Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0509/40686.html    Veröffentlicht: 28.09.2005 16:28    Kurz-URL: https://glm.io/40686

Spieletest: Fahrenheit - Kino-Thriller zum Selberspielen

Ungewöhnliches, cineastisches Action-Adventure von Atari

Schon einer ganzen Reihe von Spielen ist es gelungen, eine Brücke zum Medium Film zu schlagen - man denke etwa an die "Metal Gear Solid"- oder die "Silent Hill"-Reihe. Noch nie aber war ein Spiel so dicht dran wie "Fahrenheit" - dieses ungewöhnliche Adventure zieht einen von Beginn an derart in seinen Bann, dass die Grenzen zwischen Spiel und Film stellenweise komplett verwischen.

Fahrenheit (PC/PS2/Xbox)
Fahrenheit (PC/PS2/Xbox)
Die Entwickler von Fahrenheit verstehen das Programm auch selber eher als einen interaktiven Film denn als ein Adventure im herkömmlichen Sinne - das merkt man bereits am Menü, in dem nicht der Unterpunkt "Neues Spiel", sondern "Neuer Film" ausgewählt werden muss. Oder im Tutorial: Hier gibt einem der "Regisseur" von Fahrenheit hilfreiche Tipps zur Steuerung und gewährt einen Blick hinter die Kulissen.

Screenshot #5
Screenshot #5
Aber nicht nur die Inszenierung, auch die Geschichte stimmt: Das Ganze beginnt in einer verschneiten Januar-Nacht in einem Restaurant in New York, genauer gesagt auf der Toilette dieses Restaurants. Dort spielt sich ein Mord ab, und wie es scheint, war es der junge Lucas Kane, der diesen Mord begangen hat - zumindest sind seine Arme blutüberströmt und das Messer in seiner Hand spricht ebenfalls gegen ihn. Kaum ist er wieder halbwegs zu sich gekommen, geht es also darum, die Mordwaffe zu verstecken, die Leiche in einer Toilettenkabine zu verbergen und das Restaurant möglichst unauffällig zu verlassen. Bereits an dieser Stelle bieten sich, wie auch später sehr oft, zahlreiche unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten, die durchaus Einfluss auf den späteren Spielverlauf nehmen.

Richtig ungewöhnlich wird es allerdings, nachdem Lucas es geschafft hat, das Restaurant zu verlassen und vor Ankunft der Polizei zu flüchten. Denn jetzt wechselt - wie sehr häufig im weiteren Spielverlauf - die Perspektive, und der Spieler schlüpft in die Rolle der Polizisten Tyler Miles und Carla Valentini, die den Mordfall aufklären wollen. Die Spuren, die man selbst eben erst vertuscht hat, muss man nun auch selbst wieder ausfindig machen.

Screenshot #6
Screenshot #6
Fahrenheit wechselt im Laufe des Geschehens häufig die Schauplätze und die spielbaren Personen. Neben dem angesprochenen Lucas Kane sowie den beiden Polizisten ist auch Marcus Kane, der Bruder des vermeintlichen Täters, spielbar. In vielen Zwischensequenzen erfährt man immer mehr von den einzelnen Biografien und dringt tiefer in die mysteriöse Mordgeschichte ein - unheimliche Visionen und Parallelen zu einer älteren Mordsache bringen bald erstes Licht ins Dunkel, die Geschichte bleibt aber bis zum etwas gehetzt wirkenden Ende immer spannend.

Screenshot #3
Screenshot #3
Das eigentliche Gameplay von Fahrenheit entspricht ebenfalls nicht dem, was man gemeinhin von Action-Adventures kennt. Zwar werden auch hier Gegenstände eingesammelt, Gespräche geführt und (eher selten) auch mal ein kniffliges Rätsel gelöst, die Umstände dabei und die Bedienung entsprechen allerdings keinem bisher auf dem Markt erhältlichen Programm. So gibt es etwa Action-Sequenzen - in denen dann geflüchtet oder ausgewichen werden muss - , bei denen der Spieler rhythmisch und so schnell wie möglich Tasten malträtieren muss. Multiple-Choice-Gespräche sind ebenfalls alles andere als langatmig - sobald die Antwortmöglichkeiten eingeblendet werden, läuft auch eine Uhrleiste ab; wer sich nicht schnell genug entscheidet, bricht das Gespräch ungewollt ab. Auch sonst besteht kaum die Möglichkeit, das Pad bzw. die Tastatur mal längere Zeit loszulassen. Immer wieder werden schnelle Reaktionen oder Antworten verlangt, so dass beim Spielen eine beständige, recht angenehme Anspannung herrscht.

