Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0602/43287.html    Veröffentlicht: 10.02.2006 18:12    Kurz-URL: https://glm.io/43287

Japan: Deutlich mehr online verabredete Suizide

Hoffnung auf Zusammenarbeit zwischen Behörden und Providern

In Japan ist die Zahl der per Internet verabredeten Suizide laut einer Statistik der japanischen Polizei von 2004 auf 2005 deutlich angestiegen. Vor allem junge Menschen um die 20 und 30 Jahre sollen dabei nach Verabredung gemeinsam ihrem Leben ein Ende gemacht haben - was Behörden und Provider zu besonderen Maßnahmen zwingt.

Japan zählt zu den Ländern mit der höchsten Zahl an Suiziden, auch unter Berücksichtigung der Bevölkerungszahl - seit 1998 sind es über 30.000 Menschen, die sich jedes Jahr in Japan selbst umbringen. 2003 brachten sich gar über 34.000 Japaner (121 Millionen Einwohner) um. In Deutschland sollen es im gleichen Jahr 11.150 Suizide gewesen sein.

Die Zahl der in Japan über das Internet verabredeten gemeinsamen Selbsttötungen mag da - rein statistisch gesehen - in ihrer Größenordnung kaum ins Gewicht fallen, dennoch kam es dabei 2005 zu einer Verdopplung der Todesfälle. So verübten im Jahr 2005 laut japanischer Polizei 91 Menschen Selbstmord nach einer Verabredung über das Internet, während es 2004 noch 55 und 2003 mit 34 Personen noch deutlich weniger waren. Im Jahr 2003 hatten die japanischen Behörden mit der Erfassung von per Internet verabredeten Suiziden begonnen.

Die 91 per Internet verabredeten Suizide in Japan verteilen sich auf 54 Männer und 37 Frauen, die sich in 34 Selbstmord-Gemeinschaften das Leben nahmen. Die meisten davon sollen um die 20 oder 30 Jahre alt gewesen sein, waren also noch recht jung. Dies führt dazu, dass diese Suizide immer stärker ins Rampenlicht der besorgten japanischen Öffentlichkeit geraten. Experten befürchten, dass im gleichen Maße das Interesses an Selbstmord-Gemeinschaften wachsen könnte.

Selbstmordwillige finden im Internet auch Anleitungen mit den für das Ableben geeignetsten Orten in Japan. Die Behörden würden entsprechende, an Kontaktbörsen erinnernde Websites am liebsten abschalten oder Kontrolle über sie ausüben, während die Betreiber in ihren Gemeinschaften eher ein Mittel zur Anteilnahme für diejenigen sehen, die ihr Leben aufgeben wollen. Suizide sollen Medienberichten zufolge seit längerem ein viel diskutiertes Thema auf japanischen Websites sein. Von Online-Suizid-Clubs berichtete die BBC bereits im Dezember 2004.

Seit Oktober 2005 halten japanische Provider aktiv Ausschau nach Online-Gesuchen von Selbstmordgefährdeten und teilen diese den Behörden mit, die bereits erste Erfolge verbuchen konnte. In zwölf Fällen wurden bereits Selbstmordgefährdete in Schutzhaft genommen. Das ist für die Betroffenen allerdings noch kein Garant auf ein glückliches (Weiter-)Leben, abhängig von den Hintergründen und den Therapiemöglichkeiten.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) ist die Zahl der missglückten Suizidversuche schätzungsweise zehnmal höher als die der erfolgreichen Selbsttötungen - und geht teilweise mit schweren gesundheitlichen Nachfolgen für die Opfer einher. Fast immer soll es zuvor Anzeichen auf nahende Suizidversuche geben - auf zehn Suizidenten sollen acht kommen, die unmissverständlich von ihren Absichten gesprochen haben. Das DGS hat eine Liste von Hilfseinrichtungen zur Suizidprävention zusammengestellt - dabei sind auch Online-Beratungsstellen wie www.telefonseelsorge.de, www.das-beratungsnetz.de und das an junge Menschen gerichtete www.neuhland.de.  (ck)


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(03.01.2018, https://glm.io/131943 )

Links zum Artikel:
BBC - Japan's internet 'suicide clubs' (.uk): http://news.bbc.co.uk/2/hi/programmes/newsnight/4071805.stm
das-beratungsnetz.de - Psychosoziale Online-Beratung: http://www.das-beratungsnetz.de/
DGS - Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention – Hilfe in Lebenskrisen: http://www.suizidprophylaxe.de/
neuhland: http://www.neuhland.de
TelefonSeelsorge.de: http://www.telefonseelsorge.de
The Yomiuri Shimbun - Internet group suicides almost doubled in '05 (.jp): http://www.yomiuri.co.jp/dy/national/20060210TDY01005.htm

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