Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0511/41522.html    Veröffentlicht: 09.11.2005 12:17    Kurz-URL: https://glm.io/41522

China: Kommunistisches Online-Spiel soll Werte vermitteln

Mitbürgern helfen und die Stadt sauber halten, statt Monster vermöbeln

Glaubt man einem Bericht der LA Times, so plant die chinesische Regierung mit einem eigenen Online-Spiel, traditionelle Werte in Kindern und Jugendlichen zu stärken. Statt Monster zu jagen, gilt es etwa, alte Frauen zu retten, unzählige Socken zu stopfen und Mitbürger vom Beschmutzen der Stadt abzuhalten.

Das "Chinese Hero Registry" getaufte Spiel soll im Geiste der jungen Spieler rund 100 Vorbilder aus der Geschichte Chinas lebendig machen und etwaigen negativen Einflüssen von kampfzentrierten Videospielen entgegenwirken. Entwickelt wird das Spiel mit finanzieller Unterstützung der Regierung vom größten chinesischen Online-Spieleentwickler, Shanda. Chinese Hero Registry soll günstiger sein als die Konkurrenz und bald fertig werden, ein Startdatum wurde aber noch nicht genannt.

Um Spieler vor zu langem Online-Spiele-Konsum zu schützen, hatte die chinesische Regierung bereits ein Gesetz erlassen, das eine Art Spielzeitbegrenzung vorsieht und seit 20. Oktober 2005 in die Testphase bei den großen chinesischen Online-Spiele-Betreibern gegangen ist. Ob es der Regierung auch gelingen wird, mit einem belehrenden Spiel die Jugend auf den kommunistischen Pfad der Tugend zu bringen, bleibt eher zu bezweifeln.

Besonders aufregend klingt der Spielinhalt nicht, was der LA Times zufolge auch einige junge Chinesen bestätigten, die an Testphasen teilnahmen. Schon nach wenigen Minuten verloren die meisten die Lust daran, virtuelle Passanten davon abzubringen, Rasenflächen zu betreten, die Straße zu verschmutzen oder zu fluchen. Eine Online-Umfrage soll das Desinteresse ebenfalls recht deutlich gezeigt haben.

Ein chinesischer Gelehrter will die Probleme anders angehen, er plant eine Sammelklage gegen die Spieleentwickler, um diese auf ihre gesellschaftliche Verantwortung hinzuweisen und in die Pflicht zu nehmen. Zhang Chunliang gab gegenüber der LA Times an, dass ihm bereits über 700 Vorfälle vorlägen, in die Spiele involviert waren - als Beispiel führt er extreme Fälle an, in denen Kinder ihre Eltern angegriffen haben, weil diese sie vom Spielen abhalten wollten. "Jeder dieser Fälle ist eine persönliche Tragödie", so Zhang. Er will, dass die Online-Spiele-Unternehmen anfangen, die Verantwortung für die Geschehnisse zu übernehmen.

In China sollen derzeit rund 100 Millionen Menschen das Internet nutzen und davon 20 Millionen Nutzer online spielen. Etwaige Konflikte könnten dort auch ganz andere Ursachen haben, als schlicht das Spielen von Online-Rollenspielen. Immerhin ist China ein Land, in dem man als Internetnutzer bei allzu freimütiger öffentlicher Kritik an der Regierung durchaus im Gefängnis verschwinden kann und in dem der Lebensstandard nur erst bei einem Bruchteil der Bevölkerung westliche Maßstäbe erreicht.  (ck)


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Links zum Artikel:
LA Times - Will China's Youth Play Virtuous Virtual Game? (.com): http://www.latimes.com/technology/consumer/gamers/la-fg-games4nov04,1,2832194.story?coll=la-business-games&ctrack=1&cset=true
Shanda Entertainment (.cn): http://www.shanda.com.cn
Shanda Entertainment (.com): http://www.snda.com/en/index.jsp

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