Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0602/43111.html    Veröffentlicht: 02.02.2006 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/43111

Interview: .berlin - Top-Level-Domain für die Hauptstadt

Auch New York und London wollen eigene Top-Level-Domains

Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) soll demnächst entscheiden, ob Berlin eine eigene Top-Level-Domain bekommt. Die Netzeitung sprach mit Dirk Krischenowski, dem Gründer der "Dotberlin-Initiative".

Wer eine neue solche Top Level Domain (TLD) beantragen will, sieht sich zunächst einer Verwaltungsschlacht mit den Gralshütern bei der ICANN gegenüber. Dirk Krischenowski setzt sich mit seiner Dotberlin-Initiative für eine eigene Domain der deutschen Hauptstadt ein. Er erläuterte gegenüber der Netzeitung seinen Plan und den Stand der Dinge.

Netzeitung: Wie kamen sie auf die Idee, Berlin eine eigene Top-Level-Domain zu geben?

Dirk Krischenowski: Die Idee, Städte-Domain-Endungen zu schaffen, hatten wir zum ersten Mal im Jahr 2000. Als dann die New-Economy-Blase platzte, ging das aber zunächst einmal wieder unter. Als sich Katalonien im Jahr 2004 erfolgreich bei der ICANN um ".cat" bewarb, wurde der Plan dann wiederbelebt. Mitte 2005 wurde Dotberlin gegründet, bei dem mittlerweile fünf Personen beschäftigt sind. Finanziert wird es von uns privat, wir sind aber bereits bei der Akquise von Sponsoren, Kooperationspartnern und weiteren Teilhabern.

Ein wichtiger Grund für unsere Initiative ist die Namensknappheit, die im .de-Domain-Bereich herrscht. Viele regionale Firmen und Privatleute müssen notgedrungen auf einen Namen mit beispielsweise einem "-berlin-Anhang" ausweichen. Außerdem setzen die großen Suchmaschinen immer mehr auf lokale Dienste. Das passt sehr gut mit regionalen Top-Level-Domains zusammen. Zudem sind die großen Städte wie London, New York und Berlin auch Zentren der Internet-Entwicklung und die Bedeutung von Städten im Allgemeinen nimmt weltweit immer weiter zu.

Netzeitung: Finden Sie nicht, dass die Endung ".berlin" etwas abwegig und mit sechs Buchstaben etwas lang für eine Top-Level-Domain ist?

Krischenowski: Mit ".museum" und ".travel" haben wir ja noch zwei andere Domains, die auch sechs Buchstaben haben. ".info" und ".jobs" enthalten auch nicht viel weniger. Wir finden es charmant, so ein beschreibendes Wort zu benutzen und keine Abkürzung wie ".bln" oder ".ber", die keinen emotionalen Bezug zur der Stadt schafft. Grundsätzlich müssen neue Domains, die keine Länder-Domains sind, mindestens drei Buchstaben haben, denn die zweibuchstabigen wie ".de" oder ".at" sind ausschließlich für existierende und künftige Nationen reserviert.

Netzeitung: Wie wird das Genehmigungsverfahren bei der ICANN laufen?

Krischenowski: Es gibt demnächst eine weitere Runde, bei der sich neue Top-Level-Domains bewerben können. Dafür müssen die Bewerber bis Herbst 2006 nachweisen, dass es mit ihnen keine technischen Probleme geben wird und dass das Business-Modell hinter der neuen Domain-Endung funktioniert. Vor allem muss aber ein Bedarf nach der neuen TLD nachgewiesen werden. Wir sind nicht die einzigen Bewerber, die eine Städte-Domain anmelden möchten. Auch in New York und London gibt es entsprechende Initiativen, mit denen wir auch in Kontakt sind und unsere Erfahrungen mit der ICANN austauschen. Außerdem haben die Schotten die ".sco"-Endung für das ICANN-Verfahren angemeldet.

Netzeitung: Welche Aussichten hätten andere deutsche Städte? Wo ist die Grenze für solche regionalen Domains?

Krischenowski: Bei München und Köln hätten wir ein Problem mit den Umlauten. Es wird noch eine Weile dauern, bis die ICANN Umlaute in Domain-Endungen zulassen wird. Frankfurt wäre ein Grenzfall, weil es etwas zu klein ist und die Stadt jedes Jahr Millionenbeträge in das Projekt pumpen müsste, damit es sich rechnet. Bei einer Stadt oder Region unter einer Million Einwohnern dürfte es schwer werden. ".bayern" oder ".hamburg" wären also durchaus denkbar.

Netzeitung: Gibt es neuerdings eine Tendenz bei der ICANN, mehr Top-Level-Domains zuzulassen?

Krischenowski: Vor allen Diskussionen bei der ICANN steht immer noch die Grundsatzfrage: Brauchen wir überhaupt neue Top-Level-Domains? Diese Frage ist dort noch nicht endgültig beantwortet. Die Mehrheitsverhältnisse ändern sich ständig. Für uns wird wichtig sein, wie die Konstellation Mitte 2007 aussehen wird.