Screenshot #11
Screenshot #11
Was die Spannung zusätzlich antreibt, ist der häufig eingesetzte Splitscreen: Immer wieder kommt es vor, dass bestimmte Aktionen, etwa das Verstecken von Beweismitteln, das Finden eines Schlüssels, das Verlassen eines Appartments, unter Zeitdruck geschehen müssen; und während man etwa in der linken Screen-Hälfte versucht zu flüchten, kann man in der rechten Screen-Hälfte mit ansehen, wo sich die Polizei gerade befindet und wie dicht sie einem schon auf den Fersen ist. Teilweise passiert so viel, dass man gar nicht alles mitbekommt - eben weil Sequenzen ablaufen, gleichzeitig aber auf den Spielverlauf geachtet werden muss, so dass eine Konzentration auf alles gleichzeitig gar nicht richtig möglich ist.

Wirklich schwer ist Fahrenheit übrigens trotzdem nicht: Zwar kommt es durchaus vor, dass man sich selbst in eine Sackgasse manövriert, an Zeitlimits scheitert oder aber die persönliche Verfassung - etwa die von Lucas, wenn er beständig in der Zeitung von seinen Mordtaten liest oder die Polizei nicht loswird - auf einen so tiefen Punkt sinkt, dass er am Ende schließlich Selbstmord begeht. Dazu kommt es aber nur in Ausnahmefällen; wer nicht völlig kopflos durch die Level rauscht, wird kaum ein Kapitel nochmals neu beginnen müssen. Generell ist der Titel sehr einsteigerfreundlich, eben weil das eigentliche Spielgeschehen allein mit ein wenig Reaktion und dem richtigen Knopf bewältigt werden kann.

Screenshot #14
Screenshot #14
Auch wenn das bisher Gesagte den Anschein vermitteln mag: Fahrenheit ist alles andere als perfekt. So großartig die Inszenierung, so spannend die Atmosphäre und so visionär die Art des Geschichten-Erzählens hier auch ist, so viele technische Mankos gibt es leider auch. Da sind zum Beispiel die Kameraperspektiven, die das Geschehen zwar filmreif einfangen, oft aber einfach unpraktisch gewählt sind: Man weiß nicht, wo man hinmuss - oder, noch schlimmer, durch einen Kamerawechsel ändert sich die Perspektive und plötzlich wird in die falsche Richtung gerannt. In anderen Momenten verlässt einen die Orientierung, weil nicht wirklich klar ist, was als Nächstes getan werden muss. Und es gibt logische Ungereimtheiten: Beim Untersuchen des Tatortes ist es zum Beispiel nicht möglich, die Tatwaffe zu finden, so lange man Carla steuert - erst, wenn per Tastendruck zu Tyler gewechselt wird, kann mit dem ein Blick in den Mülleimer geworfen werden - das wirkt doch stark aufgesetzt.

Screenshot #17
Screenshot #17
Das Spiel enthält mehrere Sprachversionen auf einer Disc; und auch wenn die englische Original-Synchronisation sicherlich die beste ist, kann über die deutsche Fassung nicht geklagt werden - professionell und passend wurden fast alle Charaktere vertont. Auch die Musik - komponiert von Angelo Badalamenti - ist grandios, einzig die Grafik setzt keine neuen Standards, sondern wirkt stellenweise etwas farblos und blockig.

Screenshot #19
Screenshot #19
Fahrenheit ist für die Xbox, die PlayStation 2 und den PC im Handel erhältlich. Leider war Atari bisher nicht in der Lage, uns eine Testversion für den PC und die Xbox zur Verfügung zu stellen - der Test bezieht sich also komplett auf die PS2-Fassung. Die anderen beiden Umsetzungen sollen aber inhaltlich und wohl auch optisch mehr oder weniger identisch sein.

Fazit:
Sicher, Fahrenheit hat einige inhaltliche und technische Macken, die einen im Spielverlauf immer wieder nerven - eben deshalb lässt sich vortrefflich darüber streiten, wie gut dieses Spiel wirklich ist. Trotzdem ist der Titel ein Pflichtkauf - weil selten zuvor ein Spiel derart fesselnd seine Geschichte erzählt hat. Wenn einem komplexes Gameplay wichtiger ist als Atmosphäre und Spannung, wird Fahrenheit kaum punkten können, alle anderen sollten den Mordfall aber unbedingt lösen: Dieser Titel könnte trotz aller Kinderkrankheiten als Paradebeispiel für eine neue Art der Adventures dienen.  (tw)


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Links zum Artikel:
Atari: http://www.atari.de

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