Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0512/42263.html    Veröffentlicht: 27.12.2005 12:12    Kurz-URL: https://glm.io/42263

2005: Freie Software, freies Wissen, freie Dokumente

Das Jahr 2005 im Rückblick (Teil 1)

Viele Themen bestimmten das Jahr 2005, einige davon wollen wir in unserem vierteiligen Jahresrückblick noch einmal Revue passieren lassen. Der Blick nach hinten mit etwas Abstand lässt das Eine oder Andere deutlicher werden und bietet zugleich Stoff zum Nachdenken, nachdenken über das, was 2006 zu erwarten ist. Der erste Teil richtet seinen Blick auf die Themen freie Software, freies Wissen und freie Dokumente, aber auch Patente spielen eine Rolle.

Sun setzt voll auf Open Source
Sun-Präsident Jonathan Schwartz setzt auf Open Source
Sun-Präsident Jonathan Schwartz setzt auf Open Source
Für Sun gibt es offenbar nur eine Richtung: Open Source. Das Unternehmen kündigte wiederholt an, all seine Software als Open Source anbieten zu wollen und beließ es nicht bei bloßen Worten. So steht Solaris 10 in Form von OpenSolaris mittlerweile als Open Source zur Verfügung, das Java Enterprise System soll folgen. Sun will Solaris so zu einer kostenlosen Windows-Alternative ausbauen. Doch auch andere greifen Suns Vorlage auf und bieten eigene Distributionen auf Basis von OpenSolaris an.

Künftig will Sun auch Hardware als Open Source anbieten und kündigte bereits den neuen Multi-Core-Prozessor UltraSPARC T1 als Open Hardware an. Damit wandelt Sun auf IBMs Spuren, die schon früher im Jahr das OpenPower-Projekt starteten. Ganz allgemein scheint Sun dem Weg von IBM in Richtung "Services" zu folgen.

Weniger Open-Source-Lizenzen und freies Java
Allerdings stößt Sun mit seinem Engagement auch auf Kritik, so kreierte das Unternehmen mit der Common Development and Distribution License (CDDL) eine eigene Lizenz für seine Open-Source-Software, die inkompatibel zur GPL ist. Die Pläne für ein Open-Source-DRM-System wiederum missfallen der Electronic Frontier Foundation.

An einem anderen Punkt stellt sich Sun quer, die Kontrolle über Java will das Unternehmen nicht abgeben, IBM hingegen will das Projekt Harmony der Apache Software Foundation und somit eine freie Java-Implementierung unterstützen. Derweil machen die verschiedenen Ansätze einer freien Java-Implementierung Fortschritte und könnten auch in Harmony zum Einsatz kommen.

Einen ganz anderen Ansatz zum Thema Open Source verfolgte Google mit dem Summer of Code: Projekte konnten Vorschläge einreichen, die dann, von Google finanziert, durch Studenten umgesetzt wurden.

Debian, und es erscheint doch
Martin Michlmayr: Mit mehr System zu schnellerem Debian-Release
Martin Michlmayr: Mit mehr System zu schnellerem Debian-Release
2005 war auch das Jahr von Debian, denn nach langen Verzögerungen erschien im Juni 2005 Debian GNU/Linux 3.1 alias "Sarge". Nach anfänglichen Schwierigkeiten und weiteren Problemen mit Sicherheits-Updates konnte Debian sein Sicherheitssystem ausbauen. Dennoch steht das Projekt vor größeren Herausforderungen, auch um die Qualität zu steigern.

Zusätzliche Unterstützung erhält Debian unter anderem durch die DCC-Alliance, die Debian für den Einsatz in Unternehmen fit machen und die verschiedenen Debian-basierten Projekte zusammenhalten will. Nicht mit dabei ist Ubuntu, das aktuell in der Version 5.10 alias Breezy Badger vorliegt und den Erfolg das Debian-Abkömmlings aus Südafrika fortsetzt. Auch die Live-CD Knoppix hat sich weiter gemausert und kommt mittlerweile als DVD daher.

