Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0602/43149.html    Veröffentlicht: 06.02.2006 15:17    Kurz-URL: https://glm.io/43149

Spieletest: Shadow of the Colossus - Ungewöhnlicher Trip

Inoffizieller Nachfolger zu ICO

Als Sony vor ein paar Jahren ICO veröffentlichte, passierte genau das, was meist mit innovativen Videospielkonzepten geschieht: Die Kritiker waren begeistert und überschütteten das Programm mit Lob, die Käufer hingegen ignorierten den Titel weitgehend und ließen ihn zu einem kommerziellen Flop werden. Die Entwickler entmutigte das allerdings nicht: Mit "Shadow of the Colossus" legen sie jetzt eine Art inoffiziellen Nachfolger zu ICO vor - und auch der ist eine Videospielerfahrung, die alles andere als gewöhnlich ist.

Shadow of the Colossus (PS2)
Shadow of the Colossus (PS2)
Die Hintergrundgeschichte von Shadow of the Colossus ist schnell erzählt: Ein Held trauert über den Tod seiner Angebeteten, bahrt sie in einem mysteriösen Tempel auf und ist bereit, sein Leben dafür zu geben, um sie wieder zu erwecken. Eine Möglichkeit dafür scheint es auch wirklich zu geben: 16 mächtige Kolosse müssen, einer nach dem anderen, besiegt und getötet werden - dann soll die Dame wieder die Äuglein aufschlagen. Auf dem Rücken seines Pferdes macht man sich also auf, die immens weitreichenden Areale der Fantasy-Welt zu durchstreifen, immer auf der Suche nach dem nächsten schwergewichtigen Kontrahenten.

Shadow of the Colossus (PS2)
Shadow of the Colossus (PS2)
Was sich auf den ersten Blick vielleicht wie eine etwas fantasielose Aneinanderreihung von Endgegnerkämpfen anhört, entwickelt schon nach den ersten Spielminuten einen ungewöhnlichen, fast schon morbiden Charme, was vor allem auf das ungewöhnliche Gamedesign zurückzuführen ist. Hier gibt es keinerlei Charaktere außer dem Held, seinem Pferd und den Kolossen - auch wenn man minutenlang die düsteren Landschaften, Täler und Seen durchstreift, wird man niemandem begegnen, keine Gespräche führen und auch keine Rätsel im herkömmlichen Sinne lösen. Höchstens ein paar Vögel sind ab und zu wahrzunehmen - ansonsten herrscht vollkommene Isolation.

Die wenigen Elemente, die dem Spieler an die Hand gegeben werden, bedeuten daher auch deutlich mehr, als zunächst klar ist. Das eigene Schwert etwa, mit dem man in den Kampf zieht, fungiert auch als Kompass, der auf der Suche nach dem nächsten Koloss Auskunft gibt, indem es einen Lichtstrahl aussendet, sobald man es in die Sonne hält. Und das eigene Pferd ist nicht nur ein allseits treuer Begleiter, der die langen Wege durch die gleichermaßen trostlos und faszinierend anmutende Welt verkürzt, sondern verfügt auch über einen eigenen Willen, der an manchen Stellen im Spiel durchaus hilfreich ist.

Shadow of the Colossus (PS2)
Shadow of the Colossus (PS2)
Ist ein Koloss aufgespürt, kommt es zum Gefecht - und allein die Größe der jeweiligen Kontrahenten deutet bereits darauf hin, dass es hier nicht mit ein paar Schwerthieben getan ist. Zunächst müssen die Schwachpunkte des Gegners gefunden werden, was zu Beginn noch recht einfach ist, später aber immer komplizierter wird - hier müssen dann doch einige Kopfnüsse geknackt werden; mal ist sofortiger Nahkampf angesagt, dann müssen Pfeile aus der Entfernung geschossen werden oder der feindliche Riese will erstmal gründlich verwirrt werden, bevor es weitergeht.

Shadow of the Colossus (PS2)
Shadow of the Colossus (PS2)
Als Nächstes ist dann das Erklimmen des Kolosses an der Reihe, was sich natürlich ebenfalls durchaus kompliziert gestalten kann, zumal die Energieleiste das Klettern am Fell des Feindes immer nur für eine begrenzte Zeit ermöglicht, bevor eine Ruhepause eingelegt werden muss. Hat man die jeweils empfindlichen Stellen erreicht, kann dann das Schwert benutzt werden, um den Rest zu erledigen.

Shadow of the Colossus (PS2)
Shadow of the Colossus (PS2)
Inhaltlich erschließt sich vieles nicht sofort - zum Beispiel is es nicht unbedingt sinnvoll, dass der Spieler beständig als Bösewicht agiert; warum man nämlich die ganzen Kolosse erledigen muss, die einem im Grunde gar nichts getan haben, wird nicht so wirklich klar. Auch technisch gibt Shadow of the Colossus ein zwiespältiges Bild ab: Grandiose Weitsicht auf der einen steht übles Kantenflimmern auf der anderen Seite entgegen; die immens bedrückende und faszinierende Atmosphäre wiederum kann nicht überdecken, dass die Texturen oft arg matschig und undetailliert wirken. Und trotzdem ist Shadow of the Colossus ein ungewöhnlich faszinierendes Spielerlebnis, das sich mit anderen erhältlichen Action-Titeln durch die längeren Ruhephasen des Suchens und Umherwanderns in der Fantasy-Welt kaum vergleichen lässt.

Shadow of the Colossus ist ab dem 15. Februar 2006 exklusiv für PlayStation 2 im Handel erhältllich. Das Spiel hat eine USK-Freigabe ab zwölf Jahren und kostet etwa 60,- Euro.

Fazit:
Leider kommt es wirklich nicht oft vor, dass man bei einem Videospiel das Gefühl hat, etwas wirklich Besonderes vor sich zu haben - Shadow of the Colossus ist aber definitiv eines dieser außergewöhnlichen Programme. Die Entwickler haben einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, legen immens viel Wert auf Atmosphäre und ziehen den geduldigen Spieler so mehr und mehr in ihren unheimlichen, elegischen Bann. Bleibt trotz durchaus vorhandener technischer Mankos zu hoffen, dass dieser Mut diesmal auch an der Verkaufstheke honoriert wird.  (tw)


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