Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0605/45136.html    Veröffentlicht: 05.05.2006 12:25    Kurz-URL: https://glm.io/45136

Menschen vertrauen Medien, nicht der Politik oder Blogs

Blogs haben die Medienlandschaft vollständig verändert

Die Medien genießen größeres Vertrauen als Regierungen, vor allem in Entwicklungsländern. Dabei liegen landesweite TV-Programme vor anderen Nachrichtenquellen. Weblogs belegen den letzten Platz in der Rangliste, die von der BBC, Reuters und dem Media Center in Auftrag gegeben und beim WeMedia Global Forum in London vorgestellt wurde. Die Mediennutzung in Deutschland fiel dabei im internationalen Vergleich aus dem Rahmen.

Im Durchschnitt aller Länder trauen 61 Prozent der Nutzer den Medien, 52 Prozent ihren jeweiligen Regierungen. Lediglich in zwei Ländern war das Verhältnis umgekehrt: In Großbritannien trauen 51 Prozent der Regierung, nur 47 Prozent den Medien, in den USA ist das Verhältnis sogar 67 zu 59 Prozent.

Das größte Vertrauen genießen die Medien in Nigeria (88 Prozent zu 34 Prozent für die Regierung), gefolgt von Indonesien (86 zu 71 Prozent), Indien (82 zu 66 Prozent), Ägypten (74 Prozent, keine Angaben für Regierungsvertrauen) und Russland (58 zu 54 Prozent).

Nutzer wurden auch danach gefragt, was ihre wichtigste Nachrichtenquelle ist. Deutschland ist das einzige Land, in dem mehr Befragte die Zeitung als wichtigste Quelle nannten als das Fernsehen (45 zu 30 Prozent). In den USA dagegen liegt das Fernsehen mit 51 Prozent weit vor Tageszeitungen (21 Prozent), in Russland fiel das Ergebnis noch deutlicher zu Ungunsten der Zeitung aus (9 zu 74 Prozent).

Was das Vertrauen in die verschiedenen Medienformen angeht, liegen die Angaben für die öffentlich-rechtlichen Radiosender, landesweite Fernsehprogramme und Zeitungen (landesweit und überregional) in Deutschland sehr dicht beieinander (83/81/80 Prozent). Blogs folgten abgeschlagen mit 38 Prozent, aber noch weit vor "Freunden und Familie", die nur 25 Prozent der Befragten als vertrauenswürdige Nachrichtenquelle nannten. Immerhin 81 Prozent der befragten Russen sehen das ganz anders und nannten Freunde und Familie als vertrauenswürdige Nachrichtenquellen.

Podiumsteilnehmer verschiedener Medien waren beim WeMedia Global Forum dementsprechend ratlos, wie die Ergebnisse zu bewerten seien. David Schlesinger, Global Managing Editor der Nachrichtenagentur Reuters, las daraus ab, dass eben doch "die Nachricht die Nachricht ist, nicht das Medium", angelehnt an Marshall McLuhans berühmten Satz "The medium is the message".

David Brain, Chef der PR-Agentur Edelman Europe, hielt sich zurück mit einer Bewertung, was die Vertrauenswürdigkeit von Blogs angeht, die in der Umfrage in allen Ländern das Schlusslicht belegt hatten: "Es ist noch zu früh, um überhaupt etwas über Blogs zu sagen, denn viele Menschen haben bisher noch nicht einmal das Wort gehört". Der Reuters-Journalist Schlesinger fügte an, dass es ohnehin wenig Sinn habe, von Weblogs in einem generellen Sinn zu sprechen, da es viele Millionen gebe. Er erwarte, dass es einen "Shakeout", eine radikale Verringerung gibt. Die, denen Nutzer nicht trauen, würden nicht überleben.

Die Idee eines "Vertrauens in die Medien" insgesamt wurde aus dem Publikum in Frage gestellt. Ein britischer Journalist merkte an, dass er den Daily Telegraph lese, der in England nur "Torygraph" genannt werde, wobei Tory für die konservative Partei steht. Er sei aber gar kein Konservativer, sondern in der Lage zu verstehen, dass die Redaktion des Telegraph eine bestimmte Haltung vertrete und sie entsprechend zu "dekodieren" wisse. Insofern vertraue er der Zeitung gerade nicht, wisse aber, damit umzugehen.

Nihal Arthanayake, Musikjournalist und DJ bei der BBC, schätzte die Fragestellungen der Studie kritisch ein, vor allem in Hinsicht auf die Frage nach den Nachrichtenquellen: Wenn ich wissen will, welche Beschlüsse das Parlament heute gefasst hat, gehe ich ja auch nicht in die Kneipe und starte eine Umfrage. Das heißt aber doch nicht, dass ich den Freunden, die ich dort treffe, nicht vertraue."

David Brain von Edelman ging immerhin so weit zu sagen, dass sich die Medienlandschaft für Unternehmen durch Weblogs vollständig verändert habe. Die Zeiten, in denen man "von oben herab" Unternehmenskommunikation betreiben konnte, seien vorbei. Wer nicht in den Dialog (mit Bloggern und anderen) einsteigt, hat schon verloren". Als Beispiel zur Illustration nannte er die Site I hate Dell, über die sich Gegner der Computerfirma Dell organisieren und mit ihren Beiträgen dem Image der Firma sehr schaden.

Was das Vertrauen in bestimmte Quellen angeht, so können in Deutschland vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender mit den Ergebnissen der Umfrage zufrieden sein. Immerhin 22 Prozent nannten die ARD spontan als "vertrauenswürdigste Quelle" für Nachrichten, gefolgt mit weitem Abstand vom ZDF (7 Prozent), n-tv/N24 (6 Prozent), RTL (4 Prozent), der Süddeutschen Zeitung (3 Prozent) und dem Spiegel (2 Prozent).

Allerdings ist Deutschland das einzige Land, in dem eine Mehrheit der Befragten (51 Prozent) nicht der Ansicht war, dass die Medien ausreichend über Themen berichten, die die Leser, Zuhörer und Zuschauer interessieren. Außerdem gaben 54 Prozent an, die Medien ließen nicht alle Seiten, die für eine Darstellung eine Rolle spielen, zu Wort kommen. Allerdings waren gleichzeitig 58 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Medien korrekt berichten.

Die US-Firma Globe-Scan hatte mehr als 10.000 Nutzer in zehn Ländern für die Studie befragt: in Deutschland, Großbritannien, Indien, Russland, Südkorea und den USA sowie ausschließlich in städtischen Regionen von Brasilien, Ägypten, Nigeria und Indonesien. [von Matthias Spielkamp]  (ji)


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Links zum Artikel:
WeMedia Global Forum (.org): http://www.mediacenterblog.org/events/06/wemedialondon/home

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