Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0601/42744.html    Veröffentlicht: 16.01.2006 18:47    Kurz-URL: https://glm.io/42744

GPL v3: Der erste Entwurf

Klare Regelungen für bessere Kompatibilität und gegen Kopierschutz

Wie angekündigt hat die Free Software Foundation heute einen ersten Entwurf für eine überarbeitete GNU General Public License (GPL) vorgelegt. Die am weitesten verbreitete und damit auch wichtigste Lizenz für freie Software und Open Source soll in einige Kernpunkten den veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden, um auch in Zukunft dafür zu sorgen, dass freie Software frei bleibt.

Vorgelegt wurde explizit nur ein erster Entwurf, an dem allerdings schon seit einigen Jahren gearbeitet wird. Federführend dabei ist neben Richard Stallman, der die Lizenz einst ins Leben rief, auch Eben Moglen, Justiziar der Free Software Foundation sowie Gründer des Software Freedom Law Center und Professor für Recht und Rechtsgeschichte an der Columbia Law School in New York.

Die GPL wurde 1991 zum letzten Mal geändert, damals noch fast im Alleingang durch Richard Stallman. Seitdem wird die GPL in der Version 2 aber von einer großen Zahl von Projekten, Unternehmen und Personen genutzt, darunter die GNU-Software der FSF, Linux, MySQL und Teile von Firefox. Da sich die rechtliche Situation seit 1991 aber in vielen Ländern verändert hat, bedarf auch die GPL einer Überarbeitung.

Das Ziel der GPL v3 formulierten Stallman und Moglen schon im Vorfeld klar: Die Lizenz muss weltweit nutzbar sein und stellt den Schutz der Freiheit in den Vordergrund, kommerzielle Interessen müssen sich dem unterordnen. Änderungen an der GPL sollen in keinem Fall den freien Austausch von Wissen behindern.

Ganz grundsätzlich ist die GPL v3 in einem zentralen Punkt allgemeiner gefasst: Statt von "distribution" ist nun von "propagation" die Rede, ein Begriff, der im allgemeinen Rechtsgebrauch nicht näher bestimmt ist und in der Lizenz explizit breiter definiert wird als die "Verteilung" bzw. "Verbreitung" ("distribution") von Software.

Über die Definition dessen, was als Quelltext zu veröffentlichen ist, widmet sich die GPL v3 auch dem Thema Trusted Computing. So sieht der Lizenzentwurf vor, dass komplette und vollständige Quelltexte unter Umständen notwendige Schlüssel und Autorisierungen enthalten müssen. Diese Informationen müssen immer dann zur Verfügung gestellt werden, wenn eine Software verteilt wird. So soll sichergestellt werden, dass Nutzer die volle Kontrolle über ihr System behalten.

Neu ist zudem eine zeitliche Begrenzung, die in Sektion 2 eingefügt wurde. So gilt die GPL nun für die Zeit, in der ein Werk urheberrechtlich geschützt ist. Mit dieser Regelung will man den Urheberrechten einiger Länder besser entsprechen, denn anders als in den USA verlangt das Urheberrecht mancher Länder eine klare zeitliche Begrenzung. Läuft das Urheberrecht aus, kann die Software in jedem Fall frei genutzt werden, was die Lizenz nun nochmals explizit aufgreift.

Auch das Thema Patente spielt bei der GPL v3 eine Rolle, wenn auch kein große. Wer eine Software unter der GPL v3 anbietet, soll Nutzern zugleich einfache Nutzungsmöglichkeiten für damit verbundene Patente einräumen. Entsprechende Regelungen in dieser Richtung waren in der GPL 2 nur implizit enthalten, in der neuen Version wird dies nun explizit aufgegriffen.

Die GPL v3 geht aber noch einen Schritt weiter: Wer mit Patenten gegen die Software oder darauf aufbauende Software vorgeht, verliert die aus der GPL resultierenden Rechte und darf die Software demnach nicht mehr nutzen oder anbieten. Diese Regelung ist im Vergleich zu anderen Lizenzen sehr zurückhaltend.