Novell startet OpenSUSE
OpenSUSE: Suse Linux 10
OpenSUSE: Suse Linux 10
Mit OpenSUSE hat 2005 auch Novell den Schritt zur freien Community-Distribution vollzogen und im Oktober 2005 Suse Linux 10 hervorgebracht. Die kommende Version 10.1 liegt derzeit noch als Alpha-Version vor und soll zur CeBIT 2006 erscheinen.

GPL: Änderungen stehen bevor
Das Thema "GPL", die wichtigste und am weitesten verbreitete Open-Source-Lizenz, dürfte 2006 an Fahrt gewinnen, aber schon 2005 warf die kommende Version 3 der GPL ihre Schatten voraus. Häppchenweise wurden Details publik gemacht, erst Ende November 2005 wurde der Zeitplan auf dem Weg zur GPL v3 vorgelegt. Ein erster Entwurf soll Mitte Februar 2006 erscheinen.

Richard Stallman arbeitet an der GPL v3
Richard Stallman arbeitet an der GPL v3
Noch immer tun sich Hersteller mit der GPL schwer, wie die zahlreichen Fälle von GPL-Verstößen zeigen. Auch unter den Linux-Entwicklern rumort es, ihnen sind vor allem die proprietären Treiber ein Dorn im Auge.

Kritik an der GPL gibt es auch von anderer Seite: Sun kritisiert die Lizenz, andere wollen sie verbieten lassen. Intel wiederum machte einen Rückzieher - zum Wohle von Open Source - und nahm die eigene Open-Source-Lizenz zurück, um einen Beitrag zur Senkung der Zahl an Open-Source-Lizenzen zu liefern.

Microsoft: Mit Open Source auf Tuchfühlung
Von unerwarteter Seite kamen derweil neue Open-Source-Lizenzen: Microsoft legte neue Shared-Source-Lizenzen vor, die zum Teil durchaus als Open-Source-Lizenzen durchgehen könnten, würde Microsoft diese der Open Source Initiative (OSI) vorlegen. Die Open-Source-Community hieß Microsoft schon einmal willkommen. Bereits zuvor versuchte sich Microsoft dem Open-Source-Lager zu nähern und unterbreitete OSI-Präsident Michael Tiemann ein Gesprächsangebot.

Nokia entdeckt freie Software
Nokia 770 mit Maemo
Nokia 770 mit Maemo
Auch Handy-Hersteller Nokia entdeckt zunehmend Open Source und Linux. So traten die Finnen der Eclipse-Foundation bei und stellten mit dem Nokia 770 ein Internet Tablet mit WLAN vor, das auf Linux basiert. Dazu kreierte Nokia mit Maemo eine Linux-Plattform für mobile Endgeräte, die sich zu Teilen bei GNOME bedient, das auch unabhängig davon für Embedded-Geräte fit gemacht werden soll. Aus dem KDE-Lager kommt unterdessen Nokias Open-Source-Browser fürs Handy, der auf Apples Webkit aufsetzt, das wiederum die HTML-Rendering-Engine des KDE-Projektes KHTML nutzt.

FSF will freies BIOS
Die Free Software Foundation (FSF) nimmt unterdessen die letzte Bastion nicht freier Software ins Visier, das BIOS.



KDE: Mit Usability zum Desktop der Zukunft
KDE 3.5
KDE 3.5
Das KDE-Projekt hat mit KDE 3.5 wohl das letzte Major-Release der Serie 3.x veröffentlicht, derzeit arbeitet man an KDE 4.0, das im nächsten Jahr erscheinen soll. Dabei haben die KDE-Entwickler Großes vor: Mehr Schönheit und Magie soll KDE 4.0 bieten. Dazu soll auch "Appeal" beitragen, im Rahmen dieses Projekts arbeitet das KDE-Team an der Zukunft des Desktops, mit dabei auch ein neues Icon-Set namens Oxygen.

Aber auch an grundlegend neuen Konzepten für den Desktop arbeitet KDE, zusammengefasst im Projekt Plasma, das sich anschickt, den Desktop neu zu erfinden. Vor allem dem Thema Usability räumt man dabei großes Gewicht ein, was dank OpenUsability auch anderen Projekten zugute kommt. Ein weiterer Beitrag kommt von Novell, die den Better Desktop ausgerufen haben.

