Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0604/44404.html    Veröffentlicht: 03.04.2006 14:53    Kurz-URL: https://glm.io/44404

Spieletest: Der Pate - Don-Alarm am PC

Solide, aber auf Dauer monotone Umsetzung des Leinwandklassikers

Der Pate gehört zu den wenigen Filmen, vor denen sich nahezu alle Cineasten ehrfürchtig verbeugen - Francis Ford Coppolas Werk von 1972 gilt als einer der besten Leinwandstreifen, die je gedreht wurden. Als Electronic Arts erstmals eine Spielumsetzung der berühmten Vorlage ankündigte, hielt sich die Begeisterung bei vielen daher zunächst auch in Grenzen. Die Frage, die viele umtrieb, lautete sofort: Ist es wirklich möglich, die Atmosphäre des Films adäquat auf den PC zu transportieren?

Der Pate (PS2, Xbox, PC)
Der Pate (PS2, Xbox, PC)
Um es vorwegzunehmen: Electronic Arts hat sich sichtlich Mühe gegeben, viele Schauplätze und Charaktere der Vorlage adäquat umzusetzen; so gibt es die berühmte Hochzeitsszene ebenso wie einen überzeugend realistisch aussehenden Luca Brasi. Auch das New York der 40er- und 50er-Jahre erstrahlt in neuem Glanz, wenn auch nicht unbedingt in überwältigenden Grafikdetails: Das spielerisch ähnliche, aber schon ein paar Jährchen alte "Mafia" sah kaum schlechter aus. Ziel des Spiels ist es natürlich, zum wichtigsten Gangster der US-Metropole aufzusteigen und dabei anderen Gangs, Polizisten und Kriminellen zuvorzukommen.

Der Pate (PC)
Der Pate (PC)
Im Spiel warten zahlreiche Missionen darauf, gelöst zu werden; alternativ dürfen aber auch auf eigene Faust die Straßen der Großstadt erforscht und zahllose Überfälle oder Schutzgelderpressungen ausgeführt werden. Parallelen zu der GTA-Serie sind da überdeutlich: Egal ob man durch Hochhausschluchten rennt, Passanten niederschießt, Autobesitzern ihr Fahrzeug entreißt oder sich mit der Polizei eine wilde Verfolgungsjagd liefert - immerzu denkt man an die Spiele aus dem Hause Rockstar Games.

Der Pate (PC)
Der Pate (PC)
Wer im Laufe der Zeit selbst zum respektierten Don aufsteigen will, muss sich dafür natürlich zunächst den nötigen Respekt erarbeiten - und da sind die simpelsten Methoden immer noch die besten. Einfach in den nächsten Shop gelaufen, den Besitzer ein bisschen eingeschüchtert - und schon kann es mit den Schutzgelderpressungen losgehen. Bei hartnäckigeren Gesellen muss mit Gewalt nachgeholfen werden, bis sie wirklich nachgeben: Per Maus wird das unkooperative Gegenüber dann mit zahlreichen verschiedenen Schlag- und Trittkombinationen bearbeitet, bis es dann letztendlich doch einwilligt; die etwas hakelige Steuerung ist dabei allerdings etwas gewöhnungsbedürftig.

Auf der Packung des Spiels prangt übrigens nicht ohne Grund ein roter USK-Sticker, der dem Titel keine Jugendfreigabe bescheinigt: Das Kampfsystem ist nämlich nicht nur sehr abwechslungsreich, sondern manchmal auch ein wenig jenseits des guten Geschmacks. Ist schließlich nicht jedermanns Sache, bei ernsteren "Problemen" von solchen Dingen wie einem Genickbruch Gebrauch zu machen.

Der Pate (PC)
Der Pate (PC)
Steht einem gerade nicht die Lust nach einem Streifzug durch Little Italy oder Brooklyn, bringt man die Geschichte durch eine der zahlreichen Hauptmissionen vorwärts, in denen dann, ganz drehbuchgerecht, zum Beispiel der Don ins Krankenhaus gefahren wird oder eine Stippvisite in Hollywood gemacht werden muss. Trotz all der Treue zum Original (neben allen wichtigen Charakteren sind auch Teile des berühmten Soundtracks integriert) ist die Atmosphäre allerdings längst nicht so gut, wie man es sich wünschen würde. Die Story-Fetzen der Filme sind nicht stringent, sondern eher ein wenig beliebig aneinander gereiht, eine voll und ganz nachvollziehbare Geschichte ergibt sich so nicht.

Der Pate (PC)
Der Pate (PC)
Zudem ärgert man sich bald über beständige Wiederholungen, sowohl in optischer als auch in spielerischer Hinsicht. So gibt es ständig dieselben Bäckereien, Hotel-Lobbys und Mafia-Verstecke zu sehen; und die Missionen laufen auch oft nach demselben Schema ab. Darüber hinaus wird es irgendwann auch recht eintönig, immer die gleiche Art von Leuten zu vertrimmen. Die Schießereien, bei denen auf eine automatische Zielerfassung zurückgegriffen werden kann, sind da schon deutlich unterhaltsamer.

Der Pate (PC)
Der Pate (PC)
Der Pate ist für den PC, die PlayStation 2 und die Xbox im Handel erhältlich, dieser Test bezieht sich auf die PC-Version. Das Spiel kostet etwa 50,- (PC) bzw. 60,- Euro (Konsolen) und ist erst für Personen ab 18 Jahren käuflich zu erwerben.

Fazit:
Das New York der 50er-Jahre wurde stimmungsvoll eingefangen, die Darstellung von berühmten Charakteren wie Luca Brasi oder der Corleone-Familie gelingt; beständige Abbildungen berühmter Filmszenen sorgen für einen hohen Wiedererkennungswert bei Kino-Fans und das Kampfsystem ist recht vielseitig. Warum "Der Pate" am PC dann trotzdem nicht so recht überzeugen kann? Ganz einfach: Dem Spiel fehlt es an Seele. EA hat vieles von der Vorlage originalgetreu nachgestellt, aber dann einfach zu einem nicht kohärenten Erzählstrang zusammengeschnitten; auf spannende Aufträge folgen immer gleiche Missionsabläufe, zudem schaden die beständigen GTA-Parallelen dem Paten mehr als sie ihm nutzen - denn GTA ist, schlicht und ergreifend, deutlich besser. Eine misslungene Filumsetzung ist "Der Pate" keinesfalls geworden; ein Spiel, das dem wichtigen Vorbild wirklich gerecht wird, allerdings auch nicht.  (tw)


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Links zum Artikel:
Electronic Arts: http://www.electronicarts.de/

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