relations Management' und fragen immer: Wie kann ich meine Kunden managen - dabei wollen die Kunden das Unternehmen managen." Durch Partizipation und Selbstbestimmung der Nutzer werde sich das Kräfteverhältnis zwischen Kunden und Unternehmen angleichen.

Welche Geschäftsmodelle dabei Erfolg haben werden, ist noch nicht klar. Mit Bloggen etwa sei es sehr schwer, in Deutschland Geld zu verdienen, so Johnny Haeusler, Betreiber des Spreeblick-Weblogs und des Spreeblick-Weblog-Verlags: "Spreeblick als Verlag wirft Geld ab, aber nicht so viel, dass irgend jemand dafür als Honorar arbeiten würde." Weblogs und Werbung seien ein heikles Verhältnis. Vielen Lesern sei schon schlichte Werbung zu kommerziell, sie wollen das nicht, sagte Haeusler. Bei Spreeblick kämen einige Einnahmen über den Shop, einige durch Werbung, außerdem durch Vorträge, die er halte. Damit skizziere er auch bereits ein Arbeitsbild der Zukunft, in dem man vier oder fünf Einnahmequellen habe, so dass es zusammengenommen reicht, um zu überleben. Ich will auch keine Flash-Banner in meinem Blog, die alles zudecken, ich hasse das, wenn bei Spiegel Online und Focus Online alles zugedonnert ist mit Werbung", ergänzte Haeusler, so dass diese ganze Werbung eine "Chance sein könnte für Blogs, über Abos zu funktionieren", mit denen die Kunden der Werbung entgehen könnten, wenn sie bereit sind, ein oder zwei Euro im Monat dafür zu bezahlen.

Einen anderen Ansatz, mit Web-2.0-Anwendungen Geld zu verdienen, präsentierte Thilo Horstmann, Geschäftsführer des Unternehmensteils Neue Informatik bei SinnerSchrader. Er zeigte eine Anwendung, mit der die Nutzer per Google Earth auch zur ISS-Weltraumstation "fliegen" können, weil sie jemand als Modell programmiert und zur Verfügung gestellt hat. Wer sich nun per Browser der ISS nähert, bekommt Links zu Zusatzinformationen eingeblendet, etwa zum Wikipedia-Eintrag zur Station. Dort lasse sich aber beispielsweise auch ein Link zur Mediathek der Süddeutschen Zeitung setzen. Folgt ihm der Nutzer, wird er nicht einfach zur Startseite der Mediathek weitergeleitet, sondern bekommt sofort die entsprechenden Suchergebnisse zur ISS angezeigt, die Bezahlinhalte sind und die er dann bei Bedarf dort kaufen könne. Derartige Vermarktungsformen seien gerade erst im Entstehen. [von Matthias Spielkamp]  (ji)


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Links zum Artikel:
Next10Years (.com): http://www.next10years.com
Plazes (.com): http://www.plazes.com
Qype (.com): http://www.qype.com
SinnerSchrader: http://www.SinnerSchrader.de/
Spreeblick (.com): http://www.spreeblick.com

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