Neues im Desktop-Bereich kam zudem von X.Org, die parallel zur Version 6.9 mit X.Org 7 eine modulare Version des X Window Systems veröffentlichten, das erste Major-Release seit rund zehn Jahren. Beide Versionen basieren auf der gleichen Code-Basis. Vor allem die Modularisierung dürfte 2006 die Entwicklung weiter beschleunigen.

Xen, die hohe Kunst der Virtualisierung
Im Server-Bereich heißt das wichtigste Schlagwort 2005 wohl "Virtualisierung". Anfang Dezember 2005 erschien Xen 3.0 und mit OpenVZ schickt SWsoft eine weitere Virtualisierungstechnik für Linux ins Rennen. Zudem schreiten die Arbeiten an Samba 4 voran, das von Grund auf neu geschrieben wird. Die Linux Standard Base wurde derweil zum ISO-Standard.

Freiheit für Office-Dokumente
OpenOffice.org 2.0
OpenOffice.org 2.0
Auf dem Weg zum ISO-Standard sind auch zwei konkurrierende Dateiformate: Das von der OASIS entwickelte OpenDocument-Format liegt der ISO bereits vor und erfreut sich zunehmender Unterstützung, nicht nur in KOffice und OpenOffice.org, das im Oktober in der Version 2.0 erschien.

Freie Datenbanken auf dem Vormarsch
Viel Bewegung gab es in dem nun zu Ende gehenden Jahr im Bereich Datenbanken: PostgreSQL erschien in der Version 8.1 und hält Einzug in Suns Java Enterprise System, MySQL gab sein gleichnamiges Datenbank-Management-System in der lang erwarteten Version 5.0 frei, während Oracle den wichtigen MySQL-Partner InnoBase schluckte.

Derweil wartet die Berkeley DB mit neuen Replikationsfunktionen auf, während Computer Associates, mittlerweile CA, seine 2004 als Open Source veröffentlichte Datenbank Ingres verkaufte und Sun IBMs Java-Datenbank Cloudscape, die mittlerweile von der Apache Software Foundation unter dem Namen Derby weiterentwickelt wird, als Java DB aufgreift.

Erfolg heißt "Wikipedia"
Britta Best: Wikipedia ist superschnell
Britta Best: Wikipedia ist superschnell
Die Wikipedia hatte 2005 einige Hürden zu meistern, von Stromausfällen im Rechenzentrum über angeblich zu viele Rechtschreibfehler, Kritik von Platzhirschen, dem Fall Seigenthaler und seinen Folgen bis hin zu Anfeindungen der grundsätzlichen Idee von offenen Gemeinschaftsprojekten. Unter dem Strich scheint all das aber nur ein Beleg und Folge des großen Erfolgs der freien Enzyklopädie zu sein, die sich nicht zuletzt auch im Grimme Online Award und der Taschenbuchreihe Wiki Press widerspiegelt. Zudem greifen Suchmaschinen wie Yahoo oder Web.de die Inhalte gezielt auf und dem Projekt unter die Arme. Auch mit KDE wurde unter dem Stichwort Knowledge eine Kooperation verabredet.

Mit der Wikimania startete eine internationale Konferenz zu Inhalten, Technologie, Soziologie und dem Potenzial von Wikis im Allgemeinen und Wikipedia im Speziellen. Das Schwesterprojekt der Wikipedia, die Wikimedia Commons, freute sich derweil über mehr als 100.000 freie Bilder, Töne und Filme und auch Microsoft gestand die Vorzüge des Wiki-Prinzips ein und versucht nun selbst, Nutzer in seine Encarta einzubinden.

Die Frage, warum freie Software sinnvoll ist und warum auch auf proprietäre Formate oder Protokolle verzichtet werden sollte, beantwortet seit Mai 2005 die Website Deshalbfrei.org.

