Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0512/41962.html    Veröffentlicht: 01.12.2005 15:16    Kurz-URL: https://glm.io/41962

Interview: Kultur-Flatrate und DRM kein Gegensatz

Golem.de im Gespräch mit Leonardo Chiariglione, Gründer des MPEG-Standards

Befürworter alternativer Vergütungssysteme wie etwa der Kultur-Flatrate und von Systemen für "Digital Rights Management" (DRM) müssen enger zusammenarbeiten, statt sich zu bekämpfen. Das forderte Leonardo Chiariglione, der "Vater" der MPEG-Standards, auf einer internationalen Konferenz zu digitalen Gütern in Florenz.

Leonardo Chiariglione, Gründer der Moving Picture Experts Group und Ideengeber so wichtiger Standards wie MP3, forderte in seiner Eröffnungsrede zur Axmedis-Konferenz, Modelle zu entwickeln, um cross-mediale Inhalte, die über verschiedene Vertriebskanäle verteilt werden sollen, automatisiert zu produzieren.

In seiner Rede hatte der vom Time-Magazine zu einem der 50 wichtigsten Technologie-Gestalter gekürte Chiariglione verschiedene Szenarien vorgestellt, wie in Zukunft mit dem digitalen Dilemma umgegangen werden könne. Dieses Dilemma entstehe, weil digitale Güter verlustfrei und nahezu kostenfrei reproduziert und zu sehr geringen Kosten verteilt werden können, gleichzeitig aber die Schöpfer dieser Güter bezahlt werden müssen. Er sieht verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen: Die beiden ersten Szenarien sind für Chiariglione indiskutabel. Aber auch eine Vielfalt von DRM-Systemen ist nicht im Sinne des Italieners. Viele Beispiele zeigten, dass eine solche Vielfalt nicht funktionieren könne: In Europa gebe es weiterhin viel zu wenig Abonnenten für Bezahlfernsehen, um es wirtschaftlich betreiben zu können. Apple könne den iTunes-Music-Store nur anbieten, weil die Firma ihr Geld mit dem Verkauf von iPods verdiene. Und der Musikservice für Mobiltelefone des japanischen Anbieters KDDI habe bisher lediglich vier Songs pro Gerät verkauft.

Wenn freie gegen DRM-geschützte Inhalte antreten, werde oft ein Gegensatz zwischen Gut und Böse aufgebaut. Viele Vertreter beider Seiten seien der Ansicht, dass beides nicht zusammen gehe. Am Ende werde sich das System durchsetzen, mit dem sich mehr Gewinn erzielen lasse.

Zum Thema Kultur-Flatrate sagte Chiariglione, dass häufig übersehen werde, dass sie nur mit DRM-Systemen funktionieren können, die sehr weit in die Privatsphäre der Nutzer eindringen würden.

Aus all diesen Gründen sei es an der Zeit, eine Lösung zu entwerfen, mit der die Möglichkeiten der Technologie ausgeschöpft und gleichzeitig die Vorlieben der Kunden berücksichtigt werden können, wenn es darum geht, digitale Medien zu nutzen. Außerdem müsse ein solches System in der Lage sein, einen Überfluss an Daten zu verwalten und Anreize zu schaffen, Werke zu produzieren und selbst produzierte Inhalte anzubieten.

Diese Ziele könnten erreicht werden, indem "echte" Standards verwendet werden, nicht "de-facto-Standards", die weder offen noch transparent sind, aber von großen Firmen durchgesetzt werden können. Mit offenen Standards könnten Kosten gering gehalten und eine Wertschöpfungskette für Inhalte aufgebaut, verwaltet und weiter entwickelt werden.

Golem.de hatte Gelegenheit, Chiariglione am Rande der Konferenz zu seinen Ansichten zu einer Kultur-Flatrate zu befragen.

Golem.de: Herr Chiariglione, was halten Sie von der Idee, eine Kultur-Flatrate einzuführen, um Kreative für ihre Arbeit zu entlohnen, ohne DRM einsetzen zu müssen?

Leonardo Chiariglione: Das ist eine wunderbare Idee, aber man sollte aufhören, Kultur-Flatrate und DRM-Systeme als Gegensätze zu sehen. Wenn DRM-Systeme gut gemacht sind, können sie diese alternativen Vergütungssysteme unterstützen. Aber sagen sie das mal der Electronic Frontier Foundation! Die Fans einer Kultur-Flatrate und von DRM-Systemen sollten endlich aufhören, ihre Fahnen zu schwenken, die zeigen, welchem Lager sie angehören und sich überlegen, wie sie zusammenarbeiten können.

Golem.de: Sie sagen, dass eine Kultur-Flatrate nicht ohne DRM-Systeme verwirklicht werden kann, die in die Privatsphäre der Nutzer eindringen. Wie kommen Sie zu dieser Ansicht?

Chiariglione: Weil man sichere, geprüfte Geräte braucht, um zu messen, welche Inhalte genutzt werden. Im Konzept von Terry Fisher etwa soll ganz genau gemessen werden, welche Inhalte genutzt werden. Das geht nur mit sicheren, geprüften Geräten, also DRM. Nur, wenn ich mich auf die Daten verlassen kann, wenn sichergestellt ist, dass sie nicht manipuliert werden können, werden wir aussagekräftige Zahlen bekommen.

Golem.de: Es wäre auch ein Stichprobensystem denkbar, wie es eingesetzt wird, um die Einschaltquoten bei Fernsehsendungen zu messen.

Chiariglione: Aber doch nicht, wenn es um all meine Mediennutzung geht! Wir sprechen hier von allen Filmen, Texten und Musikstücken, die ich konsumiere - da will ich mich nicht darauf verlassen, dass irgendeine Auswahl von 1.500 Nutzern meine Gewohnheiten widerspiegelt und die entsprechenden Künstler ihren fairen Anteil bekommen.

Golem.de: Ist es denn nicht denkbar, dass man diese Nutzung auf eine anonyme Art und Weise misst, ohne dass überwacht wird, was ich nutze, wie es bei aktuellen DRM-Systemen oft der Fall ist?

Chiariglione: Genau aus diesem Grund mag ich eigentlich den Ausdruck digitales Rechte-Management nicht. Es geht um das Management und den Schutz geistigen Eigentums. Beides kann auf sehr unterschiedliche Arten erreicht werden - wenn man das überhaupt will. Nicht nur so, wie derzeit proprietäre DRM-Systeme funktionieren. Die sind meist inkompatibel und nicht erweiterbar - aber wer seinen Finger drauf hat, kann digitale Güter kontrollieren. Aber all diese Systeme setzen auf bestimmte grundlegende Technologien auf. Die müssen wir weiterentwickeln. Doch was eine Kultur-Flatrate angeht: Ich halte sie nur für möglich, wenn wir sichere, geprüfte Systeme einsetzen, um die Nutzung auszuwerten. Und die überwachen die Kunden. Von Matthias Spielkamp  (ip)


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Links zum Artikel:
Axmedis-Konferenz (.org): http://www.axmedis.org/axmedis2005/
FairSharing: http://www.fairsharing.de/
Leonardo Chiariglione (.org): http://www.chiariglione.org/

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