DRM-Systeme werden in der Lizenz klar abgelehnt, da entsprechende Systeme der Idee freier Software widersprechen. Auch darf eine Software unter der GPL v3 dem Vorschlag zufolge nicht in die Privatsphäre der Nutzer eindringen. Zudem wird klargestellt, dass die jeweilige Software keine technische Schutzmaßnahme darstellt, ganz gleich, was die Software tut. Damit richtet man sich ganz offenbar gegen Regelungen im Urheberrecht, auch dem deutschen Urheberrecht, die es untersagen, technische Schutzmaßnahmen zu umgehen.

Gelockert werden die Bedingungen hinsichtlich der Markierung von Änderungen in Dateien von GPL-Software. Auch die Forderung der explizit kostenlosen Weitergabe des Quelltextes wurde geändert und enthält nun nicht mehr explizit die Worte "at no charge", womit man mancher Verwirrung vorbeugen will, die dieser Satz bisher auslöste. Auch eine duale Lizenzierung wird damit explizit erlaubt. In einem weiteren Punkt wird explizit erlaubt, für die Code-Weitergabe bis zum Zehnfachen der entstehenden Kosten zu verlangen, wobei der Empfänger den Code dann noch immer kostenlos weitergeben kann.

Software, die ein interaktives Nutzerinterface zur Verfügung stellt, muss nach den geplanten Regelungen auch eine einfache Möglichkeit zur Anzeige der Lizenz enthalten.

Der neuen Version der GPL kommt auch deshalb große Bedeutung zu, da viele Projekte unter der "GPL 2.x oder neuer" lizenziert sind, so dass für sie bei Erscheinen automatisch die GPL v3 gilt. In Bezug auf die Kompatibilität zu anderen Lizenzen enthält der Entwurf nun explizite Regelungen. Dabei wird unter anderem die Möglichkeit eingeräumt, stärkere Klauseln gegen Patentklagen zu nutzen. Die GPL v3 soll somit kompatibler zu anderen Lizenzen werden als es die GPL 2 heute ist.

Sah die GPL 2 bei Lizenzverletzung nur einen abrupten Entzug der Lizenzrechte vor, bietet die GPL v3 einen differenzierteren Ansatz. Statt eines automatischen Entzugs der Lizenzrechte sieht die Lizenz nun vor, dass jeder, der Rechte an der jeweiligen Software hält, dem Lizenznehmer seine Rechte entziehen kann. Dies gilt dann aber nicht automatisch für Sublizenznehmer, sofern diese ihren Verpflichtungen nachkommen.

Die GPL muss dabei erreichen, was die meisten Rechtsanwälte versuchen zu vermeiden: Sie muss urheberrechtlich geschütztes Material zur Modifikation und Weiterverbreitung in jedem Rechtssystem der Welt lizenzieren, denn die GPL soll weltweit gelten und nicht in einzelnen Versionen für verschiedene Rechtsordnungen angepasst werden. Die GPL v2 erreichte dieses Ziel, indem sie sich auf ein Minimum an Prinzipien beruft, denen alle Unterzeichner der Berner Konvention unterliegen. Und auch die GPL v3 folgt diesem Pfad.

Die Öffentlichkeit hat nun gut ein Jahr Zeit, diesen ersten Entwurf sowie im Laufe des folgenden Jahres zu diskutieren. Der Prozess, aus dem 2007 dann die neue GNU General Public License hervorgehen soll, ist dabei bewusst offen gehalten, jeder soll seine Gedanken, Kritik oder Wünsche äußern können und Gehör finden. Das letzte Wort hat indes Richard Stallman als Vater der Lizenz.  (ji)


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Links zum Artikel:
FSF - GPLv3: http://gplv3.fsf.org

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