Netzeitung: Bei anderen neuen Domains wie ".info" und ".biz" musste man ja leider feststellen, dass die meisten Registrierungen von bereits etablierten Sites erfolgen, die dann einfach der Vollständigkeit halber auch die neuen TLDs erwerben. Web-Angebote, die nur die neuen Domains besitzen und sich darüber sinnvoll definieren, findet man nicht. Gibt es Beispiele für Websites, mit denen man der ICANN demonstrieren kann, dass zusätzliche Domains sinnvoll eingesetzt werden können?

Krischenowski: Wenn man sich die Sites mit der Endung ".museum" ansieht, erkennt man, dass sich hier eine kleine, aber sehr klar umrissene Community anzusiedeln beginnt, die weltweit ein großes Potenzial für Museen erkennen lässt. Allerdings wird diese Domain bisher sehr restriktiv vergeben und sie ist enorm teuer.

Im Fall von ".info" war das Problem, dass angesichts des weltweiten Maßstabes praktisch kein Marketingbudget vorhanden war. Außerdem ist die Zielgruppe zu unspezifisch. Praktisch jede Website hat mit Information zu tun. Bei Städte-Top-Level-Domains hat man es mit einer klar umrissenen, natürlichen Community zu tun, die einen direkten Bezug zu dem Domain-Namen hat und eine Bedeutung damit verbindet. Auch das Marketing kann lokal begrenzt werden und ist effektiver als bei einem weltweiten Roll-Out.

Netzeitung: Wer wird die ".berlin-Domains" beantragen können? Nur Berliner?

Krischenowski: Klar. Nach John F. Kennedy wären das alle freien Menschen der Welt. Doch so weit wollen wir nicht gehen. Die erste Frage, die man klären muss, ist: Was machen wir mit den anderen Berlins? Es gibt ja noch eines in Schleswig-Holstein und einige relativ große Städte in den USA, mit bis zu 20.000 Einwohnern, die diesen Namen tragen, auch einige in Südamerika. Die werden natürlich auch das Recht haben, eine ".berlin-Domain" zu beantragen. Auch große Unternehmen mit Niederlassung in Berlin wie DaimlerChrylser werden ihre ".berlin-Adresse" bekommen, auch wenn ihr Hauptsitz anderswo liegt. Und natürlich alle Menschen, die in Berlin geboren worden sind, wo auch immer sie jetzt leben, sowie wahrscheinlich alle Menschen, die geschäftlich mit der Hauptstadt zu tun haben.

Allerdings wird es schwer werden, all dies konsequent zu kontrollieren. Man sieht ja beispielsweise an der Vergabepraxis der viereinhalb Millionen ".org-Domains", die ja eigentlich nur für Nonprofit-Organisationen gedacht waren, dass diese auch für andere Websites verwendet werden, weil die ICANN-Regeln nicht überprüft werden.

Netzeitung: Werden Sie bestimmte Domain-Namen von der freien Vergabe ausnehmen?

Krischenowski: Wir wollen eine intuitive Nutzbarkeit von ".berlin". Daher wird es zunächst einmal eine Liste reservierter Domain-Namen geben. Dazu gehören zum Beispiel finanzamt.berlin, buergermeister.berlin und alles was aus dem Verwaltungsbereich von Stadt, Land und Bund stammt. Darüber hinaus gehören bestimmte Begriffe dazu, unter denen man spezifische Informationen erwartet, wie wetter.berlin, stadtplan.berlin oder hotel.berlin. Wir wollen vermeiden, dass diese Begriffe auf den freien Markt kommen, aus Spekulationszwecken gekauft und dann jahrelang nicht genutzt werden. Gleiches gilt für Berufsgruppen und Innungen. Danach können dann alle Markenrechtsinhaber ihre Domains registrieren und anschließend startet die freie Vergabe, möglicherweise mit einer Auktion von 1.000 wichtigen kommerziellen Begriffen. Die ICANN begrüßt grundsätzlich solche Auktionen. Sie vermeiden die Massenregistrierung durch Domain-Grabber.

Netzeitung: Was machen Sie, wenn Sie die Domain nicht bekommen?

Krischenowski: Eine komplette Ablehnung einer TLD-Beantragung ist sehr unwahrscheinlich, wenn man wie wir schon einmal zur ICANN eingeladen war, um sie vorzustellen. Es ist dann eher eine Frage der Zeit, wann man sie bekommt, nicht ob überhaupt. Auch wegen der vor allem in den USA einflussreichen ".nyc-Bewerbung" haben Städte-Domains allgemein sehr gute Karten

Netzeitung: Wie wurde die Präsentation ihres Projekts denn bei der ICANN aufgenommen?

Krischenowski: Es gab Applaus, was nicht oft vorkommt.

[Das Interview führten Niki Kopp und Peter Schink.]  (ji)


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Links zum Artikel:
Dotberlin: http://www.dotberlin.de/

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