Von Patenten und Bananenrepubliken
Auch das umstrittene Thema "Software-Patente" und deren Einführung in Europa sorgte für viel Wirbel, vor allem in der ersten Jahreshälfte. Letztendlich lehnte das Europäische Parlament die Pläne ab, vom Tisch ist die Frage des Schutzes "computerimplementierter Erfindungen" aber nicht, nur verschoben. Die Diskussion dabei war letztendlich eher eine Diskussion um die europäische Demokratie, das eigentliche Thema trat mitunter in den Hintergrund. Manch einer rief auch die Bananenrepublik Europa aus.

Auch abseits dieser Diskussion sorgten Patente 2005 für viel Gesprächsstoff, Microsoft stritt und streitet beispielsweise mit Eolas und kündigte bereits an, den Internet Explorer wegen Eolas zu verändern, während das W3C das gesamte World Wide Web durch das Eolas-Patent bedroht sieht. Ein Programierer aus Guatemala erstritt derweil 8,96 Millionen US-Dollar von den Redmondern.

Aber auch Microsoft selbst macht mit einigen interessanten Patenten auf sich aufmerksam: angefangen bei einem Patent auf die Übertragung und Darstellung von Emoticons über ein Patent auf Notfalldaten bis hin zur Kodierung von Koordinaten in URLs.

Google will sich seinerseits News-Bewertung schützen und erhielt ein Patent auf Suchworthervorhebung. Andere erheben Patentansprüche auf Werbung in RSS-Feeds oder Playlisten in Mediaplayern.

Blackberry-Hersteller RIM schlägt sich weiterhin mit NTP herum, InterVideo bemüht sich, ein Patent auf seine InstantOn-Technik gegen Notebook-Hersteller einschließlich Dell durchzusetzen, Teles zieht gegen VoIP-Hersteller ins Feld, Scientigo erhebt Patentansprüche auf XML und selbst die Euro-Banknoten sollen gegen ein Kopierschutz-Patent verstoßen.

Ihren Streit beigelegt haben Infineon und Rambus, Infineon zahlt dabei Millionen an Rambus.

Kurios auch der Fall Apple: Der iPod-Hersteller scheiterte mit einem Patentantrag für seine iPod-Bedienoberfläche. Apple war zu langsam, Konkurrent Creative hingegen schneller und erwägt nun, Lizenzzahlungen von Apple zu fordern.

Andawari wollte ein Patent zum Guten einsetzen und brachte dies gegen Anbieter von Handy-Payment wie Midray in Stellung, die aber weisen die Vorwürfe zurück. Das Thema Handy-Payment hat sich derweil selbst entschärft.

Immer wieder ins Gespräch bringt sich Forgent, die mit ihrem umstrittenen JPEG-Patent gegen zahlreiche Firmen klagen, zwischendurch aber den Abschluss von Lizenzverträgen verkünden, wie beispielsweise mit Yahoo oder Axis, ohne sich zu Details zu äußern. Ein Ende könnte dem Vorgehen das US-Patent- und Markenamt setzen, diesem liegt ein entsprechender Löschungsantrag der Public Patent Foundation vor. Forgent zeigt sich davon unbeeindruckt und kündigt unterdessen an, auch mit der Durchsetzung weiterer Patente Geld verdienen zu wollen, z.B. bei Herstellern digitaler Videorekorder.

Um Open Source bzw. Linux vor Angriffen wegen Patentverletzungen zu schützen, bringen einige Unternehmen einige ihrer Patente in Stellung. So soll das 'Open Invention Network' Linux mit Patenten fördern und die "Open Source Development Labs" arbeiten an einer Referenz-Bibliothek für Open-Source-Patente. Rund 500 Patente gab IBM bereits zum Jahresbeginn 2005 für Open-Source-Entwickler frei, später folgten Patente für den Bereich Gesundheit und Bildung sowie Start-ups. Andere Unternehmen folgten im Hinblick auf Open Source, darunter Nokia und Sun. Die Bedingungen, unter denen die Patente genutzt werden können, unterscheiden sich allerdings voneinander und der Nutzen dieser Initiativen wird von einigen bezweifelt.  (ji)


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